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Montag, 3. März 2025

Multifaktorielle Migrationsursachen und ihr Einfluss auf die psychische Gesundheit (von Angelica)

Einführung

Migration hat es im Laufe der Geschichte überall auf der Welt gegeben. Sie war vor allem mit der Suche nach einer besseren Lebensqualität verbunden, sei es aus wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Gründen oder aufgrund bewaffneter Konflikte. Während des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) kam es zu einer Massenvertreibung von Menschen, vor allem in Richtung USA, die dadurch zu Flüchtlingen wurden. Seitdem war eine derart bedeutende Migrationsbewegung erst im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wieder zu verzeichnen. Hierbei initiierten globale Konflikte einen stetigen und massiven Anstieg der menschlichen Mobilität, was wiederum zu einer Diversifizierung der Gründe für das Verlassen des Herkunftslandes führte. Im Jahr 2020 gab es etwa 281 Millionen internationale Migranten, das entspricht 3,6 % der Weltbevölkerung.

Die unterschiedlichen Gründe für eine Migration – von der Suche nach Wohlstand bis hin zur Zwangsvertreibung infolge bewaffneter Konflikte – können bei Migranten unterschiedliche psychologische Reaktionen auf die Unsicherheit und die Herausforderungen der Integration im Gastland hervorrufen. Diese psychischen Störungen, wie etwa Stress, Angst und Depression, können in ihrer Intensität von akut bis chronisch variieren. Es ist von entscheidender Bedeutung, multidisziplinäre Strategien zu entwickeln, die die Unterstützung, Rehabilitation und Integration dieser Gruppen in den Aufnahmeländern erleichtern.

Entwicklung

Migration ist ein sehr komplizierter Prozess, der sich auf die psychische Gesundheit auswirkt, insbesondere bei gefährdeten Gruppen wie Kindern, Jugendlichen, Frauen und in jüngster Zeit auch auf Flüchtlinge, Binnenvertriebene und Vertriebene (Zwangsmigration) aller Altersgruppen. Dabei handelt es sich oft um alleinstehende Männer und Kinder und Jugendliche und in geringerem Maße um Familien, die aus Eltern und Kindern bestehen. Das Ausmaß der negativen psychologischen Auswirkungen wird von den negativen Bedingungen vor der Migration abhängen (Gewalt, Trauma und Verlust) und Postmigration (Diskriminierung, Akkulturation und Mangel an sozialer Unterstützung).

Darüber hinaus muss zwischen verschiedenen Arten der Vertreibung unterschieden werden: Binnenmigration (innerhalb desselben Landes) und internationale Migration (Bewegung außerhalb der Landesgrenzen). Die Gründe für das Verlassen des Herkunftslandes sind unterschiedlich und haben unterschiedliche Implikationen:

·       Flüchtling Person, die aus Angst vor Verfolgung aufgrund ihrer Rasse, Nationalität oder Religion aus ihrem Land flieht

·       Binnenvertriebene Personen, die von zu Hause geflohen sind, ohne jedoch internationale Grenzen überschritten zu haben.

·       Externe Vertriebene und Zwangsmigranten Personen, die ihr Land auf der Suche nach Zuflucht verlassen hat

·       Ein-/Auswanderer Jede Person, die aus verschiedenen Gründen, die nicht unbedingt eine unmittelbare  Bedrohung durch Verfolgung und Tod beinhalten, ihren üblichen Wohnort verlässt

Studien heben Probleme und Störungen hervor wie:

·       Stress posttraumatisch

·       Stress chronisch aufgrund der schwierigen Bedingungen im Migrationsprozess

·       Angst verbunden mit dem Kampf um Migrationserfolg oder der Angst vor Diskriminierung

·       Depression mit Symptomen wie schwerer Traurigkeit, verbunden geringem Selbstwertgefühl im Zusammenhang mit dem Scheitern des persönlichen Migrationsprojekts

·       Migrationstrauer (umgangssprachlich: Heimweh) entsteht durch den Verlust von Familie, Kultur, sozialem Status und Sicherheit, der je nach den Umständen des Migranten und der Umgebung des Aufnahmelandes einfach, kompliziert oder extrem sein kann.

Die Veränderung der psychischen Gesundheit ist je nach Alter unterschiedlich und unterschiedlich ausgeprägt:

·       Kinder und Jugendliche Sie neigen eher dazu, psychische Probleme und Störungen zu entwickeln, vor allem Depressionen, soziale Ängste und Suchterkrankungen, insbesondere wenn sie alleine migrieren.

·       Frauen Sie weisen meist psychiatrische Symptome und posttraumatische Belastungsstörungen aufgrund von körperlicher und sexueller Gewalt auf, sei es durch ihre Partner, die Gemeinschaft oder Menschen außerhalb ihres Umfelds. Stress entsteht durch die Betreuung ihrer Kinder unter Risikobedingungen

·       Männer Sie haben häufig Probleme mit illegalem Aufenthalt und sozialer Ausgrenzung.

Studien, die dieses multifaktorielle Problem erklären, werden überwiegend in Ländern mit hohem Einkommen durchgeführt. Besonders hervorzuheben sind hier die USA und Kanada, gefolgt von Australien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Dies sind traditionell die reichen Länder, die die meisten Migranten aufnehmen: In den letzten Jahren haben sie ihre Einwanderungs- und Asylpolitik verschärft. Der Grund dafür ist Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die durch die Medien und digitalen sozialen Netzwerke noch verstärkt werden. Diese Einflüsse können auf Faktoren wie Alter, Bildungsniveau, Geschlecht und Religion zurückzuführen sein. Auf diese Weise haben sich Länder wie Mexiko, die Türkei, Griechenland und Italien in die Liste der Länder mit der höchsten Zahl an Menschenmobilität eingereiht, da sie mit ihren Nachbarn bei der Kontrolle der irregulären Migration zusammenarbeiten, um die Ankunft von Flüchtlingen und Einwanderern zu verhindern und einzudämmen, indem sie die Grenzen militarisieren. Diese militärischen Maßnahmen sind bei der Bewältigung der Integration letztlich kontraproduktiv. 

Studien in Kanada und den USA geben an, dass es mehr männliche (51,9 %) als weibliche (48,1 %) Migranten gibt. Sie gehen davon aus, dass es zwei Arten von Migration gibt: gesunde Migration und krankmachende Migration. Der erste Punkt spielt auf die Tatsache an, dass Migranten ein geringeres Risiko für psychische Störungen haben, was möglicherweise mit ihrem höheren Bildungsniveau und ihrer psychischen Gesundheit vor der Migration zusammenhängt. Dies kann sich jedoch aufgrund externer Faktoren ändern, mit denen sie während des Migrationsprozesses konfrontiert werden, wie etwa Rassismus, Akkulturation, Ausbeutung, Diskriminierung und Gewalt, die wiederum ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen können. Andererseits zeigen Studien in Europa, Asien und Australien, dass Migranten häufiger psychische Probleme haben, insbesondere wenn sie aus Entwicklungsländern oder aus Ländern mit erheblichen kulturellen Unterschieden kommen. Schließlich ist auch in Israel und China bei Migranten eine höhere Prävalenz psychischer Störungen zu beobachten als bei der einheimischen Bevölkerung. Im Jahr 2022 nahmen Europa und Asien die Mehrheit der internationalen Migranten auf (61 % der Gesamtzahl).

Andererseits wurde hervorgehoben, dass soziale Unterstützung dazu beiträgt, die negativen Aspekte des Migrationsprozesses abzumildern. Soziale Interaktionen, die Unterstützung bieten und die Integration erleichtern, mildern die Auswirkungen wahrgenommener Probleme und verringern das Ausmaß von Depressionen und Ängsten, insbesondere bei Menschen mit mittelschweren oder schweren Symptomen. Andererseits führen der Mangel an Unterstützung und die Wahrnehmung schwerwiegender Schwierigkeiten in Bereichen wie Arbeit, Wohnen, Behördengängen und sozialen Beziehungen häufiger zu psychischen Problemen und Störungen.

