Montag, 31. August 2026

Bis(s) zum Liebhaben (Satire)

 
Frau von Welfensteyn stand hinter den schweren
roten Samtvorhängen und seufzte: "Waf für ein wunderföner fahler Mond
heute, mein Liebling! Laff unf doch ein wenig herumflattern!" Sie blickte
über die Veranda auf den Park mit seinen schwarz gegen den Himmel
ausgeschnittenen Krüppelbäumchen und ihr violettes Haar mit den
weißen Strähnchen kam im flackernden Kerzenlicht ausgezeichnet zur
Geltung. Herr von Welfensteyn säuselte vom Sekretär: "Du,
Honigmäulchen, ich habe wieder über unferen Ruf in der Welt
nachgedacht... Wie die Menffen unf haffen."
Frau von Welfensteyn ging zu ihrem nachdenklichen Gatten und
legte ihm ihre schmale Hand auf deine knochigen Schultern. "Daf ift
doch nun nichtf Neuef, Darling. Früher waren es Miftgabeln und heute
ift ef fflechte Propaganda. Wie bifft du nur fo empfindlich geworden?"
"Propaganda, Mäufelchen? Ja, richtig, Wörter. Du bift genial!"
"Aber wiefo denn?" Ihre beringten Finger hielten inne beim Kämmen
durch seine aschblonde Mähne und die Haut über ihren hohen
Wangenknochen spannte sich. Welchen Floh mochte sie jetzt wieder in
seinen verstaubten Hirnkasten gesetzt haben? Sie konnte den Floh
förmlich schon springen hören. Tock. Tack.
"Waf meinft du, könnten wir nicht einen diefer mediokren
Ffreiberlinge dafür bepfahlen, ein paar Beftfeller über unfere Gattung
pfu Papier pfu bringen? Ich ftelle mir da etwaf ffön Romantiffes vor, ef
muff viel umf Küffen gehen." Er gestikulierte. "Umf Herpf! Um daf
Ffickfahl! Umf Liebhaben! Um Feelenferwandffaft!"
Frau von Welfensteyn war erleichtert und gerührt: "Pfauberhaft,
mein Mäufelpfähnchen! Fo etwaf ffönef habe ich ja ffon feit
Jahrpfehnten nicht mehr von dir gehört! Felftverftändlich kenne ich da
eine geeignete Perfon. Fo ein rührfeligef unerfülltef Frauenpfimmer."
"Dann laff unf gleich vorftellig werden." Herr von Welfensteyn
sprang auf und verpuffte augenblicklich in eine kleine Fledermaus.
"Halt, halt. Paff doch auf. Daf Glaf" hielt seine Gattin ihn zurück und
öffnete die Fenstertür. Von draußen schloss sie diese, entließ das
kleine zappelnde Tier in die Nachtluft und folgte ihm, nur einen
Flügelschlag später.

Hinter roten Samtes Falten
seufzt die Frau von Welfensteyn:
"Leg die Bücher weg, die alten,
laff doch daf Ftudieren fein!

Wie in guten alten Pfeiten,
unterm Mondlicht herrlich bleich,
laff unf durch die Lüfte gleiten,
über Gräber, Wald und Teich!”

Ihre Haare schimmern lila-
weiß im sanften Kerzenlicht.
Und im Sessel regt sich wieder 
ihr Vermählter und er spricht:

"Liebef kleinef Honigmäulchen,
lange hab ich nachgedacht,
wie die Menffen uns doch haffen
ganpf befonderf in der Nacht."

Ihrem nachdenklichen Gatten
legt sie ihre schmale Hand
auf die Schultern, diese hatten
viele Knochen im Gewand.

"Daf ift doch nichtf Neuef, Darling.
Früher warn fie rabiat,
hatten Fackeln, Fpiefe, Harken
und daf Krupfifikf parat.

Heute ist es Hepfgepfreib.“
„Wörter!“, ruft er. „Wunderbar!
Oh, welch Geniuf ift mein Weib
und ihr Denken pfarf und klar!“

Langsam streicht sie seine Stränen,
mit den Fingern, reich beringt
und sie hofft, dass aus dem schönen
Schopf ein Geistesfloh entspringt.

„Zahlen wir ein Schreiberlein,

das uns Bestseller erschafft!

Schöne Küsse müssen sein,

Seelenbande, Liebeskraft!“


Sie ist rührend nun gerührt:

„Zauberhaft, mein Mäusezahn!

Ich kenne eine, die uns führt,

ein verharmtes Frauenzimmer.“


Herr springt auf und wird ganz klein,

pufft als Fledermaus empor.

