Montag, 21. April 2025

Die Lehren des E. A. Poe

Physikalisch richtig und doch phänomenal übertrieben schilderte Edgar Allan Poe bereits 1841 die Abdrift schnöder Holzboote und Fässer in den Gezeitenstrom zwischen den Lofoteninseln. Aber genau so wie der Held fährt auch die Seele zum Grund. Sie klammert sich an ein Holzfass und hofft nicht zu ertrinken. Die grimmigen Seeleute, die, taub und blind ob der Gefahr, schweigend ihre Arbeit verrichten, sind, was ihr von den Menschen zufällt. Mit ihnen zu sprechen ist Verzweiflung. Und dann ist da noch das Haus Usher, ein marodes Schloss auf sumpfigem Grunde, bewohnt von kranken und geisteskranken Adeligen. Ein Hort zwielichtiger Erscheinungen und Geräusche, der mit dem ihm innewohnenden Sterben noch vor Anbruch des Tages versinkt, allein der Gast kann fliehen. Das sind die inneren Landschaften, wer nur Gast ist, wer weglaufen kann, der berichte. "Nur eine Schauermär, Schauermär..." "Nein, es ist alles wahr!"

Einen unbefangenen Augenblick lang könntest du eine andere Welt entdecken, ganz ohne zu träumen, aber ins Träumen geraten. Während du im Internet bist, sitzt du in Wahrheit zwischen zwei Spiegeln. Jeden Tag, den du die Aussenwelt vergisst, rutschst du eine Reflektion weiter in den Hintergrund, immerfort, bis es dich irgendwann nicht mehr gibt. Und um so weiter du in den Hintergrund gerätst, desto mehr wehrst du dich, wirst noch zappeliger und ausgefallener, um aufzufallen und deine anderen Spiegelungen klatschen vielleicht ab und an Beifall.
Poe schrieb 1842 die Kurzgeschichte "Das ovale Portrait" in der eine junge Frau, während sie von ihrem Gatten detailversunken in ein Bild gemalt wird, langsam stirbt. Er hat damals nichts vom Internet gewusst, wohl aber etwas von Obsession und Sucht. Willkommen zwischen den Spiegeln. 

Freitag, 28. März 2025

Das Mädchen ohne Hände Teil 3 (Grimm)

Die Wiesel waren eingespannt,
ihr Atem dampfte in der Kälte
als die Fürstin ihrem Mann
das neueste vom Tag erzählte 
„Diese eignen Hände meine
sind mir nicht so recht geheuer.
Heut nahm ich sie von der Leine
und sie gossen Öl ins Feuer!
Gestern rissen sie sich los
und sie schubsten unsre Magd.
Schätzelein, was mach ich bloß?"

"Hör, ich muss jetzt los zur Jagd.
Sperr die Tierchen in den Kobel
und ich will mich wohl beeilen
um nach Hatz auf Nerz und Zobel
bald bei unserm Kind zu weilen.
Bin ich nicht beizeit zurück,
schreib mir bitte einen Brief,
der mir zeugt von meinem Glück,
und wie die Geburt verlief."

Gesagt, getan, die Missetäter
saßen bald im Holzverschlag
und nur ein paar Tage später
war der Fürstin großer Tag.
Ein schönes Kindlein ward geboren,
rosig, wonnig und gesund
auch die Mutter war wohlauf.

Und nach etwa einer Stund
gab sie eine Nachricht auf
um dem Gatten mitzuteilen,
dass der Erbe munter sei
und es sollt der Bote eilen
gleich beim ersten Hahnenschrei.
Von fern her klang nun schrill und klagend
eine Flötenmelodie.
Neid und Missgunst mit sich tragend
auf die frische Harmonie.

Mit Knirschen löste sich ein Brett,
die Händchen liefen durch die Nacht,
bis zum Nachttisch bei dem Bett,
wo das Brieflein hingebracht
von dem Schreiber zur Verwahrung
doch die Pferdchen mit fünf Beinen
stahlen es zwecks Offenbarung.
Wem? Das bleibt noch im Geheimen.

