Sonntag, 10. Mai 2026

Das Mädchen ohne Hände Teil 6

Zwischen Weben, bleich und wirr,
hing ein schwarzer, schwerer Leib,
der auf Beinen, spindeldürr, 
harrte auf die rechte Zeit.
Augen neun, doch alle blind,
fühlte sie die Fäden zittern
und sie konnte mit dem Wind
nahende Geschicke wittern.

Eine grimme Schädelschlange,
voller Drang und voller Zorn,
traf den Teufel nun im Gange
und die Geister, die ganz vorn,
schlugen, schnitten den Gehörnten,
dieser wehrte sich verbissen,
als die Toten ihn umschwärmten
und in tausend Stücke rissen.

Ging die Frau von Grab zu Grabe,
mit dem Herzstück in der Hand,
und sie suchte nach dem Sarge,
wo das zweite sich befand.
Klopfend, leuchtend führte es
hin zu einem zweiten Klopfen,
leise, doch sie spürte es,
zaghaft so wie Regentropfen.

Hob den Deckel sie nun an,
unter Ächzen und mit Mühe
und das Herzstück nahm sie dann,
müd, in aller Herrgottsfrühe.
Dann, am Ende jener Zeile
Gräber sah sie eine Tür,
und sie schaute eine Weile
nach dem Schlüsselein dafür.

"Leg das Herz dort in die Schale."
raunte ihr der Mantel zu.
Tat sie's und mit einem Male
kam die Türe auf sie zu.
Und das Herze nahm sie zu sich,
trat hinein in einen Gang,
und dann war sie doch entmutigt,
als die Tür im Schlosse klang.

Tausend kleine Teufel rannten 
schreiend durch die Geisterknochen,
bis die Geister erst erkannten,
was sie da vom Zaun gebrochen.
Voller Schreck und ohne Rat,
blieben sie auf ihrer Stelle,
aufwärts, ja und auch hinab
rollte nun die schwarze Welle. 

Dann, beim ersten Licht des Morgens,
klangen Hörner, um zu warnen 


Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 5 

Montag, 4. Mai 2026

Der glückliche Prinz (Wilde) gereimt

Im Licht der Stadt erstrahlt das Bild 
des frohen Königsohns,
der auf schlanker Säule dort 
in goldner Rüstung thront. 
Hoch über der belebten Stadt, 
steht der Prinz auf einem Hügel
und bei seinen großen Füßen 
ruhn zwei kleine schwarze Flügel.
Besonders sorglos sieht er aus, 
mit blauen Augensteinen,
die voll heitrer Sanftmut aus den
runden Lidern scheinen.
Und auch sein schöner Mund untrüglich
lacht, als wär er wirklich glücklich.

Sie ist das letzte Schwälbelein, 
der warmen Zeit des Jahres,
denn an einem See erlebte 
sie manch Wunderbares.
Verliebte sich dort ganz und gar 
in eine Binsenstange.
Die Schwärmerei, die hielt nur kurz 
und doch auch viel zu lange.
Das Schilfrohr war zwar elegant, 
doch war es nicht mobil,
es tanzte gern im Winde und 
es sprach weiter nicht viel.
Die Schwalbe hatte dann genug 
von einsamen Gelübden,
denn ihre Freunde waren nun 
schon längst in Nord-Ägypten.

Sie flog den ganzen Tag und kam des Abends in die Stadt.
„Ob die Stadt für mich schon ein Quartier bereitet hat?“
Dann sah sie auf die Statue. „Dich will ich gern beehren.
Dieses Bettchen wird mir einen ruhigen Schlaf bescheren.
Das Schlafgemach ist golden und es liegt an frischer Luft
und die Blümchen auf dem Beet verströmen süßen Duft.“

Müde steckt sie ihren Schnabel unter das Gefieder,
da fällt ein großer Tropfen sacht von oben auf sie nieder.
„Wie schrecklich“, ruft sie aufgeregt, „Die Nacht ist sternenklar,
das Klima in Europa, das ist wirklich sonderbar.“
Noch ein Tropfen „Sage mir, was diese Statue nützt,
wenn sie mich noch nicht einmal vor Wind und Regen schützt?
Ich suche mir ein Dach!“ Jedoch bevor sie losgeflattert,
kommt ein dritter Tropfen und da schaut sie ganz verdattert.