Schlussfolgerungen

Angesichts der Komplexität der Migration ist es wichtig, dieses Phänomen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und seine besonderen Merkmale zu berücksichtigen, insbesondere bei gefährdeten Gruppen, die stärker zu psychischen Problemen und Störungen neigen. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, den Kontext und die Besonderheiten des Migrationsprozesses zu berücksichtigen, den jede Person auf ihrem Weg zur Integration im Aufnahmeland erlebt hat. Jede Gruppe und jeder Einzelne hat spezifische Migrationsursachen und -probleme. Daher ist es wichtig, soziodemografische, psychologische und kulturelle Aspekte, die Herkunftsregion, gelebte Erfahrungen und den Akkulturationsprozess zu berücksichtigen. Dieser umfassende Ansatz würde es Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen ermöglichen, die psychische Gesundheitsversorgung von Migranten und der Bevölkerung insgesamt zu verbessern.

Um dies zu erreichen, ist es von entscheidender Bedeutung, die Gesellschaft im Allgemeinen und insbesondere Beamte und Arbeitnehmer in Bereichen wie Sozialdiensten, Gesundheit, Bildung und Justiz für Zwangsvertreibung, Flucht und Migration und deren Ursachen zu sensibilisieren, da sie bei der wirksamen Integration von Migranten in ihre neue Umgebung entscheidende Akteure sind. Darüber hinaus muss die Migrationspolitik neu definiert und unterstützter, empathischer und wirksamer gestaltet werden. Es müssen geeignete Erkennungs- und Präventionsstrategien entwickelt werden, die auf die besonderen Bedürfnisse von Migranten eingehen und ihr psychisches Wohlbefinden fördern. Hierzu gehört die Bekämpfung sozialer Ausgrenzung und Ungleichheit durch entsprechende soziale Unterstützung.

Bibliografie

·       Clemente Díaz Miguel, Reig-Botella Adela, Sangiao Bastida Inmaculada. (2018). MIGRACIÓN Y SÍNDROME DE ULISES: SER NADIE EN TIERRA DE NADIE. BARATARIA. Revista Castellano-Manchega de Ciencias Sociales.  Nº 24, pp. 27-43

·      D. Alarcón Renato, Gurpegui Manuel,  Gutiérrez-Rojas Luis, Jurado Dolores, Martínez-Ortega José M., Mendieta-Marichal Yaiza. (2017). Factores asociados a malestar psicológico o trastornos mentales comunes en poblaciones migrantes a lo largo del mundo. Revista de Psiquiatría y salud Mental, Volumen 10, Issue 1. Volumen 10, Issue 1, January–March 2017, Pages 45-58.

·      García Ramírez Manuel, Martínez García Manuel Francisco, Maya Jariego Isidro (2001). El efecto amortiguador del apoyo social sobre la depression en un colectivo de inmigrantes. Psicothema. Vol. 13, nº 4, pp. 605-610.

·      Vilar Peyrí  Eugenia, Eibenschutz Hartman  Catalina,. ( 2007, 11 de octubre).  Migración y salud mental: Un problema emergente de salud pública. Rev. Gerenc. Polit. Salud vol.6 no.13 Bogotá July/Dec. 2007

·      Informe sobre las Migraciones en el Mundo 2024. (2024). Organización Internacional para las Migraciones OIM, ONU Migración.

 

Migration und die psychische Gesundheit von Migranten (von Angelica)

„… du fragst mich, Zyklop, wie mein Name ist… Ich werde es dir sagen, mein Name ist Niemand, und Niemand nennen mich alle…“ Odyssee, Gesang IX

Einleitung
Migration ist ein Phänomen, das oft zur Entmenschlichung neigt, da es aus demografischen und sozioökonomischen Perspektiven betrachtet wird, anstatt den Migranten in den Mittelpunkt zu stellen, der die Hauptfigur dieser komplexen Realität ist. Der Migrationsprozess ist per se stresserzeugend, daher ist es entscheidend, den Fokus auf die Menschen und die Stressfaktoren zu legen, die ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen können. Die Migrationstrauer verdeutlicht die Anzeichen, die Menschen während der Anpassung an ihre neue Umgebung zeigen können.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Migrationstrauer eine Reihe von Symptomen aufweist, die mit Depressionen verwechselt werden könnten und fälschlicherweise als solche behandelt werden. Wer Symptome der Migrationstrauer zeigt, leidet nicht an einer klinischen Depression, sondern durchläuft einen natürlichen Prozess der Gewöhnung an die neue Umgebung, der, wenn er falsch gehandhabt wird, verschiedene Syndrome oder Pathologien auslösen könnte. Dieser Text wird die Ursachen und Symptome dieses psychischen Problems erläutern und die wichtigsten Unterschiede zwischen klinischer Depression und Migrationstrauer aufzeigen, um die Unterscheidung und ein besseres Verständnis dieses psychischen Gesundheitsproblems zu erleichtern.

Entwicklung
Migration ist ein wesentlicher Teil der Menschheitsgeschichte, angetrieben durch den Wunsch nach einer besseren Lebensqualität. Seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist ein deutlicher Anstieg der Migrationsbewegungen zu beobachten, der durch globale Konflikte verstärkt wurde, die die menschliche Mobilität erhöht haben. Die geschätzte Gesamtzahl von 281 Millionen Menschen, die im Jahr 2020 in einem anderen Land als ihrem Geburtsland lebten, ist um 128 Millionen höher als im Jahr 1990 und mehr als dreimal so hoch wie im Jahr 1970. (Weltmigrationsbericht 2024. 2024). Daher ist die Motivation groß, über dieses aktuelle Thema zu sprechen.

Die Migrationstrauer
Migration bedeutet, sich verschiedenen Herausforderungen und Veränderungen zu stellen, die bei den Betroffenen Stress auslösen können. Die Migrationstrauer, auch bekannt als „Trauer um den kulturellen Verlust“, ist ein Prozess, der die Transformation der Identität von Einwanderern und die emotionale Anpassung an die mit der Migration verbundenen Verluste beinhaltet. Dies geschieht, wenn Menschen ihren Heimatort verlassen, um an einen anderen Ort zu ziehen, und ihre Identität in einer neuen Umgebung neu strukturieren müssen. Durch diese Trauer können Menschen eine neue, reichere Identität entwickeln; einige Einwanderer spiegeln diese Bereicherung in ihrer Reife und Weltsicht wider. Die Anzeichen der Migrationstrauer können in Intensität und Art variieren, abhängig von Faktoren wie dem Bewältigungsstil und den sozialen Umständen. Sie lassen sich unterteilen in:

  1. Partielle Trauer. Im Gegensatz zur totalen Trauer (um den Tod) verschwindet bei der Migration das „Objekt“ der Trauer (das Heimatland) nicht, sondern es gibt eine Trennung, und die Möglichkeit, den Kontakt aufrechtzuerhalten, besteht.

  2. Wiederkehrende Trauer. Der kontinuierliche Kontakt mit dem Heimatland, erleichtert durch die Globalisierung und digitale Medien (Internet, soziale Netzwerke), belebt die Bindungen wieder und macht die Trauer wiederkehrend.

  3. Multiple Trauer. Es ist der gleichzeitige Verlust verschiedener bedeutender Aspekte. Es werden sieben Arten von Trauer identifiziert:

  • Familie und geliebte Menschen: Die Trennung von der Familie und den engsten Bezugspersonen.

  • Sprache: Der Verlust der Muttersprache und die Anstrengung, eine neue Sprache zu lernen.

  • Kultur: Die Anpassung an neue Werte, Bräuche und Weltanschauungen.

  • Heimat: Die Sehnsucht nach der Landschaft, dem Klima und der natürlichen Umgebung.

  • Sozialer Status: Der Verlust der sozialen Stellung, der Arbeit und der Möglichkeiten.

  • Kontakt mit der Bezugsgruppe: Diskriminierung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

  • Physische Risiken: Die mit der Migration verbundenen Gefahren wie Unfälle, Gewalt oder Krankheiten sowie die Lebensbedingungen im Aufnahmeland.