Im weissen Schnee, mit rotem Kopf
saß der König auf dem Schlitten
denn es summte unterm Schopf
sein ganzer Schwarm von Wut-Hornissen.
Der Brief, den er gelesen hatte,
segelte im Wind davon
und er sagte ihre Worte,
fassungslos und ohne Ton.
„Mein Gatte, ich gebar das Kind
deines Bruders Flammenkönig.
Ich verlasse dich für ihn,
das tut mir leid,
wenn auch nur wenig.“

Der Bote sprach "Ihro Durchlaucht
wollen eine Antwort geben?"
„Mein Teuerster, was es hier braucht,
ist ein Kampf auf Tod und Leben!“
Der König schob das Kinn heraus
„Die Fahrt soll gleich zum Schlosse gehen.
Dort wollen wir, als Herr im Haus,
selber nach dem rechten sehen!“

Doch die Wiesel liefen seltsam
wirre Schleifen, weite Kreise.
Erst nach Wochen kam man an,
müde von der Heimwärtsreise.
Bei der Ankunft war das Schloss
verlassen, zugig, kalt und düster.
Licht, dass durch die Türe floss
zeigte eine Reihe wüst
zerschrammter liebgewordner Dinge.

"Oh ihr Räuber, wartet bloß,
bis ich euch zur Strecke bringe!"
rief der König und die Suche
ging durch schaurig stille Zimmer.
Aber letztlich stand zu Buche,
dass man keinen blassen Schimmer
vom Verbleib der Seinen hatte
und der König sprach bewegt:

„Meine Treuen, ich gestatte,
dass ihr euch zu Bett begebt.
Schließt die Türen fest sodann,
denn ich will es nicht riskieren,
auch nur einen weitren Mann
hier und heute zu verlieren."

Der König schreckte in der Nacht,
auf von einem lauten Klirren.
Er sprach „Hab ichs mir gedacht
oder sollte ich mich irren?
Die einz'gen Teile ihres Leibes,
die in meinem Schloss geblieben,
sind die Hände meines Weibes,
welche so viel Unfug trieben.”

Ein Händchen hob nun wie ein Mann
den Feuerhaken vom Kamin,
und es attackierte dann
den König, welcher darauf hin
das Schwert zog und die harten Schläge
wie ein rechter Held parierte,
als er sich, vom Schlaf noch träge,
fast den eignen Bart rasierte.
Es ging nach vorn, es ging zurück
es schepperte, die Funken flogen.
Dann verließ ihn das Geschick,
just, als er das Schwert erhoben.

Um die Beine wanden sich
Stricke und dabei ließ ihn
das liebe Gleichgewicht im Stich
und er fiel nach vorne hin.
Er rief dann "Hole mich der Teufel!
Hab nicht hinter mich geschaut.
Ohne Zweifel war's das zweite
Händchen, dass sich das getraut!"

Der Teufel kam mit einem Knall
"Lange hatte ich Geduld.
Du bist nun mein Knecht, Vasall
und das ganz aus eigner Schuld."
Die Sonne brachte es zutage,
dass der König misslich fehlte.
Lasst uns sehen, welche Pfade
die Dame ohne Hände wählte.

Dieselbe lief, zuerst allein,
mit ihrem Kindlein durch den Schnee.
Dann rieselte zunächst ein Stein,
dann brach ein Ästlein in der Näh.
Hier ein Flüstern, da ein Hut,
dann reichte es der Königin.
So rief sie "Fasset Euren Mut,
und stellt euch einmal vor mir hin."

Rosa Punkte zeigten sich
schüchtern hinter Strauch und Baum.
„Lässt mich der Verstand im Stich?“
fragte sie, „Ich glaub es kaum!
Seid ihr alle, meine Lieben,
mir auf eigne Faust gefolgt?
Wer ist dann im Schloss geblieben?
Seht, das ihr euch heimwärts trollt!“

„Wir hatten“, so sprach nun die Amme,
„Angst um Euch und euer Kind.
Doch ist and'res noch im Gange,
weshalb wir so zahlreich sind.
Doch sagt erst, oh Königin,
warum habt ihr uns verlassen?
Sprecht, was hattet ihr im Sinn,
so einen Entschluss zu fassen?“

„Ich lese euch, ihr lieben Leute
vor, was mir mein Mann geschrieben.
Dann verstehet ihr noch heute,
was mich von euch fortgetrieben.
‚Meine werte Angetraute,
schändlich hast du den belogen,
der auf deine Treue baute
und ihn um sein Kind betrogen.
Nimmermehr will ich dich sehen,
geh und komm nicht mehr zurück.
Magst zum Feuerkönig gehen.
Lebewohl, ich wünsch dir Glück!‘

Diese Worte, falsch und schwer,
möcht ich mit dem König klären.
Doch was führet euch hierher?
Alles drängt mich, dies zu hören."
"Eure bösen Hände wurden
schlimmer noch als Ihr gegangen.
Kaum, dass wir noch schlafen durften
und sie ließen sich nicht fangen.“
„Eine sprang mir in mein Essen.“
„Eine würgte mich einmal.“
"Eine, ach ich habs vergessen!“
sprach der greise Hofmarschall.