Sie blickt auf und sieht da, tja was sieht sie wohl?
Die Augen des so Glücklichen sind nun der Tränen voll.
Tränen, welche leise hin über goldne Wangen rinnen,
dann hinab zu seinem Kinn, von dem sie zu Boden springen.
Sein Antlitz scheint im Mondeslicht so lieblich und so schön,
dass dem Vöglein danach ist vor Mitleid zu vergehn.
„Wer bist du?“ fragt es sehr besorgt. „Man heißt mich ‚Prinz‘ und ‚glücklich‘.“
„Aber warum“, fragt es weiter, "weinst du augenblicklich?"

„Der Ratsherr nennt mich Wetterhahn, die Kinder einen Engel,
doch als ich ein Mensch noch war und fern von dem Gedrängel
der Stadt im Schlosse Sorgenfrei lebte ohne Leid,
da spielte ich im Garten schön mit Freunden allezeit.
Danach ging es in den großen Saal zu Speis und Tanz.
Den Garten und das Schloß umringte eine Mauer ganz.
So hoch, dass ich niemals fragte, was dahinter lag.
Denn ich war heiter und vergnügt, bis zum letzten Tag.
Und jetzt, wo ich tot bin, da steh ich hier so hoch,
da sehe ich das Elend über fünfzehn Meilen noch.
Auch wenn mein Herz aus Blei ist und aus Bronze meine Beine,
kann ich nicht verhindern, dass ich unaufhörlich weine."

"Wie, dein Herz ist nicht aus Gold?" sprach die Schwalbe leise,
doch es war nicht bös gemeint in irgendeiner Weise.
"Weit von hier", so führte nun die Statue weiter aus,
"steht in einer Gasse ein recht kümmerliches Haus.
Durch das offne Fenster seh ich eine arme Frau,
an einem Tische sitzen, dünn und müd und grau.
Sie hat raue Hände, die von Nadeln ganz zerstochen
und ihr Blick ruht auf dem Tagwerk, glanzlos und gebrochen.
Blumen stickt sie auf ein Kleid, aus Seide jeder Zoll,
dass eine reiche Dame bald zum Hofball tragen soll.

In der Zimmerecke liegt ihr Junge krank im Bett
und träumt von Apfelsinen, die er so gerne hätt.
Wasser, braun vom Fluss, ist alles was den Bub erfrischt.
Ich bitt dich, dass du den Rubin von meinem Schwerte brichst.
Schwalbe, kleine Schwalbe bitte nimm diesen Rubin.
Der Näherin und ihrem Sohn ans Fenster bringe ihn.
Meine Füße sind an diesem Postament befestigt
und das wär mir bei jedem meiner Schritte denkbar lästig.“ 

„In Ägypten werde ich gar schmerzlich schon ersehnt.“
spricht die Schwalbe nachdenklich, langsam und gedehnt.
„Meine Freunde drehn am Nile artig Rund um Runde
und den Lotus preisen sie mit Lobgesang im Munde.
Bald werden Sie im Grab des großen Königs schlafen gehen.
Er ist selbst in einem schmucken Sarge dort zu sehen.
Da liegt er sorglich eingehüllt in gelbem Tuch aus Leinen und
um den Hals liegt eine Schnur aus grünen Jadesteinen.
Seine Hände runzeln sich wie trocknes Laub an Bäumen,
Balsamduft begleitet ihn in seinen Fabelträumen."

"Bleib Schwalbe, kleine Schwalbe, sei nicht so widerborstig.
Die Mutter ist so traurig, der Knabe ist so durstig."
Darauf sagt die Schwalbe "Leider mag ich keine Knaben,
weil sie häufig Steine in den Hosentaschen haben.
Letzten Sommer, als ich hier am Flusslauf Mücken fing,
sahen mich die jungen Söhne der Frau Müllerin.
Zahlreich schwirrten Kieselsteine, die sie nach mir warfen,
die, weil ich kunstreich fliege, aber überhaupt nicht trafen.

