Dienstag, 27. Januar 2026

Das Mädchen ohne Hände Teil 6

Zwischen Weben, bleich und wirr,
hing ein schwarzer, schwerer Leib,
der auf Beinen, spindeldürr 
harrte auf die rechte Zeit.
Augen neun, doch alle blind
fühlte sie die Fäden zittern
und sie konnte mit dem Wind
nahende Geschicke wittern.

Eine grimme Schädelschlange,
voller Drang und voller Zorn,
traf den Teufel nun im Gange
und die Geister, die ganz vorn,
schlugen, schnitten den Gehörnten
dieser wehrte sich verbissen
als die Toten ihn umschwärmten
und in tausend Stücke rissen.

Die Dame ging von Grab zu Grab,
mit dem Herzstück in der Hand,
und sie suchte nach dem Sarg,
wo das zweite sich befand.
Klopfend, leuchtend führte es
hin zu einem zweiten Klopfen,
leise, doch sie spürte es,
zaghaft so wie Regentropfen.

Da, am Ende einer Reihe
Gräber fand sie eine Tür,
und daneben 

Tausend kleine Teufel rannten 
schreiend durch die Geisterbeine,

Montag, 12. Januar 2026

Ein neues Leben

Herr B. wohnte in einer Satellitensiedlung nahe der großen Stadt
Polis und wenn man etwas sagen konnte über diese Siedlungen, mit
fürchterlichen Neubauten bestückt wie sie waren, ist es folgendes:Das
Leben in Polis mochte zwar hektisch und bisweilen auch grau sein,
aber es war ein graues Herz, das wenigstens schlug. Die
Satellitensiedlungen aber waren Vornekropolen, die im langsameren
Rhythmus wie Schwämme menschliches Treibgut aufsaugten und
auspressten, zu gar nichts anderem waren sie gut. Und es schien nur
natürlich, daß sich ihnen in losen schiefernen Tupfern die Friedhöfe
anschlossen, in roten die Industrieruinen und in grünen die
Schrebergärten.
Herr B. wohnte in einem Sechsgeschosser im vierten Stock, mitten
in einer Betonzeile und umgeben von Strassen. Während sich
westwärts weitere Zeilen anschlossen, war auf der Ostseite eine
größere Ödfläche, die mit Maschendraht eingezäunt war und die Herr
B. auch gern benützte, so wie viele andere, denn Herr B. hatte einen
Hund, den er sich bald angeschafft hatte, nachdem ihn seine Frau
verlassen hatte und er hierher gezogen war. Der Hund war eine Pudel-
Dackel Mischung, eine graue gelockte Wurst. Wenn Herr B. sein Haus
verließ und durch einen Durchgang ging, der unter dem Häuserblock
hindurchführte, kam er gleich an einer Apotheke vorbei, die von einem
türkischen Apotheker geführt wurde, an einem Friseur, einem
Kinderarzt und einem Physiotherapeuten. Der Gehwegrand war mit
Birken gesäumt, die Herr B. als Bäume sowieso ulkig und zum
Schießen fand, denn sie hatten schon seit ihren jungen Jahren eine
weiße Rinde, währen seine Haare immer noch schwarz waren (und
voll, wie er dazu bemerken würde) und er war schon fast 50. Ging er
noch weiter, kam er in eine Vorstadtmall mit einem Diskamarkt und
lauter so kleinen Läden wie Blumenladen, Geschenkartikel, Bäcker und
Fleischer. Halb unter der Mall versteckt war ein Parkhaus, bei dem die
Erbauer sich wohl nicht richtig hatten entschließen können, es ganz
unter die Erde zu versenken und so schaute es halb aus der Erde
heraus und in die Mall führte eine Betonrampe hinan.
Herr B. war ein rosiger und rundweg gesund aussehender Mann,
dem niemand, der ihn das erste Mal traf, abnahm, daß er ein
Frührentner war. Und doch hatte Herrn B. in der Blüte der Jahre ein
schweres Aneurysma gepackt, eine Blutansammlung im Hirn, die ihn
ein halbes Jahr ins Krankenhaus gebracht hatte, auf Leben und Tod.
Das Aneurysma, kirschgroß wie es war, hatte einiges mit ihm
angestellt, vor allem hatte sich seine Persönlichkeit deutlich verändert,
worauf vor allem seine damalige Frau beharrte und es hatte ihm auch
immer wiederkehrende höllische Kopfschmerzen beschert.
Herr B. war Akademiker gewesen, ein gescheiter und eloquenter
Mann, der mit seiner Gattin und seinen Büchern eine Etage einer
Stadtvilla bewohnt hatte, in der anderen Etage lebte dereinst ein
Professor für Anthropologie. Herr B. selbst war damals ein Dozent für
Elektrotechnik an der Universität. Als Herr B. jedoch aus der Klinik kam,
hatte er angefangen, seine geliebten Bücher zu meiden, ja, sie eins
nach dem anderen fortzuwerfen. Des weiteren, wen wundert’s, bekam
er hypochondrische Neigungen. Er kaufte Medikamente mit denen er
die Badezimmerschränke füllte, die doch eigentlich für die Kosmetika
des geliebten Weibes vorgesehen waren. Außerdem entwickelte er, der
sein Lebtag RocknRoll, Blues und Jazz geschätzt hatte, die drei 
Geschwister der amerikanischen Musik, eine Vorliebe für Wagneropern.
All das sind Marotten, die, meine lieben Leserinnen, wohl kaum eine
Akademikergattin aus der Bahn geworfen hätten, wäre da nicht noch
das schlimmste und letzte gewesen, daß Herr B. nämlich anfing, einmal
gesagte Sachen immer wieder zu erzählen, wie eine Schallplatte oder
heute, wenn man modern sein will, auch eine CD mit einem Sprung.
Die Sachen die er erzählte, Schwänke aus seiner dörflichen
Jugend, den Inhalt der Revolverblätter, denen er den Vorzug zu seinen
Büchern gegeben hatte und über die Gespräche mit seltsamen
Gestalten aus noch seltsameren Spelunken ließen ihr keinen anderen
Schluß außer dem, daß Herr B. wohl einen guten Teil seiner Intelligenz
auf dem Operationstisch gelassen hatte (obwohl die Ärzte immer
wieder beteuerten, daß sie da etwas verwechsele) und sie nun mit
einem Proleten verheiratet war. Na ja, außer, daß er Wagner hörte.
Und das war es gewesen. Herrn B.s Eltern hielten von seinem Wandel
auch nicht viel und bedauerten ihn, umsorgten ihn aber im
Krankenhaus und auch später rührend und besuchten ihn häufig. Die
einzige Schwester, die Herr B. hatte, hatte der Familie schon früh den
Rücken gekehrt. Alte Freunde kamen und gingen und die meisten
waren schon bald verstört und blieben, unter Vorwänden, fern.
Die „Grüne Wiese“ war eine der seltsamen Spelunken, ein
viereckiger kleiner Betonbungalow und früher ein Jugendclub gewesen,
der dicht gemacht hatte, als das Geld für die Sozialarbeiter gestrichen
wurde. Der neue Besitzer hatte einen Tresen hineingebaut, neues,
keine Spur nostalgisches Mobiliar hineingestellt und jede Menge
Leuchtreklamen und Spiegel mit Werbungen für amerikanische
Spirituosen aufgehängt. Und natürlich gab es Billardtische. Die Klientel
indessen war die alte geblieben, die nicht mehr so junge Jugend aus
dem Jugendclub.

Hinzu waren dünne Trinker gekommen,
schmerbäuchige Männer mit Jeans und Lederwesten, mit Vokuhila
oder Glatze, meistens hatten diese dicke Schnurrbärte. Des weiteren
gefönte Weibchen mit Strähnchen und Leopardjäckchen. Was die
Musik anging, konnte jeder seine CDs selber mitbringen, was eine
gewöhnungsbedürftige Mischung aus Punkrock, Heavy Metal, Country,
Glam, Disco und Schlager ergab, mit Wagner jedoch war Herr B.
hoffungslos bei allen gescheitert und begann oft lange Tiraden über
Banausen und den schlimmen Krach der Neuzeit. Trotzdem kehrte er
gern hier ein. Er hielt im Klackern der Billardkugeln beachtete Vorträge
über die Weltregierung, Geheimkomplotts der NASA und Killerviren, die
bald überall seien.
Und hier geschah es eines Tages, daß er Gabi traf. Gabi war eine
Alkoholikerin und erst Anfang 30. Sie hatte einen ziemlich drahtigen
Körper irgendwie, ohne besondere Rundungen, kurzes braunes Haar
und tiefe, faltenumstandene Augenringe. Und, Wunder was, sie hatte
einst studiert, eine echte Sensation. Aber der Alkohol hatte sie aus dem
Leben gespült, zu den anderen Wracks und Tagelöhnern. Obwohl
Gabis IQ weit über dem lag, der Herrn B. übriggeblieben war, unterhielt
sie sich gern mit ihm und blieb an seinem Tisch sitzen, denn er gab ihr
Halt. Unter dem Tisch lag der Hund, der Herrn B. Halt gab.
Zu berichten ist von einem denkwürdigen Abend, als Gabi ihm
eröffnete, ihr biologischer Vater sei auch Elektroingenieur gewesen und
Herr B. noch spät nachts mit zerzausten Haaren am Telefon seine
ehemalige Gattin mit der Frage aus dem Schlaf nötigte, ob sie nicht
zufällig eine Tochter gehabt hätten. „Mein Gott, weißt du denn gar
nichts mehr?“, stöhnte diese müde durch den Hörer. „Nein, eben
nicht!“, schrie Herr B. zurück und knallte den Knochen auf die Gabel.
Damit war das wenigstens geklärt, Zufälle gab es immer und man
konnte ja nie wissen, erzählte Herr B. seiner grauen Wurst. Wenige
Wochen später zog Gabi bei ihm ein und stellte ihren Jack Daniels
zwischen seine obskuren Tinkturen, die er von seinem Heilpraktiker
aufgeschwatzt bekommen hatte und die er vom Türken aus der
Apotheke bezog.
Neben der Rente verdiente sich Herr B. einen zweiten Lebensunterhalt
als Fahrkartenkontrolleur bei den städtischen Verkehrsbetrieben. 
So kam er erstens ganz kostenlos in ganz Polis herum. Er liebte es, in den 
gelben Glas- und Stahlschläuchen, ob U- Bahn, Bus oder Straßenbahn an 
spontane Ziele zu gondeln, dort auszusteigen und die graue Wurst auszuführen. 
So sah Herr B. immer wieder witzige Dinge, führte streunende Hunde dem 
Tierheim zu und ältere Damen über den Damm.

