Montag, 4. Mai 2026

Der glückliche Prinz (Wilde) gereimt

Im Licht der Stadt erstrahlt das Bild 
des frohen Königsohns,
der auf schlanker Säule dort 
in goldner Rüstung thront. 
Hoch über der belebten Stadt, 
steht der Prinz auf einem Hügel
und bei seinen großen Füßen 
ruhn zwei kleine schwarze Flügel.
Besonders sorglos sieht er aus, 
mit blauen Augensteinen,
die voll heitrer Sanftmut aus den
runden Lidern scheinen.
Und auch sein schöner Mund untrüglich
lacht, als wär er wirklich glücklich.

Sie ist das letzte Schwälbelein, 
der warmen Zeit des Jahres,
denn an einem See erlebte 
sie manch Wunderbares.
Verliebte sich dort ganz und gar 
in eine Binsenstange.
Die Schwärmerei, die hielt nur kurz 
und doch auch viel zu lange.
Das Schilfrohr war zwar elegant, 
doch war es nicht mobil,
es tanzte gern im Winde und 
es sprach weiter nicht viel.
Die Schwalbe hatte dann genug 
von einsamen Gelübden,
denn ihre Freunde waren nun 
schon längst in Nord-Ägypten.

Sie flog den ganzen Tag und kam des Abends in die Stadt.
„Ob die Stadt für mich schon ein Quartier bereitet hat?“
Dann sah sie auf die Statue. „Dich will ich gern beehren.
Dieses Bettchen wird mir einen ruhigen Schlaf bescheren.
Das Schlafgemach ist golden und es liegt an frischer Luft
und die Blümchen auf dem Beet verströmen süßen Duft.“

Müde steckt sie ihren Schnabel unter das Gefieder,
da fällt ein großer Tropfen sacht von oben auf sie nieder.
„Wie schrecklich“, ruft sie aufgeregt, „Die Nacht ist sternenklar,
das Klima in Europa, das ist wirklich sonderbar.“
Noch ein Tropfen „Sage mir, was diese Statue nützt,
wenn sie mich noch nicht einmal vor Wind und Regen schützt?
Ich suche mir ein Dach!“ Jedoch bevor sie losgeflattert,
kommt ein dritter Tropfen und da schaut sie ganz verdattert.

Sie blickt auf und sieht da, tja was sieht sie wohl?
Die Augen des so Glücklichen sind nun der Tränen voll.
Tränen, welche leise hin über goldne Wangen rinnen,
dann hinab zu seinem Kinn, von dem sie zu Boden springen.
Sein Antlitz scheint im Mondeslicht so lieblich und so schön,
dass dem Vöglein danach ist vor Mitleid zu vergehn.
„Wer bist du?“ fragt es sehr besorgt. „Man heißt mich ‚Prinz‘ und ‚glücklich‘.“
„Aber warum“, fragt es weiter, "weinst du augenblicklich?"

„Der Ratsherr nennt mich Wetterhahn, die Kinder einen Engel,
doch als ich ein Mensch noch war und fern von dem Gedrängel
der Stadt im Schlosse Sorgenfrei lebte ohne Leid,
da spielte ich im Garten schön mit Freunden allezeit.
Danach ging es in den großen Saal zu Speis und Tanz.
Den Garten und das Schloß umringte eine Mauer ganz.
So hoch, dass ich niemals fragte, was dahinter lag.
Denn ich war heiter und vergnügt, bis zum letzten Tag.
Und jetzt, wo ich tot bin, da steh ich hier so hoch,
da sehe ich das Elend über fünfzehn Meilen noch.
Auch wenn mein Herz aus Blei ist und aus Bronze meine Beine,
kann ich nicht verhindern, dass ich unaufhörlich weine."

"Wie, dein Herz ist nicht aus Gold?" sprach die Schwalbe leise,
doch es war nicht bös gemeint in irgendeiner Weise.
"Weit von hier", so führte nun die Statue weiter aus,
"steht in einer Gasse ein recht kümmerliches Haus.
Durch das offne Fenster seh ich eine arme Frau,
an einem Tische sitzen, dünn und müd und grau.
Sie hat raue Hände, die von Nadeln ganz zerstochen
und ihr Blick ruht auf dem Tagwerk, glanzlos und gebrochen.
Blumen stickt sie auf ein Kleid, aus Seide jeder Zoll,
dass eine reiche Dame bald zum Hofball tragen soll.

In der Zimmerecke liegt ihr Junge krank im Bett
und träumt von Apfelsinen, die er so gerne hätt.
Wasser, braun vom Fluss, ist alles was den Bub erfrischt.
Ich bitt dich, dass du den Rubin von meinem Schwerte brichst.
Schwalbe, kleine Schwalbe bitte nimm diesen Rubin.
Der Näherin und ihrem Sohn ans Fenster bringe ihn.
Meine Füße sind an diesem Postament befestigt
und das wär mir bei jedem meiner Schritte denkbar lästig.“ 

„In Ägypten werde ich gar schmerzlich schon ersehnt.“
spricht die Schwalbe nachdenklich, langsam und gedehnt.
„Meine Freunde drehn am Nile artig Rund um Runde
und den Lotus preisen sie mit Lobgesang im Munde.
Bald werden Sie im Grab des großen Königs schlafen gehen.
Er ist selbst in einem schmucken Sarge dort zu sehen.
Da liegt er sorglich eingehüllt in gelbem Tuch aus Leinen und
um den Hals liegt eine Schnur aus grünen Jadesteinen.
Seine Hände runzeln sich wie trocknes Laub an Bäumen,
Balsamduft begleitet ihn in seinen Fabelträumen."

"Bleib Schwalbe, kleine Schwalbe, sei nicht so widerborstig.
Die Mutter ist so traurig, der Knabe ist so durstig."
Darauf sagt die Schwalbe "Leider mag ich keine Knaben,
weil sie häufig Steine in den Hosentaschen haben.
Letzten Sommer, als ich hier am Flusslauf Mücken fing,
sahen mich die jungen Söhne der Frau Müllerin.
Zahlreich schwirrten Kieselsteine, die sie nach mir warfen,
die, weil ich kunstreich fliege, aber überhaupt nicht trafen.

Trotzdem sehr respektlos!“ doch weiter kommt sie nicht,
denn sie sieht des Prinzen ach, so trauriges Gesicht.
So tut er der Schwalbe leid. „Hier wird es kühl beileibe,
doch es kann nicht schaden wenn ich eine Nacht noch bleibe.“
„Ich dank dir, kleine Schwalbe!“ Sie nimmt den Stein vom Knauf
und schwingt sich über Dächer und die Türme hoch hinauf.
Am Dom grüßt sie die Engel froh auf ihrem Himmelsritt,
beim Schloß wiegt sich ein Pärchen sanft im Wiener-Walzer-Schritt.
Sie üben für den Hofball dort an einer Balustrade,
er lobt den Sternenhimmel, sie sagt indes nur "Schade!
Mein Kleid ist noch nicht fertig, die Näher sind so müßig.
Mit Blumen wollt ich es bestickt, mit langem Warten büß ich.“
Die Schwalbe sieht am Hafen noch die Schiffslaternen leuchten
und vor der Bar Matrosen da die Kehle sich befeuchten.

Sie fliegt zum kargen Häuschen hin und schaut diskret hinein.
Der Knabe hustet fieberig, die Mutter döst grad ein.
Die Schwalbe hüpft zu ihr und in den Fingerhut der Alten
legt sie den Rubin, um dann die Flügel zu entfalten.
So fächert sie am Kissen zu dem kranken Kinde Luft
auf die feuchte Stirne noch, so dass es leise ruft
„Ich glaub, mir geht es besser.“ Die Schwalbe fliegt hinaus,
zurück zum goldnen Prinzen hin und richtet ihm gleich aus,
was sie für die Mutter und das arme Kind getan.
Sie meint „Es geht schon seltsam zu, doch mir ist richtig warm.“
„Ja, das ist der guten Taten wonniglicher Segen“,
sagt er und da fängt das Schwälbchen an zu überlegen.

Doch der Schlaf, der kecke Dieb, raubt ihr die Konklusion
und dann küsst der Sonnenaufgang ihre Lider schon.
Morgens fliegt die Schwalbe dann zum Flusse um zu baden,
man sieht sie da in großen Pfützen plantschen und auch waten.
Die Schwalbe murmelt vor sich hin „Heut flieg ich nach Ägypten.“
Dann tut sie einen Freudenaufschrei, einen ganz entzückten.
Sie macht noch einen Ausflug zu den Denkmälern der Stadt
und die Spatzen auf den Dächern loben ihren Frack.

Vom Kirchturm segelt sie, als schon der Mond am Himmel schwebt,
hin zu ihrem Königssohn, der fest darauf besteht,
"Schwalbe, kleine Schwalbe, bleibe nur noch eine Nacht!"
"Ich muss doch nach Ägypten." sagt die Schwalbe mit Bedacht.
"Morgen wollten wir hinauf zum zweiten Wasserfall,
es kaut das Nilpferd Flusskraut da im heißen Königstal.
Memnon, der Koloss sitzt auf dem Thron die ganze Nacht
und wartet auf den Morgenstern, der ihn sehr glücklich macht.
Es gehn zur Mitternacht die gelben Löwen Wasser trinken,
sie haben grüne Augen, die wie Berylle blinken.
Ihr Brüllen, das ist lauter noch als das des Wasserfalles…“

„Schwalbe, kleine Schwalbe, das glaub ich dir ja alles!
Weit von hier, am Stadtrand, seh ich einen jungen Mann,
welcher sein Theaterstück nicht mehr beenden kann.
Er hat krause Haare und Lippen, rot wie Blut. 
Gerne hätte er in seinem Ofen warme Glut.
Lieber noch als Feuer wünscht er sich etwas zu essen
und über diese Sorgen hat er seine Kunst vergessen.
Welke Veilchen stehn auf seinem Schreibtisch unterm Dach
und seine feinen Hände sind vor Hunger schon ganz schwach.”
“Eine einzge Nacht noch will ich gern bei dir verweilen.
Hast du einen anderen Rubin, um ihn zu teilen?”
So spricht das kleine Vögelein aus seinem guten Herzen.

“Ich hab nur meine Augen, doch eins kann ich verschmerzen.
Saphire sinds, vor tausend Jahrn aus Indien gebracht.
Eines picke aus und bring es ihm noch heute Nacht."
"Lieber Prinz, das kann ich nicht..." spricht die Schwalbe unter Tränen.
"Mach nur, Schwälbchen, darüber brauchst du dich doch nicht zu grämen."
Darauf pickt das Schwälbelein des Prinzen Auge aus
und fliegt zu des Studenten Kammer hoch oben im Haus.

Sie kommt ganz leicht hinein, denn im Dach da ist ein Loch,
Schiesst hindurch, zum Bett und hüpft dann noch zum Schreibtisch hoch.
Sein Haupt, das hat der junge Mann vergraben in den Händen.
So merkt er nicht, wer bei ihm ist, um sein Geschick zu wenden.
Ein Luftzug geht, er sieht den Stein nun bei den Veilchen liegen
Und ruft freudig “Man beginnt wohl, endlich mich zu lieben!
Ein Verehrer sicherlich, von meinen Kurzgeschichten.
Nun muss ich nicht länger mehr auf Brot und Holz verzichten.”

Am nächsten Tage fliegt die Schwalbe noch einmal zum Hafen.
Sie hockt auf einem Mast herum und schaut da auf die braven
Matrosen, wie sie schwere Kisten ziehn an starken Seilen
aus dem Schiffsbauch, um erneut zum Laderaum zu eilen.
Sie bücken sich und schwitzen sehr und schrein wie die Verrückten
"Hebt an!" Das Vöglein ruft zurück: "Ich reise nach Ägypten!"
Doch hört sie niemand und deswegen, als das Licht vergeht,
fliegt sie dahin, wo des Prinzen Schatten sich bewegt.

"Mein Prinz, ich bin gekommen um dir Lebewohl zu sagen!"
"Kleine Schwalbe, kannst du deinen Abflug nicht vertagen?"
"Der Wetterumschwung ist schon da und bald liegt hier der Schnee.
In Ägypten wärmt die Sonne den Manzala-See.
Krokodile liegen träg im Schlamm unter den Palmen.
Meine Freunde bauen jetzt ihr Nest aus Lehm und Halmen
im Tempelhaus von Luxor, wo die blaßroten Tauben,
stets gaffen und frech gurren, es ist ja kaum zu glauben!
Lieber Prinz, ich muss nun fort, ich lasse dich alleine.
Nächstes Frühjahr bring ich dir zwei neue Edelsteine.
Der Saphir soll blauer sein noch als das Firmament,
der Rubin rot wie die Lava, die im Ätna brennt." 

"Unten auf dem Platz, da steht ein Streichholzmädchen.
Die Hölzer fielen ihr heraus aus ihrem kleinen Lädchen
in den Rinnstein und so sind sie alle schnell verdorben.
Ihr Vater wird sie schlagen, denn sie hat nichts erworben.
Weinend steht sie da herum, ganz ohne Strümpf und Schuhe.
Ihr bloßes Köpfchen frieret und das lässt mir keine Ruhe.
Picke, kleines Schwälbelein, mein and'res Auge aus
und bring es zu ihr recht geschwind, noch auf dem Weg nach Haus."

"Mein Prinz, ich kann verstehen, was du fühlst für dieses Kind.
Jedoch, dein Auge nehm ich nicht, denn danach wärst du blind!"
"Schwalbe, kleine Schwalbe, bitte tu, wie ichs dir sage."
Die Schwalbe nimmt das Auge, nunmehr ohne weitre Klage.
Sie lässt den Stein beim Mädchen fallen, in die hohle Hand.
„Hoppla, kleiner Bote, sprich, wer hat dich wohl gesandt?
Dieses blaue Glasstück sieht ja wunderprächtig aus!“
ruft sie und dann rennt sie, völlig aufgeregt, nach Haus.

Die Schwalbe fliegt zum Prinzen und sie sagt „Du bist jetzt blind.
Darum wirds für immer sein, dass wir zusammen sind.“
„Schwalbe, kleine Schwalbe, nein, du musst nach Süden gehen.“
"Ach mein armer Prinz, das kann nun nimmermehr geschehen.
Ich will von heut an immerdar für dich zugegen sein."
sagt sie und sie schläft erschöpft zu seinen Füßen ein.
Sie sitzt am nächsten Tag dann auf des Prinzen Goldgewändern
und erzählt viel Wundersames aus den fernen Ländern.