Trotzdem sehr respektlos!“ doch weiter kommt sie nicht,
denn sie sieht des Prinzen ach, so trauriges Gesicht.
So tut er der Schwalbe leid. „Hier wird es kühl beileibe,
doch es kann nicht schaden wenn ich eine Nacht noch bleibe.“
„Ich dank dir, kleine Schwalbe!“ Sie nimmt den Stein vom Knauf
und schwingt sich über Dächer und die Türme hoch hinauf.
Am Dom grüßt sie die Engel froh auf ihrem Himmelsritt,
beim Schloß wiegt sich ein Pärchen sanft im Wiener-Walzer-Schritt.
Sie üben für den Hofball dort an einer Balustrade,
er lobt den Sternenhimmel, sie sagt indes nur "Schade!
Mein Kleid ist noch nicht fertig, die Näher sind so müßig.
Mit Blumen wollt ich es bestickt, mit langem Warten büß ich.“
Die Schwalbe sieht am Hafen noch die Schiffslaternen leuchten
und vor der Bar Matrosen da die Kehle sich befeuchten.

Sie fliegt zum kargen Häuschen hin und schaut diskret hinein.
Der Knabe hustet fieberig, die Mutter döst grad ein.
Die Schwalbe hüpft zu ihr und in den Fingerhut der Alten
legt sie den Rubin, um dann die Flügel zu entfalten.
So fächert sie am Kissen zu dem kranken Kinde Luft
auf die feuchte Stirne noch, so dass es leise ruft
„Ich glaub, mir geht es besser.“ Die Schwalbe fliegt hinaus,
zurück zum goldnen Prinzen hin und richtet ihm gleich aus,
was sie für die Mutter und das arme Kind getan.
Sie meint „Es geht schon seltsam zu, doch mir ist richtig warm.“
„Ja, das ist der guten Taten wonniglicher Segen“,
sagt er und da fängt das Schwälbchen an zu überlegen.

Doch der Schlaf, der kecke Dieb, raubt ihr die Konklusion
und dann küsst der Sonnenaufgang ihre Lider schon.
Morgens fliegt die Schwalbe dann zum Flusse um zu baden,
man sieht sie da in großen Pfützen plantschen und auch waten.
Die Schwalbe murmelt vor sich hin „Heut flieg ich nach Ägypten.“
Dann tut sie einen Freudenaufschrei, einen ganz entzückten.
Sie macht noch einen Ausflug zu den Denkmälern der Stadt
und die Spatzen auf den Dächern loben ihren Frack.

Vom Kirchturm segelt sie, als schon der Mond am Himmel schwebt,
hin zu ihrem Königssohn, der fest darauf besteht,
"Schwalbe, kleine Schwalbe, bleibe nur noch eine Nacht!"
"Ich muss doch nach Ägypten." sagt die Schwalbe mit Bedacht.
"Morgen wollten wir hinauf zum zweiten Wasserfall,
es kaut das Nilpferd Flusskraut da im heißen Königstal.
Memnon, der Koloss sitzt auf dem Thron die ganze Nacht
und wartet auf den Morgenstern, der ihn sehr glücklich macht.
Es gehn zur Mitternacht die gelben Löwen Wasser trinken,
sie haben grüne Augen, die wie Berylle blinken.
Ihr Brüllen, das ist lauter noch als das des Wasserfalles…“

„Schwalbe, kleine Schwalbe, das glaub ich dir ja alles!
Weit von hier, am Stadtrand, seh ich einen jungen Mann,
welcher sein Theaterstück nicht mehr beenden kann.
Er hat krause Haare und Lippen, rot wie Blut. 
Gerne hätte er in seinem Ofen warme Glut.
Lieber noch als Feuer wünscht er sich etwas zu essen
und über diese Sorgen hat er seine Kunst vergessen.
Welke Veilchen stehn auf seinem Schreibtisch unterm Dach
und seine feinen Hände sind vor Hunger schon ganz schwach.”
“Eine einzge Nacht noch will ich gern bei dir verweilen.
Hast du einen anderen Rubin, um ihn zu teilen?”
So spricht das kleine Vögelein aus seinem guten Herzen.

“Ich hab nur meine Augen, doch eins kann ich verschmerzen.
Saphire sinds, vor tausend Jahrn aus Indien gebracht.
Eines picke aus und bring es ihm noch heute Nacht."
"Lieber Prinz, das kann ich nicht..." spricht die Schwalbe unter Tränen.
"Mach nur, Schwälbchen, darüber brauchst du dich doch nicht zu grämen."
Darauf pickt das Schwälbelein des Prinzen Auge aus
und fliegt zu des Studenten Kammer hoch oben im Haus.

