Samstag, 8. November 2025

Das Mädchen ohne Hände Teil 5

Durch ein Loch im Felsgestein,
schlüpfte sie in eine Halle.
Bleich und dünn bei rotem Wein
warteten die Geister alle,
neben einer vollen Tafel
und im Schein der Kandelaber,
sehr vertieft in ihr Geschwafel,
an die hundertzwölf Kadaver.

“Iss mit uns und stärke dich!”
luden sie die Dame ein,
führten sie dann an den Tisch,
gaben ihr und schenkten ein,
süsse Früchte, Hasenbraten,
kühles Bier und heißen Tee.

“Liebe Frau, lass mich dir raten,
alles was ich vor mir seh,
ist für Lebewesen giftig.”
flüsterte ihr Mantel leise
und sie nahm, der Grund war triftig,
einen Biss von jeder Speise,
einen Schluck von jedem Trank,
doch in Wahrheit spuckte sie
all das unter ihre Bank.

Und erschrocken zuckte sie
als ein Geist sie höflich fragte:
„Wißt ihr wie es vor sich ging,
dass mein Sohn, der stets Verzagte,
plötzlich für Euch Feuer fing
und wie er danach entschieden,
eurer sicher überdrüssig,
sich mit Ihnen zu begnügen?
Das ergibt sich mir nicht schlüssig.“

„Frauchen wir sind selber schuld,
da wir unser Kind beschädigt.“
sprach ein zweiter mit Geduld.
"Und das Schicksal war uns gnädig,
dass das nette Frauenbild
sich mit unserm Sohn vermählte
und dass er auch zu ihr hielt
trotz des Herzstücks, das ihm fehlte.“

„Dass wir beide fehlerhaft
und so voller Zweifel waren
hat den Unterschied gemacht.“
sprach die Frau, um fortzufahren
„Freundschaft, Achtung und Geduld
sind die Bänder unsrer Liebe.
Sagt, wer hatte denn die Schuld,
wer schnitt denn so jung die Triebe
seines Herzens auseinander?“

„Ach, das war ein schweres Los!
Doch, mein Kind, das ist ein langer
Faden, den ich spinnen muss.
Reicht mir eure Hand zum Tanz,
lasst uns ein paar Runden drehen,
dann erzähle ich euch ganz,
was vor Jahren ist geschehen.“

Aus den Knocheninstrumenten
drangen grässliche Geräusche
zu dem Geisterdirigenten
und es hielten sich die Bäuche,
oder was davon geblieben,
alle, die den Jammer hörten
und die Stimmung war gestiegen
weil es quietschte, quäkte, röhrte.
Seit dem Jahr drölfhundertacht
oder wars drölfhundertneun
hat man nicht mehr so gelacht,
ach, wie war der Unfug fein.

Alles war alsbald gestimmt,
ausgebürstet und gereinigt
und das Tanzbein schwang beschwingt,
auch die Dame war beteiligt,
manche Königin samt Gatten.
„Meine Werte, Sie gestatten,
dass ich ihnen jetzt erzähle,
was seit einer Weile schon
brennt und liegt auf meiner Seele.“

Weiter ging’s im ernsten Ton:
„Es traf einst zwei Feenkindlein
ein bedauernswerter Fluch,
als ein Händler war mit Kästlein
im Palaste zu Besuch.
Brachte Seifen und Gewürze,
Weihrauch und auch Haushaltswaren,
Lampen, Öle, ja in Kürze,
Dinge die die Sinne laben.

In der Nacht, die darauf folgte,
fand der Junge, also ich,
wie er auf dem Boden tollte,
eine Lampe unterm Tisch.
Er trug sie zu seiner Freundin,
die ihm auch als Braut versprochen,
und sie applaudierte freudig,
und kam aus dem Bett gekrochen.

