Mittwoch, 4. März 2026

Worte

Bunt sortiert in Muschelgängen,
wo sie purzeln, schieben, drängen,
Schalltierfreunde, klein und niedlich,
harmlos und doch selten friedlich.
Die sich an den Händen fassen
und einander wieder lassen.
Hämmern eifrig an den Dingen,
dass die Schnecken hell erklingen. 

Unweit, im Tel’graphenstübchen,
hockt ein recht betagtes Bübchen. 
Handlich, was herüberweht,
packt er in ein Sinnpaket.
Herr Denk, Frau Fühl und Old Erfahrung, 
brauchen diese Nervennahrung. 
Schliesslich wollen diese Fritzen
sie für die Erkenntnis nützen. 
Doch Erfahrung weiss auch schon,
Erkenntnis ist nicht nur aus Ton. 

Das Wort, nur ein Geräuschbehältnis,
kann nicht sehen, wie die Welt ist.
Ohne Griff und helles Licht
reichts selbst für die Erkenntnis nicht.
Und der Geschmack, oh Graus und Schmach,
geht immer nur der Nase nach. 

Küchenfenster

Gelbe Blüten über Grün,
Steh'n auf meiner Fensterbank.
Und ich hör den Vöglein zu
Bei ihrem fröhlichen Gesang.

Rosa Wolken ziehen langsam
Durch das morgendliche Blau.
Was ich dachte, was ich wollte,
Weiß ich nicht mehr so genau. 



Die Geoden (Geologische Satire)

Die Geoden sind dem Fachmann auch als Drusen bekannt. Es sind kleine harte Burschen mit einer Menge Kristalle im Bauch, was sie für den Menschen interessant macht und weswegen er sie gerne aufschlitzt, um die Innereien makaber in Schaufenstern und Vitrinen zu drapieren. Das Äussere hingegen ist unscheinbar ockern bis dünklich, wie bei den Vögeln ja auch die Gefiederfarben variieren.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Wuchshöhe. Hier kennt man die Zwergendrusen, die Normdrusen und die Minorität der Riesendrusen. Diese sind so gewaltig, dass einige Exemplare (sogenannte Jonasdrusen) gar von innen begehbar sein sollen. Ein drittes Merkmal sind die Innereien: Kalk, Braunspat, Quarz, Amethyst oder Zeolith. Die besonderen Amethystdrusen sind Schalenbewohner, gehüllt in nichts weniger als edlem Achat.

Will man die Drusen aufspüren, muss fachmännisches Wissen dem Hirnträger bleuig sein. Denn die Druse lebt unter Tage und nicht jeder, der einfach mit einem Spaten etwa blindlings ins Feld sticht, ist dem Feldspat mirnichtsunddirauchnichts fündig. Denn den Gängen des Erzes muss man kundig sein, wo sich die Drusen drängen und deren Nahrung das Erz ist. Und hier rät es sich, einen graubärtigen Gangführer zu bemühen, der mit Erfahrung die Erzrute zu zucken weis oder etwa ein abgerichtetes Drusenpferd, welches den Boden beschnüffelt, als treuen Begleiter zu küren.

Der junge Drusenjünger wandele, so unbesattelt, zuerst ein mal nach Drusethal, das einstige Mekka der Drusen. Dort kamen sie, in religiöser Verzückung, zu tausenden leichtsinnig an die Erdoberfläche (der Fachmann nennt das Hervorbrechen) und fielen dem energischen Steineklopfer leicht in die Hand. Viel zu spät geriet dieses Gebiet nun in Naturschutz, bevor der illegalen Drusenmafia das Handwerk gelegt werden konnte, wurden zu viele Exemplare für schnöden Mammon dem Boden entrissen, so dass die Drusen scheu wurden und das Gebiet bald mieden. Heute informieren eine Gedächtnisstätte und ein internationales Bildungszentrum über die damaligen Greueltaten und allgemeine Drusenkunde. Der Drusenjünger übe sich also in Geduld und Nachsicht. Entnimmt er dem natürlichen Lebensraum der Drusen zu viele solche, ist zum Beispiel ihre Vermehrung stark gefährdet, wie man dem folgenden Abschnitt entnehmen kann.