Zweitens hatte Herr B. eine ganz neue Schäfermentalität in sich
entdeckt, die ausgelebt werden wollte. Die Bahninsassen waren seine
Schäfchen, die schwarzen unter ihnen galt es zu finden. Herr B. sah
das Gute in allen Menschen, auch den Schwarzfahrern. Es war nur so,
daß diese selbst das Gute in sich nicht mehr so recht sehen konnten
und so ein Bußgeld war ein prima Denkzettel, haha Nachdenkzettel,
der selbst einem hochnäsigen kalten Gesellschaftsschmarotzer zeigen
mußte, daß er nicht allein auf der Welt war. Und nicht allein zu sein,
was für ein schönes Gefühl war das! So etwas verteilte Herr B. gern.
Und drittens, denn ein drittens gibt es ja immer und wer weiß wie oft
noch ein viertens, beobachtete Herr B. gerne Menschen. Wie sie sich
miteinander unterhielten, ihre Kinderwagen in die Bahn hoben, junge
Mädchen mit verheultem Makeup, die von ihren Freundinnen getröstet
wurden, Rentner mit Schiebekarren, streitende Eheleute, muskulöse
Männer mit kahlem Schädel, schlaksige Jungs mit Kaugummi und
halblanger Mähne und Touristen, die sich gegenseitig die Stadt
erklärten.
Mittagessen ging Herr B. stets an irgendeinem Schnellimbiß, denn
Kochen hatte Herr B. nicht gelernt und, wie es sich herausstellte, Gabi
auch nicht, die, wenn sie überhaupt mal etwas aß und nicht tagsüber
nur ihren Rausch ausschlief, Fertiggerichte verdrückte. So aß er zum
Beispiel an jener Schnellpizzeria an der K.-Strasse, in der vier Italiener
an der Theke standen oder zumindest hoffte Herr B., daß es Italiener
waren. Diese arbeiteten wie eine schwitzende, achthändige Maschine
in einer Atmosphäre aus hektischer Ethnomusik, Kundenwünschen und
ausgestreckten Händen, die die Bestellungen abholten. Einer knetete
den Teig, warf ihn in die Luft und klatschte ihn auf die Platte, der zweite
warf den Belag drauf, der dritte bediente die Öfen und der vierte die
Kasse. Die vier hatten ein Nummernsystem, man konnte sich so einen
Zettel ziehen wie auf dem Arbeitsamt. Herr B. gab nur seine Bestellung
an der Kasse ab, zog seine Nummer und ging nach draußen, bis die
Nummer irgendwann durch den Musikteppich geschrieen wurde. Dann
stellte er sich mit dem leckeren Teil an einen der Tische und aß.
Wenn Herr B. den Hund nicht mitnehmen konnte und er etwa mit
Frau W. auf Kontrolltour war, einer unruhigen und ungewaschenen
Frau seines Alters mit weißen Brillengestell und ebenso weißer
Ledertasche, die Hunde hasste und die, im Gegensatz zu Herrn B., 
immer auf „Quote“ aus war,keinen von der Angel liess und jeden anfuhr, 
er nur noch 5 Minuten auf seinem Fahrschein hatte, daß er nächste Haltestelle 
aussteigen müsse, konnte nun Gabi auf den Hund aufpassen und ihn ausführen.
Manchmal vergaß sie das aber und der Hund machte in die Wohnung,
ein Umstand, der Herrn B. dazu veranlaßte, zu versuchen, Gabi
trockenzulegen. Wobei er aber erfuhr, was es hieß, im wahrsten Sinne
des Wortes „dümmer“ zu sein. Denn Gabi fand Verstecke, gegen die jedes 
Ostereiersuchen ein Klacks war. Im Klospülkasten etwa.
Außerdem fing sie an, wenn ihre eigenen Vorräte knapp wurden, Herrn
B. s Tinkturen auszutrinken, denn die enthielten fast alle Alkohol. Wenn
seine Tinkturen ausgingen, geriet Herr B., genau so wie ein Alkoholiker,
in einen zittrigen, hilflosen Zustand, aus Angst, die nächste Krankheit
könnte ihn auffressen, als Ebolahäppchen wollte er nicht enden. Also
wurde Waffenstillstand geschlossen. So in etwa könnte man die
Umwälzungen in Herrn B.s Leben grob skizzieren, die wie so viele
Biographien einfacher Leute bei genauerem Hinsehen umfangreicher
waren, als man für einen Menschen annehmen konnte und die zu
einem Nachmittag führten, der Herrn B.s Nerven arg belastete.
An diesem Tag hatte Herr B. den Hund früh selbst Gassi geführt,
um später keine Überraschungen zu erleben. Er hatte ihn auf der
Freifläche herumlaufen lassen und Stöckchen geworfen. Danach hatte
er aufgeräumt, abgewaschen und das Leergut weggeschafft. Am
Glascontainer hatte Herr B. dann seinen wöchentlichen Spaß, in dem
er die Flaschen schwungvoll wie Torpedos in den Metalltank schoß und
es herrlich splitterte und krachte. Danach verließ er die Blocks für seine
tägliche Tour.
Als er zurückkam, fand er zuhause neben Gabi und dem Hund auch
noch eine Trinkfreundin von Gabi vor, Becky. Becky war ein dürres
bleiches Weibchen mit schwarzgefärbten Haaren und Mordsohrringen,
gern im Trainingsanzug unterwegs und nicht besonders helle. Zu
Beckys schlechteren Eigenschaften gehörte es leider, daß sie keine
Ausländer mochte, besonders wenn sie wie welche aussahen, weil sie
gelesen hatte, daß die Arbeitsplätze wegnahmen. Sie nahmen sie
einfach mit und verkauften sie ins Ausland. Oder so ähnlich.
Sie schickten ihre Kinder zum Betteln statt in die Schule und
verkauften Drogen, hatte sie gehört. Trotzdem aß Becky gern in
ausländischen Restaurants, ein Paradox, welches sie sich übrigens mit
vielen ihrer engstirnigen Geisteskollegen teilte. Herr B. mochte Becky
nicht besonders, sie sagte im Rausch nämlich so Dinge, die man lieber
für sich behielt, etwa, daß Herr B. gar kein richtiger Mann sei, mit seiner
Größe und Statur.
Beim Eintreten bekam Herr B. ein großes Hallo und einige
Jauchzer, die ihre Herkunft in einer Flasche Jim Beam und einem
vollen Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch erklärten.
„Heeeeey komm rein Knutschibär, laß dich drücken“, quietschte Gabi.
Als Herr B. seine Tasche abgestellt hatte, ließ er das mit sich
geschehen, und auch das japsige Gespringe seines Haustieres.
„Na B., du Nußwurst! Kloppste ein Skat mit uns? Schluck aus der
Pulle? Das macht ein richtigen Mann aus dir hahaha.“ gackerte
Becky. Herr B. fing an zu husten. Zigarettenrauch machte ihm
normalerweise nicht soviel aus, aber hier stand er knüppeldick in der
Bude. Er ging ins Badezimmer, um sein Asthmaspray herauszusuchen,
das er für alle Fälle hatte. Weil er es nicht gleich fand, schmiß er einige
von Gabis Lotion- und Schaumflaschen ins Waschbecken und beim
Wühlen begannen seine Finger wieder zu zittern. „Gabi, wo ist der
Spray?“, flüsterte er. Seine Bronchien begannen zu krampfen. Jetzt
warf er pauschal alles ins Becken.
„Machst'n für'n Lärm?“ erschien Gabi an der Tür. „Der Spray!“ flüsterte
Herr B. wieder.
„Hier doch, Bär. Sorry.“ fingerte Gabi mit einem Griff den weißen
Behälter zu Tage.
„Danke.“ Ffffft, zog Herr B. am Spray.
„Willsten Kaffee? Komm zieh doch endlich die Jacke aus.“
"Ja bitte, Gabi. Ja. Mach das Fenster auf“
Dann setzte Herr B. sich zu den Spiritusmiezen, trank seinen Kaffee
und klopfte einen Skat mit ihnen auf dem Glastisch.
„Hab ich euch schon die Story erzählt, wie ich beim Militär mal zwanzig
Eier auf einmal verdrückt habe? Das war eine Wette…“
„Die kennen wir schon…“
„Na egal, Humor muß sein, oder. Den laß ich mir von euch nicht
austreiben!“
„Muß das sein mit dem Rauchen, Becky, wie ein Stadtsoldat rauchste,
wie ein Stadtsoldat. Sogar die Ärzte damals in der Klinik haben
geraucht, in ihren Schlachterkitteln standen sie draußen vor der
Chirurgie und haben geraucht, wie die Stadtsoldaten. Keiner hat ein
Einsehen.“, knurrte Herr B. beim Austeilen.
„Ach hör doch auf.“
„Du kennst mich doch, Becky“ sagte Herr B. und klopfte auf seinen
Kopf. „Fünf Bohrungen und eine Metallplatte! Toi, toi. Humor muß sein.“
Die Plastekuckucksuhr hatte gerade drei Uhr gekuckuckt, als es an
der Tür schellte und es Herrn B. siedendheiß wieder einfiel, daß sich
seine Exfrau für einen Besuch angekündigt hatte. Wankend wie ein
Steuermann im Sturm stand er auf, obschon der einzige Nüchterne der
Runde.
„Mist, Leute, ich hab vergessen, meine Ex kommt heut zu Besuch!“
Gabi wurde blaß.
„Was will die denn hier?“ Becky lachte.
„Benehmt euch, wird schon nicht lange dauern.“ stammelte Herr B.,
während er in den Korridor schlüpfte, den Türknauf ergriff und
öffnete. Der Hund kam zur Tür gerannt und knurrte. „Still“, mahnte B.
und zog ihm am Halsband.
„Hallo B.“, sagte seine Frau und in ihrer sanften Stimme schwang
ein leises Bedauern mit, welches sich über die letzten Jahre
eingeschlichen hatte und als Dauermieter geblieben war.
„Gut siehst du aus. Du hast immer schon so gut ausgesehen.“ Seufzte
sie weiter.
„Ja meine Liebe. Du kennst mich doch. Fünf Bohrungen und eine
Metallplatte." Die Frau verzog schmerzlich das Gesicht.
"Wer ist denn dein Freund da?“, nahm er die Hand vom Kopf.
„Ja“, seufzte sie wieder und „das ist doch Paul A., dein langjähriger
Arbeitskollege aus Übersee. Wir wollten dir eine Freude machen.“
„Ha, Paul, Alter, du meine Güte, kaum wiedererkannt“, sagte Herr B.
verwirrt und schüttelte dem schwarzen Hünen die Hand. Etwas
urtümlich Vertrautes lag in dieser Geste, in dieser großen Hand und
dem nach oben schauen. Das war das alte Leben gewesen.
Kompliziert war es gewesen.
"Ich hab von deinem Unglück gehört", sagte Paul und B. nickte.
„Kommt doch rein in die Stube, wollt ihr einen Kaffee? Ich koch
euch neuen.“
„Sag bloß nicht, du hast vergessen, daß ich komme.“ „Ja Schatz…“
horchte Herr B. in sich hinein. Es tat ihm aufrichtig leid und der Ton
seine Stimme ließ seine Exfrau lächeln.
„Willst du mir nicht deine Freunde vorstellen?“
„Jaaah, hallo, daß ist Gabi, sie wohnt jetzt bei mir…“ Herr B. ließ eine
bedeutungsvolle Pause. Die beiden schüttelten sich die Hände, gerade
so an den Fingerspitzen und sahen sich nicht in die Augen.
„Und das ist Becky, eine Freundin von Gabi.“
„Hallöle!“ Becky stand nicht mal vom Sofa auf. Satt dessen fixierte sie
Herrn B.s ehemaligen Arbeitskollegen mit schmalen Augenschlitzen.
„Becky, Gabi, das sind meine Exfrau und mein alter Kumpel Paul.“
„Du hast einen Negerfreund, B.? Oh Mannomann.“
Pauls Miene, die schon von ergrauten kurzen Locken gekrönt war,
verhärtete sich deutlich.
„Verschwinde mal Becky! Raus!“, versuchte B., die Situation zu retten.
Der Hund bellte.
„Ich soll verschwinden, du Hanswurst? Er soll verschwinden! Die Neger
nehmen uns die Arbeitsplätze weg und so!“ blubberte Becky. B.s
Exfrau stand einfach geschockt im Wohnzimmer und sagte gar nichts.
Gabi ging schnell in die Küche. Bei so was ging sie immer weg, sie
hatte gute Instinkte in der Hinsicht.
„Mach dich raus Becky.“ Herr B. sagte B. mit weitausholender
theatralischer Geste und einer Stimme, die er sonst nur bei der
Lockenwurst oder Schwarzfahrern gebrauchte.
„Dich hab ich gefressen, B. ! Tschüss!“, fauchte Becky.
„Und deeeeheer da!“, sie deutete auf Paul, wobei sich ihr Zeigefinger
vor Hass durchbog, „schläft doch mit deiner Ex, siehst du das nicht?!“
„Deine Jacke, Becky!“ Herr B. gab ihr die Jacke, schob sie durch die
Tür und schloß diese.
Becky warf von außen ihre Faust gegen die Tür. „Ihr
Ausländerschweine!“ Dann stolperte sie die Treppen hinunter.
„Entschuldigt, Paul, Schatz, ich weiß nicht was ich sagen soll, das
hatte ich nicht erwartet.“
„Du hattest uns nicht erwartet, B. Was für einen Umgang du nur hast“.
Die Stimme seiner Exfrau war auf Grabesniveau angekommen.
„Darauf erst mal einen Schnaps, was, Paul?“
„Die kommt mir nicht mehr über die Schwelle!“, beteuerte er, als er das
tief verstörte Gesicht von Paul sah. „Wir sind doch Akademiker, B.“ war
alles, was Paul mit rauher, tiefer Baßstimme sagte, bevor er das
angebotene Whiskeyglas nahm, aber seinem Gesicht war es
anzusehen, daß seine Zuneigung zu Herrn B. gerade einen Riß
bekommen hatte. Die drei setzten sich steif und umständlich auf die
Couch. Gabi traute sich aus der Küche und brachte den Kaffee mit. Sie
schwankte dabei ein wenig, blickte nach unten und sagte kein
Wort. Dann ließ sie sich in den Sessel fallen.
„Deine Wohnung sieht anders aus“, stellte B.s Exfrau nach
mehreren Minuten peinlicher Stille fest.
„Ja, Gabi hat ein bißchen gewirkt.“, sagte Herr B. nicht ohne Stolz.
„Endlich stehen wieder mal ein paar Bücher in deinem Regal.“ Herr B.
runzelte die Stirn und schaute.
„Tatsächlich! Nicht von mir. Das war so eine Zeitverschwendung, du
kennst ja meine Meinung.“
„Warum nur. Du hast früher so gern gelesen.“
„Und, was hat es mir genützt? Du siehst doch, was aus mir geworden
ist.“, sagte Herr B. und hielt mitten in der Bewegung inne, mit der er
sich immer auf den Kopf klopfte.
„Mein ganzer Kopf ist explodiert mit den Büchern, die ich da rein
gestopft habe. Und diese komische Wissenschaft, die da drin stand.
Was hatte die wirklich mit den Menschen zu tun? Ich bin jetzt lieber den
Menschen näher. Ich brauch keine Bücher mehr.“
„Ich habe dir ein paar alte Fotos mitgebracht, B.“, sagte seine Exfrau
und gab ihm einen dicken Briefumschlag aus ihrer Handtasche. B.
nahm ihn und fischte ein Foto heraus. Die andern nahmen ihre Tassen.
Auf dem Foto zu sehen war er, an seinem Schreibtisch in der Villa,
vor einer Bücherwand. Auch er schaute von einem Buch auf fragend in
die Kamera hinein. Herr B. saß lange vor diesem Bild, still und
andächtig, bis Gabi sich schließlich regte.
„Fotos? Mann, zeig doch mal!“
Manche Dinge und Frauen ändern sich nie, dachte Herr B. und stand
auf, um eine Schallplatte aufzulegen, mit Aufnahmen aus "Tristan und
Isolde".
Und dann, wieder nach einer Weile, als sie fast schon eine richtige
Kaffeegesellschaft waren, sagte seine Exfrau in die Musik hinein:
„Paul wollte noch was Fachliches mit dir besprechen.“
„Also, ja, ich weiß nicht, in Anbetracht der Sache“, zögerte Paul,
während B. ihn fragend ansah. Seine Augen leuchten noch immer so
wie früher, dachte Paul.
„Na gut, also.“ Paul nahm Zettel und Stift heraus, und füllte den Zettel
mit Symbolen, Strichen und Zahlen. „Wir haben da eine neue
Schaltung…“
Dann folgten viele Fachtermini, die Herrn B.
umschwärmten wie Mücken bei der Paarung. Mit offenem Mund saß er
da und fuhr die Linien andächtig mit den Fingern nach. Verzweifelt
versuchte er, sich zu konzentrieren. Da war etwas, aber er konnte es
nicht fassen. Das war es gewesen, das alte Leben. Symbole und
Zahlen. Kompliziert war es gewesen.
„Stop, Stop, Paul", wollte er gerade sagen, als sich Gabi unvermittelt zu
ihnen beugte und über die Zeichnung schaute.
„Gib mir mal den Stift. Also das hier kommt mir komisch vor“, sagte sie
und deutete auf eine Zahl. „das müßte so sein…“ Dann drehte sie den
Zettel um und füllte die Rückseite mit ihrer Version.
Herr B. sah sie entsetzt an, seine Exfrau amüsiert und Paul
argwöhnisch und mit fortlaufender Entwicklung freundlicher. Schließlich
war er sogar begeistert.
„Wo haben sie denn studiert?“, begann er achtungsvoll eine
Konversation mit Gabi. Der Hund schlief unter dem Tisch.
„Ich glaub, die zwei brauchen uns nicht B. Komm laß uns auf den
Balkon gehen.“, sagte die Exfrau. Sie löste den fassungslosen B. aus
der Couch und zog ihn auf den Balkon.
„Also deine neue Freundin scheint ja doch eine nette zu sein.“
„Also das hätte ich auch nicht erwartet. Ich hab ihr nie zugehört, wenn
sie von ihrem Studium geredet hat. Ich weiß eigentlich gar nicht, was
sie ….“
„Ach B."
"Du kennst mich doch, fünf...."
"Deine Sprüche haben mir nicht gefehlt. Ich bin fast verrückt geworden
durch diese Endlosschleifen. Sei mal kurz ruhig." Und dann schwiegen
sie eine Weile zusammen. Sonne und Wolken mischten sich ineinander
und lösten sich wieder.
„Sag mal stimmt das eigentlich?“, fragte B. in die Stille hinein.
„Was?“
„Daß du mit ihm schläfst?“
„Was?“ Ihr Gesicht fror kurz ein, dann lachte sie.
„Und wenn so wäre, es ginge dich nichts mehr an.“
„Nein.“, sagte Herr B. langsam.
Als sie wieder in die Stube kamen, diskutierten Paul und Gabi noch
angeregt miteinander. Sie hoben die Köpfe. „Ich habe von ihrem
Problem gehört, B". sagte Paul.
"Wenn sie entzieht und trocken bleibt, könnte ich ihr trotzdem eine
Stelle verschaffen.“
„Du mußt ja Eindruck gemacht haben“, sagte B.
„Das hat sie“, sagte Paul.
„Laß uns gehen“, die Exfrau beugte sich zum sitzenden Paul herunter,
wobei sie sich eigentlich nicht viel bücken mußte. Etwas in dieser
Bewegung ließ Herr B. stutzen und...lächeln. Dann ging sie in den
Korridor und kam mit einem Mantel wieder.
„Kann ich mal schnell aufs Klo?“. Paul zog sich an.
„Also dann mal wieder. Wenn’s paßt.“, sagte er mit seinem Baß.
„Aber das hier ist echt nichts für dich und mich.“ und deutete um sich,
Wohnung und Stadtviertel auf einmal verdammend.
„Mir gefällt's hier, ob du's glaubst oder nicht.“, sagte Herr B. Paul zuckte
mit den Schulten.
„Bist du fertig?“ fragte die Exfrau, aus der Toilette zurück, Paul.
„Fertig sind wir schon lange, nur die Haare und Nägel wachsen noch
kontinuierlich!“ schoß Herr B. dazwischen. "Humor muß sein, oder, den
laß ich mir von dir nicht austreiben.“
„Na, denn tschüß!“ An der Schwelle standen fünf Kreaturen und eine
davon wedelte mit dem Schwanz. Als der Besuch fort war, fing Gabi an,
zu heulen.
Eine Woche später fand sich Herr B. seltsamerweise in einer
Buchhandlung wieder. Er wußte nicht mehr so genau, wieso er den
Laden betreten hatte. In seiner Hand hielt er ein Foto. Darauf, war er,
wie er an seinem Schreibtisch saß, dem alten Schreibtisch in der Villa.
Hinter ihm eine Wand aus Büchern. Und auch er schaute aus einem
Buch heraus auf, fragend in die Kamera.