Wie die roten Ibisse da stehn in Reih und Glied
und Goldfisch fangen aus dem Nil, der seinen Reichtum gibt.
Von der großen Sphinx, die selbst so alt ist wie die Welt,
die in einer Wüste lebt und schwere Fragen stellt.
Von den Händlern und Kamelen, die den gelben Sand durchschreiten
und den Bernsteinperlenketten, die durch ihre Hände gleiten.
Vom dem Mondberg-König, der so schwarz ist wie die Nacht,
der einen mächtgen Bergkristall bewundert und bewacht.
Von Pygmäen, die auf Blättern über Wasser gleiten
und sich immerfort mit den Schmetterlingen streiten.
Und von der grünen Schlange, die hoch im Palmbaum schläft
und sich von zwanzig Priestern faul mit Honig füttern lässt.

"Schwälbchen, du erzählst mir da gar manche Seltsamkeit,
doch geheimnisvoller noch ist wohl das Menschenleid.
Wie des Elends Wunde, so ist kein Wunder tief.
Flieg durch meine Stadt und sage mir, was man dort sieht."
So fliegt die Schwalbe durch die Stadt, schaut wie in den schönen
Häusern dort die reichen Leute ihrem Luxus frönen.
Während dessen Bettler vor geschlossnen Türen sitzen.
Dann sieht man die Schwalbe durch die engen Gassen flitzen.
Die hohlwangigen Kinder starren da mit ihren blassen
Gesichtern teilnahmslos und traurig auf die düstren Straßen.
Unter einem Brückenbogen sind zwei kleine Jungen,
die einander wärmen und liegen, eng umschlungen.
"Wie hungrig sind wir!" rufen sie. "Nicht auf die Wege legen!"
brüllt der Wächter und sie irr'n nach draußen in den Regen.

Da fliegt die Schwalbe zu dem Prinz, setzt sich und berichtet.
Der Prinz spricht zu ihr "Ich bin ganz mit feinem Gold beschichtet.
Löse es nur Blatt für Blatt und schenke es den Kindern.
Weil die goldnen Dinge nämlich Menschenarmut lindern."
Blättchenweise zupft sie nun das feine Gold vom Rumpf,
bis der edle Königssohn ganz grau aussieht und stumpf.
Jedes Blatt des reinen Goldes bringt sie an sein Ziel.
Die Kinder lachen und sie rufen froh bei ihrem Spiel:
"Hurra, hurra, jetzt haben wir endlich wieder Brot!"
und vor lauter Leben glühen ihre Wangen rot.

Dann kommt der Schnee und auch der Frost, sie schmieden Silberbänder,
aus den Straßen und die Menschen tragen Pelzgewänder.
Zapfen hängen spitz vom Dach wie Dolche aus Kristall,
die Kinder laufen Schlittschuh, haben Wollmütze und Schal.
Die kleine Schwalbe friert und friert und doch sie ist geblieben,
denn sie hat sich ihrem Prinzen ganz und gar verschrieben.
Sie stiehlt beim Bäcker Krümel vorm Tore jeden Tag
und wärmt sich heftig flatternd noch mit ihrem Flügelschlag.

Endlich aber wird ihr klar, dass sie nun sterben muss.
Sie schwingt sich auf die Schulter hoch. "Ich geb dir einen Kuss
auf deine Hand und lebe wohl, mein lieber, guter Prinz!"
"Schwälbchen, wie erleichtert mich der Wandel deines Sinns.
Dass du endlich und so spät noch nach Ägypten ziehst.
Und küsse mich nur auf den Mund! Ich weiß, dass du mich liebst."
"Nicht nach Ägypten reise ich, nur in des Todes Haus,
der Tod ist Schlafes Bruder und ich ruhe mich nun aus."

Dann küsst sie den unglücklichen Prinzen auf die Lippen
und die Schwäche lässt sie träg nach hinten über kippen.
Lautlos fällt sie hin zu seinen Füßen in das Weiß
und es ertönt ein Krachen, so wie von dünnem Eis.
Zerborsten ist das Herz aus Blei, es herrscht ja starker Frost
und an einem andern Orte finden sie jetzt Trost.

Hoch oben, hoch im Himmelreich steht der Prinz auf einem Hügel
und bei seinen großen Füßen ruhn zwei kleine schwarze Flügel.
Besonders weise sieht er aus, mit blauen Augensteinen,
die voll heitrer Sanftmut aus runden Lidern scheinen.
Und auch das Schwälbchen, ganz untrüglich,
wirkt, als wär es wirklich glücklich.

Der Fürchtenlerner (Brüder Grimm) gereimt

Ein Vater hatte einst zwei Söhne, 
einer davon klug,
der Jüng‘re war jedoch so dumm, 
dass man es kaum ertrug.
Sahen ihn die Leute, sagten sie 
"Was für ein Tropf!
Der frisst dem armen Väterlein 
die Haare noch vom Kopf."
Der Ältere, war was zu tun, 
schritt tagsüber hinaus.
Doch fürchtete er sich des Nachts 
und ging dann nicht vors Haus. 

Zum Jüng'ren sprach der Vater endlich 
„Heda, du bist stark,
trotzdem steckt das Faule dir 
tief in Bein und Mark!
Du solltest etwas lernen, Bub, 
das nicht ein jeder kann.
So, für was entscheidest du dich, 
werter Sohnemann?“

Der Jüngre sprach: „Mensch Vater, 
ja da denke ich nicht lang,
das Fürchten will ich lernen nur, 
denn mir ist niemals bang.“
Der Vater meinte dazu: „Junge,
du bist dumm wie Brot,
mit dir hat man wirklich, 
ehrlich, seine liebe Not. 
Mit dem Gruseln kann man 
überhaupt kein Geld verdienen
Und auch wenn dir hundertmalig 
sei ein Geist erschienen.“

Der ält're Bruder lachte 
„Schau bloß, dass du dich besinnst.
Ein Häkchen kann nur werden
wer sich beizeiten krümmt!“
Der Vater darauf flehentlich: 
„Auch wenn du dumm gebor'n,
so ist vielleicht der Hopfen 
und das Malz noch nicht verlor'n?“

In Bälde kam der Küster
zu Besuch zum Abendbrot
und der Vater klagte ihm 
nun seine liebe Not.
Der jüngste Sprößling sei 
in allen Dingen schlecht beschlagen 
und gäbe dummen Widerspruch 
auf jede seiner Fragen.

"Was sagen Sie denn dazu, 
seine neueste Idee,
das ist das Gruselnlernen jetzt! 
Potzblitz, herrjemineh!"
Und darauf sprach der Küster keck: 
"Wenn weiter nichts dabei,
das kann er bei mir lernen 
und ihr seid von ihm frei."

Und so nahm der Küster ihn, 
um auch bei Nacht und Sturm,
die Glocken laut zu läuten, 
im hohen Kirchenturm.
Er weckte ihn zu Mitternacht 
und hieß ihn aufzusteigen.
Und schlüpfte selbst ins Lakentuch, 
um ihm die Furcht zu zeigen.

Als nun der Junge oben war 
und griff den Glockenstrick,
da sah er einen weißen Geist 
im nächsten Augenblick.
"He, wer da?", rief er aufgebracht 
und "Schau bloß nicht so frech!"
"Sonst seh ich zu, dass ich im Leib
dir jeden Knochen brech."

Der Küster aber dachte,
`Ach, der ist nicht so gemein.´
Und er blieb da ganz mausestill 
so wie ein Grabesstein.
"Hinfort, du!“, sprach der Junge 
und "Hier gibt es nichts zu gaffen!"
Dann war er auf dem Sprunge 
sich den Spuk vom Hals zu schaffen.
Warf nun die Gestalt recht munter
und mit Schwung die Treppe runter, 
rollend, krachend auf den Stiegen 
blieb sie endlich wimmernd liegen.

Der Junge hat, ganz pflichtbewußt, 
die Glocken noch geläutet
und hat auch nicht mal nachgedacht, 
was all der Spuk bedeutet.
Er ging zu Bette, ohne noch 
ein weitres Wort zu sagen.
Doch am Morgen hört´ er sich 
die Küstersfrau beklagen.

"Weißt du lieber Junge denn, wo ist mein Mann geblieben?
Er ist schließlich noch vor dir den Turm hinauf gestiegen."
"Nun ja, auf der halben Treppe hat jemand gestanden.
Als er keine Antwort gab, kam die Geduld abhanden,
mir und diesen Schwächling habe ich hinabgestossen.
Niemals kommt der wieder her, so voll hat der die Hosen."

Die Frau ging hin und fand den Mann mit einem Bein gebrochen,
der lag noch da und jammerte und es fing an zu kochen,
ihr Küsterfrautemperament, sie eilte dann mit viel Lament
zum Vater unsres Jungen und rief aus vollen Lungen:
"Euer Sprößling bringt uns nichts als Riesenscherereien!
Er brach meinem Mann das Bein, das ist nicht zu verzeihen."

Es erschrak der Vater und er kam herbei gelaufen.
Er rief den Jungen zu sich her und fing dann an zu schnaufen:
"Der Teufel hat dich angeführt zu so gottlosen Flausen!"
"Aber Vater," rief der Bub "du brauchst nicht aufzubrausen!“

"Hört mich an, er stand verdächtig mitternachts herum,
und als ich ihn höflich fragte, stellte er sich stumm."
"Ach", sprach nun der Vater, "mit dir hab ich kein Glück!
Geh mir aus den Augen, Jung, und komm nicht mehr zurück!"

"Ja Herr Vater, ja sehr gerne will ich wandern gehen,
um das Gruseln endlich recht als Handwerk zu verstehen."
"Lerne was du gerne willst, das ist mir einerlei
Sag nur keinem Menschen, dass ich dein Vater sei.
Hier sind 50 Taler, die kannst du mit dir nehmen,
Das ist allzeit besser noch als deiner sich zu schämen."

Der Junge lief nun wohlgemut die Hauptstraße entlang,
er war der besten Dinge und er murmelte beim Gang:
"Ach wenn es mich nur gruselte, ach wenn es mich nur schreckte."
Und so hörte das ein Mann, der ganz in Lumpen steckte.

Der ging ein Stück des Wegs mit ihm und dann beim Abendrote,
zeigte er ihm einen Baum, dran hingen sieben Tote.
„Die armen Teufel ham mit Seilers Tochter wild getanzt.
So bleibe doch heut abend hier, dass du dich gruseln kannst.“
„Wenn das so stimmt, dann sollen 50 Taler deine sein.“
sprach der Junge voller Skepsis und der Mann schlug ein.

Da ging der Junge zu dem Galgen, setzte sich dorthin.
Die Nacht brach ein, der Nebel kam und bald schon fror es ihn.
Zu Mitternacht blies dann ein Wind, der war gar bitterkalt
und schwenkte die Gestalten hin und her im finstren Wald.

Er hatte Mitleid, machte Feuer und mit sehr viel Fleiß
nahm er die Gehenkten ab und setzte sie im Kreis.
Sie saßen da mit hohlem Blick und aufgerissnen Mündern.
Daher gab er einen Rat den unbeholfnen Sündern.

"Gebt nur acht, dass ihr euch eure Kleidung nicht verbrennt!
Sonst hab ich euch im Handumdrehn wieder aufgehängt."
Die Toten aber hörten nicht und ihre Lumpen glimmten.
Nun sprang er auf, zog sie zurück und spielte den Ergrimmten.

"Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euch den Leib versengt".
Und der Reihe nach hat er sie wieder hochgehängt.
Er legte sich ans Feuer hin und schlief den Rest der Nacht.
Am Morgen grüßte ihn der Mann, so daß er aufgewacht.

Der fragte wie es neulich mit dem Gruseln vorwärts ginge.
"Nicht besonders" sprach der Bub, "ich nahm sie von der Schlinge.
Leider haben sie kein einz'ges Wort von sich gegeben.
Drum gab ich meine Mühe auf und ließ sie wieder schweben."
Er zeigte zu den Toten hin, der andre dacht beklommen,
dass so ein abgebrühter Kerl ihm noch nicht vorgekommen.

Darauf gingen beide wieder ihrer eignen Wege
und es sang, so wie er lief, über Feld und Stege,
"Ach wenn es mich nur gruselte, ach wenn es mich nur schreckte."
der Junge als ein alter Fuhrmann ihn dabei entdeckte.

"Wer bist du?" "Das weiß ich nicht."
"Wo bist du her?" "Das weiß ich nicht."
"Wer ist dein Vater?" "Sag ich nicht.
Ich möcht nur, dass es gruselt mich."
"Statt das wir hier noch Reden schwingen,
wollen wir dich unterbringen."

Am Abend kehrten sie dann müde in ein Wirtshaus ein.
Da stellten sie die Pferde unter und beim guten Wein,
hörte der Wirt seine Wünsche, lachte "Kein Problem!
Hier in der Nähe gibts ein Schloß, da kannst du Geister sehn."

"Nein!" rief da die Wirtin blaß "Nein, das geht nicht an!"
"Mancher hat da seinen letzten Atemzug getan..."
"Wenn es richtig gruslig ist, dann ist es fabelhaft,
dann wär das Schloß das Ende meiner kurzen Wanderschaft."

Der Wirt erzählte, er müsst nur drei Nächte darin wachen,
dann würde ihm das Schloß gehörn mit all den teuren Sachen.
Der König hätte außerdem die Tochter noch versprochen,

jenem Helden, der den bösen Geisterbann gebrochen.

Der Junge ging am Morgen hin zum König und er sprach:
"Wenn's genehm ist, schau ich gern in eurem Schlosse nach."
Der König sah ihn prüfend an. „Weil du mir gut gefällst,
geb ich dir drei Dinge noch, die du dir selbst auswählst."

"Einen Knüppel, dann zum Sitzen und zum Drehen eine Bank"
Alles wurde ihm gebracht, bis die Sonne langsam sank.
In einer Kammer, hoch im Schloss, brannte bald ein Feuer,
Dort wartete der Junge brav nun auf das Ungeheuer.

Zu Mitternacht rief etwas "Au, mich friert!" aus einem Eck.
"Ihr Narren", drauf der Bursche, "kommt nur raus aus dem Versteck!
Was schreit ihr rum? Wenn euch so kalt ist, setzt euch doch zur Glut."
Zwei große schwarze Katzen warns, die er zu sich einlud.

Nach einem Weilchen fragten sie "He, woll'n wir Karten spielen?"
Er sagte "Gern, doch will ich erst auf eure Pfoten schielen."
„Unsre scharfen Krallen, die sind rein und ordentlich,
wir kratzen dir die Äuglein aus, dann siehst du keinen Stich!“
"Mit solchen langen Nägeln ist das Kartenspiel ein Graus."
sprach er und warf sie einfach aus dem Fenster raus.

Nun kamen aus dem Schatten noch mehr Katzen und auch Hunde.
Rasch warf er sie auch heraus und fluchte eine Runde.
Er wurde müde und er wollte gern ein Stündchen schlafen,
jedoch war nun das Bett verhext und es verließ den Hafen.