Die Fortbewegung der Drusen im Erdreich so wie im Felsgestein ist mühselig. Jeder Zentimeter dauert Jahre, das einfache Vor-die-Tür-gehen-und-Rauchen Jahrhunderte. Dabei hat die gemeine Druse selbst keine sichtbaren Fortbewegungsorgane, sondern segelt geschickt im tektonischen Aufwind. Deshalb ist auch die Populationentwicklung eine Sache von Zeitaltern. Doch der Drusenjäger muss noch keine tausend Jahre auf den nächsten Fang warten, denn glücklicherweise gab es dereinst eine feurige Zeit, als der Unterweltgott Pluto unseren Wandelstern enthusiastisch walkte und planschte und Fontänen schmiss und in die Badelava flatulierte. Aus diesen Blubberblasen, so erzählen sich die Drusen gerne bei Hundert-Jahres-Teegesellschaften, sind die ersten Drusen entstanden, um sich ihrer göttlichen Herkunft zu versichern. Aber naturlement ist das Kokolorus. Die Drusen pflanzen sich wie alle Lebewesen fort. Bei der Befruchtung wird ein kleiner Impfkristall in den Leib der Druse vom männlichen Exemplar in Sinnenfreude eingeschleust. Der wächst da im Kristallwasser der Mutter. Lange (genaue Zeitangaben leider nicht erhältlich). Irgendwann ist das Kind der Mutter gleich gross und es entsteht der Keimdrusen-Komplex, der sich teilt. Damit endet die Fortpflanzung und neues Liebesspiel kann beginnen.

Nicht alles ist nun falsch an den Sagen der Drusen. In den prähistorischen Zeiten der Heissweicherde war das Leben der Drusen viel zackiger, ja ein Fest. Sie konnten sich flugs herumflutschen und ihr Lebensrythmus war fast menschenähnlich. Aus dieser Zeit stammt noch fast sämtlich die heutige Gesamtpopulation, denn Drusen sind, so sie nicht zersägt werden, unsterblich. Das ist ein Geheimnis, welches es ihnen zu entreissen gilt, kommende Forschergenerationen werden dies unmissverständlich zeigen. Vielleicht findet auch der Mensch ein zufrieden Leben im Gestein: Die neue Langsamkeit? Deswegen noch ein letzter Appell: Schneiden sie keine gefundene Druse auf. Vergraben sie sie nach Klassifizierung und Beringung wieder in freier Wildbahn. 

Das Loch (Satire)

Es war einmal ein Loch, in das fielen die Wörter hinein. Von dorthin
flossen sie alle an einen unbekannten Ort. Der gebeutelte arme
Schriftsteller Lotro hatte dieses Loch direkt in seinem Kopf und nichts,
rein gar nichts fiel ihm mehr ein. Verzweifelt versuchte er, Stöpselworte
in das Loch zu stopfen, solche Worte wie Schwammwunderginster oder
Langzeitzentralerfassungsraumklang aber ach, auch die Stöpsel fielen
in das viel zu grosse Loch. Wohin führte es? Lotro wurde neugierig. Er
dachte sich selbst in ein -bootartiges- Adjektiv und schon ging es
abwärts im Strudel. Abenteuerlich trieb er im dunklen Malstrom
genialischer Einfälle und Konstruktionen und er warf ein Fischernetz
aus, um wenigstens einige von ihnen zu retten. Mit der Beute im
Ausmass einer kleinen Novelle sank er erschöpft zu Boden. Doch noch
war das Ende seiner Reise nicht erreicht. Wo würde der Strom zu Tage
treten? Ja, es war ein helles Glimmen, das ihn wieder zu Sinnen
kommen liess und Lotro machte sich bereit. Aufrecht strebte er am
Mast empor, das Gesicht ehern, die Schultern gespannt. Plopp! Plopp,
plopp... Lotro hatte mit Schwierigkeiten gerechnet. Weit ausholend
schleuderte er den Anker und sah bass erstaunt das schier
Unglaubliche. Ein gigantisches Häckselwerk teilte den Strom in tausend
kleine Teile und dieser floss nun in Federn, Stempel und Walzen. Und
dort hindurch sah Lotro, wer ihm die Worte aus dem Kopf saugte. Alle
die Leute, die beim Schreiben gar nicht dachten. Da es keine
ungedachten Worte gab, war da dieses gewaltige Vakuum, das den
Denkern wie ihm zu schaffen machte. Euch werd ichs lehren, schüttelte
Lotro die Faust! Und so fischte er erneut an gefährlichen Schlünden
und schrieb einen hermetisch-enigmatischen Roman. Dieser bestand
aus einem einzigen Wort, welches über viele Seiten hinweg
aufsehenerregend und hitparadenverdächtig vorsichhinondulierte, ja
mäanderte, sinnheischend und doch frei von Sinn war. Die Kritiker, ja die
Künstlichen Intelligenzen und alle Nichtdenker schrien vor Schmerz, den die versuchte
Verdauung ihnen bereitete. Dennoch wurde es ein Erfolg und nicht
wenige Denker nahmen sich nun ein Beispiel. Der Häcksler zerbrach,
das Loch verstopfte und fortan konnte Lotro wieder in Frieden schreiben.