Das Loch (Satire)

Es war einmal ein Loch, in das fielen die Wörter hinein. Von dorthin
flossen sie alle an einen unbekannten Ort. Der gebeutelte arme
Schriftsteller Lotro hatte dieses Loch direkt in seinem Kopf und nichts,
rein gar nichts fiel ihm mehr ein. Verzweifelt versuchte er, Stöpselworte
in das Loch zu stopfen, solche Worte wie Schwammwunderginster oder
Langzeitzentralerfassungsraumklang aber ach, auch die Stöpsel fielen
in das viel zu grosse Loch. Wohin führte es? Lotro wurde neugierig. Er
dachte sich selbst in ein -bootartiges- Adjektiv und schon ging es
abwärts im Strudel. Abenteuerlich trieb er im dunklen Malstrom
genialischer Einfälle und Konstruktionen und er warf ein Fischernetz
aus, um wenigstens einige von ihnen zu retten. Mit der Beute im
Ausmass einer kleinen Novelle sank er erschöpft zu Boden. Doch noch
war das Ende seiner Reise nicht erreicht. Wo würde der Strom zu Tage
treten? Ja, es war ein helles Glimmen, das ihn wieder zu Sinnen
kommen liess und Lotro machte sich bereit. Aufrecht strebte er am
Mast empor, das Gesicht ehern, die Schultern gespannt. Plopp! Plopp,
plopp... Lotro hatte mit Schwierigkeiten gerechnet. Weit ausholend
schleuderte er den Anker und sah bass erstaunt das schier
Unglaubliche. Ein gigantisches Häckselwerk teilte den Strom in tausend
kleine Teile und dieser floss nun in Federn, Stempel und Walzen. Und
dort hindurch sah Lotro, wer ihm die Worte aus dem Kopf saugte. Alle
die Leute, die beim Schreiben gar nicht dachten. Da es keine
ungedachten Worte gab, war da dieses gewaltige Vakuum, das den
Denkern wie ihm zu schaffen machte. Euch werd ichs lehren, schüttelte
Lotro die Faust! Und so fischte er erneut an gefährlichen Schlünden
und schrieb einen hermetisch-enigmatischen Roman. Dieser bestand
aus einem einzigen Wort, welches über viele Seiten hinweg
aufsehenerregend und hitparadenverdächtig vorsichhinondulierte, ja
mäanderte, sinnheischend und doch frei von Sinn war. Die Kritiker, ja die
Presse und alle Nichtdenker schrien vor Schmerz, den die versuchte
Verdauung ihnen bereitete. Dennoch wurde es ein Erfolg und nicht
wenige Denker nahmen sich nun ein Beispiel. Der Häcksler zerbrach,
das Loch verstopfte und fortan konnte Lotro wieder in Frieden

Geschehnisse im Zahlenraum (Satire)

Familie Menge hat eine neue kleine Schnittmenge. Aus diesem
Grund kommt ein befreundetes Zahlenpaar zu Besuch, um ebendiese
zu bewundern, denn die beiden sind gesellig.
"Ach wie niedlich! Sie ist euch wie aus dem Gesicht geschnitten!"
Zahlpaar und Mengepaar unterhalten sich anschließend noch
entrüstet über die Ehe von einem anderen Zahlpaar, das einfach auf
keinen gemeinsamen Nenner mehr kommen könne, denn im Bett liefe
es längst nicht mehr so gut, der Mann habe nur noch die dritte
Potenz. Und die Frau sei einmal mit einem seltsamen Attraktor
gesehen worden, worauf ihre eh schon verästelte Logik diffus wurde.
So ginge sie nun öfters als nötig zum Bäcker Gleichung und bestelle
sich Mandelbrote. Worauf der misstrauische Mann fände, einige der
Kinder seien so merkwürdig, das wäre nicht natürlich, die seien von
besagtem Bäcker, besonders der kleine Euler, der immer so irrationale
Sachen mache. Sie, die armen Kinder, könnten nun zum kleinsten
gemeinsamen Teiler werden. Aber da hätte vorher noch der Divisor
drüber zu entscheiden. Da solle man sich nun mal was draus ableiten.
Worauf die plaudernden Paare hinaus aus dem euklimatisierten Raum
in den sommerlichen Garten gehen und da sagt Frau Zahl:
"Ihr habt da aber eine schöne Reihe gerader Funktionen da stehen."
"Ach die sind doch nur Beta.", sagt Frau Menge und ihre elliptischen
Kurven schwellen vor Stolz, "Guck mal da ins Gewächshaus, da sind
unsere Polynome, die sind schon fast Legendre in der Nachbarschaft."
"Und was macht eigentlich die Grossmutter?"
"Ach, die, die hat immer noch ihre Hyperbolie, schlimm ist das."

Bis(s) zum Liebhaben (Satire)

 
Frau von Welfensteyn stand hinter den schweren
roten Samtvorhängen und seufzte: "Waf für ein wunderföner fahler Mond
heute, mein Liebling! Laff unf doch ein wenig herumflattern!" Sie blickte
über die Veranda auf den Park mit seinen schwarz gegen den Himmel
ausgeschnittenen Krüppelbäumchen und ihr violettes Haar mit den
weißen Strähnchen kam im flackernden Kerzenlicht ausgezeichnet zur
Geltung. Herr von Welfensteyn säuselte vom Sekretär: "Du,
Honigmäulchen, ich habe wieder über unferen Ruf in der Welt
nachgedacht... Wie die Menffen unf haffen."
Frau von Welfensteyn ging zu ihrem nachdenklichen Gatten und
legte ihm ihre schmale Hand auf deine knochigen Schultern. "Daf ift
doch nun nichtf Neuef, Darling. Früher waren es Miftgabeln und heute
ift ef fflechte Propaganda. Wie bifft du nur fo empfindlich geworden?"
"Propaganda, Mäufelchen? Ja, richtig, Wörter. Du bift genial!"
"Aber wiefo denn?" Ihre beringten Finger hielten inne beim Kämmen
durch seine aschblonde Mähne und die Haut über ihren hohen
Wangenknochen spannte sich. Welchen Floh mochte sie jetzt wieder in
seinen verstaubten Hirnkasten gesetzt haben? Sie konnte den Floh
förmlich schon springen hören. Tock. Tack.
"Waf meinft du, könnten wir nicht einen diefer mediokren
Ffreiberlinge dafür bepfahlen, ein paar Beftfeller über unfere Gattung
pfu Papier pfu bringen? Ich ftelle mir da etwaf ffön Romantiffes vor, ef
muff viel umf Küffen gehen." Er gestikulierte. "Umf Herpf! Um daf
Ffickfahl! Umf Liebhaben! Um Feelenferwandffaft!"
Frau von Welfensteyn war erleichtert und gerührt: "Pfauberhaft,
mein Mäufelpfähnchen! Fo etwaf ffönef habe ich ja ffon feit
Jahrpfehnten nicht mehr von dir gehört! Felftverftändlich kenne ich da
eine geeignete Perfon. Fo ein rührfeligef unerfülltef Frauenpfimmer."
"Dann laff unf gleich vorftellig werden." Herr von Welfensteyn
sprang auf und verpuffte augenblicklich in eine kleine Fledermaus.
"Halt, halt. Paff doch auf. Daf Glaf" hielt seine Gattin ihn zurück und
öffnete die Fenstertür. Von draußen schloss sie diese, entließ das
kleine zappelnde Tier in die Nachtluft und folgte ihm, nur einen
Flügelschlag später.

Sonntag, 16. November 2025

Radioaktive Träume (Jambus)

Im Bunker, wo die Nacht regiert
da leben Ratten ungeniert
und tanzen, singen froh dabei

wohl unter Trümmern, frank und frei.

Mit hohen Stimmen, seidig weich,
die ihren grauen Pelzchen gleich.

Mit Freude und mit Seeligkeit

und seltsam warm nach Krieg und Leid.

Ihr Gospel hallt den düstren Gang
harmonisch und entrückt entlang.
Da finden sie im Glauben halt,

auch wenn die Welt noch Jahre strahlt.

 

So, klingt ein Lied in stiller Nacht
und wenn voll Hoffnung du erwachst,
denk daran dass in Dunkelheit
auch Liebe und Gefühl gedeiht.  

Samstag, 8. November 2025

Das Mädchen ohne Hände Teil 5

Durch ein Loch im Felsgestein,
schlüpfte sie in eine Halle.
Bleich und dünn bei rotem Wein
warteten die Geister alle,
neben einer vollen Tafel
und im Schein der Kandelaber,
sehr vertieft in ihr Geschwafel,
an die hundertzwölf Kadaver.

“Iss mit uns und stärke dich!”
luden sie die Dame ein,
führten sie dann an den Tisch,
gaben ihr und schenkten ein,
süsse Früchte, Hasenbraten,
kühles Bier und heißen Tee.

“Liebe Frau, lass mich dir raten,
alles was ich vor mir seh,
ist für Lebewesen giftig.”
flüsterte ihr Mantel leise
und sie nahm, der Grund war triftig,
einen Biss von jeder Speise,
einen Schluck von jedem Trank,
doch in Wahrheit spuckte sie
all das unter ihre Bank.

Und erschrocken zuckte sie
als ein Geist sie höflich fragte:
„Wißt ihr wie es vor sich ging,
dass mein Sohn, der stets Verzagte,
plötzlich für Euch Feuer fing
und wie er danach entschieden,
eurer sicher überdrüssig,
sich mit Ihnen zu begnügen?
Das ergibt sich mir nicht schlüssig.“

„Frauchen wir sind selber schuld,
da wir unser Kind beschädigt.“
sprach ein zweiter mit Geduld.
"Und das Schicksal war uns gnädig,
dass das nette Frauenbild
sich mit unserm Sohn vermählte
und dass er auch zu ihr hielt
trotz des Herzstücks, das ihm fehlte.“

„Dass wir beide fehlerhaft
und so voller Zweifel waren
hat den Unterschied gemacht.“
sprach die Frau, um fortzufahren
„Freundschaft, Achtung und Geduld
sind die Bänder unsrer Liebe.
Sagt, wer hatte denn die Schuld,
wer schnitt denn so jung die Triebe
seines Herzens auseinander?“

„Ach, das war ein schweres Los!
Doch, mein Kind, das ist ein langer
Faden, den ich spinnen muss.
Reicht mir eure Hand zum Tanz,
lasst uns ein paar Runden drehen,
dann erzähle ich euch ganz,
was vor Jahren ist geschehen.“

Aus den Knocheninstrumenten
drangen grässliche Geräusche
zu dem Geisterdirigenten
und es hielten sich die Bäuche,
oder was davon geblieben,
alle, die den Jammer hörten
und die Stimmung war gestiegen
weil es quietschte, quäkte, röhrte.
Seit dem Jahr drölfhundertacht
oder wars drölfhundertneun
hat man nicht mehr so gelacht,
ach, wie war der Unfug fein.