Es rollte wie ein Sechsgespann hin über Trepp und Dielen,
und bäumte sich auf wie ein Pferd, so dass herunterfielen,
unser Bube, Deck, Matratze und auch die Daunenkissen,
drum legte er sich auf den Flur "Dies Bett kann ich vermissen."

Nach dieser turbulenten und ereignisreichen Nacht,
Hat er mittags nochmal Halt beim selben Wirt gemacht.
Dieser machte große Augen, doch der Bub sprach kühl:
"Nur ein paar süße Kätzchen da, die warn ein Kinderspiel."

Zum Nachmittag dann ging er artig abermals ins Schloß,
und setze sich ans Fenster hin, wo er den Blick genoß.
Ganz laut und ungemütlich wurde es um Mitternacht.
Erst rumpelte es heftig und danach fiel mit Krach
ein halbes furchtbar staubiges Skelett aus dem Kamin.
Verdutzt fragte der Junge, dem das zu wenig schien:

"Wo ist die zweite Hälfte?", und mit viel Getöse,
kam der Rest der Knochen an und musterte ihn böse.
Das Gerippe setzte sich ganz frech auf seine Bank,
sortierte seine Knochen und wienerte sie blank.

"So ham wir nicht gewettet, "sprach der Junge, "meine Bank
ist nur für meinen Hintern. Du suchst wohl Streit und Zank?"
Er schlug den Schädel ihm vom Hals mit seinem großen Stecken,
so dass der dreimal sich gedreht und fiel ins Aschebecken.

Noch mehr Skelette kamen nun aus dem Kamin gesegelt,
eine ganze Kegeltruppe, die mit Schädeln kegelt.
"He ihr Freunde! Ich spiel mit, wenn es euch denn gefällt?"
"Gern," krächzten die Toten, "doch dafür brauchst du Geld."

"Am Geld soll es nicht mangeln, doch sind die Kugeln Schund."
und er schnitt die Totenköpfe auf der Drehbank rund.
"Jetzt werden sie viel besser rollen.", hat er dann gelacht,
so spielten sie noch "Alle Neun!"den Rest der heitren Nacht.

Am andern Morgen kam der König "War es denn recht gruslig?"
"Ich habe schön gekegelt, Herr. Nein, es war eher lustig."
"Ich hoff ich lern das Fürchten noch an diesem dritten Abend,
dabei klang das Angebot verlockend und erlabend."

Erneut hat er sich abends dann auf seine Bank gesetzt,
es kamen starke Männer an und diesesmal zu sechst.
Sie trugen auf den Schultern eine schwarze Totenkist'.
"Ach, das wird mein Vetter sein, der grad gestorben ist."

Kaum dass sie ihn abgesetzt, nahm er die Leich heraus
und streckte sie ganz liebevoll dann vor dem Feuer aus.
"Komm schon Vetterchen, nun komm, du bist so kalt wie Eis!
Setz dich zu mir ans Feuer, dann wird dir wieder heiss."

Als das nicht half, hat er den Leichnam in das Bett gelegt
und derb an ihm gerieben, bis dass er sich geregt.
"Ja, für meine warmen Händchen kann ich mich verbürgen."
Der Tote aber griff hinauf. "Jetzt will ich dich erwürgen."

"Was hör ich da, mein Lieber, ist das dein Lohn und Dank?"
Gleich sollst du nochmal liegen da auf deiner Leichenbank."
Er warf ihn in den Sarg zurück und schlug den Deckel zu,
Die Männer kamen abermals und trugen ihn zur Ruh.

Da trat ein alter Mann herein, größer als die andern.
"Oh du Wicht, das Höllenreich will ich mit dir bewandern."
"Nicht so schnell" sprach da der Jung, "dann musst du stärker sein."
"Dich will ich schon packen und ich hack dich klitzeklein."

"So stark wie du bin ich schon lang, das wolln wir erst mal sehen."
"Versuchen wirs, wenn du gewinnst, kannst du nach Hause gehen."
Dann führt er ihn durch dunkle Gänge hin zum Schmiedeherde,
mit einem Axtschlag schlug er dort den Amboß in die Erde.

"Das kann ich noch besser." sprach der Junge froh und munter.
Der Alte schob sich vor zu schauen und sein Bart hing runter.
Der Junge schwang das Äxtlein und er trieb mit einem Hieb,
den Bart tief in den Amboß rein, so dass er steckenblieb.

"Alterchen, jetzt hab ich dich, jetzt ists an dir zu sterben."
"Mach bloss keinen Unfug, Mann, dann kannst du mich beerben".
Der Junge zog die Axt heraus und ließ ihn wieder los.
Da führte ihn der Alte hin zum Schatzverlies im Schloß.

Es gab drei edle Truhen dort mit prächtig goldnem Schein.
"Eine davon sei dem König und die zweite dein.
Die dritte aber gib den Armen." und der Geist verschwand,
als es zwölf schlug und der Junge ganz im Dunkeln stand.

Er tastete den Weg zurück zu seinem Kämmerlein,
legte sich ans Feuer hin und schlief dort friedlich ein.
Am Morgen frug der König ihn, wie es gewesen sei.
"Ich sah meinen Vetter, hübsch viel Geld und anderlei,
aber da war nichts zum Gruseln." "Es sei nicht dein Schaden!
„Du wirst als mein Schwiegersohn schon bald im Wohlstand baden.“

Die Hochzeit ward gefeiert und das Gold heraufgebracht,
trotzdem murmelte der Bub noch in der Hochzeitsnacht:
"Ach wenn es mich nur gruselte, ach wenn es mich nur schreckte."
Worauf die Braut mit ihrer Zofe einen Plan ausheckte.
Das Kammermädchen war gewiss "Wir bringen ihn zum Schrein."
"Gieße einen Eimer Fische in sein Bett hinein."

Nachts dann trug der Jägersmann die Gründlinge zur Kammer,
die Braut goß sie auf den Gemahl, so daß er fuhr mit Jammer,
aus dem Bett, als da der Fang auf ihm herumgesprungen:
"Jetzt hat es mich gegruselt. Weib, dir ists gelungen!“


Freitag, 1. Mai 2026

Der Froschkönig (Brüder Grimm) gereimt

In einer Zeit, man glaubt es glatt, 
als Wünschen noch geholfen hat,
lebte eine Königstochter, 
welche wirklich jeder mochte,
Königs und des Hofes Wonne,
schöner noch als selbst die Sonne, 
jene sah oft neidisch hin,
wenn sie in ihr Antlitz schien.

Nah beim Schlosse lag ein Wald
dann in diesem Walde bald,
standen ein paar große Lärchen
und an diesem kühlen Ort
saß am Brunnen unser Mädchen
herzlich gern und spielte dort.

Eine Kugel ganz aus Gold
warf sie hoch und fing sie wieder,
ihrem Spielzeug war sie hold,
und sang dabei frohe Lieder.

Eines Tages fiel der Ball
nicht von oben in ihr Händchen,
sondern schlug bei seinem Fall
ungeschickt auf einen Stein
und darauf sprang er vom Rändchen
platschend in das Nass hinein.

Großen Auges folgte ihm
nach die junge Werferin,
doch der Brunnen hier war tief,
tief als wär kein Grund darin.

Bitter weinte sie nun drein,
da rief jemand laut ihr zu:
"Sag, was störst du meine Ruh,
klagst, die Welt wär so gemein ?"

Um sich blickte sie voll Scham,
woher diese Stimme kam,
und sah einen Frosch der bläßlich
seinen Kopf, der dick und häßlich,
aus dem Brunnenwasser hob.

Und sie sagte ihm darob:
"Du bists, altes Wassertier!
Um den goldnen Ball den meinen,
der an diesem Brunnen hier
mir aus meinen Händen fiel,
muss ich unaufhörlich weinen."

"Sei schon still und weine nicht",
sprach der Frosch mit viel Gespür.
"Denn ich bring ihn dir ans Licht,
doch was gibst du mir dafür?"

"Alles was du willst und mehr,
Kleider, Perlen, Edelsteine,
auch die Krone, die ich trage,
all das gebe ich dir gern,
wenn den Ball du bringst zutage."

„Kleider, Perlen, Edelsteine, 
und die goldne Krone deine,
will ich nicht, statt dessen eine
Freundschaft und Gesellschaft fein,
will dein Spielgeselle sein.

Iss mit mir und trink mit mir 
vom Teller und aus goldnen Bechern
und zuletzt gib Zutritt mir,
zu deinen edlen Schlafgemächern!“

Und sie dachte, lass ihn schwatzen,
schnell herauf den goldnen Batzen!
Fröschlein liebts bei seinesgleichen 
in den trüben Fröscheteichen.
Deshalb kann es keinesfalls
einer Frau das Wasser reichen. 

„Bringst du meine Kugel mir,
geb ich alles dir dafür
was du wünschst und obendrauf
Küsschen noch von mir zuhauf.“

Und der Lurch, als sie’s gehaucht,
ist sogleich zum Grund getaucht,
sank hinab und kam dann wieder
aus dem Schacht heraufgekrochen.
Und aus seinem Maul hernieder,
fiel die Kugel wie versprochen.

Die Prinzessin war voll Freude,
da sie nun ihr Spielzeug sah,
hob es auf und sprang hinfort
und der Frosch saß staunend da.
Galt der jungen Dame Wort?
"Warte, warte," rief der Lurch,
"nimm mich mit, ich bin so klein!"
Sie blieb taub und daher kroch
er den ganzen Weg allein.

„Aus dem Auge, aus dem Sinn.“
dachte sich das Königskind,
als es anderntags zu Tisch,
ausgeschlafen und erfrischt,
langte tüchtig zu beim Essen
und die Sache war verg
essen.

Kam von draußen durch das Fenster 
"Plitscheplatsche" ein Geräusch
Und es klopfte an der Türe: 
"Königstochter, zeiget Euch!"

Schnell lief sie herab die Treppen, 
um zu sehen, wer vorm Tor,
doch als sie es öffnete, 
saß da nur der Frosch davor.
Ängstlich warf sie zu die Türe
und stieg dann zum Saal empor.

Und der König sah, es klopfte 
ihr das Herze bis zum Hals,
und er sprach "Wer ist der Flegel
außerhalb des Schloßportals?
Ists ein Riese, der den Säbel 
schwinget wie ein Krimtatar?"
"Nein da sitzet nur ein Fröschlein, 
das im Wald mein Retter war."

"Gestern hab ich da gesungen,
als die gold'ne Kugel fiel,
in den tiefen Lärchenbrunnen
dann bei meinem Kugelspiel,
und ich weinte bitterlich
voller Ärger, Pein und Schmach,
dass der Frosch, fast ritterlich,
seine Hilfe mir versprach.

Und verlangte dann, oh Sünde,
gar mein Bettgesell zu sein,
doch, so dachte ich, er könnte
nicht zu unsrer Tür herein."

"Mach mir auf, mach mir auf,
Königstochter, jüngste,
weißt du, was du mir versprachst
für meine guten Dienste?"

"Was du ihm versprochen hast,
musst du nun auch halten.
Mach ihm auf, gehorche
deinem Vater, deinem alten!"

Öffnete die Tür betrübt sie
und es sprang behend herein,
von der Treppe bis zum Tische,
frech das grüne Fröschelein.

Und da saß es und es rief
"Hebe mich zu dir empor!"
Und es aß vom Kopfsalate,
bis ihr ganz der Mut gefror. 

Gang für Gang ließ sich der Frosch
mit Genuss die Speisen schmecken,
Ihr jedoch blieb jeder Bissen
fast im schönen Halse stecken.

Er bedankte sich bei ihr
noch lakonisch fürs Bankett,
"Bring mich, Mädchen," sagte er,
"gleich noch in dein Himmelbett!"

Ach, es schauderte dem Mädchen
vor dem kalten, nassen Lurch.
Und als sie ihn scheu berührte, 
fuhr ein Ekel durch sie durch.

Zornig aber sprach der König 
"Kind, du sollst ihn nicht verachten!
Half er dir doch und dafür 
darf er bei dir  übernachten!"

Mit zwei Fingern trug sie ihn
hoch hinauf ins Ruhezimmer,
und sie legte ihn ins Eck, 
bald jedoch kam es noch schlimmer,
denn gerade als sie ging
müd zur wohlverdienten Ruh,
kroch er frech heran "Ich will 
schlafen, nobel so wie du."

Bitterböse warf sie da
wild den Quaker an die Wand,
voller Kraft, von wo er dann
gleich mit einem "Plopp" verschwand.

"Du als alter garst'ger Frosch
kannst zu keinem Freunde taugen!"
Doch da stand ein Königssohn
nun mit wunderschönen Augen.

Eine Hexe hätte ihn
schlimm verzaubert, eine böse,
und er hätte lang gewartet,
dass man ihn daraus erlöse.
Früh am Morgen würden sie
reisen in sein Heimatreich,
darauf gingen sie zu Bett
und sie schliefen beide gleich.

Und am andern Morgen dann
als die Sonne sie geweckt,
kam ein Wagen vorgefahrn,
weiß, mit Federn aufgesteckt,
Edle, weiße Rosse schnaubten,
acht, in goldenem Gezäum,
und von hinten rief ein Diener:
"Ach mein Prinz, wir kehren heim!"

Dieses war der treue Heinrich
der in seinem langen Schmerz,
hatte harter Ringe drei,
legen lassen um sein Herz.
Denn es sollte nicht vor lauter
schwerer Traurigkeit zerspringen,
Bis er endlich könnt den Herren
heil und ganz nach Hause bringen.

Als sie dann ein Stück des langen
staub'gen Wegs gefahrn hernach,
gab es einen lauten Knall,
so als ob ein Rad zerbrach.
Seinen Kopf schob aus dem Fenster
unser holder Prinz und sprach:

"Heinrich, hör, der Wagen bricht!"
"Nein, mein Herr, der Wagen nicht,
s'ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als Ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr noch ein Fröschlein wart."

Noch einmal und noch einmal
krachten auf dem Weg die Ringe
und so fragte auch der Prinz,
ob es da zum Rechten ginge.
Und so gings zum Märchenschlosse
und wenn ich mich recht entsinne,
sind sie immer noch wohlauf 
und der allerbesten Dinge.


Dienstag, 7. April 2026

Das Weihnachtshuschelpuschel

Ein Huschelpuschel, noch gar nicht so alt, 
lebte in einem Zitronenwald.
Mit zimtbraunen Bächen voll klarer Glasur,
aus Lachsschaum die Hügel, so rein und so pur.

Da fielen fünf Stirnlein gesichtwärts ins Gras,
das Puschel, das staunte und wünschte sich was.
Trompeten nun quakten, potztausendundvier,
"Weihnachten feiern, das wünsche ich mir!

Auf Renrücken reiten durch stiebenden Schlick
und schenken von Herzen mit innigem Blick."
Das Huschelpuschel hat mich gerührt,
es war ja wohl ganz allein im Geviert!