„Pass aufs Glas auf!“, ruft sie fein,

öffnet rasch das Fenstertor.


Entlässt ihn in die kühle Nacht,

wo er zappelnd weiterfliegt.

Ein Flügelschlag – und vollgebracht,

folgt sie ihm, wo Schatten wiegt.


Scheißkerl, hast sie sitzen lassen (für Uwe)

Scheißkerl, hast sie sitzen lassen,
als sie mit mir schwanger war.
hast dich nicht mal blicken lassen,
als sie dann ihr Kind gebar.

Hast gedacht, du bist so stark,
wenn du schnell die Biege machst.
Doch du warst ein blinder Narr,
feige und bequem und schwach.

Meine leere Kinderseele
ward gefüllt mit Einsamkeit.
Tausend Schrecken stand ich aus,
denn du warst unendlich weit.

Deine Freiheit war mein Kerker,
"Keinen Dank", Sag ich dafür.
Steine brech' ich, werde stärker,
Einen davon schenk ich dir.

Ja, mein Lieber, fühl den Stein,
ist er nicht allein schon schwer?
Mag er gern dein Grabstein sein,
brauche ihn und Dich nicht mehr.

Schau, ich bin dein Ebenbild
trotzdem sind wir zwei verschieden.
Angst und Trauer sind mein Schild
und du bist ein Arsch geblieben.

Gerne wär ich eine Kräh',
die in deine Waffel scheißt,
oder auch in deinen Tee,
nur damit du das noch weißt.





Samstag, 11. Juli 2026

Eine Geschichte über Geschichten (Versform)

Es lebte ein Geschichtelein
in einem hohem Turm allein
und wie sie sprach, vor Langeweil,
da wuchsen Kinder, Zeil um Zeil.

Die Kinder waren blass und dünn,
und ähnlich sich, so wie Kopien,
sie waren Heimat, Beistand auch
und ihr vor allem sehr vertraut.

Doch eines Tages fiel ihr auf,
denn die Geschichte kam darauf,
sie schaute auf ihr Kinderheer,
wie eines glich dem andern sehr,
und wie das Leben eng und fad,
so dass sie Gott um Hilfe bat.

Und so kam eine Geisterfee,
mit Schwanenflügeln, weiß wie Schnee,
und gab ihr einen Zauberspruch
und schrieb ihn ihr ins Gästebuch:
"Was mein Geschwätz noch gestern war,
erscheint mir heute sonderbar."

Und kaum gesagt, da hing ein Strick
vom Fenster, ach und welches Glück,
hing ganz herunter bis zum Grund
so dass sie munter und gesund
vom hohen Turm gestiegen bald 
und machten dort kurz Rast und Halt.

Sie kamen dann zu einem Ort,
und viele Märchen waren dort,
und Fabeln und Novellen gar
und eine Kurzgeschichtenschar.

Die saßen zum Gespräch im Rund
und ihre Kinder waren bunt,
den dünnsten Kindern aber, ach,
geschah ein großes Ungemach.

Es ward gebastelt und probiert,
und Schwaches wurde neu sortiert.
und viele Kinder wurden fit
und halfen selber tüchtig mit.

Doch als man ihre Kinder brach,
da sah die Mutter Rot und sprach:
"So stoppet euren Mummenschanz
und lasset meine Kinder ganz,
die anders sind und von euch fremd,
ihr Rüpel, dass ihr euch nicht schämt!"

Und baute Käfigwörter drum,
um ihre Kinder ringsherum,
doch störte das die andern sehr,
sie witterten Gefahr und mehr
und ließen diese Kinder frei
und sperrten ihre Mutter ein.

Gar mächtig war nun ihr Verlies
und einsam war es ohnedies
und alle glaubten fest daran
das niemand draus entkommen kann.

Und da verstand den Zauberspruch,
ja, jener aus dem Gästebuch,
das unsrige Geschichtelein
und daraufhin fiel es ihr ein,
wie stark der Wortgebilde Kraft,
die sie geäußert und gedacht
in ihrem Kopf, der weiter sann,
ob eine Weltgeschichte dann,
die über alle sie erzählt,
es gab und wer die Szenen wählt
und was, wenn alles Zufall wär,
und jedes Schicksal eine Mär?

Nun kamen manche, sie zu hörn
und sie erzählte ihnen gern,
den ihrigen Gedankengang
und deshalb war die Zeit nicht lang
bis die Vernunft im Land gewann
und man zu jenem Schlusse kam:
Es wird verboten fürderhin,
Gefängniszäune hochzuziehn!

Den Gram um ihre Kinderlein
verstand man nun und lud sie ein
zum Ort wo die Gedanken blühn
in Einzelteilen, ohne Sinn,
bis dann und wann mal jemand kam
und etwas davon mit sich nahm.

Es war das Leben, nicht der Tod,
ein Ort des Werdens, der Geburt
und die Geschichte nun genas
weil sie die anderen auch las
und strickte und erzählte fein,
das fröhliche Geschichtelein.


Eine Geschichte über Geschichten

Es war einmal eine Geschichte die lebte ganz allein. Da begann sie sich selbst Geschichten zu erzählen und die waren ihre Kinder und ihre Heimstatt und sie schützten sie, weil sie an sie glaubte. Doch eines Tages bemerkte die Geschichte, dass ihre Kinder sich alle sehr ähnlich waren und ihre Heimstatt war ein hoher, enger Turm, aus dem ein Entkommen unmöglich schien. Und auch den Kindern dürstete nach einem Entkommen und Gesellschaft. Da erschien ihr in bitterster Not eine Geisterfee, die ihr folgenden Zauberspruch gab:

"Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern."

Kaum gesprochen, erschien eine Strickleiter am engen Fensterchen des hohen Turmes und die Geschichte und ihre Kinder konnten hinabsteigen. Nun dauerte es nicht lange, bis sie an einen Ort kamen, wo andere Geschichten sich trafen um sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Das war der bislang einsamen Geschichte neu und sie schickte ihre Kinder zu den anderen zum spielen. Nun war es  aber so, dass die Geschichtenkinder ob ihrer Isolation sehr schwächlich waren und dünn. 

Da geschah es, dass die anderen Geschichtenkinder kamen und sie veränderten, so dass sie farbenfroher und robuster wurden und auch die Kinder zusammen neue Kinder erfanden. Auch die Eltern mischten sich ein und demontierten einige der schwächlichsten Geschichten in Teile. Da wurde die bislang einsame Geschichte traurig, da sie nur dies angeblich Schlechte sah und nicht die Vorteile und begann ihre Kinder zu beschützen, indem sie Gitter darum baute die hießen „Meine Kinder sind eben anders, sie können nicht mit den anderen spielen und dürfen nicht demontiert werden."
Das begann die anderen Geschichten aufzuregen, denn nun mussten sie immer um die Käfige herumlaufen und das war beschwerlich und da rissen sie die Käfige ab und bauten daraus eine Geschichte, die nur die einsame Geschichte wieder ganz allein einschloss, während ihre Kinder draußen blieben. 

Da die Gefängnisgeschichte sehr überzeugend war, glaubten sie alle einschließlich der Eingeschlossenen. Und nun verstand erst die eingesperrte Geschichte den Zauberspruch und sie sah, dass Geschichten sogar Macht über ihre Erfinder haben und sie zerstören können. Des weiteren leuchtete ihr ein, dass es möglicherweise auch eine Geschichte war, die über sie alle erzählt wurde und in der sie alle lebten. Und war es dann nicht möglich dass, auch diese große Geschichte irgendwann einmal demontiert wurde und all die Abgrenzungen hatten keinen Sinn? Nun war es nicht ausgeblieben, dass einige mitleidige Geschichteneltern sie in ihrem Gefängnis besuchten (sie wurden von den anderen auch als Verräter beschimpft), um mit ihr zu diskutieren und denen erzählte sie eines Tages von ihrer Erkenntnis.

Das kam nach draußen und da wurde das Gefängnis abgebaut und Zäune wurden allgemein verboten. Und sie erkannten auch ihre Gram über die demontierten Kinder und führten sie zum Ort der Zerbaunis.
Da sah sie, dass die Einzelteile nicht tot waren, sondern ein eigenes, kleines Leben weiterführten. Und von Zeit zu Zeit kam auch Eltern oder Kinder vorbei und borgten sich was für etwas Größeres. Es war ein Ort des Lebens, nicht des Todes. Und danach begann die einsame Geschichte erst, die anderen Geschichten zu lesen und mit ihnen neue Geschichtenkinder zu erfinden. Doch auch Geschichten sind
vergesslich, denn sie sind dem Diktat der umgeblätterten Seite unterworfen. Und wenn keiner zurückblättert, wird wohl dieselbe Geschichte, von der die einsame Geschichte nur vermutet hatte, dass es sie gibt, noch einmal erzählt werden.