Alles war alsbald gestimmt,
ausgebürstet und gereinigt
und das Tanzbein schwang beschwingt,
auch die Dame war beteiligt,
manche Königin samt Gatten.
„Meine Werte, Sie gestatten,
dass ich ihnen jetzt erzähle,
was seit einer Weile schon
brennt und liegt auf meiner Seele.“

Weiter ging’s im ernsten Ton:
„Es traf einst zwei Feenkindlein
ein bedauernswerter Fluch,
als ein Händler war mit Kästlein
im Palaste zu Besuch.
Brachte Seifen und Gewürze,
Weihrauch und auch Haushaltswaren,
Lampen, Öle, ja in Kürze,
Dinge die die Sinne laben.

In der Nacht, die darauf folgte,
fand der Junge, also ich,
wie er auf dem Boden tollte,
eine Lampe unterm Tisch.
Er trug sie zu seiner Freundin,
die ihm auch als Braut versprochen,
und sie applaudierte freudig,
und kam aus dem Bett gekrochen.

Als wir mit der Lampe spielten,
fuhr ein Wind durch unser Haar.
worauf wir uns reizbar fühlten,
zornig und auch sonderbar.
„Gib es mir! Nein es ist meine!“
balgten wir uns um das Ding.
Und wir sagten dann gemeine
Worte als es weiter ging:
„Du bist hässlich!“ „Du bist dumm!“

Kaum, das wir es laut gesagt,
schrie ein Stimmlein barsch herum
„Kinder, die es dreist gewagt,
mich nach fünfzehnhundert Jahren,
aufzuwecken aus dem Schlaf,
will ich trefflich aufbewahren!“,
was uns unerwartet traf.
Nach dem ersten Schreck kam Lachen,
und wir legten uns ins Bett.
Am nächsten Tag war das Erwachen
aber nicht mehr ganz so nett.

„Wo sind wir?“, fragte ich mein Blümchen.
„Wo sind wir?“ fragte sie auch mich.
Doch so sehr wir uns bemühten,
wussten wir es beide nicht.
In den Gängen, schmal und leer,
viele waren`s an der Zahl,
hingen Spiegel ringsumher
und das Licht war blau und fahl.
Und dann sah man in den Spiegeln,
flackernd, klein und sonderbar,
ein Gesicht mit Brillenbügeln,
welches das des Händlers war.

„Hab ich euch, ihr schlimmen Diebe,
die mir meine Lampe stahlen.
Diese ungezähmten Triebe
dürft ihr teuerlich bezahlen!“
„Davon stimmt doch überhaupt nichts,“
wagte ich den Widerspruch
angesichts des Strafgerichtes.

„Hier in meinem Kassenbuch,
da steht nichts, dass ihr erworben
Lampen oder anderlei,
ihr seid feige und verdorben!
Dennoch lasse ich euch frei,
wenn ihr euer erstes Kindlein
meiner Obhut überreichet
und so eurer dunkles Sündlein
ehrlich und gerecht begleichet."

Und so mussten wir das Spiel
über uns ergehen lassen,
nur um beide, ängstlich still,
folgenden Entschluss zu fassen:
Niemals gäben wir ein Kind
einem Teufel so wie diesem.
Doch wir sagten: "Ganz bestimmt!",
denn wir waren angewiesen
auf des Hexers falsche Gnade.

Und wir fielen in die Betten
als die Sonne stieg gerade.
Trotzdem wollten wir ihn retten,
unsern Sohn, den sie gebar.
Jahre später, unter Mühen,
als er noch ein Säugling war,
wirkten wir den Zauber, der,
sollte ihm ein Unglück blühen,
brächte seine Wiederkehr.

Deshalb ward das Herz geteilet,
dass, nach altem Ritual,
ein Teil in der Gruft verweilet,
für den allerschlimmsten Fall.
Himmel- oder höllenwärts
mag man es für sich stibitzen:
niemand kann ein halbes Herz
jemals ganz für sich besitzen."

Die Musik erstarb im Nu,
und die Geister zischten laut.
Und dann sah man ihre Wut,
kalt und lange aufgestaut.
"Eindringling!", so riefen sie
und die leeren Augenhöhlen
glühten rot, dann eilten sie,
um den Bösewicht zu stellen,
aus dem Saal die Treppen hoch.

Nur die Dame und ihr Mäntlein
blieben in der Halle noch.
Nach dem Lärm, da trat ein Quäntlein
Stille und Verwirrung ein
und dann hörte man ein Krabbeln
wie von Füßchen auf Gestein.
Da begann die Frau zu brabbeln:
"Könnten das die Händchen sein?"

Und da kamen sie tatsächlich,
trugen einen kleinen Sack,
"Ihr seid unverbesserlich, oh,
was habt ihr da mitgebracht?"
Eins der Händchen kam heran,
gab ihr einen kleinen Brief,
diesen las die Dame dann,
und dann lachte sie sich schief.

Tränen rannen ihr vor Glück
über die bewegte Brust
„Endlich hab ich euch zurück!
Hätte ich das nur gewusst,
dass der Engel euch gewonnen
und das ihr auf seinen Willen;
auch das Herzstück mitgenommen!“

Ergriffen von den vielen
Emotionen saß sie zitternd da
und sie hielt die Arme dahin
wo eins ihrer Händchen war.
Das Silber fiel und beide Hände
fügten sich nun nahtlos ein,
und so konnte sie am Ende
wieder ganz lebendig sein.

Samstag, 6. September 2025

Das Mädchen ohne Hände Teil 2 (Grimm/Schleich)

Es war ein schöner, kühler Tag,
der Himmel klar und heiter.
Den Pinsel schwang mit rotem Lack
der Herbst auf seiner Leiter.
Gänse zogen mit den Wolken
langsam durch das satte Blau
und dem jungen Mädchen folgten
kleine Spuren durch den Tau.

“Es liefen zwei kleine Hände,
die ihrer Herrin so hold,
sie liefen durch manches Ländle
und brachten ihr Segen und Gold.”
Sie sprang und sang von ihrem Glück
und konnt es kaum erwarten
und wanderte ein gutes Stück
zu einem großen Garten.

Dort hingen nachts im Mondenschein
des Herbstes reiche Gaben.
Den Garten schlossen Gitter ein
und ringsum lag ein Graben.
Saftig süße Früchte zogen
Wandrer an mit ihrem Duft.

Und über schweren Ästen flogen
kleine Feen in der Luft.
Das Mädchen spürte großen Hunger,
dachte 'wär ich nur darin!'
Sie betete zu Gott im Kummer
und sank zu ihren Füßen hin.

Da schritt ein Schimmer durch das Dunkel,
ein Raunen ging durchs kleine Volk.
Ein Engel schwebte im Gefunkel
der Sterne und mit ernstem Stolz
zog er nun an Tor und Schleuse,
das Wasser gab den Eingang frei.

Es rief die Maid vor lauter Freude
und erhob sich nebenbei:
„Du Engel bist schön, schön und hell
leuchtend am andern Gestade.
von meinen Träumen bist du wohl
der mit Flügeln gerade.“

Nun ging sie in den Obsthain
und der Engel ging mit ihr.
Sie lief hin zu den Birnlein,
die waren nummeriert.
Jede Birne ward gezählet
auf die täglich gleiche Weise.
Denn sie waren auf der Welt
des Königs liebste Speise.

Sie trat hinzu und aß die Birne,
die vor ihrem Munde hing
und hinter ihr verzog die Stirne
der Gärtner, dem das nahe ging.
Er hatte Angst und dachte schon 
die Kleine sei ein echter Geist,
der in himmlischer Mission
in Gegenwart von Engeln reist.
Er schlug sich seitwärts ins Gebüsch
und das Mädchen ebenfalls.
Beide beteten für sich
zum Geber dieses Abendmahls.

Es kam der König anderntags,
um nach dem Obst zu schauen,
denn er konnte, wie gesagt,
nicht so recht vertrauen.
Er zählte und er sah sodann,
daß eine Birne fehlte
und fragte "Heda Gärtnersmann,
wo ist der Birnen zwölfte?"
Der Gärtner sprach: "Die letzte Nacht
kam ein Geist herein
der hatte keine Hände, ach,
und mit dem Mund allein,
aß er eine Birne ab!"
"Wie kam er über den Kanal?"

„Es kam ein Engel noch herab
und der schloss dann auf jeden Fall
die Schleuse und der Geist war drin.
Und des graus‘gen Engels wegen
kam ich auch nicht mehr dahin,
zu fragen oder einzugreifen.“

Der König sprach: „Oh, welche Pfeifen
habe ich nur eingestellt!
Komm, ich will mich auch verstecken,
du furchtsamer Pantoffelheld!
Wir warten hinter diesen Hecken,
wies als Jäger sich empfiehlt,
um den frechen Geist zu fangen,
der mir meine Birnen stiehlt." 

Um Mitternacht dann kam die Maid
hungrig hin zum Baum geschlichen,
streckte sich und hat vom Zweig
eine Birne abgebissen.
Der König flog, nach Feenart,
dem Mädchen mutig vors Gesicht
und er sprach: "Bei meinem Bart,
hab ich dich, du Bösewicht!
Bist du ein Mensch oder ein Geist?
Komm, spuck's aus und sei nicht scheu,
Es gibt Ärger, wenn du kneifst,
Ich schwöre es, bei meiner Treu!"

Sie gab zurück: "Ich bin kein Geist,
sondern nur ein armer Mensch.
Ich bin hungrig, dass du's weißt
und kein dummes Nachtgespenst.
Alle haben mich verlassen,
nur der liebe Gott noch nicht.

Wird die Strafe mir erlassen,
oder muß ich vor Gericht?"
„Bist du auf der Welt allein
und arm wie eine Kirchenmaus,
sollst du’s fürder nicht mehr sein.
Ich nehm dich mit zu mir nach Haus!“

„Ich bin groß und du bist klein,
ehrenwerter Feenfürst.
Wie pass ich in dein Häuslein rein?“
„Wie du gleich erleben wirst,
haben wir die schöne Gabe
der metamorphen Zauberei.

Wenn ich dich verkleinert habe,
stehn dir hundert Zimmer frei.“
Er mochte sie, das konnt` sie spüren,
der König gab ihr Silberhände,
um sie in sein Heim zu führen.
Alles nahm ein gutes Ende. 

Ein Jahr oder Jahre später
oder eine Spatzenfeder … später:

Am Tag der Hochzeit wimmelten
kleine Wichte durch die Nesseln
und süße Dämpfe kringelten
aus Töpfen und aus Kupferkesseln.
Aus Blumen und aus Spinnwebspitzen
ward das Tischtuch vorbereitet,
und auf breiten, flachen Pilzen
mit viel Sorgfalt ausgebreitet.
Kleine Musikanten schlugen
auf die blauen Blütenglocken
und auch freche Tröten trugen
bei zu Jauchzen und Frohlocken.

Viele tausend Glühwurmlichter
brachten feierlichen Schein
viele hundert Wichtgesichter
trafen sich zum Stelldichein.
Die Herrscher der vier Feenstämme
Erde, Himmel, Wasser, Feuer,
fuhren vor zum Festgeschlemme
in Karossen schmuck und teuer.

Des Erdenkönigs Kutsche ward
gezogen von sechs braunen Wieseln.
Dem Kutscher hing der grüne Bart
hinunter bis zu seinen Stiefeln.
Der Meereskönig glitt heran
in einem gelben Bernsteinwagen,
samt roten Krabben als Gespann
und mit blaubefrackten Pagen.

Aus dünnen Spalten in der Erde
züngelten nun Irrlichtflammen.
Schwarze Salamanderpferde,
mit orange gefleckten Wangen
zogen die Rubinkalesche
des Feuerkönigs in die Runde
und dabei war seine fesche
Lockenpracht in aller Munde.

Die Kometengondel trug
ein mächtger Falke in den Klauen.
und heraus sah stolz und klug
der Liebling aller Wichtelfrauen.
Der Luftikus, Herr König Sturm,
die Vier des Elementenreigens
flog in Silberuniform
zum Mittelpunkt des Hochzeitstreibens.

Der Erdenkönig sprach “Mit Küssen,
grüß ich euch in meinem Garten!
Doch geduldet euch, wir müssen
kurz auf meine Gattin warten.“
Das Mädchen kam im weißen Kleid,
mit spiegelblanken Silberhänden.
Von den Gästen konnt vor Neid
keiner seinen Blick abwenden.

„Komm mit mir!“, so rief der eine,
und du wirst ein Kind der See.”
Der zweite sagte: „Sei die meine!“
Auf den Wolken, weiß wie Schnee.“
„Nein, sei meine Feuersbraut,
Du hast rechtes Temprament!”
sprach der dritte und er staunte
“Himmelherrgottsakrament!”

Der Erdenkönig hob darüber
mürrisch seine Augenbrauen,
sprach: "Auf eure Treue, Brüder,
kann ich wahre Schlösser bauen!"
An diesem Punkt, der sehr pikant
oder doch zumindest heikel
kam der Gärtner angerannt,
wie ein angesengter Teufel,
warf sich hin und stiess hervor
„Diese sonderbaren Spinnen
fand ich drinnen, nah am Tor!“

Und dann, ohne langes Sinnen
sprangen aus dem Korb, dem seinen
zwei flinke Hände und spazierten,
untermalt von spitzen Schreien,
die die Ohren strapazierten,
zum Mädchen, das vor Freude jauchzte:
"Kommt zu mir, oh meine Schätzchen!"
und dann etwas leiser hauchte:
"Hopp, an eure rechten Plätzchen!"

Von fern her klang nun, weinend, klagend,
eine Flötenmelodie,
Drang und Sehnsucht mit sich tragend
nach Verzeih'n und Harmonie.
Die Händchen hielten zögernd inne
und begannen sich dann wiegend,
wie das Gras im Abendwinde,
an die Melodie zu schmiegen.

Und die Flöte sie klang so hell,
langsam und manchmal schnell
und sie verführte zum Tanz.
Ja, und die Wichte sie drehten sich
fühlten sich glückselig,
hielten sich fest an der Hand.
Und sie vergaßen all ihren Streit,
Wünsche und Herzeleid
und so geschahs, dass vom Fest
nach einem ganzen Jahr
noch großes Reden war,
wenn man sich darauf verlässt. 

