Herr B. wohnte in einer Satellitensiedlung nahe der großen Stadt
Polis und wenn man etwas sagen konnte über diese Siedlungen, mit
fürchterlichen Neubauten bestückt wie sie waren, ist es folgendes:Das
Leben in Polis mochte zwar hektisch und bisweilen auch grau sein,
aber es war ein graues Herz, das wenigstens schlug. Die
Satellitensiedlungen aber waren Vornekropolen, die im langsameren
Rhythmus wie Schwämme menschliches Treibgut aufsaugten und
auspressten, zu gar nichts anderem waren sie gut. Und es schien nur
natürlich, daß sich ihnen in losen schiefernen Tupfern die Friedhöfe
anschlossen, in roten die Industrieruinen und in grünen die
Schrebergärten.
Herr B. wohnte in einem Sechsgeschosser im vierten Stock, mitten
in einer Betonzeile und umgeben von Strassen. Während sich
westwärts weitere Zeilen anschlossen, war auf der Ostseite eine
größere Ödfläche, die mit Maschendraht eingezäunt war und die Herr
B. auch gern benützte, so wie viele andere, denn Herr B. hatte einen
Hund, den er sich bald angeschafft hatte, nachdem ihn seine Frau
verlassen hatte und er hierher gezogen war. Der Hund war eine Pudel-
Dackel Mischung, eine graue gelockte Wurst. Wenn Herr B. sein Haus
verließ und durch einen Durchgang ging, der unter dem Häuserblock
hindurchführte, kam er gleich an einer Apotheke vorbei, die von einem
türkischen Apotheker geführt wurde, an einem Friseur, einem
Kinderarzt und einem Physiotherapeuten. Der Gehwegrand war mit
Birken gesäumt, die Herr B. als Bäume sowieso ulkig und zum
Schießen fand, denn sie hatten schon seit ihren jungen Jahren eine
weiße Rinde, währen seine Haare immer noch schwarz waren (und
voll, wie er dazu bemerken würde) und er war schon fast 50. Ging er
noch weiter, kam er in eine Vorstadtmall mit einem Diskamarkt und
lauter so kleinen Läden wie Blumenladen, Geschenkartikel, Bäcker und
Fleischer. Halb unter der Mall versteckt war ein Parkhaus, bei dem die
Erbauer sich wohl nicht richtig hatten entschließen können, es ganz
unter die Erde zu versenken und so schaute es halb aus der Erde
heraus und in die Mall führte eine Betonrampe hinan.
Herr B. war ein rosiger und rundweg gesund aussehender Mann,
dem niemand, der ihn das erste Mal traf, abnahm, daß er ein
Frührentner war. Und doch hatte Herrn B. in der Blüte der Jahre ein
schweres Aneurysma gepackt, eine Blutansammlung im Hirn, die ihn
ein halbes Jahr ins Krankenhaus gebracht hatte, auf Leben und Tod.
Das Aneurysma, kirschgroß wie es war, hatte einiges mit ihm
angestellt, vor allem hatte sich seine Persönlichkeit deutlich verändert,
worauf vor allem seine damalige Frau beharrte und es hatte ihm auch
immer wiederkehrende höllische Kopfschmerzen beschert.
Herr B. war Akademiker gewesen, ein gescheiter und eloquenter
Mann, der mit seiner Gattin und seinen Büchern eine Etage einer
Stadtvilla bewohnt hatte, in der anderen Etage lebte dereinst ein
Professor für Anthropologie. Herr B. selbst war damals ein Dozent für
Elektrotechnik an der Universität. Als Herr B. jedoch aus der Klinik kam,
hatte er angefangen, seine geliebten Bücher zu meiden, ja, sie eins
nach dem anderen fortzuwerfen. Des weiteren, wen wundert’s, bekam
er hypochondrische Neigungen. Er kaufte Medikamente mit denen er
die Badezimmerschränke füllte, die doch eigentlich für die Kosmetika
des geliebten Weibes vorgesehen waren. Außerdem entwickelte er, der
sein Lebtag RocknRoll, Blues und Jazz geschätzt hatte, die drei
Geschwister der amerikanischen Musik, eine Vorliebe für Wagneropern.
All das sind Marotten, die, meine lieben Leserinnen, wohl kaum eine
Akademikergattin aus der Bahn geworfen hätten, wäre da nicht noch
das schlimmste und letzte gewesen, daß Herr B. nämlich anfing, einmal
gesagte Sachen immer wieder zu erzählen, wie eine Schallplatte oder
heute, wenn man modern sein will, auch eine CD mit einem Sprung.
Die Sachen die er erzählte, Schwänke aus seiner dörflichen
Jugend, den Inhalt der Revolverblätter, denen er den Vorzug zu seinen
Büchern gegeben hatte und über die Gespräche mit seltsamen
Gestalten aus noch seltsameren Spelunken ließen ihr keinen anderen
Schluß außer dem, daß Herr B. wohl einen guten Teil seiner Intelligenz
auf dem Operationstisch gelassen hatte (obwohl die Ärzte immer
wieder beteuerten, daß sie da etwas verwechsele) und sie nun mit
einem Proleten verheiratet war. Na ja, außer, daß er Wagner hörte.
Und das war es gewesen. Herrn B.s Eltern hielten von seinem Wandel
auch nicht viel und bedauerten ihn, umsorgten ihn aber im
Krankenhaus und auch später rührend und besuchten ihn häufig. Die
einzige Schwester, die Herr B. hatte, hatte der Familie schon früh den
Rücken gekehrt. Alte Freunde kamen und gingen und die meisten
waren schon bald verstört und blieben, unter Vorwänden, fern.
Die „Grüne Wiese“ war eine der seltsamen Spelunken, ein
viereckiger kleiner Betonbungalow und früher ein Jugendclub gewesen,
der dicht gemacht hatte, als das Geld für die Sozialarbeiter gestrichen
wurde. Der neue Besitzer hatte einen Tresen hineingebaut, neues,
keine Spur nostalgisches Mobiliar hineingestellt und jede Menge
Leuchtreklamen und Spiegel mit Werbungen für amerikanische
Spirituosen aufgehängt. Und natürlich gab es Billardtische. Die Klientel
indessen war die alte geblieben, die nicht mehr so junge Jugend aus
dem Jugendclub.
Hinzu waren dünne Trinker gekommen,
schmerbäuchige Männer mit Jeans und Lederwesten, mit Vokuhila
oder Glatze, meistens hatten diese dicke Schnurrbärte. Des weiteren
gefönte Weibchen mit Strähnchen und Leopardjäckchen. Was die
Musik anging, konnte jeder seine CDs selber mitbringen, was eine
gewöhnungsbedürftige Mischung aus Punkrock, Heavy Metal, Country,
Glam, Disco und Schlager ergab, mit Wagner jedoch war Herr B.
hoffungslos bei allen gescheitert und begann oft lange Tiraden über
Banausen und den schlimmen Krach der Neuzeit. Trotzdem kehrte er
gern hier ein. Er hielt im Klackern der Billardkugeln beachtete Vorträge
über die Weltregierung, Geheimkomplotts der NASA und Killerviren, die
bald überall seien.
Und hier geschah es eines Tages, daß er Gabi traf. Gabi war eine
Alkoholikerin und erst Anfang 30. Sie hatte einen ziemlich drahtigen
Körper irgendwie, ohne besondere Rundungen, kurzes braunes Haar
und tiefe, faltenumstandene Augenringe. Und, Wunder was, sie hatte
einst studiert, eine echte Sensation. Aber der Alkohol hatte sie aus dem
Leben gespült, zu den anderen Wracks und Tagelöhnern. Obwohl
Gabis IQ weit über dem lag, der Herrn B. übriggeblieben war, unterhielt
sie sich gern mit ihm und blieb an seinem Tisch sitzen, denn er gab ihr
Halt. Unter dem Tisch lag der Hund, der Herrn B. Halt gab.
Zu berichten ist von einem denkwürdigen Abend, als Gabi ihm
eröffnete, ihr biologischer Vater sei auch Elektroingenieur gewesen und
Herr B. noch spät nachts mit zerzausten Haaren am Telefon seine
ehemalige Gattin mit der Frage aus dem Schlaf nötigte, ob sie nicht
zufällig eine Tochter gehabt hätten. „Mein Gott, weißt du denn gar
nichts mehr?“, stöhnte diese müde durch den Hörer. „Nein, eben
nicht!“, schrie Herr B. zurück und knallte den Knochen auf die Gabel.
Damit war das wenigstens geklärt, Zufälle gab es immer und man
konnte ja nie wissen, erzählte Herr B. seiner grauen Wurst. Wenige
Wochen später zog Gabi bei ihm ein und stellte ihren Jack Daniels
zwischen seine obskuren Tinkturen, die er von seinem Heilpraktiker
aufgeschwatzt bekommen hatte und die er vom Türken aus der
Apotheke bezog.
Neben der Rente verdiente sich Herr B. einen zweiten Lebensunterhalt
als Fahrkartenkontrolleur bei den städtischen Verkehrsbetrieben.
So kam er erstens ganz kostenlos in ganz Polis herum. Er liebte es, in den
gelben Glas- und Stahlschläuchen, ob U- Bahn, Bus oder Straßenbahn an
spontane Ziele zu gondeln, dort auszusteigen und die graue Wurst auszuführen.
So sah Herr B. immer wieder witzige Dinge, führte streunende Hunde dem
Tierheim zu und ältere Damen über den Damm.
Zweitens hatte Herr B. eine ganz neue Schäfermentalität in sich
entdeckt, die ausgelebt werden wollte. Die Bahninsassen waren seine
Schäfchen, die schwarzen unter ihnen galt es zu finden. Herr B. sah
das Gute in allen Menschen, auch den Schwarzfahrern. Es war nur so,
daß diese selbst das Gute in sich nicht mehr so recht sehen konnten
und so ein Bußgeld war ein prima Denkzettel, haha Nachdenkzettel,
der selbst einem hochnäsigen kalten Gesellschaftsschmarotzer zeigen
mußte, daß er nicht allein auf der Welt war. Und nicht allein zu sein,
was für ein schönes Gefühl war das! So etwas verteilte Herr B. gern.
Und drittens, denn ein drittens gibt es ja immer und wer weiß wie oft
noch ein viertens, beobachtete Herr B. gerne Menschen. Wie sie sich
miteinander unterhielten, ihre Kinderwagen in die Bahn hoben, junge
Mädchen mit verheultem Makeup, die von ihren Freundinnen getröstet
wurden, Rentner mit Schiebekarren, streitende Eheleute, muskulöse
Männer mit kahlem Schädel, schlaksige Jungs mit Kaugummi und
halblanger Mähne und Touristen, die sich gegenseitig die Stadt
erklärten.
Mittagessen ging Herr B. stets an irgendeinem Schnellimbiß, denn
Kochen hatte Herr B. nicht gelernt und, wie es sich herausstellte, Gabi
auch nicht, die, wenn sie überhaupt mal etwas aß und nicht tagsüber
nur ihren Rausch ausschlief, Fertiggerichte verdrückte. So aß er zum
Beispiel an jener Schnellpizzeria an der K.-Strasse, in der vier Italiener
an der Theke standen oder zumindest hoffte Herr B., daß es Italiener
waren. Diese arbeiteten wie eine schwitzende, achthändige Maschine
in einer Atmosphäre aus hektischer Ethnomusik, Kundenwünschen und
ausgestreckten Händen, die die Bestellungen abholten. Einer knetete
den Teig, warf ihn in die Luft und klatschte ihn auf die Platte, der zweite
warf den Belag drauf, der dritte bediente die Öfen und der vierte die
Kasse. Die vier hatten ein Nummernsystem, man konnte sich so einen
Zettel ziehen wie auf dem Arbeitsamt. Herr B. gab nur seine Bestellung
an der Kasse ab, zog seine Nummer und ging nach draußen, bis die
Nummer irgendwann durch den Musikteppich geschrieen wurde. Dann
stellte er sich mit dem leckeren Teil an einen der Tische und aß.
