Freitag, 3. Juli 2026

Geschehnisse im Zahlenraum (Versform)

Familie Menge hat ein Kind, das selber nun der Menge Teil. Ein Zahlenpaar kommt zu Besuch, weils grade in der Nähe weilt: „Du Mengenschnitt, wie bis du fesch!", und "Ganz aus eurem Wertbereich!“ worauf man das Gemach verlässt und läuft, hinaus zum Gartenteich.

Bald spricht man über jenes Paar, das keinen Nenner mehr gemein, beim Mann litt die Potenz sogar, die Frau liebt ein Attraktorlein. Ihr Denken, lang verästelt schon, wär wolkig nun, so wie ein Schwamm. Man munkelt ja, ihr letzter Sohn der sei vom Bäcker nebenan.

Dort kauft sie täglich Mandelbrot, wie für ein ganzes Bataillon. Ihr Mann jedoch hat seine Not, denn Euler, eben jener Sohn, der züchtet Primelzahlen viel und handelt so irrational und hat kein Ende und kein Ziel, die ewig lange Eulerzahl. Im Garten ruft Frau Zahl sodann, „Wie sind die Reihen grad und schön!“ Frau Menges Kurven schwellen an, voll Stolz auch ihre Wangen glühn. Man plaudert weiter, geht geschwind hinein in den Gewächshaustrakt. die dort‘gen Polynome sind Legendre in der Nachbarschaft.

„Und Großmama, ist die gesund? „Sie hat die Hyperperbolie und keine Wurzeln mehr im Mund, wir kochen täglich Brei für sie.“ Das Zahlenpaar fährt nun nach Haus und nimmt dazu die Graphenbahn, und schon ist die Geschichte aus, wenn nicht, fängt sie von vorne an.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Das große Ganze: Die Realität

Ganz oft sitze ich da und denke so bei mir wie es wäre, wenn die Realität einen Riss bekäme und etwas Ungeheuerliches daraus hervorquellte oder ich wenigstens die Balken und Schrauben der Konstruktion dahinter sehen könnte. Nun wissen wir ja, dass die Realität subjektiv und relativ ist und es deswegen Quatsch ist, von ihr zu reden, als wäre sie eine Fotografie. Also läuft es wohl eher darauf hinaus, dass man ungeduldig ist mit der allzu gewohnten Umgebung und den sich darin bewegenden Utensilien. Deswegen gibt es auch all die rastlosen Menschen, die unbedingt mit einem Auto von einem Ort zum anderen rasen müssen, nie Zeit haben, planen, Aktivitäten wie am Fließband abarbeiten.

Im Gegensatz dazu blendet man bewusst Tatsachen aus, die sich verändern, weil sie missliebig sind. Um die gewünschte "heile" Realität zu konservieren. Solange es eben geht, bis es nicht mehr geht. Dann genau kann man diesen Realtätsriss unschöner Art erleben, eine schockierende Konsequenz des selektiven Vergessens. Gibt es sie aber, die guten Realitätsrisse, also das, was man landläufig als Glück oder mordsmäßiges Schwein bezeichnet? Das hängt seltsamerweise von der Perspektive ab, was man überhaupt als Glück* erkennt (also nicht ausblendet) und ob man dann daran teilnimmt. An Glück muss man meistens teilnehmen, wie an einer Reise, man muss zumindest ja dazu sagen.

Was aber, wenn man etwas Unerwartetes erwartet, also etwas, von dem man noch nicht weiß, wie man es einordnen kann? Dann muss man recht scharfes Augenmerk daraufhin richten, sonst ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man es übersieht oder wegsieht. Hier gilt es also zu suchen anstatt zu warten. Dann findet man eine Menge kleiner solcher Dinge. Dann zeigt es sich übrigens auch, ob man Geheimniskrämer ist oder ein "Teiler", ob man anderen davon erzählen möchte oder nicht.