Ich schenkte ihm Glockenhummeln, ne Krake
und eine tanzende Pastinake.
Das Puschel, von dankbarem Rausch besengt,
hat mir einen Zuckerbausch geschenkt. 

Donnerstag, 5. März 2026

Der Krokus

Durch das Erdenreich behände
schiebt die Faser sich ohn' Ende
aus der Zwiebel und trifft gleich
auf den Phasengrenzbereich. 
Und da wird es endlich lichte,
wenn auch noch der Schnee als dichte,
fest gefügte Matte wehrt,
unlang bleibt der Weg versperrt.

Weil die Sonnenstrahl'n die kecken
an der Oberfläche lecken,
sich durch die Kristalle buddeln,
um den bleichen Keim zu knuddeln.
Der reckt Blättchen, eins, dann zwei,
und ergrünt vor Freud' dabei
Schenkt als Pflanze seinem Retter
einen Kelch voll Blütenblätter.

 So wie dieser Keim befreit,
ist der Mensch zur Frühlingzeit.
In des Winters eisg'en Schränken
lagern Mengen finstres Denken,
doch die schmelzen in der Sonne
schnell dahin und voller Wonne,
qietschvergnügt und guter Dinge, 
spiel'n im Bauch die Schmetterlinge. 


https://rdbl-aktuell.de/2026/03/radebeuler-chemiker-dichtet-sich-aufs-siegerpodest-beim-dresdner-fruehling/

https://www.saechsische.de/lokales/meissen-lk/radebeul/fruehlingsgedicht-beschert-radebeuler-chemiker-podestplatz-beim-poesiewettbewerb-5M6QQPVLNJGC3ASU7Y3MD25O5Y.html

So, Frühling - Im Unterholz

Als die Kätzchen weiden gingen,
pelzig sich von Zweigen hingen,
in das glucksend Bächlein neigten,
still ihr Spiegelbild beäugten,
grasten Halme sanft und leise
und die Spatzen suchten Speise.
Tranken aus den Märzenbechern,
pfiffen es von allen Dächern,
dass bald Osterglocken läuten
um zu wecken aller Breiten,
schlafbeäugte Siebenschläfer,
Schmetterling und Maienkäfer.

.................................................... 

Die duftende Wildnis sie greift nach mir,
mit ihren Fingern, den grünen.
Wo dampfend der Schnee just die Rockschösse hob,
da brummeln die Käfer und Bienen.
Über taufrischen Knospen entsprungene Blüten
und laubfroschfüssige Blätter,
und ein quietschbuntes Vöglein zwickt mir ins Ohr
„Komm mit, du tölpischer Städter !“ 

Rio de Chauvineiro oder Emanzonas ? (Jambus)

Ein mutig Fischlein springt hinein,
zum Himmel in den Sonnenschein.
Dem Haubentaucher schlägts so glatt 
ein Schnippchen, denn der wird nicht satt.

Als schuppig Fisch und nass jedoch
fällt es zurück ins Wasserloch.
Nach vier fünf Blasen also stumm, 
da geht es ihm im Kopf herum: 

Wie schwimmt der schräge Vogel nur,
ich aber steige nicht empor,
die zarten Balken in der Luft,
Wie macht er das, der Vogelschuft?

Als nächstes ist ein Otter dann 
gefährlich nah am Schuppling dran.
Jedoch, auch wenn der Pegel seicht,
gehts mit dem Aufstieg nicht so leicht.

Und als es dann die Plage satt, 
da nimmt es sich vom Schilf zwei Blatt,
und steigt, wild um sich schlagend, auf
und darum nimmt es seinen Lauf, 

dass bald das Fischlein fliegen lernt,
und von den weissen Wolken schwärmt,
des Himmels Buntgefieder auch
und setzt sich keck auf Baum und Strauch.

In güldnen Strahlen wiegt es sich
und Mondes Silberschalenlicht
und kommt als Backfisch dann und wann
mal wieder bei den Eltern an.

Der Schellfisch

Ein Schellfisch blieb verschollen,
wollt weg von seiner Ollen.
Er sah die Wellen rollen,
an südlichen Atollen
Und sie die Wogen schwellen,
in den Dardanellen.
Da konnt sie jetzt den Schollen
ihren Mist erzählen.

Derweil an karamellen-
süssen Sprudelquellen,
mit lieblichen Sardellen
und einem Tintenfisch
als hellen Tischgesellen,
liess er sich gefallen,
das Leben so in allem.
Na, auf jeden Fall,
sucht' sie ihn überall.
Er trank auf seine Olle,
dass sie der Kescher hole.

Doch dann im hohen Norden
ein Stör betört im Fjord
freut' sich ganz unerhört,
ein Schellfischweibchensingle
ist seine Frau im Schnellen,
gerade noch im Hellen,
dann ohne Flax geworden.
Und wenn sie nicht erfroren sind,
leben sie noch dorten.

Mittwoch, 4. März 2026

Die Weihnachtsgans Auguste (Wolf) gereimt

Fünf Kilo wog die Weihnachtsgans, 
die Herr Luitpold Löwenhaupt,
seines Zeichens Opernsänger, 
für den Festtagstisch gekauft.
Der Vogel war recht kapital 
für diese schweren Zeiten.
„In solchen Zeiten lass ich mich 
von meinem Herzen leiten.“
Bei diesem Satz, den Löwenhaupt 
mit tiefem Basse grollte,
spürte er längst, was sein Magen 
wirklich sagen wollte.

Während er die Gans mit beiden 
Händen kräftig drückte,
roch er in der Nase schon 
die feinen Bratendüfte.
Er spürte auch von Rotkohl 
und von Äpfeln den Geruch,
und brummelte darüber 
immer wieder jenen Spruch:
"Aber etwas muss man schließlich 
für das Herze tun."
Doch das half ihm gar nicht, 
sein Gewissen auszuruhn.

Gekauft hatte er eigenmächtig
und so was wirkt oft verdächtig.
Was jedoch viel schlimmer war,
die Weihnacht war noch längst nicht da.
Deshalb, und das war notwendig
war die Gans ganz quicklebendig.

Als er sich an diesem trüben 
Novembertag nach Hause wagte
und, als er dann näher kam, 
langsam immer mehr verzagte,
fürchtete er recht verdrossen
den Zorn und Spott der Hausgenossen.
Doch der Empfang war gar nicht grob,
nein, es gab überraschend Lob,
das hatte Luitpold nicht geglaubt, 
von Frau Hanna Löwenhaupt,
die die Gans als kräftig lobte, 
imposant, preiswert und fett.
Das Kindermädchen fand hingegen 
das Gefieder sehr adrett.
Und sie sprach aus, was alle dachten,
"Wo soll das Tier nur übernachten?"

Klein-Peter, sieben, Elli, zwölf und die Gerda, zehn,
die Sprößlinge der Löwenhaupts, sah‘n hier gar kein Problem.
Das Kinderzimmer gäbe es, das Bad und die Toilette
falls das Gänschen ein Bedürfnis nach Erfrischung hätte.
Die Eltern lehnten jedoch ab. Aus reiniglichen Gründen
hätt’ sich das werte Federvieh im Keller zu befinden.
Auf dass bei den Kartoffeln es allein sein Dasein friste,
weich gebettet in eine mit Stroh gefüllte Kiste.
Einmal täglich könnten dann die Kinder Gänse hüten,
doch nur eine Stunde lang, mehr käm nicht in die Tüten.
Die Kinder fügten sich darein
und das Glück war allgemein.

An diese Regeln hielten sich die Kinder kurze Zeit,
aber nach nur einer Woche war es schon soweit:
Das Peterle begann zu klagen,
der Gans, die er Auguste nannte,
tät der Keller nicht behagen.
Es war die Elli, die erkannte,
dass Gänse Daunenfedern haben.
„Die bauscht sie auf wie eine Decke.“
fügte sie belehrend an.
„Verstehe, doch zu welchem Zwecke?“
„Dass sie nicht friert, du Dummerjan!“
„Ihr ist es kalt!“, sprach Gerda‘s Mund.
„Da ist es kalt!“, tat Peter kund.
„Ich will nicht, dass Gustje friert, ich hole Gustje rauf zu mir!“
Damit sprang er aus dem Bett und war auf dem Weg zur Tür. 

Die ält're Schwester fing ihn ab, zog ihn zum Bett zurück.
Doch am andern Ende wagte Gerda nun ihr Glück.
Elli zog und Gerda zog, so dass der Peter schimpfen musste,
“Lasst mich los! Ich will sofort in den Keller zu Auguste!”
Mitten im Tumult betrat die Mutter nun die Szene
und sie trennte mit Geduld das Ziehen und Gedränge.
Die Mutter nahm den Peter mit, gebat den Schwestern Ruh
und der Rest von dieser Nacht ging still und friedlich zu.

Nach Tagen hatte Gerda mit dem Peter etwas ausgeheckt.
Es blieb nur die Gerda wach und hat den Peter aufgeweckt.
Als die ältre Schwester schlief und das Haus ganz stille schien,
schlichen sich die zwei auf nackten Zehen zu Auguste hin.
Im Keller unten nahmen sie die Gans aus ihrer Kiste,
die sie mit „Lat mi in Ruh!“ misstrauisch begrüßte.
Auf dem Weg nach oben machte Gustje ein Geschrei
„Lat mi in Ruh! Lat mi in Ruh!
Ick will in min Truh, ick will in min Truh!“
und Theres, das Kindermädchen eilte rasch herbei.

Weitre Türen flogen auf und selbes tat Auguste,
die sich mit Geschick aus Gerdas Arm zu winden wußte.
Sie schnatterte und flatterte durch das Treppenhaus,
und baute ihren Vorsprung durch Kapriolen aus.
Bei der Jagd durch Korridore stoben wild die Federn.
Dass Theres sie endlich einfing auf den letzten Metern
des unt'ren Hausflurs war nur reines unverschämtes Glück,
sie bracht' die Gans in einer Decke eingehüllt zurück.
Auguste schimpfte weiterhin „Ick will in min Truh!“
Der kleine Peter fügte forsch noch folgendes hinzu:
„Ich will Auguste bei mir haben,
in meinem Bett soll Gustje schlafen!“

Die Mutter brachte ihn ins Bett, versuchte zu erklären,
dass die Gänse keinesfalls ins Schlafgemach gehören.
"Im Bett schlafen nur Menschen, nun tu nicht weiter bocken."
"Aber warum muss Auguste denn im Keller hocken?"
Peterle war aufgeregt, das konnte Hanna sehen.
So durfte Gustjes Kiste denn an seinem Bette stehen.
Gustje sprach noch etwas in ihr Federkleid hinein,
"Lat man gut sin, lat man gut sin,
Hauptsach, dat ick in min Truh bin!"
dann schliefen auch das Peterchen und seine Schwestern ein.
Auguste blieb nun da, natürlich
und sie war auch sehr manierlich.

Bei Tag lief sie an Peters Seite
und erzählte ihm gescheite
Geschichten über bittre Gräser und auch solche die gut schmecken
und zuletzt wie man gekonnt vorgeht diese zu entdecken.
Sie schilderte, wie wilde Gänse stets im Herbst nach Süden ziehen
und wie sie sogar an Grönlands kalten Küsten noch gediehen.
Die Auguste blieb dem Peter wirklich keine Antwort schuldig
und war auf sein „Weshalb, warum?“ immer freundlich und geduldig.
Dass die Schwestern Gustje mochten, das ist wohl sehr leicht verständlich,
doch der Peter und sein Gänschen waren beinahe unzertrennlich.

Eines Abends hat sich Gustje dann in Peters Bett gekuschelt
und die beiden haben noch lange Zeit vertraut getuschelt.
Morgens schlüpfte Gustje danach wieder in ihr Stroh zurück
und die Elli und die Gerda ließen ihnen dieses Glück.
Mit Siebenmeilenstiefeln nahte nun die Weihnachtszeit
und eines schönen Mittags war Herr Löwenhaupt es leid,
länger noch zu warten. „Die Auguste ist heut dran!“
Tadelnd sah ihn seine Frau mit großen Augen an
und legte gleich dazu noch ihren Finger auf den Mund.
Sollte heißen: ‚Das besprechen wir zu spätrer Stund!‘

Als die Eheleute schließlich ungestört alleine waren,
fragte Luitpold nach dem Grund für das seltsame Gebaren.
Und nun sagte Hanna kläglich,
was Luitpold wolle, wär unmöglich.
Die Kinder hätten adoptiert,
die Gans, die er sich reserviert.
"Was ist unmöglich?" fragte er,
dann dämmerte ihm das Malheur.
"Die Gans ist jetzt ein Spielzeugtier?
Und was wird bitteschön aus mir?
Ich bin doch hier kein Hampelmann!"
Nun schwollen seine Adern an.
"Die Gans kommt auf den Tisch und basta!"
"Luitpold, denke an dein Asthma!“
Er schnappte leise wie ein Fisch
und verließ empört den Tisch.
Die Tür fiel krachend in ihr Schloss.
‚Mit dem ist heute nichts mehr los.‘
Sie stopfte seufzend ein Paar Socken
und dabei blieb kein Auge trocken.

Danach beriet sie mit Theres, ob es eine Lösung gäbe,
etwa einen andern Braten, auf dass Gustje überlebe.
Doch das knappe Haushaltsgeld würde dazu nicht genügen.
Sollte man im schlimmsten Fall die Kleinen einfach so belügen?
Und wenn Auguste nicht mehr sei,
wer brächte das den Kindern bei?
Und wie sollt‘ man es betreiben,
den armen Vogel zu entleiben?
"Wenn der Herr es selber machte, fände ich das nur gerecht."
sprach Theres und auch die Mutter fand den Einfall gar nicht schlecht.
Ihr Mann kannte die Gans nur flüchtig,
deshalb war die Auswahl richtig.

Die Heldenarie klingelte noch leis in Luitpolds Ohr,
da trug ihm seine Anvertraute ihre Wünsche vor.
„Ihr Weibsvolk!“ sprach er und er legte seinen Mantel nieder.
„Muss ich dem Vogel wirklich eigenhändig ans Gefieder?“
Nochmals gab es großen Lärm, als Theres die Gans sich schnappte.
„Ick will min Ruh, min Ruh!
Lat mi in min Truh!“
Worauf Peterle erwachte und sie bei der Tat ertappte.
Die Schwestern und die Mutter weinten, Auguste büxte aus,
sie machte eine neue Tour durch das ganze Haus.
Herr Löwenhaupt, ein echter Mann,
trieb die Jagd nach Gustje an.
Er stellte sie in einer Ecke,
ohne Aussicht auf Verstecke.
Unerschrocken griff er zu, da sie keinen Ausweg fand
und er nahm sich aus der Küche einen langen Gegenstand.
Die Mutter hielt die Kinder fest, der Vater lief in die Garage.
Er befand sich mit der Gans nun auf dem Weg zur Mordanklage.