Zur Migrationstrauer können Faktoren hinzukommen, die die Integration und Anpassung an das Aufnahmeland erschweren, wie Arbeitslosigkeit, Stigmatisierung, Menschenrechtsverletzungen, Rassismus und andere. Somit kann diese Trauer in drei Intensitätsstufen unterteilt werden:

  • Einfach: Die Anpassung verläuft ohne größere Probleme, wobei die Person über eine angemessene Fähigkeit verfügt, ihre Emotionen effektiv zu bewältigen und zu kontrollieren.

  • Kompliziert: Wenn es einige Schwierigkeiten bei der Anpassung gibt. In diesen Fällen wird die Trauer dennoch verarbeitet, überwunden, und die Person geht weiter.

  • Extrem: Wenn sich das Syndrom des Odysseus entwickelt. In diesem Fall lebt der Migrant in einem Zustand extremen Stresses, einer extremen Trauer, die nicht verarbeitet werden kann, was die Vorteile der Migration zunichtemacht und zu einer permanenten Krise führt, die das Risiko erhöht, eine Störung zu entwickeln.

Emotionsregulation
Die Emotionsregulation ist ein wesentlicher Bestandteil der Fähigkeit, Emotionen effektiv zu bewältigen und zu kontrollieren, was beeinflusst, wie die Migrationstrauer verarbeitet wird und ob psychologische Symptome wie Depressionen, Angstzustände und somatische Symptome auftreten. Sie wirkt als Schutzfaktor, der hilft, die mit der Migrationstrauer verbundene Symptomatik zu verhindern oder zu mildern.

Depression
Andererseits ist Depression ein komplexes Phänomen, das die Menschheit im Laufe der Jahre begleitet hat. Es ist eine vorübergehende oder dauerhafte Stimmungsstörung, die Gedanken, Verhalten und die Fähigkeit beeinträchtigt, im täglichen Leben zu funktionieren. Es handelt sich nicht um eine einfache Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit für kurze Zeit, sondern um einen anhaltenden Zustand, der das Leben der Person erheblich beeinträchtigen kann.

Es gibt drei verschiedene Ebenen:

  • Symptom: Isoliert oder in Begleitung anderer, ohne direkten Zusammenhang.

  • Syndrom: Basierend auf Traurigkeit, wobei die Symptome miteinander verbunden sind.

  • Störung: Wenn bestimmte charakteristische und nachweisbare Symptome auftreten.

Depressionen entstehen durch verschiedene Ursachen, wie Ereignisse des täglichen Lebens (Verluste oder die Unfähigkeit, mit ihnen umzugehen), chemische Veränderungen im Gehirn, Nebenwirkungen von Medikamenten, verschiedene körperliche Störungen, genetische und evolutionäre Faktoren.

Im Folgenden ein Vergleich der charakteristischen Symptome zwischen Migrationstrauer und Depression:

Symptome

  • Depression: Die Symptome sind anhaltend.

    • Tiefe Traurigkeit, Verlust von Interessen, Schlafstörungen.

    • Beeinträchtigt ständig die Stimmung und die täglichen Aktivitäten, z.B. die Arbeitsfähigkeit, die Aufrechterhaltung von Beziehungen.

    • Kann Gefühle von Leere und tiefer Verzweiflung einschließen, unabhängig von einem bestimmten Ereignis.

    • Erfordert in der Regel eine professionelle therapeutische Behandlung und in einigen Fällen Medikamente.

    • Gedanken der Wertlosigkeit und Schuld.

    • Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit.

    • Suizidgedanken.

    • Ohne therapeutische Behandlung kann sich die Depression verschlimmern und chronisch werden, was die psychische Gesundheit beeinträchtigt.

  • Migrationstrauer: Die Symptome können vorübergehend auftreten und variieren in der Intensität.

    • Traurigkeit, Nostalgie, Sehnsucht nach dem Heimatland.

    • Kann die Stimmung und Emotionen beeinflussen, beeinträchtigt jedoch in der Regel nicht die Fähigkeit, tägliche Aktivitäten auszuführen.

    • Kann mit der Hoffnung auf Anpassung an die neue Umgebung koexistieren.

    • Je nach Intensität der Symptome kann sie mit oder ohne Therapie verlaufen, die Besserung erfolgt durch emotionale Unterstützung und angemessene kulturelle Integration.

    • Tendiert dazu, sich zu verbessern, wenn sich die Person an die neue Umgebung anpasst. Kann jedoch zu einem Odysseus-Syndrom oder sogar zu einer Depression führen, wenn sie nicht angemessen bewältigt wird.

Schlussfolgerungen
Obwohl die Migrationstrauer Merkmale mit der Depression teilt, unterscheidet sie sich in Intensität, Häufigkeit, Zeitlichkeit und Motivation. Diese Unterschiede zu erkennen, ist entscheidend für die psychologische Begleitung des Migranten, weshalb eine genaue Diagnose unerlässlich ist.

Migration ist ein dynamisches Gleichgewicht, in dem sowohl positive als auch negative Aspekte überwiegen. Die Migrationstrauer ist ein Anpassungsmechanismus an die neue Umgebung, ein temporäres psychisches Gesundheitsproblem und keine Krankheit. Eine falsche Handhabung kann jedoch zu schwerwiegenden Pathologien führen. Darüber hinaus sehen sich Migranten mit multiplen Stressfaktoren konfrontiert, wie Arbeitslosigkeit, Stigmatisierung, Gewalt und Diskriminierung.

Dass die Migrationstrauer partiell ist, macht sie nicht einfach. Sie betrifft sowohl die Einheimischen als auch diejenigen, die im Heimatland bleiben.

Eine Schlüsselvariable bei der Anpassung ist die Emotionsregulation, die beeinflusst, wie Verluste verarbeitet und die Herausforderungen der neuen Umgebung bewältigt werden. Die Verbesserung dieser Fähigkeit ist entscheidend, um psychische Gesundheitsprobleme in dieser Population zu verhindern.

Bibliografie: 

https://www.mayoclinic.org/es/diseases-conditions/depression/expert-answers/clinical-depression/faq-20057770
https://revintsociologia.revistas.csic.es/index.php/revintsociologia/article/view/328
https://www.who.int/es/news-room/fact-sheets/detail/depression
https://scielo.isciii.es/scielo.php?script=sci_arttext&pid=S1137-66272006000200006
http://www.scielo.org.co/scielo.php?pid=S1657-92672017000400151&script=sci_arttext
https://psicovalero.wordpress.com/2018/03/08/depresion-depression-mdd-trastorno-depresivo-mayor/
https://portal.guiasalud.es/gpc/?_sfm_wpcf-estado=1

https://www.redalyc.org/pdf/6844/684475933006.pdf
https://www.temasdepsicoanalisis.org/wp-content/uploads/2011/12/ACHOTEGUI-PDF1.pdf
https://www.fundacioorienta.com/wp-content/uploads/2019/02/Achotegui-Joseba-11.pdf
https://www.tanatologia-amtac.com/descargas/tesinas/136%20Duelo%20migratorio.pdf
https://repositorio.comillas.edu/xmlui/bitstream/handle/11531/32145/TFM001044.pdf?sequence=1&isAllowed=y

 

Donnerstag, 1. August 2024

Albtraum#1 / Albtraum #2 / Albtraum #3

Auf dem Brett serviert,
blass und frisch seziert,
Eiskalte Gefühle.
Und die Reste in die Spüle.

Ich hab nachts beim Regen,
lange wach gelegen,
in die Finsternis geschaut.
Mir war kalt in meiner Haut.

Dann lief ich im Traum
durch einen dunklen Raum
auf der Suche nach dem Licht
oder einer Tür.
Doch es gab dafür
nur mein Ich ohne Gesicht.

......

Ich fahr in einem Auto,
der Mörder sitzt bei mir.
Hinter uns die Polizei,
etwa nachts um vier.

In Säcken auf der Rücksitzbank,
da liegen Frau und Kind
Der Mörder hält den Colt solang
wir in Bewegung sind.

Dann halten wir und ich sag stur
„Die Polizei kommt gleich.“
Er sagt: „Ich werf den Ballast nur
dort hinten in den Teich.“

Im See, da ist das Wasser klar
und beide sinken schnell
ich stehe ganz verzweifelt da
und langsam wird es hell.