Dienstag, 2. September 2025

Jugendsünde (Jambus)

Es hat ein Marionettenmann,
an seinen Zwirnen hing er dran,
den Lenker suchen sich getraut,
ach, hat da nur ein Kind erschaut.

Und wenn ich keine Fäden hätt,
so grübelte der Marionett,
wär jeder Tag voll Sonnenschein, 
ja, und ich trüg mein Kreuz allein. 

Er riss sich los, doch war er schwach
und schlug lang hin mit lautem Krach.
Dem Boden der Tatsachen war
er mit der Nase traurig nah.

Nur weiter jetzt und ganz in Ruh, 
so sprach sich leis der Holzkopf zu.
Und lernt nun laufen Tag für Tag,
und Handstand und den Überschlag.

Sonntag, 31. August 2025

Der gestiefelte Kater (Grimm) (Trochäus)

Es war mal ein alter Müller,
der war dreier Söhne Vater.
Eine Mühle war sein Reichtum 
und ein Esel und ein Kater.
Wie es sich so traurig fügte, 
lag der Müller bald im Sterben 
und was er dereinst besessen, 
teilten sich die werten Erben.
So bekam die Mühl der erste
und den Esel dann der zweite,
und der Kater kam zum Jüngsten, 
den das überhaupt nicht freute.

Lauthals rief er: "Eine Katze!
Das ist wahrlich für die Katz!
Was tu ich denn damit bitte?
Einen warmen Pelzbesatz
gar für meine kalten Ohren?
Doch solang ich barfuß gehe,
wirkt das freilich unverfroren.
Und das Fleisch wie ich es sehe,
reicht wohl kaum für einen Braten."

"Ach, mein Herr ich will dir raten,
lieber nicht so lang zu trauern."
sprach der Kater schließlich sauer.
"Ehrlich, spar dir dein Bedauern!
Gib mir einen großen Beutel
und auch leidlich gute Stiefel
und dann schleiche ich mich heute,
nur um mich dir zu beweisen,
hurtig unter reiche Leute."

Ja, der Jüngste war verwundert,
wegen seines Katers Reden.
Und doch rief er schnell den Schuster,
um die Elle anzulegen.
Als die Stiefel fertig waren,
zog sie gleich der Kater an
und verschloss den Leinenbeutel
fest mit einer Schnüre dann.
Auf zwei Beinen, wie ein Menschlein,
ging er stolz zur Tür hinaus
und er legte tief im Walde
einen Weizenköder aus.

Denn des Königs Rebhuhnhunger
war bekannt und gar nicht neu,
und die hohe Zahl der Jagden
machte diese Vögel scheu.
Doch der Kater jagte nicht mal,
sondern stellte eine Falle
und die Hühner kamen her,
ein paar richtiggehend dralle.
Huhn für Huhn, mit großer Neugier,
kroch nun in den offnen Sack
und der Kater zog am Stricke,
nahm den Sack selbst huckepack.

Schnurgeraden Weges ging er
damit zu des Königs Schloß
und die Wachen, die ihn sahen, 
lachten hämisch wiehernd los.
„Wohin will denn der so große 
Sack mit diesem kleinen Kätzchen?“

„Mensch, den König will ich sehen,
lass er diese blöden Mätzchen.“
„Bist du tollkühn, als ein Kater
möchtest du zu unserm König?“
„Laß ihn durch, dass wird ein Späßchen
unser König lacht so wenig.“

Nun, der Kater kam zum König
und er beugte sich vornüber.
„Flügelwild schickt Euch mein Gräflein
und vom fettesten Kaliber.“
Ihre Hoheit wusste darob
sich vor Freude nicht zu fassen
und er gab dem Kater ein paar 
Taler aus den Landeskassen.
„Diese bringe deinem Herren 
und den Dank für das Geschenk!“

Derweil schob das Müllerssöhnchen
trüb den Kopf aufs Handgelenk.
Denn er sann am Fenster danach,
wann das Unglück von ihm ließe
und da trat der Kater ein,
warf ihm etwas vor die Füße.
„Hier sind Münzen für die Schuhe,
unser König lässt dich grüßen.“
sprach der Kater und zog flott die
Stiefel von den Katerfüßen.

"Geld hast du jetzt zwar genügend
doch dabei solls gar nicht bleiben.
Morgen will ich mein Geschäft gleich
noch einmal im Wald betreiben.
Ich werd Rebhuhnlieferant dann
für den höfischen Bedarf. Und
du, mein werter Müllerssohn,
wirst mein feiner Herr, der Graf."

Wiederum, am nächsten Tage
ging der Kater Fallen stellen.
Und dem Jungen blieb nichts weiter,
als das ganze Gold zu zählen.
Als beliebter Zaungast saß der
Kater in des Schlosses Küche
und er hörte dort vom Herde
her des Kutschers derbe Flüche.

"Ach, ich wünsche die Prinzessin
und den Herrn zum Belzebuben!
Denn dann könnt ich heute Karten
spielen in den Wirtshausstuben!
Doch statt dessen wollen beide
nun am See spazieren fahren
und ich langweil mich dann oben
auf dem gottverdammten Karren!"

Wie der Kater das vernahm,
schlich er sich geschwind nach Haus
und dem Müllersburschen sprach er
dort die frohe Nachricht aus.
„Frisch, mein Junge, willst du Graf sein,
musst du nackt im Wasser schwimmen.
Aufs Signal hin wirst du darauf
rasch das Ufer mir erklimmen."

 Dieser zuckte nur die Schultern
und die beiden liefen fort.
Noch zur rechten Zeit gerade
kamen sie zum rechten Ort.
Hastig zog sich nun der Junge 
splitterfasernackend aus
und die Kleider nahm der Kater,
als die Kutsche kam gesaust.

„Ach, mein Herr ist in Bredouille,
allergnädiglichster König.
Er steckt dort im Wasser feste
und hat neue Kleider nötig!
Seine wurden ihm beim Baden
von den Landstreichern gestohlen.
Kommt er nicht sofort ins Trockne,
wird ihn bald der Schnupfen holen!“

Das hat kläglich laut und nervend
unser Kater nun miauet,
bis der irritierte König
dann den Störenfried erschauet.
Nach Geknarre und auch Ächzen
stand die Staatskarosse still,
"Schnell, mein Bote, reit geschwinde,
bring dem Grafen, was er will!"
sprach der König, denn er war ja
wohl dem Kater sehr gewogen.

Und der Graf von Habegarnichts
hat die Kleidung angezogen,
die alsbald und überreichlich
zur Verfügung ihm nun stand.
"Kater, reich er mir die Hosen
und dann geh er mir zur Hand!"
Als er sich dann angezogen,
durfte er im Wagen sitzen.
und die Königstochter ließ hier
reizend ihre Äuglein blitzen.

Schnell lief da der Kater los
wie verfolgt von wilden Bienen,
fragte Leute auf dem Wege:
"Sprecht, wem möget ihr wohl dienen?"
Alle riefen: "Na, dem Magier!",
ob auf Wiese, Wald und Feld.

"Sagt ihr diesen Quatsch zum König,
ist es schlecht um euch bestellt.
Alles hier gehört dem Grafen,
merkt euch diese Antwort gut."
Hastig kam zurück "Gewiß doch!",
schließlich war man auf der Hut.
Denn ein Tier wie dieses hier
sieht man ja nicht alle Tage,
lieber gibt man falsche Auskunft
auf so eine heikle Frage.

In das Schloß des Magiers schlich er,
leckte sich vor ihm die Pfoten.
Dieser fand so ein Verhalten
ungebührlich und verboten.
"Kater, sag, was willst du hier?"
rief er und er starrte böse.

"Herr, gestatten Sie mir, dass ich
Ihnen dieses Rätsel löse.
Dass Ihr Euch in vielerlei
Wildgetier verwandeln könnt,
hörte ich und fragte mich nun,
ob mir ein Beweis vergönnt,
von den hohen Zauberkünsten?
Weder Fuchs, noch Wolf, noch Hund,
nein, ein echter Elefant, der
wäre mir zum Staunen Grund."

Darauf sagte stolz der Magier:
"Für mich eine Kleinigkeit!“
und stand da als Rüsseltierchen
nach verblüffend kurzer Zeit.
"So ein großer Elefant,
das ist ja schon kolossal,
doch ein Löwe wär für mich jetzt
noch das Zauberstück der Wahl."

Als der Löwe schaurig brüllte
klein, wie sich der Kater fühlte
sprang er schnell in eine Uhr,
und daraus klang Mauzen nur
„So ein Brüller, ei der Daus,
sicher kannst du keine Maus!“
Schaurig lachte das Genie
„Diese Maus vergisst du nie!“
Was der Kater nicht vergaß,
als er dieses Mäuschen fraß.
Nur ein Biss, ein leiser Schrei,
dann war die Zauberei vorbei.

Und die Kutsche schaukelte
über Wiese, Feld und Wald,
und wo immer man gefragt,
hat es laut „Der Graf!“ gehallt.
Sehr erstaunt der König sprach,
"Reich seid ihr gewiß, Herr Graf."
An das Schloss fuhr’n sie heran, da
wo der Kater lässig stand.
Von den Treppen sprang er munter
zu den Gästen nun herunter,
öffnete galant den Wagen,
sprach mit sichtlichem Behagen:

"Hohheit, ihr erlaubet mir,
dass ich Eintritt euch gewähre
in das Haus des werten Grafen,
dem es eine große Ehre
ist euch heute zu begrüßen
und er leget Euch zu Füßen,
alle seine Kraft und Macht
und des Schlosses edle Pracht."

Der Prinzessin schritt der Jüngling
vor zum Saal voll Prunk und Gold.
Aber diese war dem Grafen
schon seit dem Momente hold,
als er nackt am Wege stand.
"Ach nimm mich zur Frau, mein Liebster!"
Dann ward er zum Prinz ernannt,
und der Kater ward Minister.

Samstag, 30. August 2025

Rio de Chauvineiro oder Emanzonas ? (Jambus)

Ein mutig Fischlein springt hinein,
zum Himmel in den Sonnenschein.
Dem Haubentaucher schlägts so glatt 
ein Schnippchen, denn der wird nicht satt.

Als schuppig Fisch und nass jedoch
fällt es zurück ins Wasserloch.
Nach vier fünf Blasen also stumm, 
da geht es ihm im Kopf herum: 

Wie schwimmt der schräge Vogel nur,
ich aber steige nicht empor,
die zarten Balken in der Luft,
Wie macht er das, der Vogelschuft?

Als nächstes ist ein Otter dann 
gefährlich nah am Schuppling dran.
Jedoch, auch wenn der Pegel seicht,
gehts mit dem Aufstieg nicht so leicht.

Und als es dann die Plage satt, 
da nimmt es sich vom Schilf zwei Blatt,
und steigt, wild um sich schlagend, auf
und darum nimmt es seinen Lauf, 

dass bald das Fischlein fliegen lernt,
und von den weissen Wolken schwärmt,
des Himmels Buntgefieder auch
und setzt sich keck auf Baum und Strauch.

In güldnen Strahlen wiegt es sich
und Mondes Silberschalenlicht
und kommt als Backfisch dann und wann
mal wieder bei den Eltern an.

Donnerstag, 21. August 2025

Das Mädchen ohne Hände Teil 4

Weit entfernt, auf einer Insel,
stand ein Grabmal an der See,
Efeu wuchs in jedem Winkel,
Mauern ragten aus dem Schnee.
"Wo die Wälder düster rauschen
und das Meer die Boote wiegt,
warten wir verwest und lauschen,
wie die Welt vorüberzieht.
Wir sind vom edlen Feengeschlecht,
doch liegen wir im Staube nieder,
bis bei großem Widerrecht
die alte Pracht erhebt sich wieder."

Sang der Wind und trug die Dame
langsam hin zum Boden dann,
die nun die Inansichtnahme,
der Versammelten begann.
Nymphen, Sylphen, Salamander,
Irrlichter und Wassermänner,
standen schimpfend beieinander
und man kam auf einen Nenner."

Dem Erdenreich, in großen Nöten,
seines Hauptes bös' beraubt,
sind zur Seite wir getreten.
Doch die Frage sei erlaubt:
Wo ist eure Anteilnahme,
wo ist euer Kontingent?"
"Ihr habt Recht.", sprach da die Dame
und hat ihren Stab geschwenkt.

Abendwärts, getränkt in Flammen,
kamen Gnome, Faune, Trolle,
und Zentauren bald zusammen.
"Wenn ich Euch Respekt auch zolle,"
sprach der Herr der Seen und Meere,
als er aus den Reihen trat,
"aber selbst wenn alle Heere
man am Platz versammelt hat,
ist die Frage, welchen Gegner
man damit zu fällen denkt,
ob man mit Gewalt, verwegner,
oder List und Tücke kämpft."

"Laßt die Lage uns beraten."
schlug der Feuerkönig vor,
"Ungelegte Eier braten,
das ruft Hunger nur hervor."
So ließen sie sich auf der Lichtung
vor dem Königsgrabmal nieder
und sie schauten in die Richtung
des Geschehens dort hinüber.

Saßen vor der Grabeshalle
zwei Figuren, schwarz und weiß.
Die Dame rief "Ach, sind das alle?"
Die Herren zischten “Seid doch leis!”
“Sie sind nur zwei, jedoch sie spielen
Töne, die immens betören.
Sieh die Krieger, die dort fielen,
schlafen, ohne aufzuhören.”

Von drüben kam nun leise, klagend,
eine Flötenmelodie,
Süßes Fordern mit sich tragend,
ihr zu folgen bis ans Ziel.
Ja und dann rannte sie querfeldein,
sprang über Stock und Stein
und dabei sah sie nicht mal,
wer auf dem Boden schlief,
oder wer nach ihr rief.
Das war ihr völlig egal.

“Ach, da bist du ja, mein Liebes!”
sprach der Engel hocherfreut.
"Nur der erste Teil des Spieles,
und ich hab ihn schon bereut."
grummelte der Teufel neidisch,
und rief: "Doppelt oder nichts!
Prüfen wir, ganz unparteiisch
ob sie hält, was sie verspricht!“

Die Dame sprach: „Du bist der Teufel,
der mir meine Hände nahm.“
„Ja, da stimmt, ganz ohne Zweifel,
und auch deinen Ehemann.“
"Nur den halben wirst du haben."
fing der Engel an zu lachen
"Die andre Hälfte liegt begraben,
wo die Feengeister wachen.