Sie kommt ganz leicht hinein, denn im Dach da ist ein Loch,
Schiesst hindurch, zum Bett und hüpft dann noch zum Schreibtisch hoch.
Sein Haupt, das hat der junge Mann vergraben in den Händen.
So merkt er nicht, wer bei ihm ist, um sein Geschick zu wenden.
Ein Luftzug geht, er sieht den Stein nun bei den Veilchen liegen
Und ruft freudig “Man beginnt wohl, endlich mich zu lieben!
Ein Verehrer sicherlich, von meinen Kurzgeschichten.
Nun muss ich nicht länger mehr auf Brot und Holz verzichten.”

Am nächsten Tage fliegt die Schwalbe noch einmal zum Hafen.
Sie hockt auf einem Mast herum und schaut da auf die braven
Matrosen, wie sie schwere Kisten ziehn an starken Seilen
aus dem Schiffsbauch, um erneut zum Laderaum zu eilen.
Sie bücken sich und schwitzen sehr und schrein wie die Verrückten
"Hebt an!" Das Vöglein ruft zurück: "Ich reise nach Ägypten!"
Doch hört sie niemand und deswegen, als das Licht vergeht,
fliegt sie dahin, wo des Prinzen Schatten sich bewegt.

"Mein Prinz, ich bin gekommen um dir Lebewohl zu sagen!"
"Kleine Schwalbe, kannst du deinen Abflug nicht vertagen?"
"Der Wetterumschwung ist schon da und bald liegt hier der Schnee.
In Ägypten wärmt die Sonne den Manzala-See.
Krokodile liegen träg im Schlamm unter den Palmen.
Meine Freunde bauen jetzt ihr Nest aus Lehm und Halmen
im Tempelhaus von Luxor, wo die blaßroten Tauben,
stets gaffen und frech gurren, es ist ja kaum zu glauben!
Lieber Prinz, ich muss nun fort, ich lasse dich alleine.
Nächstes Frühjahr bring ich dir zwei neue Edelsteine.
Der Saphir soll blauer sein noch als das Firmament,
der Rubin rot wie die Lava, die im Ätna brennt." 

"Unten auf dem Platz, da steht ein Streichholzmädchen.
Die Hölzer fielen ihr heraus aus ihrem kleinen Lädchen
in den Rinnstein und so sind sie alle schnell verdorben.
Ihr Vater wird sie schlagen, denn sie hat nichts erworben.
Weinend steht sie da herum, ganz ohne Strümpf und Schuhe.
Ihr bloßes Köpfchen frieret und das lässt mir keine Ruhe.
Picke, kleines Schwälbelein, mein and'res Auge aus
und bring es zu ihr recht geschwind, noch auf dem Weg nach Haus."

"Mein Prinz, ich kann verstehen, was du fühlst für dieses Kind.
Jedoch, dein Auge nehm ich nicht, denn danach wärst du blind!"
"Schwalbe, kleine Schwalbe, bitte tu, wie ichs dir sage."
Die Schwalbe nimmt das Auge, nunmehr ohne weitre Klage.
Sie lässt den Stein beim Mädchen fallen, in die hohle Hand.
„Hoppla, kleiner Bote, sprich, wer hat dich wohl gesandt?
Dieses blaue Glasstück sieht ja wunderprächtig aus!“
ruft sie und dann rennt sie, völlig aufgeregt, nach Haus.

Die Schwalbe fliegt zum Prinzen und sie sagt „Du bist jetzt blind.
Darum wirds für immer sein, dass wir zusammen sind.“
„Schwalbe, kleine Schwalbe, nein, du musst nach Süden gehen.“
"Ach mein armer Prinz, das kann nun nimmermehr geschehen.
Ich will von heut an immerdar für dich zugegen sein."
sagt sie und sie schläft erschöpft zu seinen Füßen ein.
Sie sitzt am nächsten Tag dann auf des Prinzen Goldgewändern
und erzählt viel Wundersames aus den fernen Ländern.

Wie die roten Ibisse da stehn in Reih und Glied
und Goldfisch fangen aus dem Nil, der seinen Reichtum gibt.
Von der großen Sphinx, die selbst so alt ist wie die Welt,
die in einer Wüste lebt und schwere Fragen stellt.
Von den Händlern und Kamelen, die den gelben Sand durchschreiten
und den Bernsteinperlenketten, die durch ihre Hände gleiten.
Vom dem Mondberg-König, der so schwarz ist wie die Nacht,
der einen mächtgen Bergkristall bewundert und bewacht.
Von Pygmäen, die auf Blättern über Wasser gleiten
und sich immerfort mit den Schmetterlingen streiten.
Und von der grünen Schlange, die hoch im Palmbaum schläft
und sich von zwanzig Priestern faul mit Honig füttern lässt.