Die Polizisten sind zwei Frauen,
und eine springt ins Nass.
Die andere macht mich los vom Baum
und setzt mich dann ins Gras.

Die Kollegin kommt zurück:
„Die Frau hat’s überwunden.
Mit dem Kind hatt ich kein Glück.
Das hab ich nicht gefunden.“

…..

Ich geh an einem Haus vorbei
auf einem weißen Weg.
oder ist es doch ein Schloss,
und denk mir nichts dabei,
als mich ein grauer Mann
begrüßt, der keine Schatten wirft,
und mich danach sogleich umarmt
und mich am Halse würgt.

Die Luft wird knapp, der Rücken krampft
und davon werd ich wach
und eine Stimme sagt mir sanft,
„Du weißt, wer das gemacht!“
„Ich weiß es wohl und weil ich’s weiß,
kommt er gewiss nicht wieder!“
sage ich und bete leis
und leg mich nochmals nieder.

Sonntag, 21. Juli 2024

Zwei-Seiten-Torheit

Da lese ich die zwei Seiten der Geschichte und denke mir hmm, hmm. Gibt es ein Falsch und ein Richtig? Hmmm, hmm und dann nicke und lächle ich. Wie doch alles ineinandergreift. Papier und Fleisch und Eisen und Stein und Holz (beispielhaft). Liebe böse Freunde, ihr grausamen Kinder! Man kann hinsehen und lächeln, dabei kurz aufstossen oder wegsehen aus dem Fenster, auf die alten Leute mit ihren Hunden. Ich lasse täglich bestimmt mehrere Menschen verhungern, irgendwo, bestimmt denn ich zahle keine Spenden. Aber ich kümmere mich auch um jemanden (bin also nicht wirklich böse). Ich weiss Bescheid. Bescheid wissen kann aber jeder. Weiss auch jeder. Ich würde sogar gern glauben, wenn das nicht so lächerlich schiene. I want to believe. Ich bin auch gebildet, ja, was machen mit der Bildung? Bildung macht doch schwindelig. Schwindelig vor Ohnmacht. So kurz zum greifen nah ist (siehe Nichtabbildung Seifenblase). So klar, so kurz davor. Nur ankommen geht nicht (leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass). Ich werde immer schneller, ja produktiv, wenn ichs bedenke (und wehe jemand sagt was anderes). "Platz" (siehe Nichtabbildung Seifenblase). Koffeinträume das alles, rhytmisches Pochen der Schläfen, Zucken der Finger. Zerrinnt in Zahlenkolonnen. Ist nicht vergleichbar, nur ähnlich. Papierausscheidung. Ich sollte Papier essen und mein Essen verschenken. Gib meinem Leben einen Sinn, sage ich. Die weisse Masse sucht in der grauen Masse, dann zuckt (siehe Nichtabbildung Abbildung) und sagt:
'Das wars Solo, man kann doch nicht ewig warten, es kommt da nichts mehr. Nur du gehst. Das sagen wir dir. Du sitzt in einem Treibhaus.'
'Das weiss ich doch,' antworte ich, 'die alten Leute draussen haben Pelze und die Hunde auch, das seh ich doch.'
'Dann geh doch raus!'
'Woraus?', frage ich.
'Kauf dir einen Hund.'
'Ach, das ist es?'
'JA. Der Hund führt dich.'

Fraktale Dekonstruktion

Heute geht es weiter in den Kaninchenbau, oh Freunde. Menschliche Gedanken an sich sind fraktaler Natur. Sie sind selbstähnlich, unendlich und man jagt ihnen hinterher bis hin zur Vergrösserung der Vergrösserung der Vergrösserung (einer Kopie einer Kopie). Wer je Fraktalprogramme benutzt hat, weiss, was ich meine. Der Verstand kennt keine Atome, ist nicht auf die Abzählbarkeit der physischen Welt angewiesen (schliesslich konnte er ja nichts davon wissen). Ist man gefangen im Fraktal, nützt es nichts, "auf der Schulter von Giganten" zu stehen, Grösse spielt da eine relative Rolle. Aber man muss den Mut haben, stehen zu bleiben und hinabzuschauen, ja schwieriger noch hinauf, denn jede Ebene ist recht und gut, wenn man erkennen will, dass man in keine Richtung entrinnen kann, solange man sich nach den Gesetzen des irren Gartens bewegt. Und wie kommt man aus einem Irrgarten heraus? Richtig, man muss Löcher durch die Hecken schneiden. Ein Fraktal hat eine gebrochene Dimension, ist etwas knäuel-, schwamm- oder ornamentartiges. Es versucht, eine bestimmte Fläche oder Raum auszufüllen. Dieser Raum kann, Ebene für Ebene, grobschlächtig mit Pfählen abgesteckt werden. So machen es die formalistischen Optimisten. Und so macht es die atomare "Realität". Ob in dieser Approximation Wahrheit liegt, ist irrelevant, denn die Wahrheit ist möglicherweise genau jener seltsame Attraktor, dem es zu entkommen gilt. Mit diesen Pfählen nun haben sie Koordinaten und Abstände und können schauen, wie gross ihr Gigant wirklich ist. 

Samstag, 20. Juli 2024

Weckruf eines Erstarrten (Rico's Edit)

Folgend eine Umdichtung bzw. eine Variation des gleichnamigen Gedichtes von Volker Grieß aus seinem Buch "Gezeiten der Wandlung: Gedichte für Menschen auf Wegen der Initiation". Er möge mir den Eingriff verzeihen. Wenn ihr auf das das Original gespannt seit, könnt ihr dem Link folgen und sein Buch erwerben. Es lohnt sich! Dem Stoiker sei auch das Gedicht "Die heitere Schildkröte" empfohlen. Ihr findet es in diesem Gedichtband auf Seite 28. Aber nun zum "Weckruf":


Wir, die aus den Wochenkrippen
zu Walen wuchsen, die nicht schwimmen:
Sind wir bereit, die scharfen Klippen,
des Schmerzes bis zur See zu klimmen?

Es schimmerte des Meeres Busen
von weit her, als wir schwach und klein.
Als könnte nicht auf unser Rufen
das Leben und das Werden sein.

Wir sind, wenn Liebe sich entfaltet,
wie eingefror'n im stillem Schrei.
Die Schönheit öffnet sich, uns spaltet
es im Innern tief entzwei.

Bleib jetzt Bruder, bleib jetzt Schwester!
Komm sei mutig, lass dich ein!
Welch ein Wunder wäre es,
im Wasser und ein Wal zu sein.


Die Lehren des E. A. Poe

 Physikalisch richtig und doch phänomenal übertrieben schilderte Edgar Allan Poe bereits 1841 die Abdrift schnöder Holzboote und Fässer in den Gezeitenstrom zwischen den Lofoteninseln. Aber genau so wie der Held fährt auch die Seele zum Grund. Sie klammert sich an ein Holzfass und hofft nicht zu ertrinken. Die grimmigen Seeleute, die, taub und blind ob der Gefahr, schweigend ihre Arbeit verrichten, sind, was ihr von den Menschen zufällt. Mit ihnen zu sprechen ist Verzweiflung. Und dann ist da noch das Haus Usher, ein marodes Schloss auf sumpfigem Grunde, bewohnt von kranken und geisteskranken Adeligen. Ein Hort zwielichtiger Erscheinungen und Geräusche, der mit dem ihm innewohnenden Sterben noch vor Anbruch des Tages versinkt, allein der Gast kann fliehen. Das sind die inneren Landschaften, wer nur Gast ist, wer weglaufen kann, der berichte. "Nur eine Schauermär, Schauermär..." "Nein, es ist alles wahr!"