Diese Gruft wird streng behütet,
und du hast den Zugang nicht.
Die Gelegenheit gebietet,
da du einverstanden bist,
dass wir eine Wette schließen,
aufs Neue, ob die Königin,
wirklich steiget in die Tiefen,
um zu bergen, was darin.“

„Er ist bei Euch? Das will ich sehen,
als Beweis, dass Ihr nicht lügt.“
„Schau, du Herrscherin der Feen,
was in meinen Händen liegt!"
Der Teufel hielt in seinen Pranken
einen dunkelroten Stein.
Die Dame sagte, in Gedanken,
"Das kann nicht mein Gatte sein."

Der Kristall fing auf ihr Reden
an zu leuchten und zu pochen
und sie schluckte, fragte bebend:
„Teufel, was hast du verbrochen?“
„Das ist aber ungerecht!
Lass uns bei der Sache bleiben.
Machen wir ein Tauschgeschäft
mit dem Engel hier als Zeugen.
Dieses ist ein Herz, ein halbes,
und gehst du durch diese Tür
und bringst mir das andre halbe,
geb ich dir etwas dafür."

„Ich will meinen Ehemann.“
„Den kann ich dir gerne geben.
Ich will euer Söhnlein dann,
als ein Leben für ein Leben.“
Die Königin ging darauf ein,
sagte: „Alles wird sich fügen.“
und der Engel kam herbei,
mahnte: „Kind, lass dich nicht trügen!

Ich sag dir, du kommst nicht mehr
aus der Hexengruft heraus.“
Der Teufel sprach: „Was ist so schwer?
Das ist nur ein Knochenhaus.
Ich glaub schon, dass sie es schafft,
Eure werte Arroganz.
Also sei es abgemacht!
Schluss jetzt mit dem Firlefanz.“

Die Tore gingen schleifend auf,
als sie an die Pforte schlug
und es kam ein schwacher Hauch,
der noch Schatten mit sich trug.
Die Dame schritt beherzt ins Nichts,
auf breiten, ausgehaunen Stufen.
Ihrem Stab entsprang ein Licht
und dann hörte man sie rufen:
„Wie nützlich dieses Zepter ist!“

Wie sie lief, mit jedem Schritte,
wandelte ihr Umriss mit,
schwarz und fein wie Scherenschnitte,
wechselnd jeden Augenblick.
Manchmal dünn und manchmal breit,
zuckend, springend, Fratzen schneidend,
mal ein Wolf, zum Sprung bereit,
mal wie eine Schlange gleitend.

Als viel Zeit vergangen war
und sie das Gefühl verlor,
wo sie war und wann sie war,
drangen Schritte an ihr Ohr.
Diese hallten, wie die eig'nen,
trügerisch von Wand zu Wand,
bis auf der herabgeneigten
Kurve noch ein Licht entstand.

Sie näherte sich angsterfüllt,
und Angesicht traf Angesicht,
und blickte in ihr Spiegelbild
und sagte dann ganz lange nichts.
Ihr Konterfei sprach rauh und trocken:
„Hab gesucht und nichts gefunden
und die Geister hier gesprochen,
die an diesen Ort gebunden.

Glücklichsein ist uns verwehrt,
wärn wir nur zu Haus geblieben
warm am elterlichen Herd,
statt den König gar zu lieben,
etwas, dass wir nicht verdienen,
etwas, dass wir nur gestohlen.
Lass den Rückweg uns beginnen,
dass ist’s, was wir wirklich wollen.“

„Weißt du, wer mein Vater ist?“
frug die Dame, um zu prüfen.
„Arm und niedrig, ganz gewiss!“
„Komm wir gehen in die Tiefen,
du mein andres, falsches Ich.
Sei geherzt und sei willkommen.
Leg als Mantel dich um mich.
Hoppla, du hast Platz genommen!”

Dienstag, 19. August 2025

Geisterkrimi

Es war recht spät, die Detektivin 
saß erschöpft an ihrem Tisch,
sie hatte einen langen Tag 
voll Beschattung hinter sich.
Der Mond schien schon, da schlich etwas 
leise durch die Vorderpforte. 
Sie schaute auf, da stand ein Mann 
und er sprach die trocknen Worte:
„Bin ein Geist, drum ist es zwecklos, 
mir die Hand zum Gruß zu geben.
Doch bitte ich um ihre Zeit, 
denn ich muss mit Ihnen reden!“

Man sah die Frau ganz leicht erblassen,
doch ihre Mimik blieb gelassen.
„Solang die Kasse stimmt, mein Herr,
setzen Sie sich bittesehr!“
Es schwob der Gast so ungefähr 
eine Handbreit überm Schemel
und er meinte kurzerhand 
"Ich suche meinen Partner Emil.
Der Emil, der ist ein Phantom, 
so ein unsichtbarer Mann
und zusammen sind wir zwei 
ein ganz prächtiges Gespann."

Und die Frau frug das Gespenst: 
„Wie sind sie denn gestorben?
Das Geisterdasein haben Sie 
doch irgendwie erworben?“
"Wir beide waren Gauner, 
unsre Leidenschaft Juwelen,
und auch diesmal wollten wir 
nen Juwelier bestehlen.
Wir wurden auf der Tat ertappt,
 man hat auf mich geschossen
und dabei ist dann leider 
zu viel Blut aus mir geflossen."

„Alles wurde langsam schwarz
und doch konnt ich noch sehen,
wie die Polizisten grimmig
über meinem Körper stehen.
Als ich wieder aufgewacht,
da war ich schon ein Geist
und Emil war recht transparent,
wie das so schön heißt.“ 

„Was habt ihr denn danach gemacht?“
„Tja, Diebstahl wollten wir nicht mehr.
Und da haben wir gedacht,
wie’s mit der Spionage wär.
Wir gingen zum Geheimdienstchef,
der kippte freilich aus den Socken,
doch er ließ sich ziemlich schnell
von den Möglichkeiten locken.“

Nun, die Schulung war sehr lustig,
denn ich ging geschickt durch Wände
und der Emil infiltrierte
Treffen und stahl Dokumente.
Und dann warn wir echt überall,
in Bagdad, Belgrad, im Ural,
doch grade hier in Amsterdam
verlor ich diesen guten Mann." 

Montag, 23. Juni 2025

Die Weihnachtsgans Auguste (Wolf) gereimt

Fünf Kilo wog die Weihnachtsgans, 
die Herr Luitpold Löwenhaupt,
seines Zeichens Opernsänger, 
für den Festtagstisch gekauft.
Der Vogel war recht kapital 
für diese schweren Zeiten.
„In solchen Zeiten lass ich mich 
von meinem Herzen leiten.“
Bei diesem Satz, den Löwenhaupt 
mit tiefem Basse grollte,
spürte er längst, was sein Magen 
wirklich sagen wollte.

Während er die Gans mit beiden 
Händen kräftig drückte,
roch er in der Nase schon 
die feinen Bratendüfte.
Er spürte auch von Rotkohl 
und von Äpfeln den Geruch,
und brummelte darüber 
immer wieder jenen Spruch:
"Aber etwas muss man schließlich 
für das Herze tun."
Doch das half ihm gar nicht, 
sein Gewissen auszuruhn.

Gekauft hatte er eigenmächtig
und so was wirkt oft verdächtig.
Was jedoch viel schlimmer war,
die Weihnacht war noch längst nicht da.
Deshalb, und das war notwendig
war die Gans ganz quicklebendig.

Als er sich an diesem trüben 
Novembertag nach Hause wagte
und, als er dann näher kam, 
langsam immer mehr verzagte,
fürchtete er recht verdrossen
den Zorn und Spott der Hausgenossen.
Doch der Empfang war gar nicht grob,
nein, es gab überraschend Lob,
das hatte Luitpold nicht geglaubt, 
von Frau Hanna Löwenhaupt,
die die Gans als kräftig lobte, 
imposant, preiswert und fett.
Das Kindermädchen fand hingegen 
das Gefieder sehr adrett.
Und sie sprach aus, was alle dachten,
"Wo soll das Tier nur übernachten?"

Klein-Peter, sieben, Elli, zwölf und die Gerda, zehn,
die Sprößlinge der Löwenhaupts, sah‘n hier gar kein Problem.
Das Kinderzimmer gäbe es, das Bad und die Toilette
falls das Gänschen ein Bedürfnis nach Erfrischung hätte.
Die Eltern lehnten jedoch ab. Aus reiniglichen Gründen
hätt’ sich das werte Federvieh im Keller zu befinden.
Auf dass bei den Kartoffeln es allein sein Dasein friste,
weich gebettet in eine mit Stroh gefüllte Kiste.
Einmal täglich könnten dann die Kinder Gänse hüten,
doch nur eine Stunde lang, mehr käm nicht in die Tüten.
Die Kinder fügten sich darein
und das Glück war allgemein.

An diese Regeln hielten sich die Kinder kurze Zeit,
aber nach nur einer Woche war es schon soweit:
Das Peterle begann zu klagen,
der Gans, die er Auguste nannte,
tät der Keller nicht behagen.
Es war die Elli, die erkannte,
dass Gänse Daunenfedern haben.
„Die bauscht sie auf wie eine Decke.“
fügte sie belehrend an.
„Verstehe, doch zu welchem Zwecke?“
„Dass sie nicht friert, du Dummerjan!“
„Ihr ist es kalt!“, sprach Gerda‘s Mund.
„Da ist es kalt!“, tat Peter kund.
„Ich will nicht, dass Gustje friert, ich hole Gustje rauf zu mir!“
Damit sprang er aus dem Bett und war auf dem Weg zur Tür. 

Die ält're Schwester fing ihn ab, zog ihn zum Bett zurück.
Doch am andern Ende wagte Gerda nun ihr Glück.
Elli zog und Gerda zog, so dass der Peter schimpfen musste,
“Lasst mich los! Ich will sofort in den Keller zu Auguste!”
Mitten im Tumult betrat die Mutter nun die Szene
und sie trennte mit Geduld das Ziehen und Gedränge.
Die Mutter nahm den Peter mit, gebat den Schwestern Ruh
und der Rest von dieser Nacht ging still und friedlich zu.

Nach Tagen hatte Gerda mit dem Peter etwas ausgeheckt.
Es blieb nur die Gerda wach und hat den Peter aufgeweckt.
Als die ältre Schwester schlief und das Haus ganz stille schien,
schlichen sich die zwei auf nackten Zehen zu Auguste hin.
Im Keller unten nahmen sie die Gans aus ihrer Kiste,
die sie mit „Lat mi in Ruh!“ misstrauisch begrüßte.
Auf dem Weg nach oben machte Gustje ein Geschrei
„Lat mi in Ruh! Lat mi in Ruh!
Ick will in min Truh, ick will in min Truh!“
und Theres, das Kindermädchen eilte rasch herbei.

Weitre Türen flogen auf und selbes tat Auguste,
die sich mit Geschick aus Gerdas Arm zu winden wußte.
Sie schnatterte und flatterte durch das Treppenhaus,
und baute ihren Vorsprung durch Kapriolen aus.
Bei der Jagd durch Korridore stoben wild die Federn.
Dass Theres sie endlich einfing auf den letzten Metern
des unt'ren Hausflurs war nur reines unverschämtes Glück,
sie bracht' die Gans in einer Decke eingehüllt zurück.
Auguste schimpfte weiterhin „Ick will in min Truh!“
Der kleine Peter fügte forsch noch folgendes hinzu:
„Ich will Auguste bei mir haben,
in meinem Bett soll Gustje schlafen!“

Die Mutter brachte ihn ins Bett, versuchte zu erklären,
dass die Gänse keinesfalls ins Schlafgemach gehören.
"Im Bett schlafen nur Menschen, nun tu nicht weiter bocken."
"Aber warum muss Auguste denn im Keller hocken?"
Peterle war aufgeregt, das konnte Hanna sehen.
So durfte Gustjes Kiste denn an seinem Bette stehen.
Gustje sprach noch etwas in ihr Federkleid hinein,
"Lat man gut sin, lat man gut sin,
Hauptsach, dat ick in min Truh bin!"
dann schliefen auch das Peterchen und seine Schwestern ein.
Auguste blieb nun da, natürlich
und sie war auch sehr manierlich.

Bei Tag lief sie an Peters Seite
und erzählte ihm gescheite
Geschichten über bittre Gräser und auch solche die gut schmecken
und zuletzt wie man gekonnt vorgeht diese zu entdecken.
Sie schilderte, wie wilde Gänse stets im Herbst nach Süden ziehen
und wie sie sogar an Grönlands kalten Küsten noch gediehen.
Die Auguste blieb dem Peter wirklich keine Antwort schuldig
und war auf sein „Weshalb, warum?“ immer freundlich und geduldig.
Dass die Schwestern Gustje mochten, das ist wohl sehr leicht verständlich,
doch der Peter und sein Gänschen waren beinahe unzertrennlich.

Eines Abends hat sich Gustje dann in Peters Bett gekuschelt
und die beiden haben noch lange Zeit vertraut getuschelt.
Morgens schlüpfte Gustje danach wieder in ihr Stroh zurück
und die Elli und die Gerda ließen ihnen dieses Glück.
Mit Siebenmeilenstiefeln nahte nun die Weihnachtszeit
und eines schönen Mittags war Herr Löwenhaupt es leid,
länger noch zu warten. „Die Auguste ist heut dran!“
Tadelnd sah ihn seine Frau mit großen Augen an
und legte gleich dazu noch ihren Finger auf den Mund.
Sollte heißen: ‚Das besprechen wir zu spätrer Stund!‘

Als die Eheleute schließlich ungestört alleine waren,
fragte Luitpold nach dem Grund für das seltsame Gebaren.
Und nun sagte Hanna kläglich,
was Luitpold wolle, wär unmöglich.
Die Kinder hätten adoptiert,
die Gans, die er sich reserviert.
"Was ist unmöglich?" fragte er,
dann dämmerte ihm das Malheur.
"Die Gans ist jetzt ein Spielzeugtier?
Und was wird bitteschön aus mir?
Ich bin doch hier kein Hampelmann!"
Nun schwollen seine Adern an.
"Die Gans kommt auf den Tisch und basta!"
"Luitpold, denke an dein Asthma!“
Er schnappte leise wie ein Fisch
und verließ empört den Tisch.
Die Tür fiel krachend in ihr Schloss.
‚Mit dem ist heute nichts mehr los.‘
Sie stopfte seufzend ein Paar Socken
und dabei blieb kein Auge trocken.