Aber es geht ja auch ums eigene Ich und die Selbstwahrnehmung, die Introspektive. Dass man zuerst in sich hineinblickt und danach nach draußen, dass ist die Realität. Und dass das gar nicht so ist, wie man denkt, sondern nur so scheint, dazu braucht es Erkenntnisse und Perspektiven. Dann kommt man irgendwann auf die Idee, das Leben wäre eine groteske Komödie und beginnt an unpassenden Stellen an zu lachen. Und eigentlich bin ich ja schon an diesem Punkt, an dem man sieht, dass die Leinwand nur ein Gewebe voller Löcher ist, eine Menge Seemannsgarn, ein Hirngespinst. Und ist es nicht so, dass ich mich dann gerade wieder in eine scheinbar statische Realität zurückwünsche, dass es mir eigentlich gar nicht um den Wechsel geht, sondern um den Wechsel vom Wechsel? Um den Eintritt ins richtige Leben, so wie man es sich als Kind naiv vorgestellt hat?

Und hier wird ein weiteres Problem sichtbar, ja was hat man sich den so vorgestellt als Kind? Leider nicht so viel konkretes. Menschen die sich etwas konkretes vorgestellt haben, sind später oft damit erfolgreich und/oder zufrieden geworden. Photorealistische Menschen, authentische Bilderbuchmenschen, die das Leben als eine stabile Konstruktion begreifen, werden als erfolgreicher wahrgenommen, ihr Leben hat einen "roten" Faden. Menschen, die Löcher und Risse im Gewebe ihrer Realität sehen, deren Leben und Vision ein Flickenteppich ist, haben es schwieriger. Manche schaffen übrigens den Wechsel vom Patchwork zum großen Bild des Lebens mit dem roten Faden, der als Lesezeichen oben herausguckt. Indem sie kurz die Augen schließen und einen Schritt zurücktreten. In diesem Sinne noch einen schönen Tag.

*Auch für das Unglück gilt: das ist es nur, wenn man es so empfindet.

Geschehnisse im Zahlenraum (Satire)

Familie Menge hat eine neue kleine Schnittmenge. Aus diesem
Grund kommt ein befreundetes Zahlenpaar zu Besuch, um ebendiese
zu bewundern, denn die beiden sind gesellig.
"Ach wie niedlich! Sie ist euch wie aus dem Gesicht geschnitten!"
Zahlpaar und Mengepaar unterhalten sich anschließend noch
entrüstet über die Ehe von einem anderen Zahlpaar, das einfach auf
keinen gemeinsamen Nenner mehr kommen könne, denn im Bett liefe
es längst nicht mehr so gut, der Mann habe nur noch die dritte
Potenz. Und die Frau sei einmal mit einem seltsamen Attraktor
gesehen worden, worauf ihre eh schon verästelte Logik diffus wurde.
So ginge sie nun öfters als nötig zum Bäcker Gleichung und bestelle
sich Mandelbrote. Worauf der misstrauische Mann fände, einige der
Kinder seien so merkwürdig, das wäre nicht natürlich, die seien von
besagtem Bäcker, besonders der kleine Euler, der immer so irrationale
Sachen mache. Sie, die armen Kinder, könnten nun zum kleinsten
gemeinsamen Teiler werden. Aber da hätte vorher noch der Divisor
drüber zu entscheiden. Da solle man sich nun mal was draus ableiten.
Worauf die plaudernden Paare hinaus aus dem euklimatisierten Raum
in den sommerlichen Garten gehen und da sagt Frau Zahl:
"Ihr habt da aber eine schöne Reihe gerader Funktionen da stehen."
"Ach die sind doch nur Beta.", sagt Frau Menge und ihre elliptischen
Kurven schwellen vor Stolz, "Guck mal da ins Gewächshaus, da sind
unsere Polynome, die sind schon fast Legendre in der Nachbarschaft."
"Und was macht eigentlich die Grossmutter?"
"Ach, die, die hat immer noch ihre Hyperbolie, schlimm ist das."


Sonntag, 28. Juni 2026

Das Mädchen ohne Hände (Brüder Grimm) gereimt

Einst vor vielen hundert Jahren,
kam der Teufel angefahren,
flog hoch oben durch die Lüfte,
über Felder und Gehöfte.
Eine Mühl' am Dorfesrand,
fand er wirklich int'ressant,
die, ein furchtbar schiefes Ding,
grad am letzten Nagel hing.
Wie er übern Dachfirst schaute,
stand ein Mädchen hinterm Hause,
hielt den Rock an seinem Saum,
pflückte Äpfel frisch vom Baum.