Einen unbefangenen Augenblick lang könntest du eine andere Welt entdecken, ganz ohne zu träumen, aber ins Träumen geraten. Während du im Internet bist, sitzt du in Wahrheit zwischen zwei Spiegeln. Jeden Tag, den du die Aussenwelt vergisst, rutschst du eine Reflektion weiter in den Hintergrund, immerfort, bis es dich irgendwann nicht mehr gibt. Und um so weiter du in den Hintergrund gerätst, desto mehr wehrst du dich, wirst noch zappeliger und ausgefallener, um aufzufallen und deine anderen Spiegelungen klatschen vielleicht ab und an Beifall.
Poe schrieb 1842 die Kurzgeschichte "Das ovale Portrait" in der eine junge Frau, während sie von ihrem Gatten detailversunken in ein Bild gemalt wird, langsam stirbt. Er hat damals nichts vom Internet gewusst, wohl aber etwas von Obsession und Sucht. Willkommen zwischen den Spiegeln. 

Mittwoch, 10. Juli 2024

You're safe until the fire starts

 

(Diesen Text habe ich aus meinem alten Blog "Froschtümpel" übernommen, Foto und Titel stammen von dieser Quelle.)

Szenerie Eins: Wieder sitze ich in einem Käfig, der ist in einem grossen, leeren Saal, Geräusche und bunter Nebel fliehen von irgendwo. Dann setzt sich eine Raucherin vor mich und erschüttert mich mit ihrem Nikotin-Nihilismus. Gar nichts sei als man selbst, und das könne man alles ändern. Es gäbe das Feste ERST nach der Beule. Sie gibt mir ihre Zigarette für das Schloss. Es gäbe auch keinen Nutzen, keinen Sinn, nur Emotionen. Tu was du willst. Weg mit mir, mit dir, keine Bilder mehr jetzt. Sei ein wildes Tier. Der Käfig brennt.

Szenerie Zwei: Ich hab es geschafft, die Feder ist überspannt und gebrochen. Nutzlos klimpert sie im Abwärtsgang. Auf schiefer Ebene fahre ich hinab mit schwerer Fuhre. Der Motor bremst und läuft heiss. Metallischer Geruch drückt die Brust. Funken blitzen, die Hülle zerfällt, die Räder springen, hulahopp, hopp, hopp. Alte Tonbänder spielen, eine Puppe weint im Rauch. Ich bin wach, hellwach, das Wasser ist kalt, die Optik kristallklar, Wale singen mir ein Schlaflied. Doch ich kann nicht schlafen, ich muss noch weit gehen. Mit einer Fussfessel, an der Kette, an der Kugel.

Szenerie Drei: An einem Bootssteg am Fluss halte ich an, knie nieder und tauche einen Finger in den Strom. Das Wasser weicht meinem Finger, umfliesst ihn. Die Trennung ist schmerzlich, ich werde traurig. Warum berührt das Wasser mein Innerstes nicht? Gedanken wandern... Weil keine Öffnung dem Element Einlass gewährt? Von dieser Idee freudeerfüllt schöpfe ich beide Hände voll und will schon trinken. Plötzliches Grauen erfüllt mich. Was, wenn Gift darinnen wäre?

Szenerie Vier: Eine weisse Ebene. Ich fühle mich einsam. Ich sehne mich nach meinem Käfig, während sich unter mir schon alles in Falten zieht. Das ist die Ziehharmonika des Lebens (mal ist es lang, mal ist es kurz). Eine laute Melodie. Auf einer wuchtigen Bassnote fliege ich davon. 

Freitag, 7. Juni 2024

Die Handlung, die Wandlung

Die trotzige Behauptung: das Handeln offenbare den Charakter. Was ist nun ein Charakter? Ist es ein Unterschied, ob man liebevoll zubereitete Moral, die man dankenswerterweise kindgerecht aufgegessen hat, in sich fühlt oder sich Moral als Erwachsener aneignen muss? Die Moral als Muttersprache. Das Moralgebäude ist mit vielfachen logischen Fallstricken bespannt.

Vom "Das macht man eben so." bis zum "Deshalb macht man das so." ist es beim Lernen der Syntax ein Weg. Dazwischen kommt "Ist das wirklich gut für den anderen und für mich? Warum? Warum tut es dann weh? Wieso darf ich nicht verdrängen? Werde ich manipuliert? Ist Manipulation schlecht?" Beim nüchternen und schonungslosen Durchdenken prallt man grauenhafterweise gegen unangenehmen Egoismus, Feigheit und auch schwarze Monster, die vorgeben, die Realität zu sein.

Das heisst auf der einen Seite sind sie hübsch, nur auf der anderen schwarz und hässlich (wer hat das gesagt?) "Hoppla, Herr Monster!", entschuldigt man sich und verbeugt sich linkisch und zieht den steifen Zylinder gerade so, als solle etwas hineingeworfen werden. Besser, sie alle zu entlassen, die inneren Klassenkameraden? Ja, denn sie sind verdorben, edle Schimmel sind sie. Sie hinterlassen Leere.

Das fordert Mut vor sich selbst und ist so seltsam, dass man sich wiederum fragt: Warum? Wieso darf ich nicht Krüppel bleiben? Oder bin ich heil und werde zum Krüppel? Wo ist die Wahrheit? Wird mir mein Ich genommen oder wird mein Ich? Ist am anderen Ende des Ichs das Du, das Wir oder wieder nur ein Ich und welches? Gebe ich mir etwa selbst die Hand?

Aber ja doch, ich bin ja alle. Halt, ich darf nicht alle sein. Der Imperativ hat es mir verboten. Der innere. Da ist noch ein anderer. Die beiden kämpfen, ich bin das Schlachtfeld. Halt nochmals. Klingt das nicht passiv? Nein, denn ich lasse kämpfen. Ich habe sie beide bezahlt. Bald bin ich alle. Bald bin ich wie alle anderen. Die Synapsen werden mir aus den Ohren herauswachsen wie Tentakel und mich mit allen Wesen verbinden. Ich werde unsere Fehler verstehen.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Gestaltung des Geistes

Was für ein schöner Titel. Aber bauen wir jetzt auf dem Vorangegangenem auf. Wir definieren den Geist als die Gesamtmenge aller Vernünfte einer Person. Der Verstand wiederum war ja schon als Summe derjenigen Hirnfunktionen, die den Input auswerten und mit den ausgebildeten Vernünften verwerten, festgelegt. Der Verstand benutzt also den Geist und der Geist beeinflusst den Verstand. Es ist also von äußerster Wichtigkeit, dass wir den Geist richtig gestalten. Dann kann ihn der Verstand so benutzen, dass er mit seiner Umwelt vorteilhaft interagiert.

Für die Gestaltung hatten wir vier Wege ausgemacht, Addition, Subtraktion, Überlagerung und Transformation, wobei die Überlagerung durchaus Schnittmengen mit Addition und Transformation aufweist. Addition und Subtraktion können wir schnell abhaken, sie stellen Wissenszuwachs und Vergessen dar. Das gesammelte Wissen sollte miteinander harmonieren, sich ergänzen, aufeinander aufbauen, das Oberstübchen also geschmackvoll möbliert werden. Spielzeuge sollten auch nicht fehlen. Es gibt Leute, die sehr viel Spaß an ihrem Wissen haben, etwa Musiker und Künstler allgemein, Mathematiker oder Humoristen. 

Transformation, also die Verzerrung des Geistes kann man wohl durch Drogen oder Askese erreichen, aber auch durch starke negative oder positive Erlebnisse. Oft funktioniert danach der Verstand nicht mehr so richtig, weil die Werkzeuge des Geistes nicht mehr das richtige Ergebnis liefern. Wichtige Verzerrungen alltäglicher Art sind positive oder negative Glaubenssätze, wie unten noch beschrieben. Diese haben einen starken Einfluss auf den Verstand.

Am interessantesten ist tatsächlich die Überlagerung. Man kann Geister mit ihren Vernünften aufeinander abbilden, vergleichen und sogar angleichen (Vorbild). Nach dem Vergleich kann man aber eventuell auch missliebiges erkennen. Besonders interessant ist es sicher, Geister mit völlig verschiedenen Vernünften abzugleichen oder anzugleichen, wie es etwa manche Schauspieler tun.

Die Brille des Geistes, durch die der Verstand die Umwelt selektiv wahrnimmt, ist eine weitere Form der Überlagerung. Und auch sie gestaltet durch Rückkopplung den Geist.