Wenn Herr B. den Hund nicht mitnehmen konnte und er etwa mit
Frau W. auf Kontrolltour war, einer unruhigen und ungewaschenen
Frau seines Alters mit weißen Brillengestell und ebenso weißer
Ledertasche, die Hunde hasste und die, im Gegensatz zu Herrn B.,
immer auf „Quote“ aus war,keinen von der Angel liess und jeden anfuhr,
er nur noch 5 Minuten auf seinem Fahrschein hatte, daß er nächste Haltestelle
aussteigen müsse, konnte nun Gabi auf den Hund aufpassen und ihn ausführen.
Manchmal vergaß sie das aber und der Hund machte in die Wohnung,
ein Umstand, der Herrn B. dazu veranlaßte, zu versuchen, Gabi
trockenzulegen. Wobei er aber erfuhr, was es hieß, im wahrsten Sinne
des Wortes „dümmer“ zu sein. Denn Gabi fand Verstecke, gegen die jedes
Ostereiersuchen ein Klacks war. Im Klospülkasten etwa.
Außerdem fing sie an, wenn ihre eigenen Vorräte knapp wurden, Herrn
B. s Tinkturen auszutrinken, denn die enthielten fast alle Alkohol. Wenn
seine Tinkturen ausgingen, geriet Herr B., genau so wie ein Alkoholiker,
in einen zittrigen, hilflosen Zustand, aus Angst, die nächste Krankheit
könnte ihn auffressen, als Ebolahäppchen wollte er nicht enden. Also
wurde Waffenstillstand geschlossen. So in etwa könnte man die
Umwälzungen in Herrn B.s Leben grob skizzieren, die wie so viele
Biographien einfacher Leute bei genauerem Hinsehen umfangreicher
waren, als man für einen Menschen annehmen konnte und die zu
einem Nachmittag führten, der Herrn B.s Nerven arg belastete.
An diesem Tag hatte Herr B. den Hund früh selbst Gassi geführt,
um später keine Überraschungen zu erleben. Er hatte ihn auf der
Freifläche herumlaufen lassen und Stöckchen geworfen. Danach hatte
er aufgeräumt, abgewaschen und das Leergut weggeschafft. Am
Glascontainer hatte Herr B. dann seinen wöchentlichen Spaß, in dem
er die Flaschen schwungvoll wie Torpedos in den Metalltank schoß und
es herrlich splitterte und krachte. Danach verließ er die Blocks für seine
tägliche Tour.
Als er zurückkam, fand er zuhause neben Gabi und dem Hund auch
noch eine Trinkfreundin von Gabi vor, Becky. Becky war ein dürres
bleiches Weibchen mit schwarzgefärbten Haaren und Mordsohrringen,
gern im Trainingsanzug unterwegs und nicht besonders helle. Zu
Beckys schlechteren Eigenschaften gehörte es leider, daß sie keine
Ausländer mochte, besonders wenn sie wie welche aussahen, weil sie
gelesen hatte, daß die Arbeitsplätze wegnahmen. Sie nahmen sie
einfach mit und verkauften sie ins Ausland. Oder so ähnlich.
Sie schickten ihre Kinder zum Betteln statt in die Schule und
verkauften Drogen, hatte sie gehört. Trotzdem aß Becky gern in
ausländischen Restaurants, ein Paradox, welches sie sich übrigens mit
vielen ihrer engstirnigen Geisteskollegen teilte. Herr B. mochte Becky
nicht besonders, sie sagte im Rausch nämlich so Dinge, die man lieber
für sich behielt, etwa, daß Herr B. gar kein richtiger Mann sei, mit seiner
Größe und Statur.
Beim Eintreten bekam Herr B. ein großes Hallo und einige
Jauchzer, die ihre Herkunft in einer Flasche Jim Beam und einem
vollen Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch erklärten.
„Heeeeey komm rein Knutschibär, laß dich drücken“, quietschte Gabi.
Als Herr B. seine Tasche abgestellt hatte, ließ er das mit sich
geschehen, und auch das japsige Gespringe seines Haustieres.
„Na B., du Nußwurst! Kloppste ein Skat mit uns? Schluck aus der
Pulle? Das macht ein richtigen Mann aus dir hahaha.“ gackerte
Becky. Herr B. fing an zu husten. Zigarettenrauch machte ihm
normalerweise nicht soviel aus, aber hier stand er knüppeldick in der
Bude. Er ging ins Badezimmer, um sein Asthmaspray herauszusuchen,
das er für alle Fälle hatte. Weil er es nicht gleich fand, schmiß er einige
von Gabis Lotion- und Schaumflaschen ins Waschbecken und beim
Wühlen begannen seine Finger wieder zu zittern. „Gabi, wo ist der
Spray?“, flüsterte er. Seine Bronchien begannen zu krampfen. Jetzt
warf er pauschal alles ins Becken.
„Machst'n für'n Lärm?“ erschien Gabi an der Tür. „Der Spray!“ flüsterte
Herr B. wieder.
„Hier doch, Bär. Sorry.“ fingerte Gabi mit einem Griff den weißen
Behälter zu Tage.
„Danke.“ Ffffft, zog Herr B. am Spray.
„Willsten Kaffee? Komm zieh doch endlich die Jacke aus.“
"Ja bitte, Gabi. Ja. Mach das Fenster auf“
Dann setzte Herr B. sich zu den Spiritusmiezen, trank seinen Kaffee
und klopfte einen Skat mit ihnen auf dem Glastisch.
„Hab ich euch schon die Story erzählt, wie ich beim Militär mal zwanzig
Eier auf einmal verdrückt habe? Das war eine Wette…“
„Die kennen wir schon…“
„Na egal, Humor muß sein, oder. Den laß ich mir von euch nicht
austreiben!“
„Muß das sein mit dem Rauchen, Becky, wie ein Stadtsoldat rauchste,
wie ein Stadtsoldat. Sogar die Ärzte damals in der Klinik haben
geraucht, in ihren Schlachterkitteln standen sie draußen vor der
Chirurgie und haben geraucht, wie die Stadtsoldaten. Keiner hat ein
Einsehen.“, knurrte Herr B. beim Austeilen.
„Ach hör doch auf.“
„Du kennst mich doch, Becky“ sagte Herr B. und klopfte auf seinen
Kopf. „Fünf Bohrungen und eine Metallplatte! Toi, toi. Humor muß sein.“
Die Plastekuckucksuhr hatte gerade drei Uhr gekuckuckt, als es an
der Tür schellte und es Herrn B. siedendheiß wieder einfiel, daß sich
seine Exfrau für einen Besuch angekündigt hatte. Wankend wie ein
Steuermann im Sturm stand er auf, obschon der einzige Nüchterne der
Runde.
„Mist, Leute, ich hab vergessen, meine Ex kommt heut zu Besuch!“
Gabi wurde blaß.
„Was will die denn hier?“ Becky lachte.
„Benehmt euch, wird schon nicht lange dauern.“ stammelte Herr B.,
während er in den Korridor schlüpfte, den Türknauf ergriff und
öffnete. Der Hund kam zur Tür gerannt und knurrte. „Still“, mahnte B.
und zog ihm am Halsband.
„Hallo B.“, sagte seine Frau und in ihrer sanften Stimme schwang
ein leises Bedauern mit, welches sich über die letzten Jahre
eingeschlichen hatte und als Dauermieter geblieben war.
„Gut siehst du aus. Du hast immer schon so gut ausgesehen.“ Seufzte
sie weiter.
„Ja meine Liebe. Du kennst mich doch. Fünf Bohrungen und eine
Metallplatte." Die Frau verzog schmerzlich das Gesicht.
"Wer ist denn dein Freund da?“, nahm er die Hand vom Kopf.
„Ja“, seufzte sie wieder und „das ist doch Paul A., dein langjähriger
Arbeitskollege aus Übersee. Wir wollten dir eine Freude machen.“
„Ha, Paul, Alter, du meine Güte, kaum wiedererkannt“, sagte Herr B.
verwirrt und schüttelte dem schwarzen Hünen die Hand. Etwas
urtümlich Vertrautes lag in dieser Geste, in dieser großen Hand und
dem nach oben schauen. Das war das alte Leben gewesen.
Kompliziert war es gewesen.
"Ich hab von deinem Unglück gehört", sagte Paul und B. nickte.
„Kommt doch rein in die Stube, wollt ihr einen Kaffee? Ich koch
euch neuen.“
„Sag bloß nicht, du hast vergessen, daß ich komme.“ „Ja Schatz…“
horchte Herr B. in sich hinein. Es tat ihm aufrichtig leid und der Ton
seine Stimme ließ seine Exfrau lächeln.
„Willst du mir nicht deine Freunde vorstellen?“
„Jaaah, hallo, daß ist Gabi, sie wohnt jetzt bei mir…“ Herr B. ließ eine
bedeutungsvolle Pause. Die beiden schüttelten sich die Hände, gerade
so an den Fingerspitzen und sahen sich nicht in die Augen.
„Und das ist Becky, eine Freundin von Gabi.“
„Hallöle!“ Becky stand nicht mal vom Sofa auf. Satt dessen fixierte sie
Herrn B.s ehemaligen Arbeitskollegen mit schmalen Augenschlitzen.
„Becky, Gabi, das sind meine Exfrau und mein alter Kumpel Paul.“
„Du hast einen Negerfreund, B.? Oh Mannomann.“
Pauls Miene, die schon von ergrauten kurzen Locken gekrönt war,
verhärtete sich deutlich.
„Verschwinde mal Becky! Raus!“, versuchte B., die Situation zu retten.
Der Hund bellte.
„Ich soll verschwinden, du Hanswurst? Er soll verschwinden! Die Neger
nehmen uns die Arbeitsplätze weg und so!“ blubberte Becky. B.s
Exfrau stand einfach geschockt im Wohnzimmer und sagte gar nichts.
Gabi ging schnell in die Küche. Bei so was ging sie immer weg, sie
hatte gute Instinkte in der Hinsicht.
„Mach dich raus Becky.“ Herr B. sagte B. mit weitausholender
theatralischer Geste und einer Stimme, die er sonst nur bei der
Lockenwurst oder Schwarzfahrern gebrauchte.
„Dich hab ich gefressen, B. ! Tschüss!“, fauchte Becky.
„Und deeeeheer da!“, sie deutete auf Paul, wobei sich ihr Zeigefinger
vor Hass durchbog, „schläft doch mit deiner Ex, siehst du das nicht?!“
„Deine Jacke, Becky!“ Herr B. gab ihr die Jacke, schob sie durch die
Tür und schloß diese.
Becky warf von außen ihre Faust gegen die Tür. „Ihr
Ausländerschweine!“ Dann stolperte sie die Treppen hinunter.
„Entschuldigt, Paul, Schatz, ich weiß nicht was ich sagen soll, das
hatte ich nicht erwartet.“
„Du hattest uns nicht erwartet, B. Was für einen Umgang du nur hast“.
Die Stimme seiner Exfrau war auf Grabesniveau angekommen.
„Darauf erst mal einen Schnaps, was, Paul?“
„Die kommt mir nicht mehr über die Schwelle!“, beteuerte er, als er das
tief verstörte Gesicht von Paul sah. „Wir sind doch Akademiker, B.“ war
alles, was Paul mit rauher, tiefer Baßstimme sagte, bevor er das
angebotene Whiskeyglas nahm, aber seinem Gesicht war es
anzusehen, daß seine Zuneigung zu Herrn B. gerade einen Riß
bekommen hatte. Die drei setzten sich steif und umständlich auf die
Couch. Gabi traute sich aus der Küche und brachte den Kaffee mit. Sie
schwankte dabei ein wenig, blickte nach unten und sagte kein
Wort. Dann ließ sie sich in den Sessel fallen.
„Deine Wohnung sieht anders aus“, stellte B.s Exfrau nach
mehreren Minuten peinlicher Stille fest.
„Ja, Gabi hat ein bißchen gewirkt.“, sagte Herr B. nicht ohne Stolz.
„Endlich stehen wieder mal ein paar Bücher in deinem Regal.“ Herr B.
runzelte die Stirn und schaute.
„Tatsächlich! Nicht von mir. Das war so eine Zeitverschwendung, du
kennst ja meine Meinung.“
„Warum nur. Du hast früher so gern gelesen.“
„Und, was hat es mir genützt? Du siehst doch, was aus mir geworden
ist.“, sagte Herr B. und hielt mitten in der Bewegung inne, mit der er
sich immer auf den Kopf klopfte.