Luitpold hob gefasst das Messer,
doch Auguste wusst es besser.
Entwischt lief sie im Kreis vier mal
und flatterte auf das Regal.
Der Hausherr stieg erbost ihr nach,
worauf das Teil zusammenbrach.
Es ergossen auf den Wagen
Werkzeug sich und Holzlackfarben
und eine Stange stach beileibe
mitten durch die Frontschutzscheibe.
Er setzte sich erschöpft ins Auto und Auguste kam hinzu,
beide brauchten nach der Hatz ihre wohlverdiente Ruh.
Zurück im Haus erklärte Luitpold, die Gans wär ihm wohl überlegen
und er gäbe sich geschlagen, schon allein der Nerven wegen.
Er gab das Tier einstweil zurück an den glückbeseelten Peter.
und die Hanna gab zum Vorfall ihre trock'ne Meinung später:
"Vom Himmel fiel noch nie ein Meister,
aber schon viel Scheibenkleister."

Finster brütete der Sänger, wie er noch zum Ziele käme
und man sah ihn dirigieren über seine Sessellehne.
Plötzlich kam ihm die Idee, der Ausweg würde schmerzlos sein!
Morgens mischte er der Gans Tabletten in den Napf hinein.
Zehnfachdosis Schlaftabletten, wie für einen Elefanten,
oder ein Rhinozeros samt zweier seiner Anverwandten.
Gustje lief nach ihrer Mahlzeit Zickzack wie ein müder Kreisel.
Dann legte sie sich bäuchlings hin, groggy ohne jeden Zweifel.
Die Flügel zuckten ein klein bisschen, als die Kinder sie berührten,
wobei alle Weckversuche nur noch zu Geschnarche führten.

"Was tut Gustje?", fragte Peter. "Sie hält ihren Winterschlaf.",
sagte Luitpold, den die Frage etwas unerwartet traf.
Er wollte sich von dannen pirschen, doch der Peter hielt ihn fest.
„Warum hält sie diesen ‚ihren Winterschlaf' gerade jetzt?" 
Der Vater sprach gesenktem Haupts:
„Sie ruht sich für den Frühling aus.“  
und fühlte sich wie beim Verhör
vor seinem naseweisen Gör.
Peterchen trug seine Freundin zu sich hoch in ihre Kiste
und er fand, dass er bereits ihre muntre Art vermisste.

Als die Nacht schon fortgeschritten, ging ein Schatten durch den Raum,
bedeckte den erschlafften Vogel und griff ihn bei seinem Flaum.
Zur Küche lief Theres in Socken
und dann fielen weiße Flocken. 
Sie begann wie ihr geheißen,
der Gans die Federn auszureißen.
Auf die Federn fielen leise Tränen von Thereses Wangen,
nach der Arbeit ist sie wieder traurig in ihr Bett gegangen.
So wie Gustjes Körper lag, in der kühlen Speisekammer,
war auch Hannas Abendkuss auf des Gatten Stirn ein klammer.
Alle träumten wirres Zeug, von Geistergänsen, schaurig klagend:
„Lat mi in Ruhuhu,
ick will im min Truhuhu!“
und sie schreckten mehrfach hoch, sich mit Hirngespinsten plagend.

Der Morgen kam und in der Küche sah Theres den Schnee vorm Fenster.
Was war das? Ja, träumte sie? Waren es die Nachtgespenster?
Aus der kleinen Kammer drang ein deutliches Geschnatter.
Sie öffnete geschwind die Tür und guckte ganz verdattert.
Da tapste schimpfend und gerupft, Auguste ihr entgegen.
„Ick frier, als ob ick keen Federn nich hätt!
Man trag mich gleich wieder in Peterles Bett.“
Theres schrie auf und ihre Knie schlackerten verwegen.
Der Vater trat nun auch herein und schnaufte ganz unsäglich.
Was er gerade vor sich sah, das hielt er für unmöglich.

„Was nun?“ fragte Frau Löwenhaupt, als Luitpold sich die Augen rieb,
sie ging an ihm vorbei so dass sie vor Auguste stehen blieb.
„Ich brauche einen Doppelkorn UND einen Kaffee!“,
rief der Vater der noch immer dastand, weiß wie Schnee.
"Bringe einen Korb, Theres und eine warme Decke!
Luitpold, und du gehst sofort zum Laden um die Ecke!
Kaufe mir ein gutes Pfund bester weißer Wolle.“
Luitpold fragte irritiert, was die Wolle solle.
"Frage nicht! Hier hast du Geld und meine Einkaufstasche.
Und Theres, du holst mir bitte eine Wärmeflasche!"
Löwenhaupt war so erschüttert, dass er gar nicht widersprach.
Er nahm sich Mantel, Hut und Schnaps und gab einfach nach.

Schon nach einer Stunde saßen Mutter und Theres
in der Stube und sie strickten jahreszeitgemäß
für Auguste einen Pulli, kuschelwarm und blütenweiß.
Nach der Schule zeigten auch die beiden Mädchen ihren Fleiß.
Peter hielt derweile seine Gustje auf den Knien
und half ihr, das Pulloverchen zur Probe anzuziehen.
Für Flügel, Beine, Hals und Sterz sollten Löcher bleiben
und man musste deren Ort und Größe noch entscheiden.
Spät am Abend konnte man das Wunderwerk bestaunen
und Auguste meckerte in ihren Wolle-Daunen:
"Winterschlaf is Schnackeschnick,
hätt ich min Federn bloß zurück!"
Peter sprang um sie herum und feierte das Ende
des dubiosen Winterschlafs zur Wintersonnenwende.

Als Löwenhaupt zum Abendessen den Pullover sah,
meinte er, und dieses ging besonders Hanna nah:
"Angekleidet macht Auguste richtig etwas her,
so ein schönes Exemplar gibt's auf der Welt nicht mehr!"
Die Stars des Viertels waren, wie bald ein jeder wusste,
der kleine Peter und die fesche „Rollkragen-Auguste“.

Als Mitglied der Familie saß die Gans am Festtagstisch 
und der Vater sah sich um, dann räusperte er sich:
„Wer hat die Auguste denn nach Hause mitgebracht?“
„Das warst natürlich du“ sprach Peter und hob mit Bedacht 
seine Gans auf Papas Schoß.
„Schau, sie gibt dir einen Kuss!“
Wahr ist, dass sie mit dem Schnabel seine Nase zwickte.

Nachts sprach Peter zu Auguste, die er an sich drückte: 
„Warum hast du eigentlich nen Winterschlaf gemacht?“
„Weil man meine Federn wollte, hab ich mir gedacht.“
„Und nach den Federn, echt verrückt…“
„Kam der Pullover, handgestrickt.“
„Das ist doch totaler Quatsch!“, sprach da das Peterlein.
Er gähnte einmal herzhaft und beide schliefen ein.

Zwei Kilo wogen beide Karpfen, die Herr Luitpold Löwenhaupt,
seines Zeichens Gänsevater, als Sylvesterschmaus gekauft.
Fische, die im Schlamm geschwommen,
wird der Schlammgeschmack genommen,
wenn sie im klaren Wasser baden,
wurde ihm beim Kauf geraten.
Deshalb, und das war notwendig,
war'n die zwei ganz quicklebendig.
Elli, Gerda gaben Namen,
den Fischen die gerade kamen.
Sie hießen Lothar und Susanne
und wohnten in der Badewanne. 


Der gestiefelte Kater (Grimm) (Trochäus)

Es war mal ein alter Müller,
der war dreier Söhne Vater.
Eine Mühle war sein Reichtum 
und ein Esel und ein Kater.
Wie es sich so traurig fügte, 
lag der Müller bald im Sterben 
und was er dereinst besessen, 
teilten sich die werten Erben.
So bekam die Mühl der erste
und den Esel dann der zweite,
und der Kater kam zum Jüngsten, 
den das überhaupt nicht freute.

Lauthals rief er: "Eine Katze!
Das ist wahrlich für die Katz!
Was tu ich denn damit bitte?
Einen warmen Pelzbesatz
gar für meine kalten Ohren?
Doch solang ich barfuß gehe,
wirkt das freilich unverfroren.
Und das Fleisch wie ich es sehe,
reicht wohl kaum für einen Braten."

"Ach, mein Herr ich will dir raten,
lieber nicht so lang zu trauern."
sprach der Kater schließlich sauer.
"Ehrlich, spar dir dein Bedauern!
Gib mir einen großen Beutel
und auch leidlich gute Stiefel
und dann schleiche ich mich heute,
nur um mich dir zu beweisen,
hurtig unter reiche Leute."

Ja, der Jüngste war verwundert,
wegen seines Katers Reden.
Und doch rief er schnell den Schuster,
um die Elle anzulegen.
Als die Stiefel fertig waren,
zog sie gleich der Kater an
und verschloss den Leinenbeutel
fest mit einer Schnüre dann.
Auf zwei Beinen, wie ein Menschlein,
ging er stolz zur Tür hinaus
und er legte tief im Walde
einen Weizenköder aus.

Denn des Königs Rebhuhnhunger
war bekannt und gar nicht neu,
und die hohe Zahl der Jagden
machte diese Vögel scheu.
Doch der Kater jagte nicht mal,
sondern stellte eine Falle
und die Hühner kamen her,
ein paar richtiggehend dralle.
Huhn für Huhn, mit großer Neugier,
kroch nun in den offnen Sack
und der Kater zog am Stricke,
nahm den Sack selbst huckepack.

Schnurgeraden Weges ging er
damit zu des Königs Schloß
und die Wachen, die ihn sahen, 
lachten hämisch wiehernd los.
„Wohin will denn der so große 
Sack mit diesem kleinen Kätzchen?“

„Mensch, den König will ich sehen,
lass er diese blöden Mätzchen.“
„Bist du tollkühn, als ein Kater
möchtest du zu unserm König?“
„Laß ihn durch, dass wird ein Späßchen
unser König lacht so wenig.“

Nun, der Kater kam zum König
und er beugte sich vornüber.
„Flügelwild schickt Euch mein Gräflein
und vom fettesten Kaliber.“
Ihre Hoheit wusste darob
sich vor Freude nicht zu fassen
und er gab dem Kater ein paar 
Taler aus den Landeskassen.
„Diese bringe deinem Herren 
und den Dank für das Geschenk!“

Derweil schob das Müllerssöhnchen
trüb den Kopf aufs Handgelenk.
Denn er sann am Fenster danach,
wann das Unglück von ihm ließe
und da trat der Kater ein,
warf ihm etwas vor die Füße.
„Hier sind Münzen für die Schuhe,
unser König lässt dich grüßen.“
sprach der Kater und zog flott die
Stiefel von den Katerfüßen.

"Geld hast du jetzt zwar genügend
doch dabei solls gar nicht bleiben.
Morgen will ich mein Geschäft gleich
noch einmal im Wald betreiben.
Ich werd Rebhuhnlieferant dann
für den höfischen Bedarf. Und
du, mein werter Müllerssohn,
wirst mein feiner Herr, der Graf."

Wiederum, am nächsten Tage
ging der Kater Fallen stellen.
Und dem Jungen blieb nichts weiter,
als das ganze Gold zu zählen.
Als beliebter Zaungast saß der
Kater in des Schlosses Küche
und er hörte dort vom Herde
her des Kutschers derbe Flüche.

"Ach, ich wünsche die Prinzessin
und den Herrn zum Belzebuben!
Denn dann könnt ich heute Karten
spielen in den Wirtshausstuben!
Doch statt dessen wollen beide
nun am See spazieren fahren
und ich langweil mich dann oben
auf dem gottverdammten Karren!"

Wie der Kater das vernahm,
schlich er sich geschwind nach Haus
und dem Müllersburschen sprach er
dort die frohe Nachricht aus.
„Frisch, mein Junge, willst du Graf sein,
musst du nackt im Wasser schwimmen.
Aufs Signal hin wirst du darauf
rasch das Ufer mir erklimmen."

 Dieser zuckte nur die Schultern
und die beiden liefen fort.
Noch zur rechten Zeit gerade
kamen sie zum rechten Ort.
Hastig zog sich nun der Junge 
splitterfasernackend aus
und die Kleider nahm der Kater,
als die Kutsche kam gesaust.

„Ach, mein Herr ist in Bredouille,
allergnädiglichster König.
Er steckt dort im Wasser feste
und hat neue Kleider nötig!
Seine wurden ihm beim Baden
von den Landstreichern gestohlen.
Kommt er nicht sofort ins Trockne,
wird ihn bald der Schnupfen holen!“

Das hat kläglich laut und nervend
unser Kater nun miauet,
bis der irritierte König
dann den Störenfried erschauet.
Nach Geknarre und auch Ächzen
stand die Staatskarosse still,
"Schnell, mein Bote, reit geschwinde,
bring dem Grafen, was er will!"
sprach der König, denn er war ja
wohl dem Kater sehr gewogen.

Und der Graf von Habegarnichts
hat die Kleidung angezogen,
die alsbald und überreichlich
zur Verfügung ihm nun stand.
"Kater, reich er mir die Hosen
und dann geh er mir zur Hand!"
Als er sich dann angezogen,
durfte er im Wagen sitzen.
und die Königstochter ließ hier
reizend ihre Äuglein blitzen.

Schnell lief da der Kater los
wie verfolgt von wilden Bienen,
fragte Leute auf dem Wege:
"Sprecht, wem möget ihr wohl dienen?"
Alle riefen: "Na, dem Magier!",
ob auf Wiese, Wald und Feld.

"Sagt ihr diesen Quatsch zum König,
ist es schlecht um euch bestellt.
Alles hier gehört dem Grafen,
merkt euch diese Antwort gut."
Hastig kam zurück "Gewiß doch!",
schließlich war man auf der Hut.
Denn ein Tier wie dieses hier
sieht man ja nicht alle Tage,
lieber gibt man falsche Auskunft
auf so eine heikle Frage.

In das Schloß des Magiers schlich er,
leckte sich vor ihm die Pfoten.
Dieser fand so ein Verhalten
ungebührlich und verboten.
"Kater, sag, was willst du hier?"
rief er und er starrte böse.

"Herr, gestatten Sie mir, dass ich
Ihnen dieses Rätsel löse.
Dass Ihr Euch in vielerlei
Wildgetier verwandeln könnt,
hörte ich und fragte mich nun,
ob mir ein Beweis vergönnt,
von den hohen Zauberkünsten?
Weder Fuchs, noch Wolf, noch Hund,
nein, ein echter Elefant, der
wäre mir zum Staunen Grund."