Der erste Schritt zur Geistesgestaltung ist die Inventur des Geistes oder im Spielejargon: des Charakters. Wer hat dir welche Fähigkeiten (Vernünfte) gegeben? Die ganze Familie wird abgegrast, die Freunde, die Lehrer, die Vorgesetzten, die Bekannten und ihre Hinterlassenschaften in deinem Gehirn. 

Dann kann man das schädliche Zeug aussortieren. Am schwierigsten ist dies bei tief verankerten Kindheitserfahrungen. Dort muss man mit elterlichen Strategien arbeiten, die mit kindlichen Grundbedürfnissen konkurrierten und so kindliche Vernünfte erzeugten. Bei Kindern heißen die fundamentalen (Ordnungs-) Wahrnehmungen Glaubenssätze. Aus Ihnen entstehen die ersten Vernünfte, die zur Verstärkung, Abschwächung oder Umkehrung des Glaubenssatzes dienen sollen.

Wen das näher interessiert, der kann Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden“ lesen. Glaubenssätze formen durch ihre resultierenden Vernünfte den ersten und meist unbewussten Geist eines jeden Menschen und dieser kann auch schon in einem Mindset kanonisiert sein, wenn die Glaubenssätze in eine Richtung deuten. Man kann diesen kindlichen Geist gern in mehrere Entitäten unterteilen, etwa Schattenkind und Sonnenkind.

Ist man den Kinderjahren entwachsen, kann man seinen Charakter entweder nach Vorbildern oder frei weiterentwickeln. Was kann ich gut, was  macht mir Spaß, was passt noch dazu? Was ist cool? Dabei gibt es auch einige Fähigkeiten, die man ablehnen sollte, auch wenn man Talent dafür hat, zum Beispiel kriminelle oder selbstzerstörerische Fähigkeiten wie Schlösser knacken und Trinkfestigkeit.

Ganz wichtig für die Gestaltung ist die sogenannte kognitive Dissonanz, also die Differenz zwischen Wunsch und Realität (die Randbedingungen), die Differenz zwischen eigenen Wünschen und den Wünschen anderer (ebenfalls Randbedingungen). Das eigene Ego entspricht vielleicht nicht dem was man als Realität wahrnimmt oder es entspricht nicht den Wünschen der Gesellschaft oder des Partners. Kognitive Dissonanz ist immer die Gelegenheit etwas loszulassen, etwas dazuzugewinnen oder aber auch etwas zu zerstören.

Die mächtigsten Worte bei der Gestaltung des Geistes sind übrigens nicht: "Ich denke (so), also bin ich (so)!", sondern "Ich bin (so), also handle ich (so)!". Ausgehend von einem Wunsch muss man entsprechend tätig werden, um den Wunsch zu erreichen. Wunschdenken ist nicht magnetisch, sondern ein fundamentaler Ausgangs- und Ausrichtungspunkt der Selbstdefinition und des folgerichtigen Handelns. Dabei muss man meistens den Weg von Anfang her gehen und kann nur selten irgendwo in die Mitte reinspringen.

Will man zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören, lautet der Satz "Ich bin Nichtraucher, also rauche ich nicht."

Bei der Behandlung von Depressionen ist ja ein zentraler Satz, "Meine Gedanken sind nicht ich". Dem möchte ich widersprechen. Sie sind Ich, aber mittels kognitiver Dissonanz kann man sie als fremd erklären und damit verabschieden. Ebenfalls widersprechen möchte ich der Meinung, dass man negative Zwangsgedanken nicht unterdrücken soll. Das kann aber ein sehr probates Mittel (emotional thought stopping), mit dem diese Gedanken nicht etwa priorisiert, sondern ganz im Gegenteil herabgewertet werden, bis sie manchmal verschwinden. Vielleicht ist es wichtig, dabei zu unterscheiden zwischen Problemen, die gelöst werden müssen und solchen, die gar keine Lösung (mehr) haben.

Eine literarische Verarbeitung des Themas findet man bei Dan Sugralinovs "Next Level"- Trilogie.

Mittwoch, 4. August 2021

Vom Vorteil, verrückt zu werden

Es gibt keine Gebrauchsanweisung für diesen Text. Betrachtet
man das Leben nüchtern und normal, gibt es eigentlich, nachdem man
in die vertragsverpflichtete Generation über 30 eingetreten ist, keinen
vernünftigen Grund mehr, ein Ego zu besitzen. Behält man es, wird es
doch zerrieben zwischen Partner, Kind und Job. Vielleicht auf dem Abort
kann man es ab und zu benutzen. Oder man lässt es ganz, ganz
einfach los und ist eben für die anderen da, als Zahnrad, als
Sandwich, als Sorgenonkel. Das ist die eine Art, davonzukommen.

Vielen gelingt das problemlos. Die, die ihr Ego mögen und festhalten,
werden Egomanen, Zyniker, Trinker, depressiv oder aber verrückt. Am besten,
man wird verrückt. Ganz im positiven Sinne! In diesem Falle ist der
Weg wirklich mal das Ziel, an das auch viele andere Wege führen,
manche sogar in die Irre. Verrückte Menschen werden für ihre
Unberechenbarkeit geschätzt, jaja. Sie sind nie allein, denn sie haben
einen ganzen Zoo im Kopf. Es gibt keine Langeweile mehr. Sie
gelten als kreativ, hüstel, usw. Ist natürlich ein schmaler Grat. Also
wie wird man verrückt: Erstmal stellen Sie sich selbst in Frage, dass
sowieso. Damit beginnt dann eine ganz große Scheiße. 

Wenn sie die geistig überleben, fangen Sie an, ihre Welt frei zu gestalten, in
Gedanken. Und zwar ganz frei. Stellen Sie sich vor, wie klein der
Unterschied ist zwischen dazwischen und inzwischen. Na bitte.
Lachen Sie dann mindestens einmal pro Tag laut und hysterisch
wie ein verrückter Wissenschaftler eben. Lesen Sie vor allem
populärwissenschaftliche Bücher über Quantentheorie, daneben
deutsche Philosophen, Ufo-Esoterik und Schlumpfcomics. 

Dann können sie auch schon damit anfangen, Unsinn zu machen und auch
andere dazu anzustiften. Erzählen Sie etwa allen, dass Schaden klug
macht und wie sie sich so schon einen sagenhaften IQ erarbeitet
haben. Dekorieren sie Essen und Essensreste ganz nach Gutdünken
zu Konzeptkunst und verlangen sie vom Ober Geld dafür (Sie können
wahlweise auch an rituellen Essenschlachten teilnehmen wie die mit
den Tomaten). Dann malen sie surrealistische Bilder, schreiben
unsinnige Gedichte und legen sich einen oder zwei unsichtbare
Freunde zu. 

Benutzen sie auch ihre Mitmenschen als Schauspieler
oder Dekoration in ihrem freien Theaterstück. Stellen Sie sich dann
vor, dieses Theaterstück wäre keins, sondern ihr Leben sei so.
Herzlichen Glückwunsch. Sie sind frei und haben ihr Ego behalten.
Und niemand will es mehr von Ihnen haben, stattdessen wird man
anstehen, um seine Früchte zu haben, wenn Sie es gut anstellen.

Dienstag, 21. April 2020

Was ist eigentlich Vernunft ?

Beim Schauen der Diskussion zwischen Herrn Friedman und Herrn Grün schien es mir, als stünde eine logische Definition des Begriffes "Vernunft" im Raum, aber 45 Minuten sind eben zu kurz für sowas. Hier also nun mein Senf dazu, der sich ziemlich nah an Immanuel Kant orientiert.

Meiner Meinung nach ist ja Gott ein Axiom, zu dessen Verehrung die Regeln der Religion Stück für Stück postuliert und mit moralischen Logiken verknüpft wurden. Kant meinte übrigens, Gott wäre ein Postulat der moralischen und sittlichen Vernunft. Was ist nun aber Vernunft?

Vernunft ist ein Konstrukt aus Wunsch oder Wille (Axiom), Regel (Postulat) und Begründung (Logik) in Einzahl oder Mehrzahl. Aus einem vielleicht sogar emotionalen Wunsch heraus werden Regeln postuliert, die dafür sorgen, dass der Wunsch respektiert und erfüllt wird. Diese Regeln werden mit rationaler oder irrationaler Begründungslogik verknüpft, meist sogar mit einer Mischung aus beiden. Diese Logiken können auf individuellen oder kollektiven Erfahrungen beruhen (Wetter), aber auch erfunden sein.