„Mein ganzer Kopf ist explodiert mit den Büchern, die ich da rein
gestopft habe. Und diese komische Wissenschaft, die da drin stand.
Was hatte die wirklich mit den Menschen zu tun? Ich bin jetzt lieber den
Menschen näher. Ich brauch keine Bücher mehr.“
„Ich habe dir ein paar alte Fotos mitgebracht, B.“, sagte seine Exfrau
und gab ihm einen dicken Briefumschlag aus ihrer Handtasche. B.
nahm ihn und fischte ein Foto heraus. Die andern nahmen ihre Tassen.
Auf dem Foto zu sehen war er, an seinem Schreibtisch in der Villa,
vor einer Bücherwand. Auch er schaute von einem Buch auf fragend in
die Kamera hinein. Herr B. saß lange vor diesem Bild, still und
andächtig, bis Gabi sich schließlich regte.
„Fotos? Mann, zeig doch mal!“
Manche Dinge und Frauen ändern sich nie, dachte Herr B. und stand
auf, um eine Schallplatte aufzulegen, mit Aufnahmen aus "Tristan und
Isolde".
Und dann, wieder nach einer Weile, als sie fast schon eine richtige
Kaffeegesellschaft waren, sagte seine Exfrau in die Musik hinein:
„Paul wollte noch was Fachliches mit dir besprechen.“
„Also, ja, ich weiß nicht, in Anbetracht der Sache“, zögerte Paul,
während B. ihn fragend ansah. Seine Augen leuchten noch immer so
wie früher, dachte Paul.
„Na gut, also.“ Paul nahm Zettel und Stift heraus, und füllte den Zettel
mit Symbolen, Strichen und Zahlen. „Wir haben da eine neue
Schaltung…“
Dann folgten viele Fachtermini, die Herrn B.
umschwärmten wie Mücken bei der Paarung. Mit offenem Mund saß er
da und fuhr die Linien andächtig mit den Fingern nach. Verzweifelt
versuchte er, sich zu konzentrieren. Da war etwas, aber er konnte es
nicht fassen. Das war es gewesen, das alte Leben. Symbole und
Zahlen. Kompliziert war es gewesen.
„Stop, Stop, Paul", wollte er gerade sagen, als sich Gabi unvermittelt zu
ihnen beugte und über die Zeichnung schaute.
„Gib mir mal den Stift. Also das hier kommt mir komisch vor“, sagte sie
und deutete auf eine Zahl. „das müßte so sein…“ Dann drehte sie den
Zettel um und füllte die Rückseite mit ihrer Version.
Herr B. sah sie entsetzt an, seine Exfrau amüsiert und Paul
argwöhnisch und mit fortlaufender Entwicklung freundlicher. Schließlich
war er sogar begeistert.
„Wo haben sie denn studiert?“, begann er achtungsvoll eine
Konversation mit Gabi. Der Hund schlief unter dem Tisch.
„Ich glaub, die zwei brauchen uns nicht B. Komm laß uns auf den
Balkon gehen.“, sagte die Exfrau. Sie löste den fassungslosen B. aus
der Couch und zog ihn auf den Balkon.
„Also deine neue Freundin scheint ja doch eine nette zu sein.“
„Also das hätte ich auch nicht erwartet. Ich hab ihr nie zugehört, wenn
sie von ihrem Studium geredet hat. Ich weiß eigentlich gar nicht, was
sie ….“
„Ach B."
"Du kennst mich doch, fünf...."
"Deine Sprüche haben mir nicht gefehlt. Ich bin fast verrückt geworden
durch diese Endlosschleifen. Sei mal kurz ruhig." Und dann schwiegen
sie eine Weile zusammen. Sonne und Wolken mischten sich ineinander
und lösten sich wieder.
„Sag mal stimmt das eigentlich?“, fragte B. in die Stille hinein.
„Was?“
„Daß du mit ihm schläfst?“
„Was?“ Ihr Gesicht fror kurz ein, dann lachte sie.
„Und wenn so wäre, es ginge dich nichts mehr an.“
„Nein.“, sagte Herr B. langsam.
Als sie wieder in die Stube kamen, diskutierten Paul und Gabi noch
angeregt miteinander. Sie hoben die Köpfe. „Ich habe von ihrem
Problem gehört, B". sagte Paul.
"Wenn sie entzieht und trocken bleibt, könnte ich ihr trotzdem eine
Stelle verschaffen.“
„Du mußt ja Eindruck gemacht haben“, sagte B.
„Das hat sie“, sagte Paul.
„Laß uns gehen“, die Exfrau beugte sich zum sitzenden Paul herunter,
wobei sie sich eigentlich nicht viel bücken mußte. Etwas in dieser
Bewegung ließ Herr B. stutzen und...lächeln. Dann ging sie in den
Korridor und kam mit einem Mantel wieder.
„Kann ich mal schnell aufs Klo?“. Paul zog sich an.
„Also dann mal wieder. Wenn’s paßt.“, sagte er mit seinem Baß.
„Aber das hier ist echt nichts für dich und mich.“ und deutete um sich,
Wohnung und Stadtviertel auf einmal verdammend.
„Mir gefällt's hier, ob du's glaubst oder nicht.“, sagte Herr B. Paul zuckte
mit den Schulten.
„Bist du fertig?“ fragte die Exfrau, aus der Toilette zurück, Paul.
„Fertig sind wir schon lange, nur die Haare und Nägel wachsen noch
kontinuierlich!“ schoß Herr B. dazwischen. "Humor muß sein, oder, den
laß ich mir von dir nicht austreiben.“
„Na, denn tschüß!“ An der Schwelle standen fünf Kreaturen und eine
davon wedelte mit dem Schwanz. Als der Besuch fort war, fing Gabi an,
zu heulen.
Eine Woche später fand sich Herr B. seltsamerweise in einer
Buchhandlung wieder. Er wußte nicht mehr so genau, wieso er den
Laden betreten hatte. In seiner Hand hielt er ein Foto. Darauf, war er,
wie er an seinem Schreibtisch saß, dem alten Schreibtisch in der Villa.
Hinter ihm eine Wand aus Büchern. Und auch er schaute aus einem
Buch heraus auf, fragend in die Kamera.
Montag, 12. Januar 2026
Ein neues Leben
Das Loch (Satire)
Es war einmal ein Loch, in das fielen die Wörter hinein. Von dorthin
flossen sie alle an einen unbekannten Ort. Der gebeutelte arme
Schriftsteller Lotro hatte dieses Loch direkt in seinem Kopf und nichts,
rein gar nichts fiel ihm mehr ein. Verzweifelt versuchte er, Stöpselworte
in das Loch zu stopfen, solche Worte wie Schwammwunderginster oder
Langzeitzentralerfassungsraumklang aber ach, auch die Stöpsel fielen
in das viel zu grosse Loch. Wohin führte es? Lotro wurde neugierig. Er
dachte sich selbst in ein -bootartiges- Adjektiv und schon ging es
abwärts im Strudel. Abenteuerlich trieb er im dunklen Malstrom
genialischer Einfälle und Konstruktionen und er warf ein Fischernetz
aus, um wenigstens einige von ihnen zu retten. Mit der Beute im
Ausmass einer kleinen Novelle sank er erschöpft zu Boden. Doch noch
war das Ende seiner Reise nicht erreicht. Wo würde der Strom zu Tage
treten? Ja, es war ein helles Glimmen, das ihn wieder zu Sinnen
kommen liess und Lotro machte sich bereit. Aufrecht strebte er am
Mast empor, das Gesicht ehern, die Schultern gespannt. Plopp! Plopp,
plopp... Lotro hatte mit Schwierigkeiten gerechnet. Weit ausholend
schleuderte er den Anker und sah bass erstaunt das schier
Unglaubliche. Ein gigantisches Häckselwerk teilte den Strom in tausend
kleine Teile und dieser floss nun in Federn, Stempel und Walzen. Und
dort hindurch sah Lotro, wer ihm die Worte aus dem Kopf saugte. Alle
die Leute, die beim Schreiben gar nicht dachten. Da es keine
ungedachten Worte gab, war da dieses gewaltige Vakuum, das den
Denkern wie ihm zu schaffen machte. Euch werd ichs lehren, schüttelte
Lotro die Faust! Und so fischte er erneut an gefährlichen Schlünden
und schrieb einen hermetisch-enigmatischen Roman. Dieser bestand
aus einem einzigen Wort, welches über viele Seiten hinweg
aufsehenerregend und hitparadenverdächtig vorsichhinondulierte, ja
mäanderte, sinnheischend und doch frei von Sinn war. Die Kritiker, ja die
Presse und alle Nichtdenker schrien vor Schmerz, den die versuchte
Verdauung ihnen bereitete. Dennoch wurde es ein Erfolg und nicht
wenige Denker nahmen sich nun ein Beispiel. Der Häcksler zerbrach,
das Loch verstopfte und fortan konnte Lotro wieder in Frieden
Geschehnisse im Zahlenraum (Satire)
Familie Menge hat eine neue kleine Schnittmenge. Aus diesem
Grund kommt ein befreundetes Zahlenpaar zu Besuch, um ebendiese
zu bewundern, denn die beiden sind gesellig.
"Ach wie niedlich! Sie ist euch wie aus dem Gesicht geschnitten!"
Zahlpaar und Mengepaar unterhalten sich anschließend noch
entrüstet über die Ehe von einem anderen Zahlpaar, das einfach auf
keinen gemeinsamen Nenner mehr kommen könne, denn im Bett liefe
es längst nicht mehr so gut, der Mann habe nur noch die dritte
Potenz. Und die Frau sei einmal mit einem seltsamen Attraktor
gesehen worden, worauf ihre eh schon verästelte Logik diffus wurde.
So ginge sie nun öfters als nötig zum Bäcker Gleichung und bestelle
sich Mandelbrote. Worauf der misstrauische Mann fände, einige der
Kinder seien so merkwürdig, das wäre nicht natürlich, die seien von
besagtem Bäcker, besonders der kleine Euler, der immer so irrationale
Sachen mache. Sie, die armen Kinder, könnten nun zum kleinsten
gemeinsamen Teiler werden. Aber da hätte vorher noch der Divisor
drüber zu entscheiden. Da solle man sich nun mal was draus ableiten.
Worauf die plaudernden Paare hinaus aus dem euklimatisierten Raum
in den sommerlichen Garten gehen und da sagt Frau Zahl:
"Ihr habt da aber eine schöne Reihe gerader Funktionen da stehen."
"Ach die sind doch nur Beta.", sagt Frau Menge und ihre elliptischen
Kurven schwellen vor Stolz, "Guck mal da ins Gewächshaus, da sind
unsere Polynome, die sind schon fast Legendre in der Nachbarschaft."
"Und was macht eigentlich die Grossmutter?"
"Ach, die, die hat immer noch ihre Hyperbolie, schlimm ist das."
Bis(s) zum Liebhaben (Satire)
Frau von Welfensteyn stand hinter den schweren
roten Samtvorhängen und seufzte: "Waf für ein wunderföner fahler Mond
heute, mein Liebling! Laff unf doch ein wenig herumflattern!" Sie blickte
über die Veranda auf den Park mit seinen schwarz gegen den Himmel
ausgeschnittenen Krüppelbäumchen und ihr violettes Haar mit den
weißen Strähnchen kam im flackernden Kerzenlicht ausgezeichnet zur
Geltung. Herr von Welfensteyn säuselte vom Sekretär: "Du,
Honigmäulchen, ich habe wieder über unferen Ruf in der Welt
nachgedacht... Wie die Menffen unf haffen."
Frau von Welfensteyn ging zu ihrem nachdenklichen Gatten und
legte ihm ihre schmale Hand auf deine knochigen Schultern. "Daf ift
doch nun nichtf Neuef, Darling. Früher waren es Miftgabeln und heute
ift ef fflechte Propaganda. Wie bifft du nur fo empfindlich geworden?"
"Propaganda, Mäufelchen? Ja, richtig, Wörter. Du bift genial!"
"Aber wiefo denn?" Ihre beringten Finger hielten inne beim Kämmen
durch seine aschblonde Mähne und die Haut über ihren hohen
Wangenknochen spannte sich. Welchen Floh mochte sie jetzt wieder in
seinen verstaubten Hirnkasten gesetzt haben? Sie konnte den Floh
förmlich schon springen hören. Tock. Tack.
"Waf meinft du, könnten wir nicht einen diefer mediokren
Ffreiberlinge dafür bepfahlen, ein paar Beftfeller über unfere Gattung
pfu Papier pfu bringen? Ich ftelle mir da etwaf ffön Romantiffes vor, ef
muff viel umf Küffen gehen." Er gestikulierte. "Umf Herpf! Um daf
Ffickfahl! Umf Liebhaben! Um Feelenferwandffaft!"
Frau von Welfensteyn war erleichtert und gerührt: "Pfauberhaft,
mein Mäufelpfähnchen! Fo etwaf ffönef habe ich ja ffon feit
Jahrpfehnten nicht mehr von dir gehört! Felftverftändlich kenne ich da
eine geeignete Perfon. Fo ein rührfeligef unerfülltef Frauenpfimmer."
"Dann laff unf gleich vorftellig werden." Herr von Welfensteyn
sprang auf und verpuffte augenblicklich in eine kleine Fledermaus.
"Halt, halt. Paff doch auf. Daf Glaf" hielt seine Gattin ihn zurück und
öffnete die Fenstertür. Von draußen schloss sie diese, entließ das
kleine zappelnde Tier in die Nachtluft und folgte ihm, nur einen
Flügelschlag später.
Mittwoch, 17. Juli 2024
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 9
Über die Rückreise soll nichts weiter berichtet werden. „Machs gut,
Kumpel. Pass auf dich auf." sagte Paketmann zum Abschied. Dem Grünling
entrollten ein paar Krokodilstränen. Kroko kam anhand der Frachteinträge
wieder in seinen Zoo zurück und da war der August doch ganz froh, denn
das Kroko war, ohne das er es erkannt hatte, zu einem
Publikumsliebling geworden und viele hatten schon danach gefragt.
Jedoch kam es in einen Einzelkäfig mit Aufschrift „Streicheln auf
eigene Gefahr", was noch mehr Besucher veranlasste, es zu besuchen,
wenn auch weniger, um es zu streicheln. Und seine Lichtshows wurden der
Hit.
Doch Nachts war es sehr einsam und es dachte oft an das
Drosseli und auch an Paketmann und konnte nicht schlafen. Das Drosseli
hatte inzwischen einen Schnapsdrosselrich geheiratet. Dieser betrog sie
aber häufig mit einer Blaumeise. Nun fiel einige Male Herbstlaub und
die Nachtigallen sangen, bevor der Staat, in dem sich der Zoo und der
Sumpf befand, strengere Artenschutzgesetze heraus gab und der
Zooleiteraugust musste sich von vielen seiner Insassen trennen, auch
von dem Drosseli und dem Kroko, die zu ihrem Sumpf zurückkamen. Das war
eine Freude beim Wiedersehen am Sumpfesrand!
Das Kroko
machte wieder Handstände und Purzelbäume und Drosseli surrte durch die
Gegend wie verrückt, dass die Schallmauern nur so purzelten. Dann
verschwanden die beiden im Nebel, mit Licht und heftigem Geklapper
natürlich. Und der Kobold Nickel, der doch gar nicht so böse war,
sondern nur eine unpassende Frau geheiratet hatte, die auch nicht böse
war, sondern... nun ja der wurde zum Ranger für den Sumpf erklärt und
das Umliegende und passte nun auf, dass keine Strolche mehr kamen und
Tiere entnahmen. Das Kroko und das die Ventildrossel lebten nun wieder
friedlich im nebeligen Sumpf und wussten, was ein Zuhause wert sein
kann, weil es mehr ist als nur eine schöne oder nicht schöne Gegend,
sondern vertraut. Doch ab und zu gingen sie mit den Trommelhasen auf
Tournee und konnten sich für die Drossel einen Radarhelm leisten, damit
sie nicht mehr im Nebel gegen die Bäume flog.
Ende
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 8
So lebten beide einträchtig eine ganze Weile. Bis Paketmann eines Abends
freudestrahlend mit einer Holzkiste angelaufen kam, die schon
reichlich vergammelt aussah. „Guck mal, was ich hier gefunden habe,
grüner Freund!" Ächzend stellte er die Kiste in den Sand, drinnen
klirrte es. Paketmann lupfte den Deckel, drinnen waren lauter bauchige
Flaschen. „Bester Jamaika Rum! Ich habe eine Höhle in den Felsen
gefunden und da stand das Zeug rum." „Weißt du, dass das Rum früher
geschmuggelt wurde? Vielleicht gab es hier sogar Piraten mit Holzbeinen
und Hakenhänden oder Augenklappen". Paketmann spielte Pirat, er
humpelte durch den Sand und krähte „Auf, Kameraden, entert die Prise!
Tod und Teufel!". Kroko schüttelte den kopf. Wie peinlich Ronnie
manchmal sein konnte. „Das muss gefeiert werden." Paketmann
entstöpselte eine der Flaschen. „Hoch die Tassen!"
In der
nächsten Zeit war Paketmann oft nicht mehr ansprechbar. Entweder
torkelte er am Strand entlang. Oder er hüpfte mit der Flasche um das
Feuer und rief: „Die Hühner tun es! Die Hühner tun es! Die Hühner,
jaaaha.." und so weiter und dann kicherte er immer so eigenartig. Waren
da etwa bunte Kröten drin in den Flaschen? Kroko vermutete es. Bald
hatte Ronnie keine Augen mehr für das Kroko, nur noch für seinen Rum und
Kroko verzog sich wieder ab in den Sumpf. Fische brachte es auch keine
mehr. Sollte der doch sehen wo er blieb, am besten bei seinen Hühnern.
Aber wie man sich das natürlich vorstellen kann, war der Schnaps
irgendwann alle und das war auch keine gute Zeit für Paketmann.
Und als das Kroko eines Tages mal wieder von einer Erbebung geängstigt
zum Lagerplatz floh, fand es dort nur noch Reste und niemand war mehr
da. Da wurde es traurig und kam sich verlassen vor. Doch nach einer
Weile betretenen Umherwanderns fand es einen Pfad und es erinnerte sich
an die Höhle, die Ronnie erwähnt hatte. Nun war der Weg nicht schwer zu
finden. Und so fand es den Menschen abgemagert und krank und zitternd
darumliegend. Mit einer Mischung aus Reue und Genugtuung machte es sich
an die Arbeit und brachte Paketmann mit Futterkokosnüssen soweit
wieder auf die Beine, dass er sich selber weiterhelfen konnte.
Dann wurde alles wieder gut und eines schönen Tages, an dem Kroko schon
einen Reiher gescheucht hatte, nachdem es sich lautlos angeschlichen
und dann geknurrt hatte und Paketmann es mal wieder veralbert hatte ,
indem er behauptet hatte, „Da kommt die letzte Welle!" und beide gerade
in der Mittagshitze dösten (das Kroko mit aufgerissenem Maul), kam
tatsächlich ein Schiff an. Paketmann guckte erst blöd, als käme er sich
vergackeimert vor „Ich glaub, mein Hamster bohnert!", dann aber war er
wie ein geölter Blitz unterwegs, so schnell, dass das Kroko blinzeln
musste, und rief und winkte und lachte. Gemächlich watschelte das grüne
Viergebein hinterdrein. Erstmal „sehen, was die Flut da angespült"
hatte. Diesen Satz hatte es von Paketmann in letzter Zeit oft gehört.
Auf dem Schiff waren Männer, die an Land kamen und sich als Ranger
ausgaben. Sie fragten Ronnie, was er hier zu suchen hatte und
behaupteten, es wäre gefährlich, fremde Tierarten hier auf dem
Somoruarchipel einzuführen. Nun, Paketmann erzählte seine Geschichte.
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 7
Warte mal..." Paketmann
kramte in seiner Westentasche. „dacht ich mirs doch! hah!" Mit diesen
Worten zog er ein längliches lila Dingsda mit silbrigen Ende hervor.
„Feuerzeug, immer dabei!" Zzzoschh, sprang ein kleines Flämmchen hervor
und Kroko wich zurück. „Brauchst keine Angst haben, das Feuertier ist
ein Freund, wenn du es bei kleiner Speise hältst. Mal sehen, ob das
Zeug hier brennt." Und sobald Paketmann den Finger vom Feuerzeug nahm,
verschwand auch das Feuertier wieder darin. Paketmann sprang auf und
sammelte ein paar trockene Palmwedel zusammen. Die brannten dann auch
lichterloh und verschickten beißende Glühwürmchen. Kroko ging
vorsichtshalber noch ein Stück weg. Doch sehr lange brannten sie nicht.
„Mist, da muss ich noch weiter inseleinwärts, richtiges Holz holen,
aber heute nicht mehr. Gute Nacht, mein Bester !" Paketmann zog sich in
seinen gelben Pavillion zurück. Ein wenig später wälzte sich Kroko in
der warmen Asche. Dann ging es wieder auf Wanderschaft über die Insel.
Dabei wurde es durch einen heiseren Vogelschrei erschreckt. Das war der
Ruf des Kokoskäuzchens, dass auf Beutezug ausflog. Da versteckte sich
das Kroko doch kurz im Unterholz. Dann kroch es über Steine, mächtige
Wurzeln und schwamm durch kleine Teiche. Alles war dicht be- und
überwachsen. Stachelige Igel kreuzten schnaufend seinen weg.
Fledermäuse flatterten hoch oben vorbei. Im Morgengrauen kam es wieder
zurück zum Lagerplatz und duselte ein.
Am nächsten Morgen
bekam es als erstes eine Ladung Sand ins Gesicht. Neben ihm brodelte
der Boden. Wupps, noch eine Ladung. Kamen da die Kokosnüsse her? Aus
dem Sand? Aber dann kam ein kleiner Reptilienkopf mit lustigen
schwarzen Äuglein zum Vorschein. Na, klar, dass Kroko da nicht gleich
drauf gekommen war. Die hiesigen Krokodile schlüpften. Oder doch keine
Krokos? Noch mehr Köpfchen kamen heraus und dann krochen die kleinen
Racker ganz aus dem Sand. Die runden Panzer auf dem Rücken, das waren
ganz klar Schildkröten. Die so fertig aus dem Sand gekrochenen
watschelten ohne Verzögerung Richtung Meer, wobei sie oft das
Gleichgewicht verloren und Purzelbäume machten. Und da waren sie
plötzlich, grosse rote stieläugige Landkrabben. Hässlich wie die Nacht
und verfressen. Lautlos im Seitwärtsgang schlichen sie sich zur leichten
Beute. War denn keiner zur Bewachung da? Tsss tsss. So eine Schluderei
gab es bei Krokodilen nicht. Weil wirklich keiner weiter da war,
zeigte das Kroko den Krabben die Harke, und schnappte, so gut es eben
ging. Das war gar nicht so einfach, denn allzu groß war das Kroko nicht
und die Scheren konnten höllisch zwicken.
Die kleinen
Schildkröten waren viel zu langsam. „Krabben, wunderbar, gerade
richtig, ich habe ein neues Feuer gemacht." Paketmann bückte sich
„Whoa, da brauchen wir Schnur. Du glaubst nicht, was so eine
Rettungsinsel alles dabei hat". Ronnie sprintete kurz weg, kam aber
gleich mit einer Leine zurück, mit der er den Krabben einzeln die
Scheren am Panzer festband und die Krabben dann aneinander. So konnte
das Kroko die Schildkrötlein ins Meer begleiten und Ronnie bekam eine
weitere Mahlzeit. Im Wasser kamen die Panzerpaddler erstaunlich gut
zurecht. Sie schwammen anders als das Kroko nicht mit ihrem Schwanz,
sondern mit ihren Beinchen. Mann, hier im Flachwasser war aber überhaupt
was los.
Überall zischten kleine Fische umher. Und weiter meerauswärts, zwischen den scharfkantigen Korallen gab es auch grosse Fische. Und Tentakel- und Stacheltiere. Die Fische waren bekömmlicher als die bunten Frösche und auch Paketmann bekam welche ab. Wegen der Hitze am Tage schlief der Grünling meistens dann, wenn Paketmann wach war und ging nachts jagen, auch wenn das wegen der streitlustigen Tintenfische mit ihren tischtennisballgrossen Augen nicht ungefährlich war.
Sonntag, 26. Mai 2024
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 6
Derweilen unter Wasser:
Ich muss träumen, dachte der kleine Grünling, von seiner schweren
Halskrause befreit. Scheu tasteten seine Scheinwerferaugen durchs
Dunkel. Wie wunderschön sie ist. „Wer bist du?", fragte es. „Ich bin die
Meeresgöttin Margo." „Mein Wille ist es, meine Kinder vor Unrecht zu
beschützen." „Danke!" „Leider kann ich nicht überall sein" Jetzt sah sie
traurig aus. „Was für schöne Augen du hast", sprach sie. „Wohin
bringst du mich?" „Nach Haus...." Kroko strahlte vor Glück. „Nach
Haus..." wiederholte es und dachte an das Drosseli.
Unvermittelt rümpfte es die Nase. Irgendetwas roch hier seehr
eigenartig. Blubb, Blubb. Kroko trieb wieder im Sumpf. Blasige Blasen
stiegen um es herum auf, Kleinblasen und Grossblasen. Aua, der Kopf
brummte und puhh, wie das stank! Kroko kannte das von zu Hause: entweder
man hatte Besuch im Teich oder die Luft wurde bald knapp. Auf jeden
Fall hieß es Leine ziehen, denn was immer es war, es war ob der
Blasenzahl mächtiger als der Grünling. Also wieder heraus aus dem Sumpf
und an den Strand, mal sehen was Paketmann so trieb. Auf dem weg dahin
grummelte und bebte der Fußboden so eigenartig und es war beinahe wie
im Traum noch. Es dauerte eine Weile, bis Kroko den Paketmann fand. Der
hatte sich inzwischen aus dem gelben Aufblasdingens und ein paar
Stöcken am Strand eine Art Käfig mit Dach gebaut, unter dem er nun saß
und mit einem Stein wie ein Besessener auf einer der Kugeln
herumklopfte, von denen eine unserem Vierbeiner beinahe auf die Nuss
beziehungsweise den Kopf gefallen war. Neben ihm lag noch ein ganzer
Haufen solcher Kugeln, auch Kokosnüsse genannt...
Forsch
watschelte Kroko darauf zu und biss in eine hinein. Krach. Dann die
nächste. Knack. Und weiter. Die Dinger mussten unschädlich gemacht
werden, bevor sie wieder auf die Bäume kletterten. „Na, da bist du ja
wieder, hee dass sind meine... super, du kriegst sie auf!" war
Paketmanns wirre Begrüßung. Dann sprach er erstmal eine Weile gar
nichts, weil er mit seinem Steinchen und auch den Fingern die weißen
Innereien der Kokosnüsse in sich hineinstopfte und schmatzte. „ Du bist
ein prima Nussknacker", sagte er später. „Komm lass uns ein Nickerchen
machen".
Das war eine vernünftige Idee, aber Kroko wollte es
ein wenig kühler und buddelte sich vorne weiter eine Kuhle in den
feuchten Sand, die sich mit Wasser füllte. Hier ließ es sich vorzüglich
pennen. Schhhhhh, machte das Meer. So ratzten sie eine Weile lang, bis
sie wieder ein Grummeln und Beben aus dem Schlafe riss. Das Kroko
watschelte zum Paketmann und schaute ihn fragend an. „Hast Dus auch
schon mitbekommen, was? Guck mal nach da oben." Es guckte und staunte.
Es gab keinen Zweifel, da war ein ganz schön hoher Berg da oben.
Mittwoch, 8. Mai 2024
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 5
Doch zurück zur
Kaptänskajüte. Nun, wir wollen nicht verheimlichen, dass der Käpt'n
neben jeder Menge Gold auch noch einen Papagei namens Master Mine
besaß. Das war ein schneeweißer Kakadu, der seinen Schopf lustig auf
und nieder stellen konnte und auch sprechen, zum Beispiel: „Galeone in
Sicht! Fertig machen zum entern! Gehauen und gestochen! Spießgesellen!
Spitzbube! Bandit! Teufel, Teufel! Mistviech, halt den Schnabel!" und
so weiter. „Wo hab ich denn deinen Käfig verramscht, Kamerad?" „Dein
neuer Genosse braucht glaub ich, ein wenig gesiebte Luft fürs erste!
Zackige Zähne und gerissene Äuglein! Sicher ist sicher, sonst beißt du
mir im Schlaf eins, zwei die Nase ab, nicht war?" Der stählerne Haken
bohrte sich unter Krokos Kinn „Ich hab dich gleich durchschaut" Und
dann lachte der Schwarzbart, dass die Schärpe wackelte. Und fiel
vornüber aufs Gesicht. Ein mächtiges Wummern erschütterte das Schiff.
Beim vornüber Fallen griff Schwarzbart nach der Tischplatte und warf
das Möbel mit Schwung in die Senkrechte, worauf das Kroko kopfüber in
einem goldenen Krug landete, so das nur noch die Hinterfüße und das
Schwänzchen zu sehen waren. Auch Mr. Graven an Deck, der noch immer
brütete, woher das verdammte Krokodil so plötzlich aufgetaucht, gar vom
Himmel gefallen (er war etwas schlauer als der Käpt'n) war, setzte sich
auf seine vier Buchstaben. Den Dreispitz schob er sich vom Gesicht und
runzelte erneut die Stirn. In den Mannschaftsräumen fielen die
Schlaf-Piraten aus den Kojen, suchten nach ihren Entermessern und
Laternen. In der Kombüse hopsten die Töpfe vom Haken. Holzbeinmann
blickte über die leere, aufgepeitschte Wasseroberfläche. Irgendetwas
Unterseeisches wütete am Schiff und die Gallionsfigur war bereits aus
ihrer Verankerung gerissen und verschwunden.
Da,
ein riesiger, grüner, schuppiger Leib! Da, eine Klaue! Wumm! Mr. Oars
hielt das Ruder und betete. Endlich kam Bewegung an Deck.
Aufgescheuchte Piratenmatrosen brachten ihre Gewehre in Stellung und
schossen ins Wasser. Dann fuhr eine grüne Faust mit einem gewaltigen
Hieb durch die Schiffswand, genau da, wo die Kaptänskajüte lag.
Holzsplitter regneten. Und das Ungeheuer richtete sich auf übers
Wasser. Einige der Matrosen plumpsten in die See. Die anderen erstarrten
vor Entsetzen. Was sie da angriff war, eine riesenhafte Verkörperung
ihrer schuppigen Schutzgöttin Margo, genau, wie sie als Gallionsfigur
vom Bugspriet gehangen hatte. Halb Fisch, Halb Frau. Sie waren
verflucht.
Im Zeitlupentempo zog sie die Faust wieder aus dem
Schiffsrumpf. Etwas güldenes, in ihrer Hand fast winziges blinkte
darin. Triumphierendes Gelächter erschallte. Bösartig und verlockend zu
gleich. Die Männer an Deck hielten sich nun die Ohren zu und besonders
Furchtsame warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Margo riss die Augen
weit auf und schüttelte ihre meeresgrünen Haare. Seetang und –sterne
flogen umher (Mr. Oars bekam einen ins Gesicht). Mit einer flinken
Handbewegung knickte sie den Hauptmast der Brigg, als sei es ein
Streicholz. Ein zufriedenes, meterlanges Lächeln spiegelte sich auf
ihrem Antlitz. Dann versank sie im Meer. Die Brigg, nunmehr ein Wrack,
dippte in ihrem Strudel. Aus dem Kapitänskajütenloch flog etwas Weißes
und schrie:"Hurrra, Hurra, gehauen und gestochen! Auf die Beine ihr
Halunken!". Dann war alles ruhig.
Samstag, 4. Mai 2024
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 4
Die Nacht war sternenhell und es befand sich auf einem schwankenden Holzschiff. Auf und ab. Auf und ab. Weisse Stoffbahnen blähten sich an drei Mastbäumen. Und am höchsten Mast ganz oben flatterte eine Schädelflagge! Tock, tock, tock. „Wen haben wir denn da?" Der Velourgrünling schaute in ein langes, knochiges Gesicht mit schmallippigem Mund, Hakennase und kühlen hellgrauen Augen, umrandet von ebenso grauem, silberigem Haar, auf dem ein Dreispitz saß. „Guck guck!" Eine Hand mit stählernem Griff umklammerte seine Schnauze und das Kroko verlor den Boden unter den Füßen. „ Ein willkommene Abwechslung für die Küche, har, har. Du kommst in den Topf, mein Kleiner!" Dann richtete der Mann sich auf (er war sehr groß und trug das bibberige Speiseplankroko über Deck. Mit seinem Holzbein (tock, tock) unterhielt er dabei die Männer unten in ihren Kojen ganz ausgezeichnet.
Die Sterne beguckten noch immer die Schiffsplanken und manchmal
blinzelte eines. So sahen sie auch, wie der lange graue Mann mit dem
Kroko unter dem Arm unter Deck verschwand. Aber Sterne sind eitel und
sonnen sich nur in ihrem eigenen Licht. An der Tür griff der
Holzbeinmann nach einer Petroleumfunzel. Dann ging es über wackelige
hölzerne Stufen abwärts. Tock, tock.
Ein riesiger, krummer Schatten
folgte ihnen. Kroko hielt sich die Vorderbeine vors Gesicht. Dann
blieb der graue Hühne stehen und hämmerte gegen eine Tür. „Käpt'n!
Neuigkeiten!" Hinter der Tür rumpelte es, Glas klirrte und ein paar
saftige Flüche folgten. Knarr, das Brett öffnete sich einen Spalt breit
und ein Pistolenlauf schob sich dazwischen hervor. „Mr. Graven, wenn's
nichts Ernstes ist, landen sie bei den Fischen, ich schwör's!" „Nee,
Käpt'n! Ich hab was Lustiges gefunden." „Hah, sag's doch gleich, alter
Halunke! Hereinspaziert!" So schwang die Tür auf und gab den Blick auf
einen Mann frei, der etwas kleiner war als Holzbeinmann. Wie dieser war
er nicht besonders dick, sondern drahtig und wettergegerbt. Im Gesicht
wucherte ihm ein wilder schwarzer Bart und seine Augen funkelten wie
polierte Metallkugeln. So schwarz wie sein Bart war seine Kleidung, von
der sich eine rote Schärpe albern abhob. Mit einer weit ausholenden
Geste hieß er den Grauen eintreten und steckte die Pistole zwischen
Wams und Schärpe. Wo seine rechte Hand hätte sein sollen, war ein
Haken. Ein schmieriges Lächeln bemächtigte sich seiner. „Nun raus mit
der Beute, har, har!"
Schwarzbart schob mit der Hakenhand ein
paar leere Weinflaschen vom Tisch, die zu Boden polterten und im
Halbdunkel zwischen güldenen Kelchen, Kisten mit Dublonen, Edelsteinen,
Perlen und Elfenbeingötzen verschwanden. Mr. Graven packte das Kroko
auf die Platte, die Schnauze weiterhin fest umklammert. „Naa? Zuviel
versprochen? Fass mol dran" „Ich wird verrückt, ein Krokodil mit Fell!"
„Sollen wir das essen?" Sofort guckte Holzbeinmann wieder in die
Pistolenmündung. „Das könnt euch so passen" diesmal hatte die Stimme
des Käptn's einen messerscharfen Schliff. „Ordinäres Gesindel! Ohne
Bildung und Verstand! Ihr würdet ein Kiste Gold nicht erkennen, selbst
wenn ihr mit dem Gesicht drin läget! Das ist jetzt meins! Jeder, der
sich dem Ding auf fünf Schritt nähert, bekommt den Scheitel gelüftet,
beim Barte meiner Großmutter ! Nun raus, du stinkender Holzknochen!
