Freitag, 2. Januar 2009

Der Schmerz

Ganz leise kam er angeschlichen, letztes Jahr im Oktober, so ein kleines Ziehen im Rücken.
"Na, wieder mal Zeit für aussertürliche Bewegung", rumöhrte es in meinem Kopf. Also machte ich es. Ich ging des abends raus, nach der Arbeit, erst japsend eine halbe Stunde, später eine routinierte Stunde in den immer kälter und finsterer werdenden Strassen der bigotten Dresdener Südvorstadt. Und weil es immer noch so zog und blockierte im Rückengebälk, begann ich auch Armbewegungen zu machen, scheu in dunklen Schattenstellen und auf abgeschiedenen Hotelparkplätzen. Die Arme hoch, zur Seite, Skifahren und Rudern (alles trocken). Indes, es nützte nichts. Der schmerz kam täglich und täglich nachmittags. Die Muskeln verkrampften und das taten sie um so liebevoller, desto mehr ich mich versuchte, zu bewegen. Vom arzt bekam ich dann Tabletten, die mir nicht bekamen und damit fing der ganze Schlamassel erst richtig an. So um 14 Uhr kamen die ersten Vorbeben, die bis 15 Uhr anhielten. Dann sagte mir der Rücken schon: Egal was jetzt ist, du gehst von der Arbeit nach hause, wenn deine Kollegen dich nicht ächzend auf dem Boden herumrollen sehen sollen."
Gegen 4 war ich dann meist zu Hause und gegen 5 kam das tägliche (ja, ich sagte das schon) Grauen. Die ganze Rückenmuskulatur verkrampfte. Die nächsten 2-3 Stunden verbrachte ich japsend auf dem Fussboden oder im Bett. Unvorstellbar, wie Muskeln allein schon weh tun können. Ein stählerner Griff ins Kreuz. Dann less das nach und ich lief trotzig und etwas benommen durch die Stadt. Der Schmerz verändert dich langsam. Du kannst die Menschen nicht mehr verstehen, die sich freuen, die sich betrinken, die rauchen (ich lief immer am Klub Neue Mensa vorbei). Wie durch einen Nebel siehst du sie. Der Schmerz beherrscht alles. Er kommt in Schüben, während du läufst, denn dein Rücken ist auch kälteempfindlich. Der Körper bleibt kalt, kann sich nicht mehr richtig erwärmen, denn die Muskeln sind ja alle im Dauerspasmus oder so. Am anfang ist man noch rebellisch, sagt sich, man wird sich nicht klein kriegen lassen, aber der Schmerz kriegt einen klein. Jeden tag nur ein Stückchen, aber das reicht. Du hast keinen Hunger und keinen Durst mehr. Weil du fühlst nichts mehr anderes. Du weisst auch nicht mehr, wann du auf Toilette gehen sollst, denn die Körpersignale werden überstrahlt vom Brennen in Rücken und Brust.

Ich bekam schliesslich den Tipp: Aushängen und Chirotherapeut. Das Aushängen förderte 3 Wirbel zu Tage, die knackten. Das klang so wie Hühnchenknochen, die man roh herausreisst.
Danach wurde der Schmerz aber nicht gerade besser und ich wandelte, bereits fertig wie ein Soldat der napoleonischen Armee auf dem Rückmarsch aus Russland, Mitte November zu einem Heilpraktiker.
Zuvor hatte ich noch tapfer meine Wohnung geputzt und die Angelica aus Mexico samt Hündin Yue am Flughafen in Empfang genommen.

Also der Heilpraktiker: Eine Marke der Typ, früher Tontechniker bei der NVA, ein Hühne mit Dauerwelle und Oliba. Und Schriftsteller mit Eigenverlag. Na jedenfalls packte er mich, während er mir von den Freimaurern und Alchemie erzählte und brach mich einfach mittendurch, mich jammernde kleine Weisswurst. Es krachte in allen Wirbeln des Brustkorbes und des Halses.
das ganze 5 mal. Nach jeder Sitzung wurde es besonders schlimm.
Ich hatte mir für Angelica 2 wochen Urlaub genommen, von denen ich aber nicht sehr viel mitbekam. Meine Kollegen fragten mich, nachdem ich aus dem Urlaub kam, nur: "Was, du hattest Urlaub, wo denn, in der Hölle oder in der Antarktis?" Wahrscheinlich sah ich nicht mehr wirklich gut aus :D
Aber die Wirbelblockade war gelöst. Was blieb war ein sehr gereizer Nerv in der Brustwirbelsäule, der loderte wie ein lustiges Kaminfeuer. Einzudämmen nur mit den unbekömmlichen Tabletten (Diclac Dispers). Die machten einen dünnflüssigen, schleimigen chemisch riechenden .... und nette Bauchschmerzen und Verstopfung. Also wechselweise Durchfall und Verstopfung. Zusammen mit den anderen Schmerztabletten, die ausser Bedröhnung nix brachten fühlte man sich schon etwas ausserirdisch, wie ein ranziges tollwütiges Tier mit dem Teufel auf dem Buckel. Aber nach der letzten Sitzung liess es dann langsam auch nach und ich kam auch endlich zur Ruhe, denn ich musste zur Hüft-OP. Endlich Krankenhaus.
So war es dann im Dezember, völlig leer und abgehalftert, aber einigermassen schmerzfrei lag ich im Krankenhausbett. Dazu dann später oder nicht. Jedenfalls, liebe Freunde, egal was ihr macht, egal was für Sorgen ihr habt, es ist alles halb so schlimm, wenn ihr nur keine Schmerzen habt.
Und habt vielleicht mal ein Auge auf die kleinen gekrümmten grauen Gestalten, die mit Krücke und Stock die Strassen entlangschleichen, den Mund nur einen Strich, die Augen müde.

Keine Kommentare: