Mittwoch, 23. September 2026

Die Handlung, die Wandlung (Versform)

Neulich dachte ich im Ernste
wie der Unterschied wohl sei,
ob man etwas früh gelernt hat,
oder später, nebenbei.
Spät erlernt ist die Moral ja
beispielsweise voller Fett-
näpfchen und mit einem Mal
wird der Saal zum Rutschparkett.

Vom „So tut man`s“ führn die Pfade
zum „Darum wird’s so gemacht“.
"Ist das alles", frag ich grade,
wirklich rigoros durchdacht?"
Warum tut ein Fehler wehe,
warum will ich ihn verdrängen?
Hübsch ist, was ich vor mir sehe:
Monster aus Gedankengängen.

Egoismus, Neid und Gier, die
glänzen vorn, sind hinten schwarz,
besser man entlässt sie hier,
jetzt und auf die harte Art.
Doch die Leere hinterm Schein, die
muss man ja auch wieder füllen,
"Horch, was kommt von draußen rein",
sing ich, ach um Himmels willen!

"Ist es Mut, sich selbst zu sehen?"
frag ich und: "Warum denn ich?
Kann man lahm noch weitergehen,
werd' ich heil, verletz ich mich?
Wo ist Wahrheit, wer nimmt mir,
oder baut mein neues Ich?
Steht am Ende gar ein Wir,
oder andre?", frag ich mich.

"Oder bin ich alle hier?",
halt, ich darf nicht alle sein.
Einer spricht in mir dafür, ja
und ein andrer zetert: "Nein!"
Hier im Kampf bin ich das Feld,
Passiv, nein, ich halt die Rechte.
Bald bin ich mit aller Welt,
eng verbunden, im Geflechte.

Denn es wachsen die Synapsen
aus dem Ohr mir wie Tentakel
"Nachtigall, ich hör dir trapsen."
bald versteh ich das Orakel,
werd ich fühlen, was wir sind,
und woran es uns gebricht,
wie ein gut erzog’nes Kind
seh' ich uns im klaren Licht.

Montag, 14. September 2026

Bis(s) zum Liebhaben (Versform)

Hinter roten Samtes Falten
seufzt die Gräfin Welfensteyn:
"Leg die Bücher weg, die alten,
laff doch daf Ftudieren fein!

Wie in guten alten Pfeiten,
unterm Mondlicht, herrlich bleich,
laff unf durch die Lüfte gleiten,
über Gräber, Wald und Teich!”

Ihre Haare schimmern lila-
weiß im sanften Kerzenlicht.
Und im Sessel regt sich wieder 
ihr Vermählter und er spricht:

"Liebef kleinef Honigmäulchen,
lange hab ich nachgedacht,
wie die Menffen uns doch haffen,
ganpf befonderf in der Nacht."

Ihrem grübelvollen Gatten
legt sie ihre schmale Hand
auf die Schultern, diese traten
scharf hervor im Nachtgewand.

"Daf ift doch nichtf Neuef, Darling.
Früher warn fie rabiat.
Hatten Fackeln, Fpiefe, Harken
und daf Krupfifikf parat.

Heute ist es Hepfgepfreib.“
„Wörter!“, ruft er. „Wunderbar!
Oh, welch Geniuf ift mein Weib
und ihr Denken pfarf und klar!“

Langsam streicht sie seine Strähnen
glatt, mit Fingern, reich beringt
und sie hofft, dass aus dem schönen
Schopf ein Geistesfloh entspringt.

"Meinft du, ob wir nicht fo einen
rührfehligen Pfreiber finden?
Und mit ein paar grünen Pfeinen
wird er Pfeilen für unf pfinden!

Viel umff Küffen muff ef gehen
um daf Pfickfahl, um daf Herpf!
Feelenbande will ich fehen,
Liebefkummer, Liebeffmerpf!"

Ach, die Dame ist erleichtert 
„Mäufepfähnchen, pfauberhaft!
Heute haft du mich begeiftert
und ich hab pfon nachgedacht.

Ein paar gute Kandidaten
habe ich im Repertoire,
segeln wir durch nächt'ge Pfatten,
vite, verf lef poètef noirf!"

"Auf!" spricht Herr von Welfensteyn,
und verpufft nun augenblicklich
in ein Fledermäuselein,
"Paff doch auf, wie unvorfichtig."

hält die Gattin ihn zurück,
öffnet rasch die Tür aus Glas,
und folgt ihm ein kleines Stück 
später, voller Takt und Maß.


Ohne Vampirdialekt:

Hinter roten Samtes Falten
seufzt die Gräfin Welfensteyn:
"Leg die Bücher weg, die alten,
lass doch das Studieren sein!

Wie in guten alten Zeiten,
unterm Mondlicht, herrlich bleich,
lass uns durch die Lüfte gleiten,
über Gräber, Wald und Teich!”

Ihre Haare schimmern lila-
weiß im sanften Kerzenlicht.
Und im Sessel regt sich wieder 
ihr Vermählter und er spricht:

"Liebes kleines Honigmäulchen,
lange hab ich nachgedacht,
wie die Menschen uns doch hassen,
ganz besonders in der Nacht."

Ihrem grübelvollen Gatten
legt sie ihre schmale Hand
auf die Schultern, diese traten
scharf hervor im Nachtgewand.

"Das ist doch nichts Neues, Darling.
Früher warn sie rabiat.
Hatten Fackeln, Spieße, Harken
und das Kruzifix parat.