Willst du meine Zeit stehlen?" Holzbeinmann ließ die Krokoschnauze
zögernd los und wich zurück. Böse grinsend schloss er die Tür. Sobald
der widerliche Trunkenbold wieder einmal besoffen röchelnd in seiner
Kajüte lag, würde er keinen Piaster mehr auf seine schwarze Seele
verwetten. Einen Dietrich hatte er schon lange. Da pfiff er sich eins
und grüsste im Vorbeigehen den Steuermann. „Einen gesegneten Abend, Mr.
Oars!" Mr. Oars nickte schweigend.
Freitag, 3. Mai 2024
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 3
Das Kroko blieb auch
noch einen Weile liegen, und als der Morgen herandämmerte wurde
Paketmann wieder wach. „Hallo mein grüner Freund", flüsterte Paketmann
und setzte sich ächzend auf. „Hund und Katz, wo sind wir hier bloß
gelandet?" Sogleich begann er seinen Körper zu begutachten, ob noch
alles da wäre. War noch alles da. „Bei dir alles ok, Kroko? Warte, so
kannst du hier nicht rumlaufen." Paketmann nahm dem Kroko den Maulkorb
ab.
„Aber schön merken: Ronnie ist kein Futter." Paketmann versuchte
zu lachen aber es hörte sich mehr so an: "Hahaauaaua!" (War wohl doch
etwas mitgenommen). „Nu, was guckst du so? Troll dich!" Da hatte
Paketmann recht und Kroko machte sich auf die Socken. Nichts gegen den
Strandsand. Der war schön weiss und weich, und eignete sich bestimmt
gut zum Eiereingraben. Aber da hatte es von ferne ein paar Geräusche
gehört, die ihm bekannt vorkamen. So ein Glucksen und Blubbern, so ein
Piepen und Quaken. Konnte es sein?
Nach dem Sand hieß es sich
zuerst durch jede Menge langfingeriges trockenes Laub wühlen. Bei
Gelegenheit stellte Kroko fest, dass diese Langfingerblattbäume
überhaupt keinen Schatten spendeten. Und man konnte sich nicht unter
ihren Wurzeln verkriechen. Wozu waren sie gut? Bums! Landete ein großes
rundes Dings vor seiner Nase. Vorsichtshalber biss das Kroko hinein.
War es gefährlich? Und weil Krokodile kräftige Kiefer haben, zerbrach
das runde Dingens. Es war innen hohl und schien nicht weiter lebendig
zu sein. Auf jedenfall nichts zu Essen für ein Kroko. Und weiterhin
waren Orte, an denen Sachen vom Himmel fielen ungesund, jawohl! Also
weiter... Es ging noch über ein paar schwarze, raue Steinbrocken, durch
dickes und kratziges Unterholz. Sehr gut, denn hier war es nicht so
heiß.
Und wie es richtig vermutet hatte wurde der Boden bald
matschiger und wässeriger und jede Menge geflügelte kleine Sachen
flogen durch die Gegend. Ach das war fast wie zu Hause, nur noch besser
hier! Und was hatte das Kroko auf einmal für einen Hunger nach
glupschigen Unken oder einem schönen Mulch! Mjam! Als es den ersten
Frosch an einem Zweiglein herunterhängen sah, kümmerte sich das Kroko
nicht darum, dass der rot war, sondern machte einen herzhaften Haps.
Prima, man konnte sein Essen hier vorher sehen! Bis zum Abend hatte es
sich Leckerbissen aller möglichen Farben einverleibt und trieb gemütlich
und zufrieden in einem modderigen Tümpel, aus dem tote Holzstumpen
staken. Da der geneigte Leser ja nun aber weiß, dass man exotische
Lurche nicht essen soll wegen ihrer Giftigkeit, ging es dem armen Kroko
bald seeehr schlecht. Und es hatte einen gar fürchterlichen Traum.
Dienstag, 30. April 2024
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 2
Lichtspiele waren hier
auch nicht erwünscht, nachts wollten alle schlafen nach dem harten Tag.
Der Gilluck (übrigens ein Langhaargilluck) hatte einen fürchterlich
rasselnden Atem, und weil dass so an das Ventilklappern erinnerte,
gesellte sich das Kroko zu ihm. Und jeden Tag wurde gestreichelt, was
ging. Das war nett so eine Zeit lang. Die grossen rosa Säuger kamen in
Scharen und brachten kleine rosa Säuger mit, die sich kaum auf ihren
wackeligen Beinchen halten konnten. Da ruderten sie mit den Ärmchen und
die grossen Augen und der Sabber lief ihnen aus dem Mund und der Nase
und drückten und knuddelten und gaben der dicken kleinen Ziege
Zuckerstückchen damit sie noch dicker würde. Oder man setzte sie auf
das Pony Peggy wo sie aber festgehalten werden mussten. Hü, Hopp!
Riefen sie und Peggy wieherte. All das leuchtete dem Kroko ein denn
sein Fell wurde prima sauber durch die Hände und so kam es eines Tages
auf die Idee, auch die kleinen rosa Säuger sollen was davon haben und
versuchte eines zu streicheln. "Buhää" war die Antwort und das grosse
Zubehör sagte was von "gemeingefährlich" und "Zooleitung" und trug den
Sabberlatz schnell weg. Da gab es abends eine Verwarnung vom
Zooleiteraugust, die sich gewaschen hatte: Was hast du dir dabei
gedacht. Halt gefälligst stille. Beim nächsten Mal kommst du in eine
Handtaschenfarm. Da wurde das Kroko störrisch und tat, was sein Name
sagte, nämlich es sperrte alle Streichelhände ab indem es mit seinem
zackigen Krokoschwanz draufhaute. Vielleicht war es ja in der
Handtaschenfarm ruhiger und man konnte mit diesen Handtaschen besser
auskommen.
Es dauerte auch nicht lange und der dicke August
wurde auch ganz dicke wütend. So, das hast du nun davon, sagte er,
jetzt muss ich mich schon wieder über dich erzürmen, schnappte sich den
Handabsperrer und verschickte ihn kurzer Hand in einer neuen Kiste
nach Übersee, Ziel Handtaschenfarm. Die gehörte einem gewissen Carlos
Haventyouseen.
Es waren Löcher in der Kiste und so konnte das Kroko
erstaunliche Dinge sehen, besonders auf dem grossen Platz mit all den
Metallvögeln, die anstandslos sowohl Kisten als auch Menschen aßen.
Eierbusse oder so ähnlich. Aber es sah aus, als sollte einer der Vögel
auch ihn verschlingen! Da wurde es dem Grünling in seinem Kasten
schummerig und ohnmächtelig. Aber drinnen war es dann doch ganz warm
und gemütsam. Aber wie es so ist, der Paketflieger stürzte ab (wobei
die Kiste vorteilsweise in Stücke zerfiel) und es überlebte keiner
außer dem Kroko und noch einem Mann, Ronald Eugene Turntosender
(Paketmann). Es gab einen fürchterlichen Gerums und Krach und dann war
alles weg, nur noch Wasser, wow so viel Wasser, und wie doof das
schmeckte.
Das
Kroko konnte prima schwimmen und Paketmann hatte in gelbes Aufblasteil
dabei. Kroko schwamm immer nebenher, weil es sonst nicht wusste wohin,
und Paketmann äugte zuerst skeptisch, aber mit der Zeit wurde er zu
erschöpft, um misstrauisch zu sein.
So schaukelten sie des Nächtens
an das Gestade eines fernen Landes wo die Bäume nur ganz oben Blätter
hatten und mit grossen Holzapfeln nach Einhergehenden warfen.
Als
die Brandung sie an das Festland geschoben hatte, kroch Paketmann aus
seinem gelben Aufblasdings und pennte gleich am Strand ein.
Freitag, 26. April 2024
Das Kroko und die Ventildrossel Teil 1
Es waren einmal ein
kleines Handabsperrkrokodil und eine Ventildrossel. Die lebten beide in
einem sumpfigen Sumpf und waren einander sehr zugetan. Da hatten sie
nun aber einigen Tages genug von ihrer modrigen Heimstatt, wo es nur
schrumpelige Mulche und glupschige Unken zu essen gab. Außerdem konnte
man des Nebels wegen die Hand nicht vor Augen sehen und so erkannte das
Handabsperrkrokodil die Ventildrossel nur an ihrem Klappern und die
Drossel das Krokodil nur an seinen grossen Augen, die leuchten konnten
wie Scheinwerfer. Das Klappern war wie ein Sonar nur es funktionierte
gar nicht, weil die Drossel eiliger als der Schall dahinhuschte. Des
öfteren veranstaltete das Krokodil lustige Schattenspiele für die
Drossel und selbige entspann eine kunstvolle Kakophonie dazu: klapp,
klapp ...
Nun also setzte sich die Drossel auf den schuppigen
Rücken und das Krokodil begann in eine Richtung zu laufen von der es
nicht wusste, welche es war, aber irgendwo musste es ja nach woanders
hingehen. Und wirklich, alsbaldig wurde der Nebel lichter und der Boden
tragfestiger. Und es ward eine grüne Wiese im Sonnenschein und
sahneblauer Himmel. Da sahen sie sich das erste Mal richtig. Das war
eine Freude! Das Krokodil war grün und passte gut zum Gras und die
Drossel konnte mal 5 Meter ohne eine bäumische Kopfnuss geradeaus
fliegen. So zirpte sie hin und her und zerbrach dabei einige
Schallmauern und das Kroko machte Purzelbäume und Handstände. Hier
wollten sie bleiben. Nun aber lebte nicht weit entfernt ein
jähzorniger kleiner rothaariger Mann namens Koboldt Nickel. Der hatte
zwei fürchterlich hässliche Hunde die Puter und Fitüre hießen.
Er war Streichelwildjäger und immer auf der Jagd nach neuen Insassen
für den bekannten und weltberühmten Streichelzoo seines grossen dicken
weisshaarigen Freundes August Schwafelsam mit einer dicken, rötlichen
Knollennase, durch die er oft schnaufte...
Beiden war Tierschutz völlig schnuppe!
Inzwischen hatte es angefangen zu regnen und das Drosseli hockte unter
Krokos Bauch und war schon wieder verdrießlich, wobei es mürrisch vor sich hinklapperte, weil nass war es im Moor auch ganz oft gewesen. Doch dann wurde es Nacht und das Getröpfel hörte auf und das Krokodil machte Disco Beleuchtung zum Takte der Drosselventile. Das entging dem bösen Koboldt nicht. Denn er saß des Nachts auf seiner Veranda und trank wilden Wein aus Würfelbechern. Da hatte er doch mal wieder mehr Glück als Verstand gehabt!
Mit Schwung erhob sich Rothaar-Koboldt (dein
Kopf brennt, hatten die Schulkinder früher immer zu ihm gesagt), aber
weil es in seinem Kopf ja auch ein bisschen matschig war verließ er die
Treppe in merkwürdiger Schräglage und landete bäuchlings zwischen den
Hühnern. Richtig, die mussten ja auch noch in den Stall. Was war er
wieder säumig gewesen, das würde mächtig Schimpfe geben, aua, aua.
Und da kam schon die neugierige Trulla Nickel herausgetrippelt und
krähte: "Was soll das für ein Gerumpel, Koboldt! Bist du wieder
betrunken? Und die Hühner noch außen. Muss ich alles selber machen?"
Jetzt schlug sie noch die Hände über dem Kopf zusammen, das konnte er
leiden.
„Spute dich Kopoldt und dann app ins Bett!" Nie kam sie,
wenn er was wollte. Also stellte sich Koboldt auf seine Hinterbeine und
stampfte mit den selbigen und lief rings herum puterrot an: „Frau!
Nein! Ich werde jetzt noch mal mit den Hunden raus. Geschäftlich, da
geht nix! Die Hühner schaffst du rein, mach auch mal was!
Rabatzmacherin."
Da lag schon auch ein leichter Schwefelgeruch mit
in der Luft. Worauf die Trulla Lippen und Äuglein zusammenkniff, sich
auf dem Absatz umdrehte und wortlos im Haus verschwand. Dort nahm sie
ihr Strickzeug und pfiff sich eins. Das mit dem Pfeifen ging schon aber
das mit dem Stricken klappte noch
nicht so gut. Koboldt stand nun
stramm und zog die Trillerpfeife:" Hühner antreten!" Das waren nicht
umsonst Westpoint Militärhühner die er von August geschenkt gekriegt
hatte. Trillller! Alle Hühner standen stramm da, bis auf das, auf dem
Koboldt gelegen hatte, das torkelte. „ Auf zum Stall, hut, hut, hut"
Vorauseilend schob er die Tür auf und ein Federweisser nach dem anderen
marschierte zack, zack durch die Öffnung: Huhn, Huhn, Hahn ........