Doch der Müller war im Wald,
und da war der Teufel bald,
trat zu ihm als Handelsmann,
sprach "Was stellt ihr Euch so an?
Ist das Holz nicht schrecklich schwer?
Ich Weiß Bess'res, bittesehr!
Armut ist ein schweres Los,
Glück ist rar, die Sorgen groß.
Ihr seid reich, der Pakt besteht,
wenn Ihr mir die Sache gebt,
die bei eurem Hause ruht.
Schlagt schon ein, ein wenig Mut!“

'Ach, den Apfelbaum, ja freilich`,
sann der Müller und sprach eilig
"Klar, das gilt als abgemacht!"
Und der Händler hat gelacht.
"Nach drei Jahren komm ich wieder,
hol, was ich gekauft, mein Lieber."
Ohne Holz, in Windeseile
und aufs Äußerste gespannt,
kam der Müller eine Meile
heim zu seiner Frau gerannt.

„Sag mir, Mann, wie fließt der Reichtum
gar so plötzlich hier durchs Tor?
Klag ja nicht, doch meine Meinung
ist, das kommt mir spanisch vor.
Bis zum Rand ist jede Kiste
voll und niemand hats gebracht.
Wenn das hier ein Späßchen ist,
hab ich drüber nicht gelacht!"

Sprach die Frau, er sagte ihr:
„Ja, von einem fremden Mann
ists, nicht sicher bin ich mir,
was ich drauf verhandelt dann.
Was er wollte, weiss ich kaum,
irgenwas bei unserm Haus.
und so dacht ich an den Baum 
und es läuft darauf hinaus.“

„Ach, der Teufel wars bestimmt,
dem du so etwas versprochen.
Dass der Kauf zum Himmel stinkt,
hätte ich sofort gerochen!
Nah beim Hause ruht in Wahrheit
nämlich unser liebes Kind,
dem die Äuglein nach der Arbeit 
müde zugefallen sind.“
Doch die Not hat sie gedrückt, 
und das Geld war sehr willkommen.
Und so ward es, Stück für Stück
schließlich dankbar angenommen.

Die Tochter war ein Sonnenschein 
und eine fromme Seel‘,
und blieb die nächsten Jahre rein
und ohne jeden Fehl.
Alsbald war es an der Zeit 
und schon der Tag gekommen.
Das Mädchen hat im Büßerkleid
im Hofe Platz genommen.
Sie zog um sich den Teufelskreis,
um selbigen zu bannen.
Dann betete sie voller Fleiß
und ihre Tränen rannen.

Als der Kaufmann, früh am Tag,
nett gegrüßt das Müllerspaar,
sprach der Müller "Der Vertrag,
der ist wirklich sonderbar.
Wie willst unsern Apfelbaum
du auf deinen Karren bringen?
Wie ich's sehe wird das kaum,
ja, wenn überhaupt gelingen!"
„Soll ich dir den Schädel spalten?“,
rief der Mann, der so düpiert.
"Deinen Baum kannst du behalten!
Gebe her, was mir gebührt!

Führe mich zu deinem Spross!”
Donnernd wuchs er in die Höhe,
sicher dreizehn mal so groß,
nahm die Flügel von der Mühle.
"Das nur so als kleine Warnung,
dass du weißt, was dich erwartet.
Alles, Handel und auch Tarnung
war in Gänze abgekartet!”

Und der Müller, nun ein Zwerg,
wies den Riesen in den Hof.
“Siehe, du kommst zur Vernunft.
Na, dann legen wir mal los!”
Und der Riese griff das Kind,
darauf gab es einen Knall
und ein wilder Brausewind
bracht ihn hinterrücks zu Fall.

Alles hat dann kurz gebebt 
und der Riese hat sinniert
‚Das hab ich nicht oft erlebt,
dass mich jemand so pariert!‘
Als er sich dann aufgerappelt,
nahm er sich den Müller vor,
der in seiner Hand gezappelt
und sprach „Leih mir mal dein Ohr!