Danach beriet sie mit Theres, ob es eine Lösung gäbe,
etwa einen andern Braten, auf dass Gustje überlebe.
Doch das knappe Haushaltsgeld würde dazu nicht genügen.
Sollte man im schlimmsten Fall die Kleinen einfach so belügen?
Und wenn Auguste nicht mehr sei,
wer brächte das den Kindern bei?
Und wie sollt‘ man es betreiben,
den armen Vogel zu entleiben?
"Wenn der Herr es selber machte, fände ich das nur gerecht."
sprach Theres und auch die Mutter fand den Einfall gar nicht schlecht.
Ihr Mann kannte die Gans nur flüchtig,
deshalb war die Auswahl richtig.

Die Heldenarie klingelte noch leis in Luitpolds Ohr,
da trug ihm seine Anvertraute ihre Wünsche vor.
„Ihr Weibsvolk!“ sprach er und er legte seinen Mantel nieder.
„Muss ich dem Vogel wirklich eigenhändig ans Gefieder?“
Nochmals gab es großen Lärm, als Theres die Gans sich schnappte.
„Ick will min Ruh, min Ruh!
Lat mi in min Truh!“
Worauf Peterle erwachte und sie bei der Tat ertappte.
Die Schwestern und die Mutter weinten, Auguste büxte aus,
sie machte eine neue Tour durch das ganze Haus.
Herr Löwenhaupt, ein echter Mann,
trieb die Jagd nach Gustje an.
Er stellte sie in einer Ecke,
ohne Aussicht auf Verstecke.
Unerschrocken griff er zu, da sie keinen Ausweg fand
und er nahm sich aus der Küche einen langen Gegenstand.
Die Mutter hielt die Kinder fest, der Vater lief in die Garage.
Er befand sich mit der Gans nun auf dem Weg zur Mordanklage.

Luitpold hob gefasst das Messer,
doch Auguste wusst es besser.
Entwischt lief sie im Kreis vier mal
und flatterte auf das Regal.
Der Hausherr stieg erbost ihr nach,
worauf das Teil zusammenbrach.
Es ergossen auf den Wagen
Werkzeug sich und Holzlackfarben
und eine Stange stach beileibe
mitten durch die Frontschutzscheibe.
Er setzte sich erschöpft ins Auto und Auguste kam hinzu,
beide brauchten nach der Hatz ihre wohlverdiente Ruh.
Zurück im Haus erklärte Luitpold, die Gans wär ihm wohl überlegen
und er gäbe sich geschlagen, schon allein der Nerven wegen.
Er gab das Tier einstweil zurück an den glückbeseelten Peter.
und die Hanna gab zum Vorfall ihre trock'ne Meinung später:
"Vom Himmel fiel noch nie ein Meister,
aber schon viel Scheibenkleister."

Finster brütete der Sänger, wie er noch zum Ziele käme
und man sah ihn dirigieren über seine Sessellehne.
Plötzlich kam ihm die Idee, der Ausweg würde schmerzlos sein!
Morgens mischte er der Gans Tabletten in den Napf hinein.
Zehnfachdosis Schlaftabletten, wie für einen Elefanten,
oder ein Rhinozeros samt zweier seiner Anverwandten.
Gustje lief nach ihrer Mahlzeit Zickzack wie ein müder Kreisel.
Dann legte sie sich bäuchlings hin, groggy ohne jeden Zweifel.
Die Flügel zuckten ein klein bisschen, als die Kinder sie berührten,
wobei alle Weckversuche nur noch zu Geschnarche führten.

"Was tut Gustje?", fragte Peter. "Sie hält ihren Winterschlaf.",
sagte Luitpold, den die Frage etwas unerwartet traf.
Er wollte sich von dannen pirschen, doch der Peter hielt ihn fest.
„Warum hält sie diesen ‚ihren Winterschlaf' gerade jetzt?" 
Der Vater sprach gesenktem Haupts:
„Sie ruht sich für den Frühling aus.“  
und fühlte sich wie beim Verhör
vor seinem naseweisen Gör.
Peterchen trug seine Freundin zu sich hoch in ihre Kiste
und er fand, dass er bereits ihre muntre Art vermisste.

Als die Nacht schon fortgeschritten, ging ein Schatten durch den Raum,
bedeckte den erschlafften Vogel und griff ihn bei seinem Flaum.
Zur Küche lief Theres in Socken
und dann fielen weiße Flocken. 
Sie begann wie ihr geheißen,
der Gans die Federn auszureißen.
Auf die Federn fielen leise Tränen von Thereses Wangen,
nach der Arbeit ist sie wieder traurig in ihr Bett gegangen.
So wie Gustjes Körper lag, in der kühlen Speisekammer,
war auch Hannas Abendkuss auf des Gatten Stirn ein klammer.
Alle träumten wirres Zeug, von Geistergänsen, schaurig klagend:
„Lat mi in Ruhuhu,
ick will im min Truhuhu!“
und sie schreckten mehrfach hoch, sich mit Hirngespinsten plagend.

Der Morgen kam und in der Küche sah Theres den Schnee vorm Fenster.
Was war das? Ja, träumte sie? Waren es die Nachtgespenster?
Aus der kleinen Kammer drang ein deutliches Geschnatter.
Sie öffnete geschwind die Tür und guckte ganz verdattert.
Da tapste schimpfend und gerupft, Auguste ihr entgegen.
„Ick frier, als ob ick keen Federn nich hätt!
Man trag mich gleich wieder in Peterles Bett.“
Theres schrie auf und ihre Knie schlackerten verwegen.
Der Vater trat nun auch herein und schnaufte ganz unsäglich.
Was er gerade vor sich sah, das hielt er für unmöglich.

„Was nun?“ fragte Frau Löwenhaupt, als Luitpold sich die Augen rieb,
sie ging an ihm vorbei so dass sie vor Auguste stehen blieb.
„Ich brauche einen Doppelkorn UND einen Kaffee!“,
rief der Vater der noch immer dastand, weiß wie Schnee.
"Bringe einen Korb, Theres und eine warme Decke!
Luitpold, und du gehst sofort zum Laden um die Ecke!
Kaufe mir ein gutes Pfund bester weißer Wolle.“
Luitpold fragte irritiert, was die Wolle solle.
"Frage nicht! Hier hast du Geld und meine Einkaufstasche.
Und Theres, du holst mir bitte eine Wärmeflasche!"
Löwenhaupt war so erschüttert, dass er gar nicht widersprach.
Er nahm sich Mantel, Hut und Schnaps und gab einfach nach.

Schon nach einer Stunde saßen Mutter und Theres
in der Stube und sie strickten jahreszeitgemäß
für Auguste einen Pulli, kuschelwarm und blütenweiß.
Nach der Schule zeigten auch die beiden Mädchen ihren Fleiß.
Peter hielt derweile seine Gustje auf den Knien
und half ihr, das Pulloverchen zur Probe anzuziehen.
Für Flügel, Beine, Hals und Sterz sollten Löcher bleiben
und man musste deren Ort und Größe noch entscheiden.
Spät am Abend konnte man das Wunderwerk bestaunen
und Auguste meckerte in ihren Wolle-Daunen:
"Winterschlaf is Schnackeschnick,
hätt ich min Federn bloß zurück!"
Peter sprang um sie herum und feierte das Ende
des dubiosen Winterschlafs zur Wintersonnenwende.

Als Löwenhaupt zum Abendessen den Pullover sah,
meinte er, und dieses ging besonders Hanna nah:
"Angekleidet macht Auguste richtig etwas her,
so ein schönes Exemplar gibt's auf der Welt nicht mehr!"
Die Stars des Viertels waren, wie bald ein jeder wusste,
der kleine Peter und die fesche „Rollkragen-Auguste“.

Als Mitglied der Familie saß die Gans am Festtagstisch 
und der Vater sah sich um, dann räusperte er sich:
„Wer hat die Auguste denn nach Hause mitgebracht?“
„Das warst natürlich du“ sprach Peter und hob mit Bedacht 
seine Gans auf Papas Schoß.
„Schau, sie gibt dir einen Kuss!“
Wahr ist, dass sie mit dem Schnabel seine Nase zwickte.

Nachts sprach Peter zu Auguste, die er an sich drückte: 
„Warum hast du eigentlich nen Winterschlaf gemacht?“
„Weil man meine Federn wollte, hab ich mir gedacht.“
„Und nach den Federn, echt verrückt…“
„Kam der Pullover, handgestrickt.“
„Das ist doch totaler Quatsch!“, sprach da das Peterlein.
Er gähnte einmal herzhaft und beide schliefen ein.

Zwei Kilo wogen beide Karpfen, die Herr Luitpold Löwenhaupt,
seines Zeichens Gänsevater, als Sylvesterschmaus gekauft.
Fische, die im Schlamm geschwommen,
wird der Schlammgeschmack genommen,
wenn sie im klaren Wasser baden,
wurde ihm beim Kauf geraten.
Deshalb, und das war notwendig,
war'n die zwei ganz quicklebendig.
Elli, Gerda gaben Namen,
den Fischen die gerade kamen.
Sie hießen Lothar und Susanne
und wohnten in der Badewanne.


Sonntag, 22. Juni 2025

Der glückliche Prinz (Wilde) gereimt

Im Licht der Stadt erstrahlt das Bild 
des frohen Königsohns,
der auf schlanker Säule dort 
in goldner Rüstung thront. 
Hoch über der belebten Stadt, 
steht der Prinz auf einem Hügel
und bei seinen großen Füßen 
ruhn zwei kleine schwarze Flügel.
Besonders sorglos sieht er aus, 
mit blauen Augensteinen,
die voll heitrer Sanftmut aus den
runden Lidern scheinen.
Und auch sein schöner Mund untrüglich
lacht, als wär er wirklich glücklich.

Sie ist das letzte Schwälbelein, 
der warmen Zeit des Jahres,
denn an einem See erlebte 
sie manch Wunderbares.
Verliebte sich dort ganz und gar 
in eine Binsenstange.
Die Schwärmerei, die hielt nur kurz 
und doch auch viel zu lange.
Das Schilfrohr war zwar elegant, 
doch war es nicht mobil,
es tanzte gern im Winde und 
es sprach weiter nicht viel.
Die Schwalbe hatte dann genug 
von einsamen Gelübden,
denn ihre Freunde waren nun 
schon längst in Nord-Ägypten.

Sie flog den ganzen Tag und kam des Abends in die Stadt.
„Ob die Stadt für mich schon ein Quartier bereitet hat?“
Dann sah sie auf die Statue. „Dich will ich gern beehren.
Dieses Bettchen wird mir einen ruhigen Schlaf bescheren.
Das Schlafgemach ist golden und es liegt an frischer Luft
und die Blümchen auf dem Beet verströmen süßen Duft.“

Müde steckt sie ihren Schnabel unter das Gefieder,
da fällt ein großer Tropfen sacht von oben auf sie nieder.
„Wie schrecklich“, ruft sie aufgeregt, „Die Nacht ist sternenklar,
das Klima in Europa, das ist wirklich sonderbar.“
Noch ein Tropfen „Sage mir, was diese Statue nützt,
wenn sie mich noch nicht einmal vor Wind und Regen schützt?
Ich suche mir ein Dach!“ Jedoch bevor sie losgeflattert,
kommt ein dritter Tropfen und da schaut sie ganz verdattert.

Sie blickt auf und sieht da, tja was sieht sie wohl?
Die Augen des so Glücklichen sind nun der Tränen voll.
Tränen, welche leise hin über goldne Wangen rinnen,
dann hinab zu seinem Kinn, von dem sie zu Boden springen.
Sein Antlitz scheint im Mondeslicht so lieblich und so schön,
dass dem Vöglein danach ist vor Mitleid zu vergehn.
„Wer bist du?“ fragt es sehr besorgt. „Man heißt mich ‚Prinz‘ und ‚glücklich‘.“
„Aber warum“, fragt es weiter, "weinst du augenblicklich?"

„Der Ratsherr nennt mich Wetterhahn, die Kinder einen Engel,
doch als ich ein Mensch noch war und fern von dem Gedrängel
der Stadt im Schlosse Sorgenfrei lebte ohne Leid,
da spielte ich im Garten schön mit Freunden allezeit.
Danach ging es in den großen Saal zu Speis und Tanz.
Den Garten und das Schloß umringte eine Mauer ganz.
So hoch, dass ich niemals fragte, was dahinter lag.
Denn ich war heiter und vergnügt, bis zum letzten Tag.
Und jetzt, wo ich tot bin, da steh ich hier so hoch,
da sehe ich das Elend über fünfzehn Meilen noch.
Auch wenn mein Herz aus Blei ist und aus Bronze meine Beine,
kann ich nicht verhindern, dass ich unaufhörlich weine."

"Wie, dein Herz ist nicht aus Gold?" sprach die Schwalbe leise,
doch es war nicht bös gemeint in irgendeiner Weise.
"Weit von hier", so führte nun die Statue weiter aus,
"steht in einer Gasse ein recht kümmerliches Haus.
Durch das offne Fenster seh ich eine arme Frau,
an einem Tische sitzen, dünn und müd und grau.
Sie hat raue Hände, die von Nadeln ganz zerstochen
und ihr Blick ruht auf dem Tagwerk, glanzlos und gebrochen.
Blumen stickt sie auf ein Kleid, aus Seide jeder Zoll,
dass eine reiche Dame bald zum Hofball tragen soll.