Torkelhuhn, Schluss, Schloss, klick. Jetzt zum Hundezwinger und den
Wagen klar. „Komm Puter! Komm Fitüre!, Wir gehen auf die Jagd,
Streichelzeit!" Puter und Fitüre sprangen wie die Gummibälle um
ihn herum. Und so fing er die beiden Kroko und Drosseli ganz einfach
und hinterrücks weil die inzwischen sehr müde dem Schlaf anheim gefallen
laut schnarchten und klapperten, was das Zeug hielt. Zuvor war ihre
Musike noch von einigen Trommelkaninchen verstärkt worden aber die
wohnten weiter unten am Fluss und waren deshalb schon längst weg. Und da
ging es holterdiepolter in der Kiste zum Streichelzoo.
Das
erste, was die beiden unfreiwilligen Kisteninsassen erschreckte, war
Augusts Rübennase, so fest hatten sie geschlafen. Drosseli verkroch
sich hinter dem Kroko, das nichts zu verkriechen hatte und deshalb leis'
durch die Zähne knurrte. Na, aber da hatte es die Rechnung ohne den
August gemacht. Geschickt und schnell bekam es einen Maulkorb. „Ein
Handabsperrer aus der Familie der Velourkrokodile sehr schön Koboldt."
Tatsächlich sah das Kroko nur schuppig aus und hatte eine sehr weiche
und kuschelige Oberfläche mit Streichelgüte A. „Das pummelige Vöglein
hier nehme ich aber nur umsonst. Na, trinken wir erst mal einen drauf,
werden uns schon einig." Und haute dem Koboldt auf die Schulter, dass
die Knie einsackten und ein O machten. Der freute sich aber trotzdem, da
musste er nicht zu seiner Frau nach Hause und hatte eine Ausrede. Die
Kiste ging wieder zu und nur von Zeit zu Zeit war ein Ausruf hörbar:
Behumst du mich auch nicht? Alter Spitzbube ! Das ist ein Sonderangebot,
klarer Fall! Schnickschnack, Prost! Hahahaha! Nur im Paket, dann auch
Paketpreis! Da will ich tot umfallen und Schlemil heißen!"
Und
so kam dass Handabsperrkrokodil in das Wildstreichelgehege und die
Ventildrossel zu den Singvögeln in die Voliere wo sie nicht mehr
klappern durfte und das Singen lernten sollte. Im Wildstreichelgehege
lernte das Velourkroko dann auch noch andere Tiere kennen: einen
Angorafrosch, einen Gilluck, eine Multilope, die Schnurstraxe und die
Duckmaus und einen Sägezahnhamster und mehr. Mit dem Maulkorb konnte es
aber nix sagen.
Mittwoch, 3. April 2024
Der Auftritt
Weihnachtsedit:
Draußen vor den Burgmauern fiel sanft und still der erste Schnee und die Natur legte ihre friedvolle Pause ein. Die kalte Luft roch nach Tannennadeln, aus der Burgküche drang der Duft von gebrannten Mandeln und irgendwo in der Ferne hätte man ein leises Glockengeläut hören können. Im Speisesaal aber gab es justament einen veritablen Aufruhr und dies hatte mit Fugelhuf Vielgebein zu tun.
Fugelhuf war eine Ein-Mann-Band. Von der Art her ein Hundertfüßer (Centipede), stand er einem König zu Diensten und zwar einem geizigen, dem eine orchestrale Bemannung mit separat eßlustigen Individuen gegen den Strich ging, salopp gesagt. Fugelhuf spielte etwa 50 Instrumente, ein-, zwei- oder dreihändig, ein Standbein nicht zu vergessen.
Alle Blasinstrumente waren jedoch des Mundes bedürftig und davon hatte Fugelhuf auch etwa 25. Mehr oder weniger, aber gottseidank nur einer mit Zugang zum Magen, wie Ihro Durchlaucht bemerkte. Der Hundertfüßer besaß eine bemerkenswerte Präzision. Nachdem er Instrument für Instrument eine jeweilige Sinfonie oder Sonate einstudiert hatte, ratterte alles nur so und schnurrte aus ihm heraus. Beim Spielen wiegte er sich dann auch ästhetisch und der Klang der Geigen, Oboen und Brummtöpfe und so weiter schwappte nur so kreisrund in das sprachlos gaffende Publikum.
Gerade zum Beginn der heiligen Tage nun, als auch der Dekan für Neue Musik der musikalischen Fakultät Ausschau nach unerforschten Möglichkeiten hielt, die maroden und verkommen blasierten alten Zöpfe der Kammermusik radikal neu zu frisieren, begab es sich, dass Herr Vielgebein krank wurde. Ein zehrendes Fieber zerstörte seine Präzision zunehmend, Husten und Schneuzanfälle kamen hinzu!
Der Dekan erreichte den Hof mit verhaltener
Langeweile, während bei dem Musikanten schon kein Fuß mehr wusste,
was der andere tat, man munkelte auch von Gehirnerweichung. Der Hundertfüßer
hatte darob in den vergangenen Tagen begonnen, scheußliche
Klangunfälle zu produzieren, Disharmonien von solch entfesselter
Vehemenz, dass Mittelohrentzündungen den halben Hof erfassten.
Der Koch etwa konnte den Unterschied zwischen Rouladen
und Buletten nicht mehr verstehen und servierte Rouletten. Der König
grübelte, ob er sich eine Orchesterpause leisten konnte, als der
Dekan, nach Erfrischung und gründlicher Reinigung, an der Tafel Platz nahm. Man
hatte sogar ein mickriges Bäumchen aufgestellt, geschmückt mit ein
paar vergilbten Kugeln und einer einsamen Kerze, die trübselig vor
sich hin flackerte.
„Herr Vielgebein spielt heute die kleine Eiszapfenmusik von Sigurd Vogelschrei!“ tönte der Herold, alldieweil auch der Hof platziert war und sich, die Ohren wohlverstopft, über das Essen wunderte. „Fanget an!“ Fugelhuf begann nun sein jämmerliches Schauspiel, Triefbäche entwanden sich seines Körpers und gestalteten ihn so glitschig, dass er glänzte wie eine Specktomate und einzelne Instumente verabschiedeten sich, flutsch, ins Dunkel.
Während die Fürsten und Grafen und dergestalt trotz Pfropfen schmerzvoll die Augen verdrehten, durchfuhr den Dekan ein ganz neues Gefühl der Leichtigkeit. Diese Freiheit der Form! Diese lustigen Soli! Das war neu, das war vielleicht sogar Jazz! Juchzend sprang er auf und applaudierte. „Maestro, bravo, bravo.“ Dann hielt er inne und sinnierte, ob er diesem Wahnsinnswerk noch das eine oder andere Krönchen aufsetzen könne.
Da hielt er ihm eine Handvoll Heu unter die Nase, die er zerstreuterweise noch in seiner Tasche stecken hatte. Der Centipede explodierte daraufhin, der Schall der Hörner brachte eine Wand der Burg zum völligen Einsturz und Schneeflocken wirbelten von draußen herein.
„Aha!“ „Und hiermit?“ Respektlos stopfte der Dekan einen Löffel Senf in einen der Münder, bis heute ist es fraglich, ob es der richtige war. Vielgebein schwankte und schüttelte sich, ja er zitterte ein zermürbendes Vibrato, das nicht nur die Gläser und Krüge zersplitterten. Etliche der Damen fielen in Ohnmacht. Vielgebein flatulierte und verstummte. "Welch ein neuer Ton!" frohlockte der Musikwissenschaftler.
"GENUG!", brüllte der König. "„SOGAR DIE WEIHNACHTSMUSIK VERDREHT ER UNS? DAS DULDE ICH NICHT LÄNGER! VERSCHWINDE ER DER HERR DEKAN UND NEHME ER DEN KRACHMACHER MIT SICH!“ Sprachlos vor Glück hüpfte der Dekan durch das Loch in der Mauer, schleifte sein japsendes Geschenk mit sich, hängte es im Stall über sein Maultier, warf die Instrumente in seinen Karren und stapfte hinfort.
Über den Genesungsfortgang und wissenschaftlichen Fortlauf der atonalen Experimente des Dekans und seines Maestros ist wenig dokumentiert, nur einige wenige Auftritte mit ihren Neuschöpfungen, die kaum Anklang fanden, sind in den Annalen der musikalischen Fakultät notiert. Später freilich, nach seinem Tod, wurde der Dekan rehabilitiert und Fugelhufs Dissonanzen, welche man fein säuberlich in einer Truhe verstaut fand, etablierten sich auf dem Musikmarkt.
Original:
Fugelhuf Vielgebein war eine Ein-Mann-Band. Vielgebein war von der Art her ein Hundertfüssler (Centipede), stand einem König zu Diensten und zwar einem geizigen, dem eine orchestrale Bemannung mit separat eßlustigen Individuen gegen den Strich ging, salopp gesagt. Fugelhuf spielte etwa 60 Instrumente, ein, zwei oder 3-händig, ein Standbein nicht zu vergessen.
Alle Blasinstrumente waren jedoch des Mundes bedürftig und davon hatte Fugelhuf auch etwa 25. Mehr oder weniger (aber gottseidank nur einer mit Zugang zum Magen, wie Ihro Durchlaucht bemerkte). Der Hundertfüsser besaß auch eine bemerkenswerte Präzision. Nachdem er Instrument für Instrument eine jeweilige Sinfonie oder Sonate einstudiert hatte, ratterte alles nur so und schnurrte aus ihm heraus. Beim Spielen wiegte er sich dann auch ästhetisch und der Klang der Geigen, Oboen und Brummtöpfe und wasweissich schwappte nur so kreisrund in das sprachlos gaffende Publikum.
Aber es begab sich zu der Zeit, als just auch der Dekan für neue Musik der musikalischen Fakultät Ausschau nach Möglichkeiten hielt, die maroden und verkommen blasierten alten Zöpfe der Kammermusik radikal neu zu frisieren, das Herr Vielgebein krank wurde. Ein zehrendes Fieber zerstörte seine Präzision zunehmend, Husten und Schneuzanfälle kamen hinzu!
Der Dekan erreichte den Hof mit verhaltener Langeweile, während bei dem Musikanten schon kein Fuß wußte mehr, was der andere tat, man munkelte auch von Gehirnerweichung! Der Füsser hatte darob in den vergangenen Tagen begonnen, scheußliche Klangunfälle zu produzieren, Disharmonien von solch entfesselter Vehemenz, dass Mittelohrentzündungen den halben Hof erfassten. Der Koch etwa konnte den Unterschied zwischen Rouladen und Buletten nicht mehr verstehen und servierte Rouletten. Der König grübelte, ob er sich eine Orchesterpause leisten konnte, während der Dekan, nach Erfrischung und Neugewandung an der Tafel Platz nahm.
„Herr Vielgebein spielt heute die Lachkantate von Vogelschrei dem Runden!“ tönte der Herold, während auch der Hof platziert war und sich, die Ohren wohlverstopft, über das Essen wunderte. „Fanget an!“ Fugelhuf begann nun sein jämmerliches Schauspiel, während Triefbäche sich seines Körpers entwanden und ihn so glitschig gestalteten, dass er glänzte wie eine Specktomate und einzelne Instumente, flutsch, sich ins Dunkel verabschiedeten. Während die Fürsten und Grafen und dergestalt trotz Pfropfen schmerzvoll die Augen verdrehten, durchfuhr den Dekan ein ganz neues Gefühl der Leichtigkeit. Diese Freiheit der Form! Diese lustigen Soli! Das war neu, das war vielleicht sogar Jazz! Juchzend sprang er auf und applaudierte. „Maestro, bravo, bravo.“ Dann hielt er inne und sinnierte, ob er diesem Wahnsinnswerk noch das eine oder andere Krönchen aufsetzen könne.