Als wir mit der Lampe spielten,
fuhr ein Wind durch unser Haar.
worauf wir uns reizbar fühlten,
zornig und auch sonderbar.
„Gib es mir! Nein es ist meine!“
balgten wir uns um das Ding.
Und wir sagten dann gemeine
Worte als es weiter ging:
„Du bist hässlich!“ „Du bist dumm!“

Kaum, das wir es laut gesagt,
schrie ein Stimmlein barsch herum
„Kinder, die es dreist gewagt,
mich nach fünfzehnhundert Jahren,
aufzuwecken aus dem Schlaf,
will ich trefflich aufbewahren!“,
was uns unerwartet traf.
Nach dem ersten Schreck kam Lachen,
und wir legten uns ins Bett.
Am nächsten Tag war das Erwachen
aber nicht mehr ganz so nett.

„Wo sind wir?“, fragte ich mein Blümchen.
„Wo sind wir?“ fragte sie auch mich.
Doch so sehr wir uns bemühten,
wussten wir es beide nicht.
In den Gängen, schmal und leer,
viele waren`s an der Zahl,
hingen Spiegel ringsumher
und das Licht war blau und fahl.
Und dann sah man in den Spiegeln,
flackernd, klein und sonderbar,
ein Gesicht mit Brillenbügeln,
welches das des Händlers war.

„Hab ich euch, ihr schlimmen Diebe,
die mir meine Lampe stahlen.
Diese ungezähmten Triebe
dürft ihr teuerlich bezahlen!“
„Davon stimmt doch überhaupt nichts,“
wagte ich den Widerspruch
angesichts des Strafgerichtes.

„Hier in meinem Kassenbuch,
da steht nichts, dass ihr erworben
Lampen oder anderlei,
ihr seid feige und verdorben!
Dennoch lasse ich euch frei,
wenn ihr euer erstes Kindlein
meiner Obhut überreichet
und so eurer dunkles Sündlein
ehrlich und gerecht begleichet."

Und so mussten wir das Spiel
über uns ergehen lassen,
nur um beide, ängstlich still,
folgenden Entschluss zu fassen:
Niemals gäben wir ein Kind
einem Teufel so wie diesem.
Doch wir sagten: "Ganz bestimmt!",
denn wir waren angewiesen
auf des Hexers falsche Gnade.

Und wir fielen in die Betten
als die Sonne stieg gerade.
Trotzdem wollten wir ihn retten,
unsern Sohn, den sie gebar.
Jahre später, unter Mühen,
als er noch ein Säugling war,
wirkten wir den Zauber, der,
sollte ihm ein Unglück blühen,
brächte seine Wiederkehr.

Deshalb ward das Herz geteilet,
dass, nach altem Ritual,
ein Teil in der Gruft verweilet,
für den allerschlimmsten Fall.
Himmel- oder höllenwärts
mag man es für sich stibitzen:
niemand kann ein halbes Herz
jemals ganz für sich besitzen."

Die Musik erstarb im Nu,
und die Geister zischten laut.
Und dann sah man ihre Wut,
kalt und lange aufgestaut.
"Eindringling!", so riefen sie
und die leeren Augenhöhlen
glühten rot, dann eilten sie,
um den Bösewicht zu stellen,
aus dem Saal die Treppen hoch.

Nur die Dame und ihr Mäntlein
blieben in der Halle noch.
Nach dem Lärm, da trat ein Quäntlein
Stille und Verwirrung ein
und dann hörte man ein Krabbeln
wie von Füßchen auf Gestein.
Da begann die Frau zu brabbeln:
"Könnten das die Händchen sein?"

Und da kamen sie tatsächlich,
trugen einen kleinen Sack,
"Ihr seid unverbesserlich, oh,
was habt ihr da mitgebracht?"
Eins der Händchen kam heran,
gab ihr einen kleinen Brief,
diesen las die Dame dann,
und dann lachte sie sich schief.

Tränen rannen ihr vor Glück
über die bewegte Brust
„Endlich hab ich euch zurück!
Hätte ich das nur gewusst,
dass der Engel euch gewonnen
und das ihr auf seinen Willen;
auch das Herzstück mitgenommen!“

Ergriffen von den vielen
Emotionen saß sie zitternd da
und sie hielt die Arme dahin
wo eins ihrer Händchen war.
Das Silber fiel und beide Hände
fügten sich nun nahtlos ein,
und so konnte sie am Ende
wieder ganz lebendig sein.

Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 4 

Don Rico: Das Mädchen ohne Hände Teil 6

Samstag, 6. September 2025

Das Mädchen ohne Hände Teil 2 (Grimm/Schleich)

Es war ein schöner, kühler Tag,
der Himmel klar und heiter.
Den Pinsel schwang mit rotem Lack
der Herbst auf seiner Leiter.
Gänse zogen mit den Wolken
langsam durch das satte Blau
und dem jungen Mädchen folgten
kleine Spuren durch den Tau.

“Es liefen zwei kleine Hände,
die ihrer Herrin so hold,
sie liefen durch manches Ländle
und brachten ihr Segen und Gold.”
Sie sprang und sang von ihrem Glück
und konnt es kaum erwarten
und wanderte ein gutes Stück
zu einem großen Garten.

Dort hingen nachts im Mondenschein
des Herbstes reiche Gaben.
Den Garten schlossen Gitter ein
und ringsum lag ein Graben.
Saftig süße Früchte zogen
Wandrer an mit ihrem Duft.

Und über schweren Ästen flogen
kleine Feen in der Luft.
Das Mädchen spürte großen Hunger,
dachte 'wär ich nur darin!'
Sie betete zu Gott im Kummer
und sank zu ihren Füßen hin.

Da schritt ein Schimmer durch das Dunkel,
ein Raunen ging durchs kleine Volk.
Ein Engel schwebte im Gefunkel
der Sterne und mit ernstem Stolz
zog er nun an Tor und Schleuse,
das Wasser gab den Eingang frei.

Es rief die Maid vor lauter Freude
und erhob sich nebenbei:
„Du Engel bist schön, schön und hell
leuchtend am andern Gestade.
von meinen Träumen bist du wohl
der mit Flügeln gerade.“

Nun ging sie in den Obsthain
und der Engel ging mit ihr.
Sie lief hin zu den Birnlein,
die waren nummeriert.
Jede Birne ward gezählet
auf die täglich gleiche Weise.
Denn sie waren auf der Welt
des Königs liebste Speise.

Sie trat hinzu und aß die Birne,
die vor ihrem Munde hing
und hinter ihr verzog die Stirne
der Gärtner, dem das nahe ging.
Er hatte Angst und dachte schon 
die Kleine sei ein echter Geist,
der in himmlischer Mission
in Gegenwart von Engeln reist.
Er schlug sich seitwärts ins Gebüsch
und das Mädchen ebenfalls.
Beide beteten für sich
zum Geber dieses Abendmahls.

Es kam der König anderntags,
um nach dem Obst zu schauen,
denn er konnte, wie gesagt,
nicht so recht vertrauen.
Er zählte und er sah sodann,
daß eine Birne fehlte
und fragte "Heda Gärtnersmann,
wo ist der Birnen zwölfte?"
Der Gärtner sprach: "Die letzte Nacht
kam ein Geist herein
der hatte keine Hände, ach,
und mit dem Mund allein,
aß er eine Birne ab!"
"Wie kam er über den Kanal?"

„Es kam ein Engel noch herab
und der schloss dann auf jeden Fall
die Schleuse und der Geist war drin.
Und des graus‘gen Engels wegen
kam ich auch nicht mehr dahin,
zu fragen oder einzugreifen.“

Der König sprach: „Oh, welche Pfeifen
habe ich nur eingestellt!
Komm, ich will mich auch verstecken,
du furchtsamer Pantoffelheld!
Wir warten hinter diesen Hecken,
wies als Jäger sich empfiehlt,
um den frechen Geist zu fangen,
der mir meine Birnen stiehlt." 