Wie im oben genannten Gespräch schon anklang, gibt es eine individuell praktikable Vernunft, die auf Eigennutz fußt und eine kollektive Vernunft, in der die Standpunkte Vieler gemittelt oder normiert sind. Eine weitere Kategorisierung der Vernunft könnte in geistiger und materieller Vernunft bestehen.

Eine kollektive Vernunft wäre zum Beispiel das juristische Gesetzeswerk, die Religion, aber auch die Moral (Sittlichkeit), handwerkliche Verfahren, Demokratie oder Stilformen und Spiele aller Art. Eine individuelle Vernunft wäre zum Beispiel eine Berufswahl (Berufung), Partnerwahl, ja Auswahlprozesse jeglicher Art, aber auch Selbstbilder, Ideale und Rituale.

Natürlich können individuelle und kollektive Vernünfte kollidieren, ja verschiedene Vernünfte an sich kollidieren oft. Dann muss sprachlich oder auch körperlich argumentiert werden, überzeugt oder verführt. Die Regeln werden dadurch neu ausgehandelt, die Vernünfte adaptiert. Die Vernunft ist also auch der Evolution unterworfen.

Im Gegensatz zum Verstand, der eine Gehirnfunktion ist, ist die Vernunft ein Prozess des Verstandes, der emotionale und rationale Sachverhalte in Einklang (Ordnung) bringt und dafür sorgt, dass materielle und geistige Dinge eine bestimmte angestrebte Ordnung einnehmen. Damit ist eine Vernunft ein Ordnungsprozess. Vernünfte sind im Gedächtnis gespeichert.

Ähnlich schwammig wie der Begriff "Vernunft" erscheint der Begriff "Welt". Aber so wie die Vernunft ein Ordnungsprozess des Verstandes ist, ist die Welt ein Wahrnehmungsprozess der Ordnung. Indem der Verstand eine Vernunft wahrnimmt, erkennt er eine Welt. Um den Kreis nun zu schließen, ist auch das Axiom, der Wunsch nach einer bestimmten Ordnung, die Wahrnehmung einer zukünftigen Ordnung, eine zukünftige Welt. Am schönsten zeigt sich die Verwandtschaft von Welt und Vernunft im Wort Weltbild. Ein Weltbild ist eine kanonisierte Vernunft, ein Ordnungsprozess. Da Ordnungsprozesse auch als Ordnung wahrgenommen werden können, ist die Wahrnehmung eines Weltbildes eine Welt.

Auch mit dem Wort "Sinn" (der Sinn des Ganzen etc.) können wir gleich hier aufräumen, er ist nämlich synonym mit dem Wort Vernunft.

Nun könnte es einem die Idee kommen, dass auch Welt und Vernunft dasselbe seien, schließlich ist die Wahrnehmung von Ordnung mit dem Schaffen von Ordnung im Verstand innig verknüpft. So innig, dass man dieser Einheit einen neuen Namen geben sollte. John Locke hat es "Reflexion" genannt. 

Dass Welt und Vernunft so nahe beieinander liegen, hat den Menschen zum Irrtum verleitet, hinter der natürlichen Ordnung läge eine außermenschliche Vernunft. Natürliche Dinge haben ihre Eigenschaften, die ihr Verhalten bestimmen. Die Ordnung der Eigenschaften und des Verhaltens ist natürlich, die Erkenntnis derselben aber menschlich und die begründende Logik dazu erst recht. Die Natur ist also geordnet durch ihre Eigenschaften, aber nicht vernünftig. Die Welt als vom Mensch wahrgenommen Ordnung trägt hingegen bereits den Stempel der menschlichen Erkenntnis, die begründende Logik den der menschlichen Vernunft. Mathematik ist die menschliche Sprache, die Natur zu verstehen, nicht die "Sprache der Natur". Da sie sich aus der Abzählbarkeit der Natur ableitet ist sie der Natur ähnlich, geht aber durch Abstraktion über sie hinaus.

Dass die Welt eines Menschen beeinflusst ist von seinen Vernünften hat noch eine andere interessante Implikation. Der Mensch ist durch seinen kindlichen Lernprozess mit einem Inventar an Vernünften ausgestattet. Ein Gutteil dieser Vernünfte kommen von außerhalb, von anderen Menschen. Wächst der Mensch heran, treten die Vernünfte in einen inneren Konflikt. Dadurch kommt es zu einem teils emotionalen, teils rationalen Aufräumen des Vernunftinventars, welches man als Erwachsenwerden bezeichnet. Im Idealfall wird dadurch eine Metavernunft erreicht, eine Innere Ordnung der Vernünfte, eine Art Kanon oder auch Kodex, eine Geisteshaltung (Mindset, Weltbild). In der Metavernunft spiegelt sich auch die vernetzte Natur der Vernünfte wieder, ihre Verknüpfungen untereinander und dass eine Vernunft Folgevernünfte erzeugt.

Die Metavernunft findet man schließlich auch in Regelwerken wie Gesetzestexten. Verfassungen zum Beispiel fungieren als Metavernunft eines Staates, ihnen ordnen sich andere Vernünfte, Regeln, Gesetze, Aktionen und Verlautbarungen unter. 

Die schlechtesten, aber auch die besten Leistungen des Menschen entstehen durch Fehler: das Verknüpfen von Regeln durch irrationale Begründungslogik, interne Welten und Vernünfte mit externen zu verschmelzen und die erwähnte Verwechslung von Natur mit Welt und Vernunft sind Beispiele.

Treue Begleiter von Vernünften sind Gefühle. Jede Vernunft ist von Gefühlen umhüllt, jede Welt von Gefühlen gefärbt. Das Gefühl ist quasi die Eierschale der Vernunft, es ist eine der sogenannten Randbedingungen. Deswegen sind Kompromisse und Überzeugen so schwierig.

Präzisieren wir nun noch das Wort Logik. Sowohl Schritt zwei, die Regel als auch Schritt drei, die Begründung, enthalten eigentlich Logik, der eine eine strategische „wenn-dann“ Logik, der andere eine erklärende „deshalb“ Logik. Beide Logiken sind korrumpierbar, also anfällig für irrationale Logik. Überprüft man eine Vernunft, kann man sie auf Konsistenz (Wunsch, Regel und Begründung bauen aufeinander auf und ergeben keine Widersprüche), aber auch auf Transparenz (die Begründung verdeckt oder erklärt den Wunsch) und Rationalität (die Vernunft ist naturwissenschaftlich verankert) testen. Platon nannte diese Überprüfung in seinem Buch "Der Staat" Gerechtigkeit. Auch das Wort Idee muss noch konkretisiert werden. Idee bedeutet grundsätzlich Wahrnehmung. Alle drei Teile der Vernunft sind Ideen, wie auch die Welt eine Idee ist.
 
Das erarbeitete Vernunftmodell hat nun ganz praktischen Nutzen. Die Eigenschaften, Neigungen und Herangehensweisen von Persönlichkeitstypen steuert sich nämlich ursprünglich aus grundlegenden Wünschen wie Sicherheit, Bequemlichkeit, Sozialkontakt/-distanz, Geltung, Macht, Freiheit, Gestaltung, Empathie, Ordnung, Neugier, Belohnung, körperliche und geistige Betätigung. Verkäufer zum Beispiel kennen die Wünsche ihrer Kunden. Wünsche konkurrieren miteinander und können sich sogar neutralisieren. Kooperation und Verstärkung gibt es aber auch.
 
Einer der interessantesten Wünsche, welcher das neoliberale Zeitalter prägt, ist Geltung (sozialer Status). Geltung bevorzugt Extroversion, Intuition und Urteilen. Geltung stärkt aber auch die Neigung zum Lügen und Imitieren und damit zu irrationaler Logik, mit der die Begründung von Regeln und Handlungen erfolgt. Geltung konkurriert mit Empathie, Sicherheit und Bequemlichkeit und wird verstärkt durch Neugier, Macht und Gestaltung. Weitere Wünsche, die mit irrationaler Logik verknüpft sind, sind Sicherheit, Gestaltung, Sozialkontakt und Macht. Mit diesen fünf hat man schon das ganze Drama der Propaganda und Fake News im Blick.