Da hielt er ihm eine Handvoll Heu unter die Nase, das er achtlos aus dem Sitzkissen gerupft. Der Centipede explodierte daraufhin, der Schall der Hörner brachte eine Wand der Burg zum völligen Einsturz. „Aha!!!“ „Und hiermit?“respektlos stopfte er einen Löffel Senf in einen der Münder, bis heute ist es fraglich, ob es der richtige war. Vielgebein schwankte und schüttelte sich, ja er zitterte ein zermürbendes Vibrato, das nicht nur die Gläser und Krüge zersplitterten. Etliche Damen fielen in Ohnmacht. Vielgebein flatulierte und verstummte. "Welch ein neuer Ton!" frohlockte der Musikwissenschaftler.
"GENUG!", brüllte der König. "DAS DULDE ICH NICHT LÄNGER! VERSCHWINDE ER DER HERR DEKAN UND NEHME ER DEN KRACHMACHER MIT SICH!“ Sprachlos vor Glück hüpfte der Dekan durch das Loch in der Mauer, schleifte sein japsendes Geschenk mit sich, hängte es über den Esel, warf die Instrumente in den Karren und schritt hinfort. Über den Genesungsfortgang und wissenschaftlichen Fortlauf der atonalen Experimente des Dekans und seines Maestros ist wenig dokumentiert, nur einige wenige Auftritte mit Neuschöpfungen des Dekans, die kaum Anklang fanden, sind in den Annalen der musikalischen Fakultät notiert. Später freilich, lange nach deren Tod wurde der Dekan rehabilitiert und Fugelhufs Dissonanzen etablierten sich auf dem Musikmarkt.
Donnerstag, 19. August 2021
Eine Geschichte über Geschichten
Kaum gesprochen, erschien eine Strickleiter am engen Fensterchen des hohen Turmes und die Geschichte und ihre Kinder konnten hinabsteigen. Nun dauerte es nicht lange, bis sie an einen Ort kamen, wo andere Geschichten sich trafen um sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Das war der bislang einsamen Geschichte neu und sie schickte ihre Kinder zu den anderen zum spielen. Nun war es aber so, dass die Geschichtenkinder ob ihrer Isolation sehr schwächlich waren und dünn.
Das kam nach draußen und da wurde das Gefängnis abgebaut und Zäune wurden allgemein verboten. Und sie erkannten auch ihre Gram über die demontierten Kinder und führten sie zum Ort der Zerbaunis.
Da sah sie, dass die Einzelteile nicht tot waren, sondern ein eigenes, kleines Leben weiterführten. Und von Zeit zu Zeit kam auch Eltern oder Kinder vorbei und borgten sich was für etwas Größeres. Es war ein Ort des Lebens, nicht des Todes. Und danach begann die einsame Geschichte erst, die anderen Geschichten zu lesen und mit ihnen neue Geschichtenkinder zu erfinden. Doch auch Geschichten sind
vergesslich, denn sie sind dem Diktat der umgeblätterten Seite unterworfen. Und wenn keiner zurückblättert, wird wohl dieselbe Geschichte, von der die einsame Geschichte nur vermutet hatte, dass es sie gibt, noch einmal erzählt werden.
Donnerstag, 14. Januar 2021
Der leere Kasten
Herr Dr. psych. Spinnebein trommelte gelangweilt mit den Fingern auf den Tisch und blickte in seine leere Praxis. Er hatte einen großen Tisch und ein paar Stühle drumherum. Die "Bekloppten", wie er seine Patienten insgeheim liebevoll nannte, konnten sich einen der Stühle aussuchen, je nachdem, wieviel Distanz sie brauchten. Dann gab es noch einen Wasserspender mit spitzen Wasserhütchen und eine Tafel zum dran herum malen. Eine Couch gab es nicht. Dr. S. mochte es nicht, wenn die Patienten einschliefen. Herr S. trug einen Kittel, als niedergelassener Psychologe eigentlich eher eine blöde Angewohnheit.
Dann klopfte es endlich und ein neuer Patient, den er noch gar nicht kannte, betrat den Raum. S. stand auf und gab ihm die Hand, die ihm der andere, etwas mechanisch, wie S. schien reichte und schlaff auch noch. Der Blick des Patienten war stur auf seine Füsse gerichtet. Er war ein hoher und auch recht beleibter Herr mittleren Alters mit Halbglatze. Roboterhaft schnurrte er ein "Gutentachherrdokter" herunter und setzte sich auf den Stuhl, der am nächsten zu den stand, auf den sich Herr S. gesetzt hatte. "Also Kontaktangst hat der schon mal nicht", dachte S. und fragte:
"Sie sind also Herr...?"
"Wast mein Name, Johann." Wieder dieses Schnurren. S. lief es kalt den Rücken herunter. 'Sei ein Profi!', rief er sich zur Ordnung.
"Ah, ja und weswegen haben sie diesen Termin verabredet Herr Wast?"
"Hmm nun ja, sie können sich vorstellen wie peinlich mir das ist..."
"Nur keine Scheu."
"Also mich, mich, ähhhh...."
"Ja?"
"Mich befallen Persönlichkeiten anderer Menschen Herr Dokter. Sie befallen mich wie Krankheiten."
"Ja, das ist nicht unbekannt, Herr Wast, da seien Sie beruhigt. Wie wachen Sie denn morgens auf?"
"Ja ganz normal mit dem Wecker."
"Ah nein, als wer oder was wachen Sie denn morgens auf?"
"Ja, morgens ist es auch sehr schlimm, da bin ich praktisch leer."
Herr Wast griff sich an den Kopf "Ein ganz leerer Kasten ist das dann."
"Ah, Sie meinen also, morgens gar keine eigene Persönlichkeit zu haben, in der Nacht wird alles gelöscht und Sie.."
"Genau so ist es..."
"...müssen sich ihre Person im Laufe des Tages erwerben? Wie ein geschlüpftes Küken?"
"Muss ich, ja, und dass ist mir peinlich."
"Aber das braucht Ihnen doch nicht peinlich zu sein."
"Ich habe Skrupel."
"Hmmm?"
"Und es ist unangenehm, ich habe ja oft keine Handhabe, was ich da abbekomme. Wie eine Krankheit ist das, ich schaue nur jemanden an und es geht ratzfatz! Plötzlich sind Sie eine Backwarenverkäuferin. Busfahrer. Oder ein Bettler. Oder..." er schüttelte sich, "...ein Pantomime. Und wenn dann jemand den Schwindel entlarvt, muss ich wieder wechseln. Das kann ganz schön chaotisch werden. Also ich war da mal in einem Stadion zwischen zwei Fanblocks..."
"Soso, hörn Sie mal, Herr Wast. Ich verschreibe ihnen eine verspiegelte Brille. Das dürfte Ihnen helfen, bis wir für Sie was dauerhaftes gefunden haben."
"Oh, danke Herr Dokter."
"Noch eins Herr Wast."
"Ja?"
" Schauen Sie mir doch bitte mal in die Augen. Wer sind sie gerade?"
"Aber...Sie wissen nicht..."
"Ich bitte Sie! Ein Experiment!"
"Bittesehr. Jetzt werde ich. Ich werde Sie."
"Hochinteressant! Hochinteressant! Das will ich sehen, warten Sie!"
Her S. kramte nach seiner Videokamera. Als er aufsah, war Herr Wast verschwunden!
"Na sowas. Bin ich jetzt überarbeitet oder was?" murmelte er.
Er sinnierte eine Weile auf seinem Stuhl, dann rief er:
"Schwester! Haben wir noch einen Termin?"
'Zu langsam!', lachte eine schnurrende Stimme in seinem Kopf.
Die Schwester steckte den Kopf ins Zimmer.
"Haben Sie mich gerufen? Wo ist denn der Herr Dokter hin?"
"Ja das ist mir jetzt wieder peinlich, aber...", sagte Herr Wast, sah sie bübisch an und legte den viel zu kleinen Kittel sauber über den Stuhl, "..es geht immer so verdammt schnell."
Mittwoch, 12. August 2020
Siseneg: Genesis umgekehrt
Dieses Neue war das Leben und so suchte das Ding seinen Platz unter den lebenden Dingen. Da ward es Licht, denn das Ding bekam Augen, und da gab es Geräusche, Gerüche und Geschmäcker. Eines Tages saß das Ding auf einem Baum und da stand vor ihm ein Lebewesen. Das Lebewesen gab ihm etwas und das Ding fühlte Hunger und es aß das Etwas. Doch das Etwas war die Frucht der Erkenntnis und so erkannte sich das Ding, es war eine geflügelte Schlange. Sein Gegenüber war ein Affe und sie befanden sich in einem Garten.
Und als diese Erkenntnisse und weitere kamen, besonders das Wissen über die Allmacht jener Schlange über alles mögliche, wurde die Schlange wahnsinnig und schwang sich hinauf in den Himmel um nicht mehr unter den Lebewesen zu weilen. Und so verließ die Schlange den Garten.
Daraufhin weilte die Schlange im Himmel über dem Garten und wütete gegen die Lebewesen. Sie schickte ihnen Überschwemmungen, Brände und Krankheiten. Das ging so lange, bis diejenigen Affen, die sich hernach Menschen nannten, das Wort erfanden und damit Gut und Böse.
Wenn die Schlange nach der Menschen Deutung "Gutes" tat, nannten die Menschen sie Gott, wenn sie sogenanntes "Schlechtes" tat, Teufel. Ob dieser Einsicht wurde die Schlange erneut wahnsinnig und spaltete sich schließlich in zwei, Gott und Teufel.
Diese Spaltung tat so weh, dass die beiden zuerst keine getrennten Wege gehen konnten, sondern beieinander blieben. Und sie suchten nach einem Weg, die Menschen zu bestrafen, indem sie die Moral der Menschen prüften.
Also fanden sie einen Menschen namens Job und prüften ihn mit "Bosheit". Doch Job blieb "gut". Und so lernten Gott und Teufel auch, was Gut und Böse den Menschen bedeutet. Und deshalb wurde Gott den Menschen wohlgesinnt und der Teufel verachtete ihn dafür. Und deshalb trennten sie sich.
Gott wollte
nun den Menschen nahe sein und sogar selbst ein Mensch werden. Und so
gab er sich menschliche Gestalt und nannte sich Jesus. Weil aber alles,
was mit Gott geschah, auch mit dem Teufel geschah, wurde dieser auch ein
Mensch und nannte sich Satanael. Beide waren wohlgestalt und sich
ähnlich wie Brüder. Jesus tat fortan Gutes, so wie es den Menschen
gefiel. Satanael tat hingegen, was ihm gefiel, denn er hatte erkannt:
des Menschen Moral ist eine Doppelmoral und dass vieles gut Gewollte
böse Folgen hatte. Jesus hatte diese Erkenntnis nicht. Er entging den
Machtspielen der Menschen nur durch einen erstaunlichen Trick mit Tod
und Wiederauferstehung.
Satanael wurde schließlich zum Propheten des Unheils und half den Menschen, die ihn hören wollten, und wurde diesen gut. Doch das sind bis heute nur wenige. Jesus hingegen tingelt um die Welt und sammelt seine erstaunlichen Erfahrungen mit den Menschen in einem Kompendium, genannt "Heiliger Geist". Beide teilen sich, zusammen mit dem Weihnachtsmann, eine Postadresse in Finnland."
Samstag, 27. Juli 2019
In der Werkstatt des Uhrmachers
Müde blickte ich auf den vollgekritzelten Bogen Papier herab, ein weiterer nutzloser Versuch von vielen und wahrscheinlich nicht der letzte. "Was war es noch, wonach ich gesucht hatte? Was die Welt im Innersten zusammenhält? Die letzte unteilbare Wahrheit? Das Elementarteilchen? Was uns die Physik gibt, sind Elektronen, Quarks, Photonen, die sich benehmen wie ewige Halbstarke: sie lassen sich nicht definieren, leben in den Tag hinein, versammeln sich in Cliquen und verpuffen ihre ganze Energie beim Sex. Sie bestehen aus Widersprüchen. Das sollen unsere Fundamente sein? Woraus besteht ein Widerspruch?"