"Wir sorgten uns um unser Leben,
deshalb sind wir nachgekommen
um Euch dieses hier zu geben,
was wir aus dem Schloß entnommen.
Das eine ist das 'Horn der Vier',
nicht, um Met daraus zu leeren,
nein man bläst es so und hier.
Um den Bruderbund zu ehren,
kommt nun je nach dem Signal
einer der vier Könige
zu Hilfe fast in jedem Fall.

Das zweite ist das 'Ewige
Zepter aller Erdenfeen'.
Es verleiht dir, Königliche,
Macht, im Kampfe zu bestehen.
Schwingt's gemäß dem Protokolle
und es werden sich erheben
aus der Erde große Trolle
um dir den Salut zu geben."

„Das Horn blas' ich gleich jetzt und hier.“
sprach die Dame vor sich hin
„Und vielleicht gelingt es mir
meinen Gatten anzuziehen.“
Nun tat sie, wie ihr geheißen
und der Ton rief laut und klar,
doch das Echo war die einzge
Antwort, die zu hören war.

Dann rief sie den Sturm, der sprach:
„Komm wir warten schon auf dich!
Fühlst du nicht das Ungemach?
Lass den Ärmsten nicht im Stich!“
„Sturmwind, zeige mir wohin!“
“Ich trag dich auf meinem Rücken
und du kannst, wenn wir erst dort sind,
all das Üble selbst erblicken.“
Das Kind gab sie an ihre Amme,
dann hob der Wind sie schnaufend hoch.
Von weitem sah sie eine Schlange
banger kleiner Wichtel noch.

Der Sturmwind seufzte schauerlich,
als sie durch die Lüfte glitten,
"Es ist sehr bedauerlich.
Ihr habt beide viel gelitten.
Unser Bruder ist zwar tüchtig,
und auch voller Leidenschaft.
Doch er ist auch eifersüchtig
und das macht ihn wankelhaft.
Keinem kann er ganz vertrauen,
niemand kann er wirklich lieben
und so ward er von den Frauen
als 'König Halbherz' oft beschrieben."

Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 2 (Grimm/Schleich)

Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 4 

Moral: Wenn dir die Hände genommen,
dann braucht es einen Engel,
um sie wieder zurück zu bekommen.

Werte (Trochäus)

Mancher geht gern am Geländer,
blinzelt schaudernd über Ränder,
rechts und links nur Abgünd' gähnen,
hach wie schön ist's da zu wähnen,
fast die Augen könnt man schliessen,
um die Führung zu geniessen.

Diese starken, klaren Stützen,
die vor irren Wegen schützen.
So zu höherem gerufen,
nimmt man lässig alle Stufen.

Kommt das Ende denkt man heiter:
In die Richtung muss ich weiter!
Frohgemut und hirnverbrannt,
läuft man gegen eine Wand. 