Die Konkurrenz und Kooperation der grundlegenden Wünsche macht das Vernunftsmodell auch geeignet für die Persönlichkeitsgestaltung von künstlichen Intelligenzen. Grundwünschen können hier Werte zugewiesen werden, aus diesen Werten ergeben sich Differenzen (Debuffs) konkurrierender Wünsche und Additionen (Buffs) unterstützender Wünsche, aus diesen Settings können dann die Regelwerke für das Handeln des Charakters erstellt werden, die Begründungen für diese sowie die inneren Konflikte.

Wie beim Aufstellen von mathematischen Modellen können Randbedingungen aufgestellt werden, welche die Wunscherfüllung beeinflussen und die bei der Regelaufstellung beachtet werden müssen. Randbedingungen können zum Beispiel Klima, Gesetze, Ressourcen etc. sein. Wunscherfüllung kann scheitern, wenn der Wunsch oder die Regeln zum Beispiel illegal sind. Will man gegen die Randbedingungen spielen, werden oft irrationale Logiken benutzt, es wird also betrogen. Alternativ können die lokalen Randbedingungen außer Kraft gesetzt werden. Manchmal müssen die Randbedingungen auch erst ermittelt werden. Ideal ist der Pfad des geringsten Widerstandes durch die Randbedingungen. Zu den Randbedingungen gehören auch Körperfunktionen und Geistesfunktionen wie Gefühle und Gedächtnis. 

Unklar definierte Wünsche sind eines der größten Menschheitsprobleme überhaupt, etwa wenn man nach Glück oder Zufriedenheit strebt. Was aber bedeutet das genau? Deshalb können sowohl Wünsche als auch Regeln geplant und entwickelt werden. Zur Regelfindung kann Induktion und Deduktion benutzt werden, also Trial-and-Error oder es wird auf Erfahrungen zurückgegriffen, aus denen Regeln abgeleitet werden können. Zur Erfüllung eines Wunsches ist es hilfreich, wenn einander unterstützende Vernünfte einen Kanon ergeben.

Kognitive Dissonanz kann auftreten, wenn man einem Wunsch gefolgt ist, der sich als Fehler erwiesen hat. Eventuell war der Wunsch gar kein eigener, sondern ein gesellschaftlich oder familiär eingepflanzter. Sie kann auch auftreten, wenn irrationale Logik zum Selbstbetrug verwendet wurde.

Mit jeder Vernunft treten Unterwünsche in Erscheinung, die der Absicherung sowie der Konservierung des Wunsches, der Regeln, der Begründungen und der geschaffenen Strukturen dienen. Daraus ergibt sich Logistik (Beschaffung), Progress- und Prozessmanagement (Kontrolle), Sanierung, Restaurierung, Tradition und Geschichtsschreibung (Dokumentation). 

Hier nun können wir die Vernunft endlich zirkularisieren. Regeln, Begründungen und Kontrolle (Wahrnehmung) sind alles Strategien, die bei der Erfüllung des Wunsches helfen können. Es geht am Ende also nur von Wunsch über Strategie wiederum zu Wunsch.
 
Betreiben wir nun ein wenig Horkheimer-Adorno. Der Wunsch nach Wiederholung des Wunsches erzeugt einen Prozess. Dies stellt den Machtanspruch über die Randbedingungen dar. Der Wunsch nach Optimierung des Prozesses manifestiert diesen Anspruch noch mehr, geht es weiter bis zu Vereinheitlichung und Standardisierung des Prozesses, kommt noch die Deutungsmacht dazu. Der Wunsch nach Dokumentation bedeutet Machtanspruch über die Zeit. Der Wunsch nach Vorteilsnahme durch den Prozess bedeutet Machtanspruch über andere Individuen (geistiger Besitz, Patent- und Urheberrecht). Der Wunsch zum destruktiven Missbrauch des Prozesses dient oft der Machtergreifung, dem Machterhalt oder der Vergeltung. Durch den Missbrauch oder negative reale Folgen wird der Prozess negativ emotionalisiert und ggf. entwertet und zerstört (siehe Atomenergie).
So können Prozesse auch taktisch behindert werden, indem sie irrational negativ emotionalisiert werden (siehe Windenergie). Fügen wir hier noch den Begriff der positiven Revolution durch Etablierung, Optimierung und Vereinheitlichung von Prozessen und den der negativen Revolution durch Zerstörung und Entwertung von Prozessen hinzu. 
 
Jeder Machtanspruch unterliegt der Möglichkeit des Missbrauchs. Positive Revolution kann auch negative Revolution zur Folge haben. Der individuelle Prozess selbst entspricht nicht der Vernunft, sondern seine Abstraktion bzw. das Wissen darüber.
Adorno setzt Vernunft und Aufklärung gleich als Erfassung von Unbekanntem in Mengen und deren Beziehungen untereinander. Dies führt ihmzufolge zu einer starken Reduktion an Vielfalt in der Wahrnehmung und zu einer Entfremdung in der Wahrnehmung, da man sich nicht mehr aufs Gegenständliche konzentriert, sondern auf das Abstrakte. Außerdem sind alle Formeln, die aus den Mengen an natürlichen Phänomenen und ihren Relationen abgeleitet werden, korrumpierbar durch irrationale Logik, ob strategisch oder zufällig. Das bedeutet, dass rationale Vernünfte immer wieder neu erstritten werden müssen, ja regelmäßig wie von Unkraut befreit werden müssen.

Mit jeder Vernunft können aber auch Kopien entstehen (andere Personen entwickeln einen ähnlichen Wunsch) oder auch Veränderungswünsche. Da jeder Schritt einer Vernunft neue Vernünfte erzeugen kann, ist die entstehende Struktur wie bereits erwähnt netz- oder baumartig. Die Visualisierung einer Vernunft kann deshalb in einer Mindmap erfolgen. Das Gedächtnis bestimmt, wie entwickelt sich ein Wunsch präsentiert. Wünsche können wie Matrioschkas ineinander verschachtelt sein, man kann dann von einer Vision sprechen. Frei nach Schopenhauer ist die niederste Form des Wunsches der Wille, etwas, das wir heute Bedürfnis nennen würden. Wenn wir nun dieses Bedürfnis dem Wunsch noch voranstellen, haben wir eine Erklärung dafür, dass viele Menschen das eine wollen, sich aber etwas anderes wünschen oder gar nicht wissen, was sie wollen, wenn sie sich etwas wünschen.
 
Die höchste Form des Wunsches ist die Vorstellung (Achtung, nicht Wahrnehmung), die wir schon als Vision benannt haben. Zerstörerisch oder kriminell wird der Mensch, wenn er versucht, seinen Wunsch gegen ungünstige Randbedingungen durchzusetzen. Das kann durch Dummheit geschehen, wenn man die Randbedingungen nicht zu ermitteln imstande ist, aber auch durch kühle intellektuelle Berechnung. Der Kampf gegen die ungünstigen Randbedingungen ist aber auch der Stoff für Heldengeschichten und wissenschaftliche Durchbrüche. 

Ab wann nun ist ein Mensch vernunftbegabt? Wenn er in der Lage ist, zu begründen. Die Sprache ist also eine notwendige Voraussetzung. Kritische Vernunft bedeutet die Möglichkeit der Überprüfung oder Hinterfragung der Vernunft auf Transparenz, Konsistenz und Rationalität sowie der Abgleich mit und die Bildung der kollektiven Vernunft. 

In der der Mathematik ist die Vernunft aufgebaut aus Axiom, Regel-Postulat, Formulierung der Randbedingungen und der Beweis-Vermutung, welcher später noch der Beweis folgt. In der physikalischen Realität kann nichts bewiesen werden, es können nur Fakten überprüft werden. Vernunftsbegründungen können deswegen nicht nur rational, sondern auch strategisch sein.