Darauf sagte stolz der Magier:
"Für mich eine Kleinigkeit!“
und stand da als Rüsseltierchen
nach verblüffend kurzer Zeit.
"So ein großer Elefant,
das ist ja schon kolossal,
doch ein Löwe wär für mich jetzt
noch das Zauberstück der Wahl."

Als der Löwe schaurig brüllte
klein, wie sich der Kater fühlte
sprang er schnell in eine Uhr,
und daraus klang Mauzen nur
„So ein Brüller, ei der Daus,
sicher kannst du keine Maus!“
Schaurig lachte das Genie
„Diese Maus vergisst du nie!“
Was der Kater nicht vergaß,
als er dieses Mäuschen fraß.
Nur ein Biss, ein leiser Schrei,
dann war die Zauberei vorbei.

Und die Kutsche schaukelte
über Wiese, Feld und Wald,
und wo immer man gefragt,
hat es laut „Der Graf!“ gehallt.
Sehr erstaunt der König sprach,
"Reich seid ihr gewiß, Herr Graf."
An das Schloss fuhr’n sie heran, da
wo der Kater lässig stand.
Von den Treppen sprang er munter
zu den Gästen nun herunter,
öffnete galant den Wagen,
sprach mit sichtlichem Behagen:

"Hohheit, ihr erlaubet mir,
dass ich Eintritt euch gewähre
in das Haus des werten Grafen,
dem es eine große Ehre
ist euch heute zu begrüßen
und er leget Euch zu Füßen,
alle seine Kraft und Macht
und des Schlosses edle Pracht."

Der Prinzessin schritt der Jüngling
vor zum Saal voll Prunk und Gold.
Aber diese war dem Grafen
schon seit dem Momente hold,
als er nackt am Wege stand.
"Ach nimm mich zur Frau, mein Liebster!"
Dann ward er zum Prinz ernannt,
und der Kater ward Minister. 

Worte

Bunt sortiert in Muschelgängen,
wo sie purzeln, schieben, drängen,
Schalltierfreunde, klein und niedlich,
harmlos und doch selten friedlich.
Die sich an den Händen fassen
und einander wieder lassen.
Hämmern eifrig an den Dingen,
dass die Schnecken hell erklingen. 

Unweit, im Tel’graphenstübchen,
hockt ein recht betagtes Bübchen. 
Handlich, was herüberweht,
packt er in ein Sinnpaket.
Herr Denk, Frau Fühl und Old Erfahrung, 
brauchen diese Nervennahrung. 
Schliesslich wollen diese Fritzen
sie für die Erkenntnis nützen. 
Doch Erfahrung weiss auch schon,
Erkenntnis ist nicht nur aus Ton. 

Das Wort, nur ein Geräuschbehältnis,
kann nicht sehen, wie die Welt ist.
Ohne Griff und helles Licht
reichts selbst für die Erkenntnis nicht.
Und der Geschmack, oh Graus und Schmach,
geht immer nur der Nase nach. 

Küchenfenster

Gelbe Blüten über Grün,
Steh'n auf meiner Fensterbank.
Und ich hör den Vöglein zu
Bei ihrem fröhlichen Gesang.

Rosa Wolken ziehen langsam
Durch das morgendliche Blau.
Was ich dachte, was ich wollte,
Weiß ich nicht mehr so genau. 



Die Geoden (Geologische Satire)

Die Geoden sind dem Fachmann auch als Drusen bekannt. Es sind kleine harte Burschen mit einer Menge Kristalle im Bauch, was sie für den Menschen interessant macht und weswegen er sie gerne aufschlitzt, um die Innereien makaber in Schaufenstern und Vitrinen zu drapieren. Das Äussere hingegen ist unscheinbar ockern bis dünklich, wie bei den Vögeln ja auch die Gefiederfarben variieren.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Wuchshöhe. Hier kennt man die Zwergendrusen, die Normdrusen und die Minorität der Riesendrusen. Diese sind so gewaltig, dass einige Exemplare (sogenannte Jonasdrusen) gar von innen begehbar sein sollen. Ein drittes Merkmal sind die Innereien: Kalk, Braunspat, Quarz, Amethyst oder Zeolith. Die besonderen Amethystdrusen sind Schalenbewohner, gehüllt in nichts weniger als edlem Achat.

Will man die Drusen aufspüren, muss fachmännisches Wissen dem Hirnträger bleuig sein. Denn die Druse lebt unter Tage und nicht jeder, der einfach mit einem Spaten etwa blindlings ins Feld sticht, ist dem Feldspat mirnichtsunddirauchnichts fündig. Denn den Gängen des Erzes muss man kundig sein, wo sich die Drusen drängen und deren Nahrung das Erz ist. Und hier rät es sich, einen graubärtigen Gangführer zu bemühen, der mit Erfahrung die Erzrute zu zucken weis oder etwa ein abgerichtetes Drusenpferd, welches den Boden beschnüffelt, als treuen Begleiter zu küren.

Der junge Drusenjünger wandele, so unbesattelt, zuerst ein mal nach Drusethal, das einstige Mekka der Drusen. Dort kamen sie, in religiöser Verzückung, zu tausenden leichtsinnig an die Erdoberfläche (der Fachmann nennt das Hervorbrechen) und fielen dem energischen Steineklopfer leicht in die Hand. Viel zu spät geriet dieses Gebiet nun in Naturschutz, bevor der illegalen Drusenmafia das Handwerk gelegt werden konnte, wurden zu viele Exemplare für schnöden Mammon dem Boden entrissen, so dass die Drusen scheu wurden und das Gebiet bald mieden. Heute informieren eine Gedächtnisstätte und ein internationales Bildungszentrum über die damaligen Greueltaten und allgemeine Drusenkunde. Der Drusenjünger übe sich also in Geduld und Nachsicht. Entnimmt er dem natürlichen Lebensraum der Drusen zu viele solche, ist zum Beispiel ihre Vermehrung stark gefährdet, wie man dem folgenden Abschnitt entnehmen kann.

Die Fortbewegung der Drusen im Erdreich so wie im Felsgestein ist mühselig. Jeder Zentimeter dauert Jahre, das einfache Vor-die-Tür-gehen-und-Rauchen Jahrhunderte. Dabei hat die gemeine Druse selbst keine sichtbaren Fortbewegungsorgane, sondern segelt geschickt im tektonischen Aufwind. Deshalb ist auch die Populationentwicklung eine Sache von Zeitaltern. Doch der Drusenjäger muss noch keine tausend Jahre auf den nächsten Fang warten, denn glücklicherweise gab es dereinst eine feurige Zeit, als der Unterweltgott Pluto unseren Wandelstern enthusiastisch walkte und planschte und Fontänen schmiss und in die Badelava flatulierte. Aus diesen Blubberblasen, so erzählen sich die Drusen gerne bei Hundert-Jahres-Teegesellschaften, sind die ersten Drusen entstanden, um sich ihrer göttlichen Herkunft zu versichern. Aber naturlement ist das Kokolorus. Die Drusen pflanzen sich wie alle Lebewesen fort. Bei der Befruchtung wird ein kleiner Impfkristall in den Leib der Druse vom männlichen Exemplar in Sinnenfreude eingeschleust. Der wächst da im Kristallwasser der Mutter. Lange (genaue Zeitangaben leider nicht erhältlich). Irgendwann ist das Kind der Mutter gleich gross und es entsteht der Keimdrusen-Komplex, der sich teilt. Damit endet die Fortpflanzung und neues Liebesspiel kann beginnen.

Nicht alles ist nun falsch an den Sagen der Drusen. In den prähistorischen Zeiten der Heissweicherde war das Leben der Drusen viel zackiger, ja ein Fest. Sie konnten sich flugs herumflutschen und ihr Lebensrythmus war fast menschenähnlich. Aus dieser Zeit stammt noch fast sämtlich die heutige Gesamtpopulation, denn Drusen sind, so sie nicht zersägt werden, unsterblich. Das ist ein Geheimnis, welches es ihnen zu entreissen gilt, kommende Forschergenerationen werden dies unmissverständlich zeigen. Vielleicht findet auch der Mensch ein zufrieden Leben im Gestein: Die neue Langsamkeit? Deswegen noch ein letzter Appell: Schneiden sie keine gefundene Druse auf. Vergraben sie sie nach Klassifizierung und Beringung wieder in freier Wildbahn. 

Das Loch (Satire)

Es war einmal ein Loch, in das fielen die Wörter hinein. Von dorthin
flossen sie alle an einen unbekannten Ort. Der gebeutelte arme
Schriftsteller Lotro hatte dieses Loch direkt in seinem Kopf und nichts,
rein gar nichts fiel ihm mehr ein. Verzweifelt versuchte er, Stöpselworte
in das Loch zu stopfen, solche Worte wie Schwammwunderginster oder
Langzeitzentralerfassungsraumklang aber ach, auch die Stöpsel fielen
in das viel zu grosse Loch. Wohin führte es? Lotro wurde neugierig. Er
dachte sich selbst in ein -bootartiges- Adjektiv und schon ging es
abwärts im Strudel. Abenteuerlich trieb er im dunklen Malstrom
genialischer Einfälle und Konstruktionen und er warf ein Fischernetz
aus, um wenigstens einige von ihnen zu retten. Mit der Beute im
Ausmass einer kleinen Novelle sank er erschöpft zu Boden. Doch noch
war das Ende seiner Reise nicht erreicht. Wo würde der Strom zu Tage
treten? Ja, es war ein helles Glimmen, das ihn wieder zu Sinnen
kommen liess und Lotro machte sich bereit. Aufrecht strebte er am
Mast empor, das Gesicht ehern, die Schultern gespannt. Plopp! Plopp,
plopp... Lotro hatte mit Schwierigkeiten gerechnet. Weit ausholend
schleuderte er den Anker und sah bass erstaunt das schier
Unglaubliche. Ein gigantisches Häckselwerk teilte den Strom in tausend
kleine Teile und dieser floss nun in Federn, Stempel und Walzen. Und
dort hindurch sah Lotro, wer ihm die Worte aus dem Kopf saugte. Alle
die Leute, die beim Schreiben gar nicht dachten. Da es keine
ungedachten Worte gab, war da dieses gewaltige Vakuum, das den
Denkern wie ihm zu schaffen machte. Euch werd ichs lehren, schüttelte
Lotro die Faust! Und so fischte er erneut an gefährlichen Schlünden
und schrieb einen hermetisch-enigmatischen Roman. Dieser bestand
aus einem einzigen Wort, welches über viele Seiten hinweg
aufsehenerregend und hitparadenverdächtig vorsichhinondulierte, ja
mäanderte, sinnheischend und doch frei von Sinn war. Die Kritiker, ja die
Künstlichen Intelligenzen und alle Nichtdenker schrien vor Schmerz, den die versuchte
Verdauung ihnen bereitete. Dennoch wurde es ein Erfolg und nicht
wenige Denker nahmen sich nun ein Beispiel. Der Häcksler zerbrach,
das Loch verstopfte und fortan konnte Lotro wieder in Frieden schreiben.

Dienstag, 3. März 2026

Dezember

Über stillen weißen Hügeln
schwebt der Winter mit Bedacht,
hat mit seinen sanften Flügeln
uns den ersten Schnee gebracht.

Unter grauen Wolkenleibern
wirbelte ein Sternentanz
und auf leichten Flockenkleidern
schimmerte des Frostes Glanz.

Zwischen warmen Blätterdecken
schlummert nun so manche Seel,
bis der Sonnenkuss wird wecken
sie mit seinem Grußappell.

Taumond

Teiche ins Laub zeichnet tauendes Eis.
Braun und vergessen winken ganz leis’,
wie in schweren Gedanken an Liebe, vergangen,
Blätter, im Wiegen des Wassers gefangen.

Pechschwarz am Himmel, mit Mähnen schneehell,
scheuen Äste im Sturmwind, der wilde Gesell
legt dem Bruder, dem nassen, die Stirne in Falten.
Bald wechseln die Herren und neu weicht dem Alten. 

Dienstag, 27. Januar 2026

Das Mädchen ohne Hände Teil 6

Zwischen Weben, bleich und wirr,
hing ein schwarzer, schwerer Leib,
der auf Beinen, spindeldürr, 
harrte auf die rechte Zeit.
Augen neun, doch alle blind,
fühlte sie die Fäden zittern
und sie konnte mit dem Wind
nahende Geschicke wittern.

Eine grimme Schädelschlange,
voller Drang und voller Zorn,
traf den Teufel nun im Gange
und die Geister, die ganz vorn,
schlugen, schnitten den Gehörnten,
dieser wehrte sich verbissen,
als die Toten ihn umschwärmten
und in tausend Stücke rissen.

Ging die Frau von Grab zu Grabe,
mit dem Herzstück in der Hand,
und sie suchte nach dem Sarge,
wo das zweite sich befand.
Klopfend, leuchtend führte es
hin zu einem zweiten Klopfen,
leise, doch sie spürte es,
zaghaft so wie Regentropfen.

Hob den Deckel sie nun an,
unter Ächzen und mit Mühe
und das Herzstück nahm sie dann,
müd, in aller Herrgottsfrühe.
Dann, am Ende jener Zeile
Gräber sah sie eine Tür,
und sie schaute eine Weile
nach dem Schlüsselein dafür.

"Leg das Herz dort in die Schale."
raunte ihr der Mantel zu.
Tat sie's und mit einem Male
kam die Türe auf sie zu.
Und das Herz nahm sie zu sich
trat hinein in einen Gang
und die Müdigkeit entwich,
als die Tür im Schlosse klang.

Tausend kleine Teufel rannten 
schreiend durch die Geisterknochen,
bis die Geister erst erkannten,
was vom Zaune sie gebrochen.
Voller Schreck und ohne Rat,
blieben sie auf ihrer Stelle,
aufwärts, ja und auch hinab
rollte nun die schwarze Welle. 


Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 5 

Montag, 12. Januar 2026

Ein neues Leben

Herr B. wohnte in einer Satellitensiedlung nahe der großen Stadt
Polis und wenn man etwas sagen konnte über diese Siedlungen, mit
fürchterlichen Neubauten bestückt wie sie waren, ist es folgendes:Das
Leben in Polis mochte zwar hektisch und bisweilen auch grau sein,
aber es war ein graues Herz, das wenigstens schlug. Die
Satellitensiedlungen aber waren Vornekropolen, die im langsameren
Rhythmus wie Schwämme menschliches Treibgut aufsaugten und
auspressten, zu gar nichts anderem waren sie gut. Und es schien nur
natürlich, daß sich ihnen in losen schiefernen Tupfern die Friedhöfe
anschlossen, in roten die Industrieruinen und in grünen die
Schrebergärten.
Herr B. wohnte in einem Sechsgeschosser im vierten Stock, mitten
in einer Betonzeile und umgeben von Strassen. Während sich
westwärts weitere Zeilen anschlossen, war auf der Ostseite eine
größere Ödfläche, die mit Maschendraht eingezäunt war und die Herr
B. auch gern benützte, so wie viele andere, denn Herr B. hatte einen
Hund, den er sich bald angeschafft hatte, nachdem ihn seine Frau
verlassen hatte und er hierher gezogen war. Der Hund war eine Pudel-
Dackel Mischung, eine graue gelockte Wurst. Wenn Herr B. sein Haus
verließ und durch einen Durchgang ging, der unter dem Häuserblock
hindurchführte, kam er gleich an einer Apotheke vorbei, die von einem
türkischen Apotheker geführt wurde, an einem Friseur, einem
Kinderarzt und einem Physiotherapeuten. Der Gehwegrand war mit
Birken gesäumt, die Herr B. als Bäume sowieso ulkig und zum
Schießen fand, denn sie hatten schon seit ihren jungen Jahren eine
weiße Rinde, währen seine Haare immer noch schwarz waren (und
voll, wie er dazu bemerken würde) und er war schon fast 50. Ging er
noch weiter, kam er in eine Vorstadtmall mit einem Diskamarkt und
lauter so kleinen Läden wie Blumenladen, Geschenkartikel, Bäcker und
Fleischer. Halb unter der Mall versteckt war ein Parkhaus, bei dem die
Erbauer sich wohl nicht richtig hatten entschließen können, es ganz
unter die Erde zu versenken und so schaute es halb aus der Erde
heraus und in die Mall führte eine Betonrampe hinan.
Herr B. war ein rosiger und rundweg gesund aussehender Mann,
dem niemand, der ihn das erste Mal traf, abnahm, daß er ein
Frührentner war. Und doch hatte Herrn B. in der Blüte der Jahre ein
schweres Aneurysma gepackt, eine Blutansammlung im Hirn, die ihn
ein halbes Jahr ins Krankenhaus gebracht hatte, auf Leben und Tod.
Das Aneurysma, kirschgroß wie es war, hatte einiges mit ihm
angestellt, vor allem hatte sich seine Persönlichkeit deutlich verändert,
worauf vor allem seine damalige Frau beharrte und es hatte ihm auch
immer wiederkehrende höllische Kopfschmerzen beschert.
Herr B. war Akademiker gewesen, ein gescheiter und eloquenter
Mann, der mit seiner Gattin und seinen Büchern eine Etage einer
Stadtvilla bewohnt hatte, in der anderen Etage lebte dereinst ein
Professor für Anthropologie. Herr B. selbst war damals ein Dozent für
Elektrotechnik an der Universität. Als Herr B. jedoch aus der Klinik kam,
hatte er angefangen, seine geliebten Bücher zu meiden, ja, sie eins
nach dem anderen fortzuwerfen. Des weiteren, wen wundert’s, bekam
er hypochondrische Neigungen. Er kaufte Medikamente mit denen er
die Badezimmerschränke füllte, die doch eigentlich für die Kosmetika
des geliebten Weibes vorgesehen waren. Außerdem entwickelte er, der
sein Lebtag RocknRoll, Blues und Jazz geschätzt hatte, die drei 
Geschwister der amerikanischen Musik, eine Vorliebe für Wagneropern.
All das sind Marotten, die, meine lieben Leserinnen, wohl kaum eine
Akademikergattin aus der Bahn geworfen hätten, wäre da nicht noch
das schlimmste und letzte gewesen, daß Herr B. nämlich anfing, einmal
gesagte Sachen immer wieder zu erzählen, wie eine Schallplatte oder
heute, wenn man modern sein will, auch eine CD mit einem Sprung.
Die Sachen die er erzählte, Schwänke aus seiner dörflichen
Jugend, den Inhalt der Revolverblätter, denen er den Vorzug zu seinen
Büchern gegeben hatte und über die Gespräche mit seltsamen
Gestalten aus noch seltsameren Spelunken ließen ihr keinen anderen
Schluß außer dem, daß Herr B. wohl einen guten Teil seiner Intelligenz
auf dem Operationstisch gelassen hatte (obwohl die Ärzte immer
wieder beteuerten, daß sie da etwas verwechsele) und sie nun mit
einem Proleten verheiratet war. Na ja, außer, daß er Wagner hörte.
Und das war es gewesen. Herrn B.s Eltern hielten von seinem Wandel
auch nicht viel und bedauerten ihn, umsorgten ihn aber im
Krankenhaus und auch später rührend und besuchten ihn häufig. Die
einzige Schwester, die Herr B. hatte, hatte der Familie schon früh den
Rücken gekehrt. Alte Freunde kamen und gingen und die meisten
waren schon bald verstört und blieben, unter Vorwänden, fern.
Die „Grüne Wiese“ war eine der seltsamen Spelunken, ein
viereckiger kleiner Betonbungalow und früher ein Jugendclub gewesen,
der dicht gemacht hatte, als das Geld für die Sozialarbeiter gestrichen
wurde. Der neue Besitzer hatte einen Tresen hineingebaut, neues,
keine Spur nostalgisches Mobiliar hineingestellt und jede Menge
Leuchtreklamen und Spiegel mit Werbungen für amerikanische
Spirituosen aufgehängt. Und natürlich gab es Billardtische. Die Klientel
indessen war die alte geblieben, die nicht mehr so junge Jugend aus
dem Jugendclub.

Hinzu waren dünne Trinker gekommen,
schmerbäuchige Männer mit Jeans und Lederwesten, mit Vokuhila
oder Glatze, meistens hatten diese dicke Schnurrbärte. Des weiteren
gefönte Weibchen mit Strähnchen und Leopardjäckchen. Was die
Musik anging, konnte jeder seine CDs selber mitbringen, was eine
gewöhnungsbedürftige Mischung aus Punkrock, Heavy Metal, Country,
Glam, Disco und Schlager ergab, mit Wagner jedoch war Herr B.
hoffungslos bei allen gescheitert und begann oft lange Tiraden über
Banausen und den schlimmen Krach der Neuzeit. Trotzdem kehrte er
gern hier ein. Er hielt im Klackern der Billardkugeln beachtete Vorträge
über die Weltregierung, Geheimkomplotts der NASA und Killerviren, die
bald überall seien.
Und hier geschah es eines Tages, daß er Gabi traf. Gabi war eine
Alkoholikerin und erst Mitte 30. Sie hatte einen ziemlich drahtigen
Körper irgendwie, ohne besondere Rundungen, kurzes braunes Haar
und tiefe, faltenumstandene Augenringe. Und, Wunder was, sie hatte
einst studiert, eine echte Sensation. Aber der Alkohol hatte sie aus dem
Leben gespült, zu den anderen Wracks und Tagelöhnern. Obwohl
Gabis IQ weit über dem lag, der Herrn B. übriggeblieben war, unterhielt
sie sich gern mit ihm und blieb an seinem Tisch sitzen, denn er gab ihr
Halt. Unter dem Tisch lag der Hund, der Herrn B. Halt gab.
Zu berichten ist von einem denkwürdigen Abend, als Gabi ihm
eröffnete, ihr biologischer Vater sei auch Elektroingenieur gewesen und
Herr B. noch spät nachts mit zerzausten Haaren am Telefon seine
ehemalige Gattin mit der Frage aus dem Schlaf nötigte, ob sie nicht
zufällig eine Tochter gehabt hätten. „Mein Gott, weißt du denn gar
nichts mehr?“, stöhnte diese müde durch den Hörer. „Nein, eben
nicht!“, schrie Herr B. zurück und knallte den Knochen auf die Gabel.
Damit war das wenigstens geklärt, Zufälle gab es immer und man
konnte ja nie wissen, erzählte Herr B. seiner grauen Wurst. Wenige
Wochen später zog Gabi bei ihm ein und stellte ihren Jack Daniels
zwischen seine obskuren Tinkturen, die er von seinem Heilpraktiker
aufgeschwatzt bekommen hatte und die er vom Türken aus der
Apotheke bezog.
Neben der Rente verdiente sich Herr B. einen zweiten Lebensunterhalt
als Fahrkartenkontrolleur bei den städtischen Verkehrsbetrieben. 
So kam er erstens ganz kostenlos in ganz Polis herum. Er liebte es, in den 
gelben Glas- und Stahlschläuchen, ob U- Bahn, Bus oder Straßenbahn an 
spontane Ziele zu gondeln, dort auszusteigen und die graue Wurst auszuführen. 
So sah Herr B. immer wieder witzige Dinge, führte streunende Hunde dem 
Tierheim zu und ältere Damen über den Damm.