"Schwälbchen, du erzählst mir da gar manche Seltsamkeit,
doch geheimnisvoller noch ist wohl das Menschenleid.
Wie des Elends Wunde, so ist kein Wunder tief.
Flieg durch meine Stadt und sage mir, was man dort sieht."
So fliegt die Schwalbe durch die Stadt, schaut wie in den schönen
Häusern dort die reichen Leute ihrem Luxus frönen.
Während dessen Bettler vor geschlossnen Türen sitzen.
Dann sieht man die Schwalbe durch die engen Gassen flitzen.
Die hohlwangigen Kinder starren da mit ihren blassen
Gesichtern teilnahmslos und traurig auf die düstren Straßen.
Unter einem Brückenbogen sind zwei kleine Jungen,
die einander wärmen und liegen, eng umschlungen.
"Wie hungrig sind wir!" rufen sie. "Nicht auf die Wege legen!"
brüllt der Wächter und sie irr'n nach draußen in den Regen.

Da fliegt die Schwalbe zu dem Prinz, setzt sich und berichtet.
Der Prinz spricht zu ihr "Ich bin ganz mit feinem Gold beschichtet.
Löse es nur Blatt für Blatt und schenke es den Kindern.
Weil die goldnen Dinge nämlich Menschenarmut lindern."
Blättchenweise zupft sie nun das feine Gold vom Rumpf,
bis der edle Königssohn ganz grau aussieht und stumpf.
Jedes Blatt des reinen Goldes bringt sie an sein Ziel.
Die Kinder lachen und sie rufen froh bei ihrem Spiel:
"Hurra, hurra, jetzt haben wir endlich wieder Brot!"
und vor lauter Leben glühen ihre Wangen rot.

Dann kommt der Schnee und auch der Frost, sie schmieden Silberbänder,
aus den Straßen und die Menschen tragen Pelzgewänder.
Zapfen hängen spitz vom Dach wie Dolche aus Kristall,
die Kinder laufen Schlittschuh, haben Wollmütze und Schal.
Die kleine Schwalbe friert und friert und doch sie ist geblieben,
denn sie hat sich ihrem Prinzen ganz und gar verschrieben.
Sie stiehlt beim Bäcker Krümel vorm Tore jeden Tag
und wärmt sich heftig flatternd noch mit ihrem Flügelschlag.

Endlich aber wird ihr klar, dass sie nun sterben muss.
Sie schwingt sich auf die Schulter hoch. "Ich geb dir einen Kuss
auf deine Hand und lebe wohl, mein lieber, guter Prinz!"
"Schwälbchen, wie erleichtert mich der Wandel deines Sinns.
Dass du endlich und so spät noch nach Ägypten ziehst.
Und küsse mich nur auf den Mund! Ich weiß, dass du mich liebst."
"Nicht nach Ägypten reise ich, nur in des Todes Haus,
der Tod ist Schlafes Bruder und ich ruhe mich nun aus."

Dann küsst sie den unglücklichen Prinzen auf die Lippen
und die Schwäche lässt sie träg nach hinten über kippen.
Lautlos fällt sie hin zu seinen Füßen in das Weiß
und es ertönt ein Krachen, so wie von dünnem Eis.
Zerborsten ist das Herz aus Blei, es herrscht ja starker Frost
und an einem andern Orte finden sie jetzt Trost.

Hoch oben, hoch im Himmelreich steht der Prinz auf einem Hügel
und bei seinen großen Füßen ruhn zwei kleine schwarze Flügel.
Besonders weise sieht er aus, mit blauen Augensteinen,
die voll heitrer Sanftmut aus runden Lidern scheinen.
Und auch das Schwälbchen, ganz untrüglich,
wirkt, als wär es wirklich glücklich.

Freitag, 1. Mai 2026

Der Froschkönig (Brüder Grimm) gereimt

In einer Zeit, man glaubt es glatt, 
als Wünschen noch geholfen hat,
lebte eine Königstochter, 
welche wirklich jeder mochte,
Königs und des Hofes Wonne,
schöner noch als selbst die Sonne, 
jene sah oft neidisch hin,
wenn sie in ihr Antlitz schien.

Nah beim Schlosse lag ein Wald
dann in diesem Walde bald,
standen ein paar große Lärchen
und an diesem kühlen Ort
saß am Brunnen unser Mädchen
herzlich gern und spielte dort.