Diesen miesen Teufels-Bannkreis
will ich morgen nicht mehr sehen
sonst werd' ich, dass du Bescheid weißt,
mit dir Schlitten fahren gehen!
Und die Dirn ist viel zu sauber,
halt das Wasser fern von ihr!
Also kurz: kein fauler Zauber,
morgen bin ich wieder hier.“

Anderntags, da hat das Mägdlein
seine Hände nassgeweint.
Als der Fremde kam, samt Wäglein, 
fühlte er sich schnell geleimt.
„Müller, diese Hände sind 
mehr als deutlich reingewaschen!“
"Nein, da irrt ihr Euch bestimmt,
würde mich sonst überraschen.“

Abermals wollt da der Fremde,
gleich das Mädchen für sich haben 
doch dank ihren reinen Händen
musst‘ er diesen Wunsch begraben.
„Falls die Hände nicht verschwinden 
wenn ich komme, übermorgen,
wirst du dich dann wiederfinden 
vor der Hölle schwarzen Pforten!“

Ward's dem Vater angst, er bangte,
voll von zweierlei Entsetzen,
weil man klar von ihm verlangte
sterben oder zu verletzen.
Lange rang er mit sich selbst,
bis er flehte "Liebes Kind!
Wenn du jetzt dein Urteil fällst,

dass die Menschen böse sind,
ist's mir recht, doch hilf mir bitte
aus der großen, tiefen Not. 
Machen wir zwei schnelle Schnitte,
oder ich bin mausetot.“
“Vater, ich bin brav und artig,
bin dein eigen Fleisch und Blut.
Was auch immer du erwartest,
ist mir herzlich recht und gut.” 

Dann hob sie die zarten Glieder
und wie ein makabrer Scherz
fielen sie zu Boden nieder,
ohne Blut und ohne Schmerz.
Und der Müller, heftig zitternd,
warf sie in ein Kästelein.
und er floh, im Drecke schlitternd,
schloss sich in die Scheune ein.

Doch die Mutter nahm ihr Kind
und sie trug es in sein Zimmer,
in das Hochgeschoß geschwind
und blieb da bei Kerzenschimmer,
lang, bis tief noch in die Nacht,
lief zur Scheune dann hinaus,
führte langsam, mit Bedacht,
ihren Mann zurück ins Haus.

Nach zwei Tagen trat der Böse
ein mit einem roten Pelz.
Und er fragte ohne Grüße:
"Na, Herr Müller, wie verhält's
sich mit unsrer kleinen Maid?
Halte mich nicht lange hin,
denn ich habe wenig Zeit!"
Und der Müller sprach mit Grimm
„Ihr müsst dort nach oben steigen
da liegt unsere arme Kleine
und ihr könnt euch überzeugen:
Hände hat sie wirklich keine.“

Und der Teufel stieg nach oben,
dann war's still, dann kam ein Schrei,
und aus allen Ecken flogen
Säcke, Krüge und derlei,
die mit einem Male platzten,
Fenster schlugen, Türen knallten
und es kamen schwarze Katzen
deren schrille Klagen hallten.

„Wir verfluchen Euch!“, so riefen
Vögel, die das Haus umschwirrten
„Seid verflucht!“, so kams aus tiefen
Ritzen, die zum Keller führten.
Und dann kehrte Ruhe ein
und die Eltern schauten nach,
wie's dem armen Töchterlein
ging in seinem Schlafgemach.

Frisch, so wie der Morgentau,
saß sie da im Fensterlicht
und erzählte dann genau
was da war, aus ihrer Sicht.
„Ich hab, wie beim letzten Mal
meine Stümpfe nass geweint,
kam zu ihm, wie er befahl
und er fühlte sich geleimt,

schrie und blähte sich dann auf
und zerfiel in dreizehn Katzen.
Die ließ ich zur Tür hinaus
an der sie mit Eifer kratzten.
Vater, Mutter, einerlei,
wir wollen das vergessen!
Bringt meine Hände mir herbei
und danach lasst uns essen.“

Die Mühle ward, vom Dach nach unten
sorgsam auf den Kopf gestellt.
Allerlei ward da gefunden,
aber Hände, weit gefehlt!
"Hab und Gut", so sprach der Vater,
hab ich nur durch dich gewonnen.

Deshalb lasse nicht vom Mut,
denn ich bin dir wohlgesonnen.
Sollst, mein liebes Töchterlein,
all dein Lebtag nichts mehr tun,
als von Herzen dich zu freu'n
und dich gründlich auszuruh'n.“

"Vater, du hast mich verkauft,
an den nächsten, ersten Fremden,
deshalb nehm' des Schicksals Lauf
ich aus euren alten Händen.
Sicher fühlen wird hier schwer
denn das ist nicht mehr mein Haus.
Ändern könnt ihr gar nichts mehr.
Vater, Mutter, ich zieh aus!“

Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 2 (Grimm/Schleich)