Zweitens hatte Herr B. eine ganz neue Schäfermentalität in sich
entdeckt, die ausgelebt werden wollte. Die Bahninsassen waren seine
Schäfchen, die schwarzen unter ihnen galt es zu finden. Herr B. sah
das Gute in allen Menschen, auch den Schwarzfahrern. Es war nur so,
daß diese selbst das Gute in sich nicht mehr so recht sehen konnten
und so ein Bußgeld war ein prima Denkzettel, haha Nachdenkzettel,
der selbst einem hochnäsigen kalten Gesellschaftsschmarotzer zeigen
mußte, daß er nicht allein auf der Welt war. Und nicht allein zu sein,
was für ein schönes Gefühl war das! So etwas verteilte Herr B. gern.
Und drittens, denn ein drittens gibt es ja immer und wer weiß wie oft
noch ein viertens, beobachtete Herr B. gerne Menschen. Wie sie sich
miteinander unterhielten, ihre Kinderwagen in die Bahn hoben, junge
Mädchen mit verheultem Makeup, die von ihren Freundinnen getröstet
wurden, Rentner mit Schiebekarren, streitende Eheleute, muskulöse
Männer mit kahlem Schädel, schlaksige Jungs mit Kaugummi und
halblanger Mähne und Touristen, die sich gegenseitig die Stadt
erklärten.
Mittagessen ging Herr B. stets an irgendeinem Schnellimbiß, denn
Kochen hatte Herr B. nicht gelernt und, wie es sich herausstellte, Gabi
auch nicht, die, wenn sie überhaupt mal etwas aß und nicht tagsüber
nur ihren Rausch ausschlief, Fertiggerichte verdrückte. So aß er zum
Beispiel an jener Schnellpizzeria an der K.-Strasse, in der vier Italiener
an der Theke standen oder zumindest hoffte Herr B., daß es Italiener
waren. Diese arbeiteten wie eine schwitzende, achthändige Maschine
in einer Atmosphäre aus hektischer Ethnomusik, Kundenwünschen und
ausgestreckten Händen, die die Bestellungen abholten. Einer knetete
den Teig, warf ihn in die Luft und klatschte ihn auf die Platte, der zweite
warf den Belag drauf, der dritte bediente die Öfen und der vierte die
Kasse. Die vier hatten ein Nummernsystem, man konnte sich so einen
Zettel ziehen wie auf dem Arbeitsamt. Herr B. gab nur seine Bestellung
an der Kasse ab, zog seine Nummer und ging nach draußen, bis die
Nummer irgendwann durch den Musikteppich geschrieen wurde. Dann
stellte er sich mit dem leckeren Teil an einen der Tische und aß.
Wenn Herr B. den Hund nicht mitnehmen konnte und er etwa mit
Frau W. auf Kontrolltour war, einer unruhigen und ungewaschenen
Frau seines Alters mit weißen Brillengestell und ebenso weißer
Ledertasche, die Hunde hasste und die, im Gegensatz zu Herrn B., 
immer auf „Quote“ aus war,keinen von der Angel liess und jeden anfuhr, 
er nur noch 5 Minuten auf seinem Fahrschein hatte, daß er nächste Haltestelle 
aussteigen müsse, konnte nun Gabi auf den Hund aufpassen und ihn ausführen.
Manchmal vergaß sie das aber und der Hund machte in die Wohnung,
ein Umstand, der Herrn B. dazu veranlaßte, zu versuchen, Gabi
trockenzulegen. Wobei er aber erfuhr, was es hieß, im wahrsten Sinne
des Wortes „dümmer“ zu sein. Denn Gabi fand Verstecke, gegen die jedes 
Ostereiersuchen ein Klacks war. Im Klospülkasten etwa.
Außerdem fing sie an, wenn ihre eigenen Vorräte knapp wurden, Herrn
B. s Tinkturen auszutrinken, denn die enthielten fast alle Alkohol. Wenn
seine Tinkturen ausgingen, geriet Herr B., genau so wie ein Alkoholiker,
in einen zittrigen, hilflosen Zustand, aus Angst, die nächste Krankheit
könnte ihn auffressen, als Ebolahäppchen wollte er nicht enden. Also
wurde Waffenstillstand geschlossen. So in etwa könnte man die
Umwälzungen in Herrn B.s Leben grob skizzieren, die wie so viele
Biographien einfacher Leute bei genauerem Hinsehen umfangreicher
waren, als man für einen Menschen annehmen konnte und die zu
einem Nachmittag führten, der Herrn B.s Nerven arg belastete.
An diesem Tag hatte Herr B. den Hund früh selbst Gassi geführt,
um später keine Überraschungen zu erleben. Er hatte ihn auf der
Freifläche herumlaufen lassen und Stöckchen geworfen. Danach hatte
er aufgeräumt, abgewaschen und das Leergut weggeschafft. Am
Glascontainer hatte Herr B. dann seinen wöchentlichen Spaß, in dem
er die Flaschen schwungvoll wie Torpedos in den Metalltank schoß und
es herrlich splitterte und krachte. Danach verließ er die Blocks für seine
tägliche Tour.
Als er zurückkam, fand er zuhause neben Gabi und dem Hund auch
noch eine Trinkfreundin von Gabi vor, Becky. Becky war ein dürres
bleiches Weibchen mit schwarzgefärbten Haaren und Mordsohrringen,
gern im Trainingsanzug unterwegs und nicht besonders helle. Zu
Beckys schlechteren Eigenschaften gehörte es leider, daß sie keine
Ausländer mochte, besonders wenn sie wie welche aussahen, weil sie
gelesen hatte, daß die Arbeitsplätze wegnahmen. Sie nahmen sie
einfach mit und verkauften sie ins Ausland. Oder so ähnlich.
Sie schickten ihre Kinder zum Betteln statt in die Schule und
verkauften Drogen, hatte sie gehört. Trotzdem aß Becky gern in
ausländischen Restaurants, ein Paradox, welches sie sich übrigens mit
vielen ihrer engstirnigen Geisteskollegen teilte. Herr B. mochte Becky
nicht besonders, sie sagte im Rausch nämlich so Dinge, die man lieber
für sich behielt, etwa, daß Herr B. gar kein richtiger Mann sei, mit seiner
Größe und Statur.
Beim Eintreten bekam Herr B. ein großes Hallo und einige
Jauchzer, die ihre Herkunft in einer Flasche Jim Beam und einem
vollen Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch erklärten.
„Heeeeey komm rein Knutschibär, laß dich drücken“, quietschte Gabi.
Als Herr B. seine Tasche abgestellt hatte, ließ er das mit sich
geschehen, und auch das japsige Gespringe seines Haustieres.
„Na B., du Nußwurst! Kloppste ein Skat mit uns? Schluck aus der
Pulle? Das macht ein richtigen Mann aus dir hahaha.“ gackerte
Becky. Herr B. fing an zu husten. Zigarettenrauch machte ihm
normalerweise nicht soviel aus, aber hier stand er knüppeldick in der
Bude. Er ging ins Badezimmer, um sein Asthmaspray herauszusuchen,
das er für alle Fälle hatte. Weil er es nicht gleich fand, schmiß er einige
von Gabis Lotion- und Schaumflaschen ins Waschbecken und beim
Wühlen begannen seine Finger wieder zu zittern. „Gabi, wo ist der
Spray?“, flüsterte er. Seine Bronchien begannen zu krampfen. Jetzt
warf er pauschal alles ins Becken.
„Machst'n für'n Lärm?“ erschien Gabi an der Tür. „Der Spray!“ flüsterte
Herr B. wieder.
„Hier doch, Bär. Sorry.“ fingerte Gabi mit einem Griff den weißen
Behälter zu Tage.
„Danke.“ Ffffft, zog Herr B. am Spray.
„Willsten Kaffee? Komm zieh doch endlich die Jacke aus.“
"Ja bitte, Gabi. Ja. Mach das Fenster auf“
Dann setzte Herr B. sich zu den Spiritusmiezen, trank seinen Kaffee
und klopfte einen Skat mit ihnen auf dem Glastisch.
„Hab ich euch schon die Story erzählt, wie ich beim Militär mal zwanzig
Eier auf einmal verdrückt habe? Das war eine Wette…“
„Die kennen wir schon…“
„Na egal, Humor muß sein, oder. Den laß ich mir von euch nicht
austreiben!“
„Muß das sein mit dem Rauchen, Becky, wie ein Stadtsoldat rauchste,
wie ein Stadtsoldat. Sogar die Ärzte damals in der Klinik haben
geraucht, in ihren Schlachterkitteln standen sie draußen vor der
Chirurgie und haben geraucht, wie die Stadtsoldaten. Keiner hat ein
Einsehen.“, knurrte Herr B. beim Austeilen.
„Ach hör doch auf.“
„Du kennst mich doch, Becky“ sagte Herr B. und klopfte auf seinen
Kopf. „Fünf Bohrungen und eine Metallplatte! Toi, toi. Humor muß sein.“
Die Plastekuckucksuhr hatte gerade drei Uhr gekuckuckt, als es an
der Tür schellte und es Herrn B. siedendheiß wieder einfiel, daß sich
seine Exfrau für einen Besuch angekündigt hatte. Wankend wie ein
Steuermann im Sturm stand er auf, obschon der einzige Nüchterne der
Runde.
„Mist, Leute, ich hab vergessen, meine Ex kommt heut zu Besuch!“
Gabi wurde blaß.
„Was will die denn hier?“ Becky lachte.
„Benehmt euch, wird schon nicht lange dauern.“ stammelte Herr B.,
während er in den Korridor schlüpfte, den Türknauf ergriff und
öffnete. Der Hund kam zur Tür gerannt und knurrte. „Still“, mahnte B.
und zog ihm am Halsband.
„Hallo B.“, sagte seine Frau und in ihrer sanften Stimme schwang
ein leises Bedauern mit, welches sich über die letzten Jahre
eingeschlichen hatte und als Dauermieter geblieben war.
„Gut siehst du aus. Du hast immer schon so gut ausgesehen.“ Seufzte
sie weiter.
„Ja meine Liebe. Du kennst mich doch. Fünf Bohrungen und eine
Metallplatte." Die Frau verzog schmerzlich das Gesicht.
"Wer ist denn dein Freund da?“, nahm er die Hand vom Kopf.
„Ja“, seufzte sie wieder und „das ist doch Paul A., dein langjähriger
Arbeitskollege aus Übersee. Wir wollten dir eine Freude machen.“
„Ha, Paul, Alter, du meine Güte, kaum wiedererkannt“, sagte Herr B.
verwirrt und schüttelte dem schwarzen Hünen die Hand. Etwas
urtümlich Vertrautes lag in dieser Geste, in dieser großen Hand und
dem nach oben schauen. Das war das alte Leben gewesen.
Kompliziert war es gewesen.
"Ich hab von deinem Unglück gehört", sagte Paul und B. nickte.
„Kommt doch rein in die Stube, wollt ihr einen Kaffee? Ich koch
euch neuen.“
„Sag bloß nicht, du hast vergessen, daß ich komme.“ „Ja Schatz…“
horchte Herr B. in sich hinein. Es tat ihm aufrichtig leid und der Ton
seine Stimme ließ seine Exfrau lächeln.
„Willst du mir nicht deine Freunde vorstellen?“
„Jaaah, hallo, daß ist Gabi, sie wohnt jetzt bei mir…“ Herr B. ließ eine
bedeutungsvolle Pause. Die beiden schüttelten sich die Hände, gerade
so an den Fingerspitzen und sahen sich nicht in die Augen.
„Und das ist Becky, eine Freundin von Gabi.“
„Hallöle!“ Becky stand nicht mal vom Sofa auf. Satt dessen fixierte sie
Herrn B.s ehemaligen Arbeitskollegen mit schmalen Augenschlitzen.
„Becky, Gabi, das sind meine Exfrau und mein alter Kumpel Paul.“
„Du hast einen Negerfreund, B.? Oh Mannomann.“
Pauls Miene, die schon von ergrauten kurzen Locken gekrönt war,
verhärtete sich deutlich.
„Verschwinde mal Becky! Raus!“, versuchte B., die Situation zu retten.
Der Hund bellte.
„Ich soll verschwinden, du Hanswurst? Er soll verschwinden! Die Neger
nehmen uns die Arbeitsplätze weg und so!“ blubberte Becky. B.s
Exfrau stand einfach geschockt im Wohnzimmer und sagte gar nichts.
Gabi ging schnell in die Küche. Bei so was ging sie immer weg, sie
hatte gute Instinkte in der Hinsicht.
„Mach dich raus Becky.“ Herr B. sagte B. mit weitausholender
theatralischer Geste und einer Stimme, die er sonst nur bei der
Lockenwurst oder Schwarzfahrern gebrauchte.
„Dich hab ich gefressen, B. ! Tschüss!“, fauchte Becky.
„Und deeeeheer da!“, sie deutete auf Paul, wobei sich ihr Zeigefinger
vor Hass durchbog, „schläft doch mit deiner Ex, siehst du das nicht?!“
„Deine Jacke, Becky!“ Herr B. gab ihr die Jacke, schob sie durch die
Tür und schloß diese.
Becky warf von außen ihre Faust gegen die Tür. „Ihr
Ausländerschweine!“ Dann stolperte sie die Treppen hinunter.
„Entschuldigt, Paul, Schatz, ich weiß nicht was ich sagen soll, das
hatte ich nicht erwartet.“
„Du hattest uns nicht erwartet, B. Was für einen Umgang du nur hast“.
Die Stimme seiner Exfrau war auf Grabesniveau angekommen.
„Darauf erst mal einen Schnaps, was, Paul?“
„Die kommt mir nicht mehr über die Schwelle!“, beteuerte er, als er das
tief verstörte Gesicht von Paul sah. „Wir sind doch Akademiker, B.“ war
alles, was Paul mit rauher, tiefer Baßstimme sagte, bevor er das
angebotene Whiskeyglas nahm, aber seinem Gesicht war es
anzusehen, daß seine Zuneigung zu Herrn B. gerade einen Riß
bekommen hatte. Die drei setzten sich steif und umständlich auf die
Couch. Gabi traute sich aus der Küche und brachte den Kaffee mit. Sie
schwankte dabei ein wenig, blickte nach unten und sagte kein
Wort. Dann ließ sie sich in den Sessel fallen.
„Deine Wohnung sieht anders aus“, stellte B.s Exfrau nach
mehreren Minuten peinlicher Stille fest.
„Ja, Gabi hat ein bißchen gewirkt.“, sagte Herr B. nicht ohne Stolz.
„Endlich stehen wieder mal ein paar Bücher in deinem Regal.“ Herr B.
runzelte die Stirn und schaute.
„Tatsächlich! Nicht von mir. Das war so eine Zeitverschwendung, du
kennst ja meine Meinung.“
„Warum nur. Du hast früher so gern gelesen.“
„Und, was hat es mir genützt? Du siehst doch, was aus mir geworden
ist.“, sagte Herr B. und hielt mitten in der Bewegung inne, mit der er
sich immer auf den Kopf klopfte.
„Mein ganzer Kopf ist explodiert mit den Büchern, die ich da rein
gestopft habe. Und diese komische Wissenschaft, die da drin stand.
Was hatte die wirklich mit den Menschen zu tun? Ich bin jetzt lieber den
Menschen näher. Ich brauch keine Bücher mehr.“
„Ich habe dir ein paar alte Fotos mitgebracht, B.“, sagte seine Exfrau
und gab ihm einen dicken Briefumschlag aus ihrer Handtasche. B.
nahm ihn und fischte ein Foto heraus. Die andern nahmen ihre Tassen.
Auf dem Foto zu sehen war er, an seinem Schreibtisch in der Villa,
vor einer Bücherwand. Auch er schaute von einem Buch auf fragend in
die Kamera hinein. Herr B. saß lange vor diesem Bild, still und
andächtig, bis Gabi sich schließlich regte.
„Fotos? Mann, zeig doch mal!“
Manche Dinge und Frauen ändern sich nie, dachte Herr B. und stand
auf, um eine Schallplatte aufzulegen, mit Aufnahmen aus "Tristan und
Isolde".
Und dann, wieder nach einer Weile, als sie fast schon eine richtige
Kaffeegesellschaft waren, sagte seine Exfrau in die Musik hinein:
„Paul wollte noch was Fachliches mit dir besprechen.“
„Also, ja, ich weiß nicht, in Anbetracht der Sache“, zögerte Paul,
während B. ihn fragend ansah. Seine Augen leuchten noch immer so
wie früher, dachte Paul.
„Na gut, also.“ Paul nahm Zettel und Stift heraus, und füllte den Zettel
mit Symbolen, Strichen und Zahlen. „Wir haben da eine neue
Schaltung…“
Dann folgten viele Fachtermini, die Herrn B.
umschwärmten wie Mücken bei der Paarung. Mit offenem Mund saß er
da und fuhr die Linien andächtig mit den Fingern nach. Verzweifelt
versuchte er, sich zu konzentrieren. Da war etwas, aber er konnte es
nicht fassen. Das war es gewesen, das alte Leben. Symbole und
Zahlen. Kompliziert war es gewesen.
„Stop, Stop, Paul", wollte er gerade sagen, als sich Gabi unvermittelt zu
ihnen beugte und über die Zeichnung schaute.
„Gib mir mal den Stift. Also das hier kommt mir komisch vor“, sagte sie
und deutete auf eine Zahl. „das müßte so sein…“ Dann drehte sie den
Zettel um und füllte die Rückseite mit ihrer Version.
Herr B. sah sie entsetzt an, seine Exfrau amüsiert und Paul
argwöhnisch und mit fortlaufender Entwicklung freundlicher. Schließlich
war er sogar begeistert.
„Wo haben sie denn studiert?“, begann er achtungsvoll eine
Konversation mit Gabi. Der Hund schlief unter dem Tisch.
„Ich glaub, die zwei brauchen uns nicht B. Komm laß uns auf den
Balkon gehen.“, sagte die Exfrau. Sie löste den fassungslosen B. aus
der Couch und zog ihn auf den Balkon.
„Also deine neue Freundin scheint ja doch eine nette zu sein.“
„Also das hätte ich auch nicht erwartet. Ich hab ihr nie zugehört, wenn
sie von ihrem Studium geredet hat. Ich weiß eigentlich gar nicht, was
sie ….“
„Ach B."
"Du kennst mich doch, fünf...."
"Deine Sprüche haben mir nicht gefehlt. Ich bin fast verrückt geworden
durch diese Endlosschleifen. Sei mal kurz ruhig." Und dann schwiegen
sie eine Weile zusammen. Sonne und Wolken mischten sich ineinander
und lösten sich wieder.
„Sag mal stimmt das eigentlich?“, fragte B. in die Stille hinein.
„Was?“
„Daß du mit ihm schläfst?“
„Was?“ Ihr Gesicht fror kurz ein, dann lachte sie.
„Und wenn so wäre, es ginge dich nichts mehr an.“
„Nein.“, sagte Herr B. langsam.
Als sie wieder in die Stube kamen, diskutierten Paul und Gabi noch
angeregt miteinander. Sie hoben die Köpfe. „Ich habe von ihrem
Problem gehört, B". sagte Paul.
"Wenn sie entzieht und trocken bleibt, könnte ich ihr trotzdem eine
Stelle verschaffen.“
„Du mußt ja Eindruck gemacht haben“, sagte B.
„Das hat sie“, sagte Paul.
„Laß uns gehen“, die Exfrau beugte sich zum sitzenden Paul herunter,
wobei sie sich eigentlich nicht viel bücken mußte. Etwas in dieser
Bewegung ließ Herr B. stutzen und...lächeln. Dann ging sie in den
Korridor und kam mit einem Mantel wieder.
„Kann ich mal schnell aufs Klo?“. Paul zog sich an.
„Also dann mal wieder. Wenn’s paßt.“, sagte er mit seinem Baß.
„Aber das hier ist echt nichts für dich und mich.“ und deutete um sich,
Wohnung und Stadtviertel auf einmal verdammend.
„Mir gefällt's hier, ob du's glaubst oder nicht.“, sagte Herr B. Paul zuckte
mit den Schulten.
„Bist du fertig?“ fragte die Exfrau, aus der Toilette zurück, Paul.
„Fertig sind wir schon lange, nur die Haare und Nägel wachsen noch
kontinuierlich!“ schoß Herr B. dazwischen. "Humor muß sein, oder, den
laß ich mir von dir nicht austreiben.“
„Na, denn tschüß!“ An der Schwelle standen fünf Kreaturen und eine
davon wedelte mit dem Schwanz. Als der Besuch fort war, fing Gabi an,
zu heulen.
Eine Woche später fand sich Herr B. seltsamerweise in einer
Buchhandlung wieder. Er wußte nicht mehr so genau, wieso er den
Laden betreten hatte. In seiner Hand hielt er ein Foto. Darauf, war er,
wie er an seinem Schreibtisch saß, dem alten Schreibtisch in der Villa.
Hinter ihm eine Wand aus Büchern. Und auch er schaute aus einem
Buch heraus auf, fragend in die Kamera.