In der Zimmerecke liegt ihr Junge krank im Bett
und träumt von Apfelsinen, die er so gerne hätt.
Wasser, braun vom Fluss, ist alles was den Bub erfrischt.
Ich bitt dich, dass du den Rubin von meinem Schwerte brichst.
Schwalbe, kleine Schwalbe bitte nimm diesen Rubin.
Der Näherin und ihrem Sohn ans Fenster bringe ihn.
Meine Füße sind an diesem Postament befestigt
und das wär mir bei jedem meiner Schritte denkbar lästig.“ 

„In Ägypten werde ich gar schmerzlich schon ersehnt.“
spricht die Schwalbe nachdenklich, langsam und gedehnt.
„Meine Freunde drehn am Nile artig Rund um Runde
und den Lotus preisen sie mit Lobgesang im Munde.
Bald werden Sie im Grab des großen Königs schlafen gehen.
Er ist selbst in einem schmucken Sarge dort zu sehen.
Da liegt er sorglich eingehüllt in gelbem Tuch aus Leinen und
um den Hals liegt eine Schnur aus grünen Jadesteinen.
Seine Hände runzeln sich wie trocknes Laub an Bäumen,
Balsamduft begleitet ihn in seinen Fabelträumen."

"Bleib Schwalbe, kleine Schwalbe, sei nicht so widerborstig.
Die Mutter ist so traurig, der Knabe ist so durstig."
Darauf sagt die Schwalbe "Leider mag ich keine Knaben,
weil sie häufig Steine in den Hosentaschen haben.
Letzten Sommer, als ich hier am Flusslauf Mücken fing,
sahen mich die jungen Söhne der Frau Müllerin.
Zahlreich schwirrten Kieselsteine, die sie nach mir warfen,
die, weil ich kunstreich fliege, aber überhaupt nicht trafen.

Trotzdem sehr respektlos!“ doch weiter kommt sie nicht,
denn sie sieht des Prinzen tieftrauriges Gesicht.
So tut er der Schwalbe leid. „Hier wird es kühl beileibe,
doch es kann nicht schaden wenn ich eine Nacht noch bleibe.“
„Ich dank dir, kleine Schwalbe!“ Sie nimmt den Stein vom Knauf
und schwingt sich über Dächer und die Türme hoch hinauf.
Am Dom grüßt sie die Engel froh auf ihrem Himmelsritt,
beim Schloß wiegt sich ein Pärchen sanft im Wiener-Walzer-Schritt.
Sie üben für den Hofball dort an einer Balustrade,
er lobt den Sternenhimmel, sie sagt indes nur "Schade!
Mein Kleid ist noch nicht fertig, die Näher sind so müßig.
Mit Blumen wollt ich es bestickt, mit langem Warten büß ich.“
Die Schwalbe sieht am Hafen noch die Schiffslaternen leuchten
und vor der Bar Matrosen da die Kehle sich befeuchten.

Sie fliegt zum kargen Häuschen hin und schaut diskret hinein.
Der Knabe hustet fieberig, die Mutter döst grad ein.
Die Schwalbe hüpft zu ihr und in den Fingerhut der Alten
legt sie den Rubin, um dann die Flügel zu entfalten.
So fächert sie am Kissen zu dem kranken Kinde Luft
auf die feuchte Stirne noch, so dass es leise ruft
„Ich glaub, mir geht es besser.“ Die Schwalbe fliegt hinaus,
zurück zum goldnen Prinzen hin und richtet ihm gleich aus,
was sie für die Mutter und das arme Kind getan.
Sie meint „Es geht schon seltsam zu, doch mir ist richtig warm.“
„Ja, das ist der guten Taten wonniglicher Segen“,
sagt er und da fängt das Schwälbchen an zu überlegen.

Doch der Schlaf, der kecke Dieb, raubt ihr die Konklusion
und dann küsst der Sonnenaufgang ihre Lider schon.
Morgens fliegt die Schwalbe dann zum Flusse um zu baden,
man sieht sie da in großen Pfützen plantschen und auch waten.
Die Schwalbe murmelt vor sich hin „Heut flieg ich nach Ägypten.“
Dann tut sie einen Freudenaufschrei, einen ganz entzückten.
Sie macht noch einen Ausflug zu den Denkmälern der Stadt
und die Spatzen auf den Dächern loben ihren Frack.

Vom Kirchturm segelt sie, als schon der Mond am Himmel schwebt,
hin zu ihrem Königssohn, der fest darauf besteht,
"Schwalbe, kleine Schwalbe, bleibe nur noch eine Nacht!"
"Ich muss doch nach Ägypten." sagt die Schwalbe mit Bedacht.
"Morgen wollten wir hinauf zum zweiten Wasserfall,
es kaut das Nilpferd Flusskraut da im heißen Königstal.
Memnon, der Koloss sitzt auf dem Thron die ganze Nacht
und wartet auf den Morgenstern, der ihn sehr glücklich macht.
Es gehn zur Mitternacht die gelben Löwen Wasser trinken,
sie haben grüne Augen, die wie Berylle blinken.
Ihr Brüllen, das ist lauter noch als das des Wasserfalles…“

„Schwalbe, kleine Schwalbe, das glaub ich dir ja alles!
Weit von hier, am Stadtrand, seh ich einen jungen Mann,
welcher sein Theaterstück nicht mehr beenden kann.
Er hat krause Haare und Lippen, rot wie Blut. 
Gerne hätte er in seinem Ofen warme Glut.
Lieber noch als Feuer wünscht er sich etwas zu essen
und über diese Sorgen hat er seine Kunst vergessen.
Welke Veilchen stehn auf seinem Schreibtisch unterm Dach
und seine feinen Hände sind vor Hunger schon ganz schwach.”
“Eine einzge Nacht noch will ich gern bei dir verweilen.
Hast du einen anderen Rubin, um ihn zu teilen?”
So spricht das kleine Vögelein aus seinem guten Herzen.

“Ich hab nur meine Augen, doch eins kann ich verschmerzen.
Saphire sinds, vor tausend Jahrn aus Indien gebracht.
Eines picke aus und bring es ihm noch heute Nacht."
"Lieber Prinz, das kann ich nicht..." spricht die Schwalbe unter Tränen.
"Mach nur, Schwälbchen, darüber brauchst du dich doch nicht zu grämen."
Darauf pickt das Schwälbelein des Prinzen Auge aus
und fliegt zu des Studenten Kammer hoch oben im Haus.

Sie kommt ganz leicht hinein, denn im Dach da ist ein Loch,
Schiesst hindurch, zum Bett und hüpft dann noch zum Schreibtisch hoch.
Sein Haupt, das hat der junge Mann vergraben in den Händen.
So merkt er nicht, wer bei ihm ist, um sein Geschick zu wenden.
Ein Luftzug geht, er sieht den Stein nun bei den Veilchen liegen
Und ruft freudig “Man beginnt wohl, endlich mich zu lieben!
Ein Verehrer sicherlich, von meinen Kurzgeschichten.
Nun muss ich nicht länger mehr auf Brot und Holz verzichten.”

Am nächsten Tage fliegt die Schwalbe noch einmal zum Hafen.
Sie hockt auf einem Mast herum und schaut da auf die braven
Matrosen, wie sie schwere Kisten ziehn an starken Seilen
aus dem Schiffsbauch, um erneut zum Laderaum zu eilen.
Sie bücken sich und schwitzen sehr und schrein wie die Verrückten
"Hebt an!" Das Vöglein ruft zurück: "Ich reise nach Ägypten!"
Doch hört sie niemand und deswegen, als das Licht vergeht,
fliegt sie dahin, wo des Prinzen Schatten sich bewegt.

"Mein Prinz, ich bin gekommen um dir Lebewohl zu sagen!"
"Kleine Schwalbe, kannst du deinen Abflug nicht vertagen?"
"Der Wetterumschwung ist schon da und bald liegt hier der Schnee.
In Ägypten wärmt die Sonne den Manzala-See.
Krokodile liegen träg im Schlamm unter den Palmen.
Meine Freunde bauen jetzt ihr Nest aus Lehm und Halmen
im Tempelhaus von Luxor, wo die blaßroten Tauben,
stets gaffen und frech gurren, es ist ja kaum zu glauben!
Lieber Prinz, ich muss nun fort, ich lasse dich alleine.
Nächstes Frühjahr bring ich dir zwei neue Edelsteine.
Der Saphir soll blauer sein noch als das Firmament,
der Rubin rot wie die Lava, die im Ätna brennt." 

"Unten auf dem Platz, da steht ein Streichholzmädchen.
Die Hölzer fielen ihr heraus aus ihrem kleinen Lädchen
in den Rinnstein und so sind sie alle schnell verdorben.
Ihr Vater wird sie schlagen, denn sie hat nichts erworben.
Weinend steht sie da herum, ganz ohne Strümpf und Schuhe.
Ihr bloßes Köpfchen frieret und das lässt mir keine Ruhe.
Picke, kleines Schwälbelein, mein and'res Auge aus
und bring es zu ihr recht geschwind, noch auf dem Weg nach Haus."

"Mein Prinz, ich kann verstehen, was du fühlst für dieses Kind.
Jedoch, dein Auge nehm ich nicht, denn danach wärst du blind!"
"Schwalbe, kleine Schwalbe, bitte tu, wie ichs dir sage."
Die Schwalbe nimmt das Auge, nunmehr ohne weitre Klage.
Sie lässt den Stein beim Mädchen fallen, in die hohle Hand.
„Hoppla, kleiner Bote, sprich, wer hat dich wohl gesandt?
Dieses blaue Glasstück sieht ja wunderprächtig aus!“
ruft sie und dann rennt sie, völlig aufgeregt, nach Haus.

Die Schwalbe fliegt zum Prinzen und sie sagt „Du bist jetzt blind.
Darum wirds für immer sein, dass wir zusammen sind.“
„Schwalbe, kleine Schwalbe, nein, du musst nach Süden gehen.“
"Ach mein armer Prinz, das kann nun nimmermehr geschehen.
Ich will von heut an immerdar für dich zugegen sein."
sagt sie und sie schläft erschöpft zu seinen Füßen ein.
Sie sitzt am nächsten Tag dann auf des Prinzen Goldgewändern
und erzählt viel Wundersames aus den fernen Ländern.

Wie die roten Ibisse da stehn in Reih und Glied
und Goldfisch fangen aus dem Nil, der seinen Reichtum gibt.
Von der großen Sphinx, die selbst so alt ist wie die Welt,
die in einer Wüste lebt und schwere Fragen stellt.
Von den Händlern und Kamelen, die den gelben Sand durchschreiten
und den Bernsteinperlenketten, die durch ihre Hände gleiten.
Vom dem Mondberg-König, der so schwarz ist wie die Nacht,
der einen mächtgen Bergkristall bewundert und bewacht.
Von Pygmäen, die auf Blättern über Wasser gleiten
und sich immerfort mit den Schmetterlingen streiten.
Und von der grünen Schlange, die hoch im Palmbaum schläft
und sich von zwanzig Priestern faul mit Honig füttern lässt.

"Schwälbchen, du erzählst mir da gar manche Seltsamkeit,
doch geheimnisvoller noch ist wohl das Menschenleid.
Wie des Elends Wunde, so ist kein Wunder tief.
Flieg durch meine Stadt und sage mir, was man dort sieht."
So fliegt die Schwalbe durch die Stadt, schaut wie in den schönen
Häusern dort die reichen Leute ihrem Luxus frönen.
Während dessen Bettler vor geschlossnen Türen sitzen.
Dann sieht man die Schwalbe durch die engen Gassen flitzen.
Die hohlwangigen Kinder starren da mit ihren blassen
Gesichtern teilnahmslos und traurig auf die düstren Straßen.
Unter einem Brückenbogen sind zwei kleine Jungen,
die einander wärmen und liegen, eng umschlungen.
"Wie hungrig sind wir!" rufen sie. "Nicht auf die Wege legen!"
brüllt der Wächter und sie irr'n nach draußen in den Regen.

Da fliegt die Schwalbe zu dem Prinz, setzt sich und berichtet.
Der Prinz spricht zu ihr "Ich bin ganz mit feinem Gold beschichtet.
Löse es nur Blatt für Blatt und schenke es den Kindern.
Weil die goldnen Dinge nämlich Menschenarmut lindern."
Blättchenweise zupft sie nun das feine Gold vom Rumpf,
bis der edle Königssohn ganz grau aussieht und stumpf.
Jedes Blatt des reinen Goldes bringt sie an sein Ziel.
Die Kinder lachen und sie rufen froh bei ihrem Spiel:
"Hurra, hurra, jetzt haben wir endlich wieder Brot!"
und vor lauter Leben glühen ihre Wangen rot.

Dann kommt der Schnee und auch der Frost, sie schmieden Silberbänder,
aus den Straßen und die Menschen tragen Pelzgewänder.
Zapfen hängen spitz vom Dach wie Dolche aus Kristall,
die Kinder laufen Schlittschuh, haben Wollmütze und Schal.
Die kleine Schwalbe friert und friert und doch sie ist geblieben,
denn sie hat sich ihrem Prinzen ganz und gar verschrieben.
Sie stiehlt beim Bäcker Krümel vorm Tore jeden Tag
und wärmt sich heftig flatternd noch mit ihrem Flügelschlag.

Endlich aber wird ihr klar, dass sie nun sterben muss.
Sie schwingt sich auf die Schulter hoch. "Ich geb dir einen Kuss
auf deine Hand und lebe wohl, mein lieber, guter Prinz!"
"Schwälbchen, wie erleichtert mich der Wandel deines Sinns.
Dass du endlich und so spät noch nach Ägypten ziehst.
Und küsse mich nur auf den Mund! Ich weiß, dass du mich liebst."
"Nicht nach Ägypten reise ich, nur in des Todes Haus,
der Tod ist Schlafes Bruder und ich ruhe mich nun aus."

Dann küsst sie den unglücklichen Prinzen auf die Lippen
und die Schwäche lässt sie träg nach hinten über kippen.
Lautlos fällt sie hin zu seinen Füßen in das Weiß
und es ertönt ein Krachen, so wie von dünnem Eis.
Zerborsten ist das Herz aus Blei, es herrscht ja starker Frost
und an einem andern Orte finden sie jetzt Trost.

Hoch oben, hoch im Himmelreich steht der Prinz auf einem Hügel
und bei seinen großen Füßen ruhn zwei kleine schwarze Flügel.
Besonders weise sieht er aus, mit blauen Augensteinen,
die voll heitrer Sanftmut aus runden Lidern scheinen.
Und auch das Schwälbchen, ganz untrüglich,
wirkt, als wär es wirklich glücklich.