Mittwoch, 4. März 2026

Das Loch (Satire)

Es war einmal ein Loch, in das fielen die Wörter hinein. Von dorthin
flossen sie alle an einen unbekannten Ort. Der gebeutelte arme
Schriftsteller Lotro hatte dieses Loch direkt in seinem Kopf und nichts,
rein gar nichts fiel ihm mehr ein. Verzweifelt versuchte er, Stöpselworte
in das Loch zu stopfen, solche Worte wie Schwammwunderginster oder
Langzeitzentralerfassungsraumklang aber ach, auch die Stöpsel fielen
in das viel zu grosse Loch. Wohin führte es? Lotro wurde neugierig. Er
dachte sich selbst in ein -bootartiges- Adjektiv und schon ging es
abwärts im Strudel. Abenteuerlich trieb er im dunklen Malstrom
genialischer Einfälle und Konstruktionen und er warf ein Fischernetz
aus, um wenigstens einige von ihnen zu retten. Mit der Beute im
Ausmass einer kleinen Novelle sank er erschöpft zu Boden. Doch noch
war das Ende seiner Reise nicht erreicht. Wo würde der Strom zu Tage
treten? Ja, es war ein helles Glimmen, das ihn wieder zu Sinnen
kommen liess und Lotro machte sich bereit. Aufrecht strebte er am
Mast empor, das Gesicht ehern, die Schultern gespannt. Plopp! Plopp,
plopp... Lotro hatte mit Schwierigkeiten gerechnet. Weit ausholend
schleuderte er den Anker und sah bass erstaunt das schier
Unglaubliche. Ein gigantisches Häckselwerk teilte den Strom in tausend
kleine Teile und dieser floss nun in Federn, Stempel und Walzen. Und
dort hindurch sah Lotro, wer ihm die Worte aus dem Kopf saugte. Alle
die Leute, die beim Schreiben gar nicht dachten. Da es keine
ungedachten Worte gab, war da dieses gewaltige Vakuum, das den
Denkern wie ihm zu schaffen machte. Euch werd ichs lehren, schüttelte
Lotro die Faust! Und so fischte er erneut an gefährlichen Schlünden
und schrieb einen hermetisch-enigmatischen Roman. Dieser bestand
aus einem einzigen Wort, welches über viele Seiten hinweg
aufsehenerregend und hitparadenverdächtig vorsichhinondulierte, ja
mäanderte, sinnheischend und doch frei von Sinn war. Die Kritiker, ja die
Künstlichen Intelligenzen und alle Nichtdenker schrien vor Schmerz, den die versuchte
Verdauung ihnen bereitete. Dennoch wurde es ein Erfolg und nicht
wenige Denker nahmen sich nun ein Beispiel. Der Häcksler zerbrach,
das Loch verstopfte und fortan konnte Lotro wieder in Frieden schreiben.

Dienstag, 3. März 2026

Dezember

Über stillen weißen Hügeln
schwebt der Winter mit Bedacht,
hat mit seinen sanften Flügeln
uns den ersten Schnee gebracht.

Unter grauen Wolkenleibern
wirbelte ein Sternentanz
und auf leichten Flockenkleidern
schimmerte des Frostes Glanz.

Zwischen warmen Blätterdecken
schlummert nun so manche Seel,
bis der Sonnenkuss wird wecken
sie mit seinem Grußappell.

Taumond

Teiche ins Laub zeichnet tauendes Eis.
Braun und vergessen winken ganz leis’,
wie in schweren Gedanken an Liebe, vergangen,
Blätter, im Wiegen des Wassers gefangen.

Pechschwarz am Himmel, mit Mähnen schneehell,
scheuen Äste im Sturmwind, der wilde Gesell
legt dem Bruder, dem nassen, die Stirne in Falten.
Bald wechseln die Herren und neu weicht dem Alten. 

Dienstag, 27. Januar 2026

Das Mädchen ohne Hände Teil 6

Zwischen Weben, bleich und wirr,
hing ein schwarzer, schwerer Leib,
der auf Beinen, spindeldürr, 
harrte auf die rechte Zeit.
Augen neun, doch alle blind,
fühlte sie die Fäden zittern
und sie konnte mit dem Wind
nahende Geschicke wittern.

Eine grimme Schädelschlange,
voller Drang und voller Zorn,
traf den Teufel nun im Gange
und die Geister, die ganz vorn,
schlugen, schnitten den Gehörnten,
dieser wehrte sich verbissen,
als die Toten ihn umschwärmten
und in tausend Stücke rissen.

Ging die Frau von Grab zu Grabe,
mit dem Herzstück in der Hand,
und sie suchte nach dem Sarge,
wo das zweite sich befand.
Klopfend, leuchtend führte es
hin zu einem zweiten Klopfen,
leise, doch sie spürte es,
zaghaft so wie Regentropfen.

Hob den Deckel sie nun an,
unter Ächzen und mit Mühe
und das Herzstück nahm sie dann,
müd, in aller Herrgottsfrühe.
Dann, am Ende jener Zeile
Gräber sah sie eine Tür,
und sie schaute eine Weile
nach dem Schlüsselein dafür.

"Leg das Herz dort in die Schale."
raunte ihr der Mantel zu.
Tat sie's und mit einem Male
kam die Türe auf sie zu.
Und das Herz nahm sie zu sich
trat hinein in einen Gang
und die Müdigkeit entwich,
als die Tür im Schlosse klang.

Tausend kleine Teufel rannten 
schreiend durch die Geisterknochen,
bis die Geister erst erkannten,
was vom Zaune sie gebrochen.
Voller Schreck und ohne Rat,
blieben sie auf ihrer Stelle,
aufwärts, ja und auch hinab
rollte nun die schwarze Welle. 


Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 5