Eine Kugel ganz aus Gold
warf sie hoch und fing sie wieder,
ihrem Spielzeug war sie hold,
und sang dabei frohe Lieder.

Eines Tages fiel der Ball
nicht von oben in ihr Händchen,
sondern schlug bei seinem Fall
ungeschickt auf einen Stein
und darauf sprang er vom Rändchen
platschend in das Nass hinein.

Großen Auges folgte ihm
nach die junge Werferin,
doch der Brunnen hier war tief,
tief als wär kein Grund darin.

Bitter weinte sie nun drein,
da rief jemand laut ihr zu:
"Sag, was störst du meine Ruh,
klagst, die Welt wär so gemein ?"

Um sich blickte sie voll Scham,
woher diese Stimme kam,
und sah einen Frosch der bläßlich
seinen Kopf, der dick und häßlich,
aus dem Brunnenwasser hob.

Und sie sagte ihm darob:
"Du bists, altes Wassertier!
Um den goldnen Ball den meinen,
der an diesem Brunnen hier
mir aus meinen Händen fiel,
muss ich unaufhörlich weinen."

"Sei schon still und weine nicht",
sprach der Frosch mit viel Gespür.
"Denn ich bring ihn dir ans Licht,
doch was gibst du mir dafür?"

"Alles was du willst und mehr,
Kleider, Perlen, Edelsteine,
auch die Krone, die ich trage,
all das gebe ich dir gern,
wenn den Ball du bringst zutage."

„Kleider, Perlen, Edelsteine, 
und die goldne Krone deine,
will ich nicht, statt dessen eine
Freundschaft und Gesellschaft fein,
will dein Spielgeselle sein.

Iss mit mir und trink mit mir 
vom Teller und aus goldnen Bechern
und zuletzt gib Zutritt mir,
zu deinen edlen Schlafgemächern!“

Und sie dachte, lass ihn schwatzen,
schnell herauf den goldnen Batzen!
Fröschlein liebts bei seinesgleichen 
in den trüben Fröscheteichen.
Deshalb kann es keinesfalls
einer Frau das Wasser reichen. 

„Bringst du meine Kugel mir,
geb ich alles dir dafür
was du wünschst und obendrauf
Küsschen noch von mir zuhauf.“

Und der Lurch, als sie’s gehaucht,
ist sogleich zum Grund getaucht,
sank hinab und kam dann wieder
aus dem Schacht heraufgekrochen.
Und aus seinem Maul hernieder,
fiel die Kugel wie versprochen.

Die Prinzessin war voll Freude,
da sie nun ihr Spielzeug sah,
hob es auf und sprang hinfort
und der Frosch saß staunend da.
Galt der jungen Dame Wort?
"Warte, warte," rief der Lurch,
"nimm mich mit, ich bin so klein!"
Sie blieb taub und daher kroch
er den ganzen Weg allein.

„Aus dem Auge, aus dem Sinn.“
dachte sich das Königskind,
als es anderntags zu Tisch,
ausgeschlafen und erfrischt,
langte tüchtig zu beim Essen
und die Sache war verg
essen.

Kam von draußen durch das Fenster 
"Plitscheplatsche" ein Geräusch
Und es klopfte an der Türe: 
"Königstochter, zeiget Euch!"

Schnell lief sie herab die Treppen, 
um zu sehen, wer vorm Tor,
doch als sie es öffnete, 
saß da nur der Frosch davor.
Ängstlich warf sie zu die Türe
und stieg dann zum Saal empor.

Und der König sah, es klopfte 
ihr das Herze bis zum Hals,
und er sprach "Wer ist der Flegel
außerhalb des Schloßportals?
Ists ein Riese, der den Säbel 
schwinget wie ein Krimtatar?"
"Nein da sitzet nur ein Fröschlein, 
das im Wald mein Retter war."

"Gestern hab ich da gesungen,
als die gold'ne Kugel fiel,
in den tiefen Lärchenbrunnen
dann bei meinem Kugelspiel,
und ich weinte bitterlich
voller Ärger, Pein und Schmach,
dass der Frosch, fast ritterlich,
seine Hilfe mir versprach.

Und verlangte dann, oh Sünde,
gar mein Bettgesell zu sein,
doch, so dachte ich, er könnte
nicht zu unsrer Tür herein."