Mittwoch, 19. März 2025

Einmaleins der Poesie

1. Als erstes sucht ihr euch ein Reimschema aus: ABAB, ABBA und AABB sind die einfachsten Reimschemen und fürs erste völlig ausreichend. Innerhalb eines Gedichtes kann man gerne mal das Schema wechseln, um Dynamik reinzubringen.
2. Silbenzählen: sich reimende Zeilen (A und A bzw. B und B) sollten die gleiche Silbenzahl haben, maximal eine mehr oder eine weniger. Falsche Silbenzahlen sind der häufigste Fehler, den aber nicht nur Anfänger machen. Dazu muss man sich nur mal Goethes "Faust" oder Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen" ansehen. Wörter kann man strecken oder kürzen, um Silbenzahlen anzupassen (z.B. lieg‘ für liege oder lieget für liegt). Oft werden auch umgangssprachlich Wörter gekürzt  (warn für waren, sahn für sahen). A und B, die sich ja nicht reimen müssen, können unterschiedliche Silbenzahlen haben.
3. Wortbetonung: machmal erzwingen Reime falsche Betonungen, dann kann man z.B. andere Worte wählen. Im Deutschen sind die Wörter leider nicht mit Akzenten versehen und im täglichen Gebrauch werden viele Wörter falsch betont, also muss man meistens im Duden nachschauen. Auch im schweizerischen und österreichischen Deutsch wechseln die Betonungen im Bezug zum deutschen Deutsch manchmal. Im Deutschen werden viele Worte auf der ersten Silbe betont, zum Beilspiel Substantive, die mit einem Adjektiv beginnen: Rotkäppchen, Großvater, Schwarzpulver. Aber auch zusammengestetzte Substantive: Froschkönig, Straßenbahn, Wegweiser, Schatzkiste usw. Verben mit bestimmten Vorsilben wie weg-, an-, vor-, zu-, bei-, nach-, aus- usw. Auch ganz normale Wörter wie Heirat, gehen, retten usw. Diese Wörter gehören an den Anfang des Satzes oder an den Anfang des Nebensatzes. Einen Artikel kann man natürlich noch davorsetzen. In der Mitte des Satzes wird hingegen zwangsweise, in einem gereimten Gedicht, die letzte oder vorletzte Silbe betont. Dann braucht man (kurze) Synonyme und Verben mit den Vorsilben: be-, ent-, ver-, ge-.
4. Wortfluss: lange Wörter uns solche mit vielen Konsonanten hemmen den Wortfluss. Die Sprache soll so natürlich wie möglich klingen.
5. Vorlesen: Deshalb das Geschriebene regelmäßig laut vorlesen, um Betonung und Wortfluss zu überprüfen. Ein Tipp: Computerstimmen sind besonders geeignet, da hier die Betonung besser kontrolliert ist und jedes Wort komplett und einzeln ausgesprochen wird. Dabei fallen auch Silbenfehler eher auf, weil der Sprachfluss immer gleich schnell und pausenlos ist.
6. Sprachmelodie: Wenn man schon eine Melodie für den Text im Kopf hat, fällt alles viel leichter. Wenn man eine Sprachmelodie herausbekommen will, geht man folgendermaßen vor: Man ersetzt alle Silben in einem Satz durch eine einzige, wie da, di oder la. Dann liest man diese Silbenfolge mit der gleichen Betonung vor wie den originalen Satz und schon stellt es sich heraus, dass man einige Silben höher ausspricht als andere oder lauter als andere oder länger als andere. Das ist schon so etwas ähnliches wie musikalische Noten. Mit dieser Methode kann man auch herausfinden, wann eine Zeile "ins Stocken gerät".
7. „Waisen“: besonders bei ABAB Reimen kann es passieren, dass man aus Versehen Zeilen ohne Reim stehen läßt. Das ist besonders ärgerlich, wenn man schon viel weiter gedichtet hat und alles nochmal aufdröseln muss. Als Schnellreparatur kann man eine weitere Reimzeile dranhängen.
8. Wortlänge: ein- und zweisilbige Wörter klingen in Gedichten am besten. Dreisilbige Wörter am besten nur eins pro Zeile. Vier- und mehrsilbige Wörter sind wie teure Gewürze, besser sparsam verwenden. Sätze können dahingegen ruhig lang sein und möglichst viele Bindewörter wie und, aber, oder haben.
9. Adjektive: helfen, den Text besonders audiovisuell zu verstehen. Adjektive am Zeilenende nach einem Komma sollte man unbedingt vermeiden. (Schlechtes Beispiel: „Sie kamen zu dem Hause, kalt. Darinnen standen Möbel, alt“ Besser: "Sie traten in das alte Haus, die Möbel sahen modrig aus."). Dies ist der zweithäufigste Anfängerfehler. 
10. Wortwahl: "Beamtendeutsch" am besten vermeiden und umgangssprachlich einfach schreiben. Die Wortwahl auch an die Figuren oder das Thema anpassen. Es gibt einige Wörter, die nur noch in Gedichten verwendet werden, wie "ward" für wurde und "frug" für fragte.
11. Reime finden: Dafür gibt es online Hilfe. Einfach mal nach "Was reimt sich auf ..." suchen. Gibt es keinen passenden Reim, hilft oft ein Synonym, welches dann einen passenden Reim hat. Dann sucht man nach "Synonym für ..."
12. Manche Gedichte kann man nur flüssig vorlesen, wenn man die richtige Silbe in der Zeile besonders betont. Das passiert oft bei langen Gedichtzeilen und ist dann eine Herausforderung für den Vorlesenden, weil der sich extra Hervorhebungen markieren muss. Dies ist ein Fehler für Fortgeschrittene. Auch hier ist Goethes "Faust" das beste Beispiel. 
13. In Prosa kann man alle erdenkliche Information hineinpacken. Sie gleicht einem barocken Ölgemälde. In Lyrik bzw. Gedichten muss man minimalistisch arbeiten. Das gleicht einer Zeichnung mit Tusche, Stift, Kreide oder Aquarell. Daher muss man planen, wohin man den Blick des Zuschauers lenkt. Ein Teil der Szene wird besonders hervorgehoben, der Rest bleibt schemenhaft. Wenn beim Leser trotzdem der Eindruck eines kompletten Bildes entsteht, hat man alles richtig gemacht.