Heute ist es Hetzgeschreib.“
„Wörter!“, ruft er. „Wunderbar!
Oh, welch Genius ist mein Weib
und ihr Denken scharf und klar!“

Langsam streicht sie seine Strähnen
glatt, mit Fingern, reich beringt
und sie hofft, dass aus dem schönen
Schopf ein Geistesfloh entspringt.

"Meinst du, ob wir nicht so einen
rührseligen Schreiber finden?
Und mit ein paar grünen Scheinen
wird er Zeilen für uns schinden!

Viel ums Küssen muss es gehen
um das Schicksal, um das Herz!
Seelenbande will ich sehen,
Liebeskummer, Liebesschmerz!"

Ach, die Dame ist erleichtert 
„Mäusezähnchen, zauberhaft!
Heute hast du mich begeistert
und ich hab schon nachgedacht.

Ein paar gute Kandidaten
habe ich im Repertoire,
segeln wir durch nächt'ge Schatten,
vite, vers les poètes noirs!"

"Auf!" spricht Herr von Welfensteyn,
und verpufft nun augenblicklich
in ein Fledermäuselein,
"Pass doch auf, wie unvorsichtig."

hält die Gattin ihn zurück,
öffnet rasch die Tür aus Glas,
und folgt ihm ein kleines Stück 
später, voller Takt und Maß.

Freitag, 11. September 2026

Bis(s) zum Liebhaben (Satire)

 
Frau von Welfensteyn stand hinter den schweren
roten Samtvorhängen und seufzte: "Waf für ein wunderföner fahler Mond
heute, mein Liebling! Laff unf doch ein wenig herumflattern!" Sie blickte
über die Veranda auf den Park mit seinen schwarz gegen den Himmel
ausgeschnittenen Krüppelbäumchen und ihr violettes Haar mit den
weißen Strähnchen kam im flackernden Kerzenlicht ausgezeichnet zur
Geltung. Herr von Welfensteyn säuselte vom Sekretär: "Du,
Honigmäulchen, ich habe wieder über unferen Ruf in der Welt
nachgedacht... Wie die Menffen unf haffen."
Frau von Welfensteyn ging zu ihrem nachdenklichen Gatten und
legte ihm ihre schmale Hand auf deine knochigen Schultern. "Daf ift
doch nun nichtf Neuef, Darling. Früher waren es Miftgabeln und heute
ift ef fflechte Propaganda. Wie bifft du nur fo empfindlich geworden?"
"Propaganda, Mäufelchen? Ja, richtig, Wörter. Du bift genial!"
"Aber wiefo denn?" Ihre beringten Finger hielten inne beim Kämmen
durch seine aschblonde Mähne und die Haut über ihren hohen
Wangenknochen spannte sich. Welchen Floh mochte sie jetzt wieder in
seinen verstaubten Hirnkasten gesetzt haben? Sie konnte den Floh
förmlich schon springen hören. Tock. Tack.
"Waf meinft du, könnten wir nicht einen diefer mediokren
Ffreiberlinge dafür bepfahlen, ein paar Beftfeller über unfere Gattung
pfu Papier pfu bringen? Ich ftelle mir da etwaf ffön Romantiffes vor, ef
muff viel umf Küffen gehen." Er gestikulierte. "Umf Herpf! Um daf
Pfickfahl! Umf Liebhaben! Um Feelenferwandffaft!"
Frau von Welfensteyn war erleichtert und gerührt: "Pfauberhaft,
mein Mäufelpfähnchen! Fo etwaf ffönef habe ich ja ffon feit
Jahrpfehnten nicht mehr von dir gehört! Felftverftändlich kenne ich da
eine geeignete Perfon. Fo ein rührfeligef unerfülltef Frauenpfimmer."
"Dann laff unf gleich vorftellig werden." Herr von Welfensteyn
sprang auf und verpuffte augenblicklich in eine kleine Fledermaus.
"Halt, halt. Paff doch auf. Daf Glaf" hielt seine Gattin ihn zurück und
öffnete die Fenstertür. Von draußen schloss sie diese, entließ das
kleine zappelnde Tier in die Nachtluft und folgte ihm, nur einen
Flügelschlag später.

Montag, 31. August 2026

Scheißkerl, hast sie sitzen lassen (für Uwe)

Scheißkerl, hast sie sitzen lassen,
als sie mit mir schwanger war.
hast dich nicht mal blicken lassen,
als sie dann ihr Kind gebar.

Hast gedacht, du bist so stark,
wenn du schnell die Biege machst.
Doch du warst ein blinder Narr,
feige und bequem und schwach.

Meine leere Kinderseele
ward gefüllt mit Einsamkeit.
Tausend Schrecken stand ich aus,
denn du warst unendlich weit.

Deine Freiheit war mein Kerker,
"Keinen Dank", Sag ich dafür.
Steine brech' ich, werde stärker,
Einen davon schenk ich dir.

Ja, mein Lieber, fühl den Stein,
ist er nicht allein schon schwer?
Mag er gern dein Grabstein sein,
brauche ihn und Dich nicht mehr.

Schau, ich bin dein Ebenbild
trotzdem sind wir zwei verschieden.
Angst und Trauer sind mein Schild
und du bist ein Arsch geblieben.

Gerne wär ich eine Kräh',
die in deine Waffel scheißt,
oder auch in deinen Tee,
nur damit du das noch weißt.