"Mach mir auf, mach mir auf,
Königstochter, jüngste,
weißt du, was du mir versprachst
für meine guten Dienste?"

"Was du ihm versprochen hast,
musst du nun auch halten.
Mach ihm auf, gehorche
deinem Vater, deinem alten!"

Öffnete die Tür betrübt sie
und es sprang behend herein,
von der Treppe bis zum Tische,
frech das grüne Fröschelein.

Und da saß es und es rief
"Hebe mich zu dir empor!"
Und es aß vom Kopfsalate,
bis ihr ganz der Mut gefror. 

Gang für Gang ließ sich der Frosch
mit Genuss die Speisen schmecken,
Ihr jedoch blieb jeder Bissen
fast im schönen Halse stecken.

Er bedankte sich bei ihr
noch lakonisch fürs Bankett,
"Bring mich, Mädchen," sagte er,
"gleich noch in dein Himmelbett!"

Ach, es schauderte dem Mädchen
vor dem kalten, nassen Lurch.
Und als sie ihn scheu berührte, 
fuhr ein Ekel durch sie durch.

Zornig aber sprach der König 
"Kind, du sollst ihn nicht verachten!
Half er dir doch und dafür 
darf er bei dir  übernachten!"

Mit zwei Fingern trug sie ihn
hoch hinauf ins Ruhezimmer,
und sie legte ihn ins Eck, 
bald jedoch kam es noch schlimmer,
denn gerade als sie ging
müd zur wohlverdienten Ruh,
kroch er frech heran "Ich will 
schlafen, nobel so wie du."

Bitterböse warf sie da
wild den Quaker an die Wand,
voller Kraft, von wo er dann
gleich mit einem "Plopp" verschwand.

"Du als alter garst'ger Frosch
kannst zu keinem Freunde taugen!"
Doch da stand ein Königssohn
nun mit wunderschönen Augen.

Eine Hexe hätte ihn
schlimm verzaubert, eine böse,
und er hätte lang gewartet,
dass man ihn daraus erlöse.
Früh am Morgen würden sie
reisen in sein Heimatreich,
darauf gingen sie zu Bett
und sie schliefen beide gleich.

Und am andern Morgen dann
als die Sonne sie geweckt,
kam ein Wagen vorgefahrn,
weiß, mit Federn aufgesteckt,
Edle, weiße Rosse schnaubten,
acht, in goldenem Gezäum,
und von hinten rief ein Diener:
"Ach mein Prinz, wir kehren heim!"

Dieses war der treue Heinrich
der in seinem langen Schmerz,
hatte harter Ringe drei,
legen lassen um sein Herz.
Denn es sollte nicht vor lauter
schwerer Traurigkeit zerspringen,
Bis er endlich könnt den Herren
heil und ganz nach Hause bringen.

Als sie dann ein Stück des langen
staub'gen Wegs gefahrn hernach,
gab es einen lauten Knall,
so als ob ein Rad zerbrach.
Seinen Kopf schob aus dem Fenster
unser holder Prinz und sprach:

"Heinrich, hör, der Wagen bricht!"
"Nein, mein Herr, der Wagen nicht,
s'ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als Ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr noch ein Fröschlein wart."

Noch einmal und noch einmal
krachten auf dem Weg die Ringe
und so fragte auch der Prinz,
ob es da zum Rechten ginge.
Und so gings zum Märchenschlosse
und wenn ich mich recht entsinne,
sind sie immer noch wohlauf 
und der allerbesten Dinge.


Dienstag, 7. April 2026

Das Weihnachtshuschelpuschel

Ein Huschelpuschel, noch gar nicht so alt, 
lebte in einem Zitronenwald.
Mit zimtbraunen Bächen voll klarer Glasur,
aus Lachsschaum die Hügel, so rein und so pur.

Da fielen fünf Stirnlein gesichtwärts ins Gras,
das Puschel, das staunte und wünschte sich was.
Trompeten nun quakten, potztausendundvier,
"Weihnachten feiern, das wünsche ich mir!

Auf Renrücken reiten durch stiebenden Schlick
und schenken von Herzen mit innigem Blick."
Das Huschelpuschel hat mich gerührt,
es war ja wohl ganz allein im Geviert!

Ich schenkte ihm Glockenhummeln, ne Krake
und eine tanzende Pastinake.
Das Puschel, von dankbarem Rausch besengt,
hat mir einen Zuckerbausch geschenkt.