Um Mitternacht dann kam die Maid
hungrig hin zum Baum geschlichen,
streckte sich und hat vom Zweig
eine Birne abgebissen.
Der König flog, nach Feenart,
dem Mädchen mutig vors Gesicht
und er sprach: "Bei meinem Bart,
hab ich dich, du Bösewicht!
Bist du ein Mensch oder ein Geist?
Komm, spuck's aus und sei nicht scheu,
Es gibt Ärger, wenn du kneifst,
Ich schwöre es, bei meiner Treu!"

Sie gab zurück: "Ich bin kein Geist,
sondern nur ein armer Mensch.
Ich bin hungrig, dass du's weißt
und kein dummes Nachtgespenst.
Alle haben mich verlassen,
nur der liebe Gott noch nicht.

Wird die Strafe mir erlassen,
oder muß ich vor Gericht?"
„Bist du auf der Welt allein
und arm wie eine Kirchenmaus,
sollst du’s fürder nicht mehr sein.
Ich nehm dich mit zu mir nach Haus!“

„Ich bin groß und du bist klein,
ehrenwerter Feenfürst.
Wie pass ich in dein Häuslein rein?“
„Wie du gleich erleben wirst,
haben wir die schöne Gabe
der metamorphen Zauberei.

Wenn ich dich verkleinert habe,
stehn dir hundert Zimmer frei.“
Er mochte sie, das konnt` sie spüren,
der König gab ihr Silberhände,
um sie in sein Heim zu führen.
Alles nahm ein gutes Ende. 

Ein Jahr oder Jahre später
oder eine Spatzenfeder … später:

Am Tag der Hochzeit wimmelten
kleine Wichte durch die Nesseln
und süße Dämpfe kringelten
aus Töpfen und aus Kupferkesseln.
Aus Blumen und aus Spinnwebspitzen
ward das Tischtuch vorbereitet,
und auf breiten, flachen Pilzen
mit viel Sorgfalt ausgebreitet.
Kleine Musikanten schlugen
auf die blauen Blütenglocken
und auch freche Tröten trugen
bei zu Jauchzen und Frohlocken.

Viele tausend Glühwurmlichter
brachten feierlichen Schein
viele hundert Wichtgesichter
trafen sich zum Stelldichein.
Die Herrscher der vier Feenstämme
Erde, Himmel, Wasser, Feuer,
fuhren vor zum Festgeschlemme
in Karossen schmuck und teuer.

Des Erdenkönigs Kutsche ward
gezogen von sechs braunen Wieseln.
Dem Kutscher hing der grüne Bart
hinunter bis zu seinen Stiefeln.
Der Meereskönig glitt heran
in einem gelben Bernsteinwagen,
samt roten Krabben als Gespann
und mit blaubefrackten Pagen.

Aus dünnen Spalten in der Erde
züngelten nun Irrlichtflammen.
Schwarze Salamanderpferde,
mit orange gefleckten Wangen
zogen die Rubinkalesche
des Feuerkönigs in die Runde
und dabei war seine fesche
Lockenpracht in aller Munde.

Die Kometengondel trug
ein mächtger Falke in den Klauen.
und heraus sah stolz und klug
der Liebling aller Wichtelfrauen.
Der Luftikus, Herr König Sturm,
die Vier des Elementenreigens
flog in Silberuniform
zum Mittelpunkt des Hochzeitstreibens.

Der Erdenkönig sprach “Mit Küssen,
grüß ich euch in meinem Garten!
Doch geduldet euch, wir müssen
kurz auf meine Gattin warten.“
Das Mädchen kam im weißen Kleid,
mit spiegelblanken Silberhänden.
Von den Gästen konnt vor Neid
keiner seinen Blick abwenden.

„Komm mit mir!“, so rief der eine,
und du wirst ein Kind der See.”
Der zweite sagte: „Sei die meine!“
Auf den Wolken, weiß wie Schnee.“
„Nein, sei meine Feuersbraut,
Du hast rechtes Temprament!”
sprach der dritte und er staunte
“Himmelherrgottsakrament!”

Der Erdenkönig hob darüber
mürrisch seine Augenbrauen,
sprach: "Auf eure Treue, Brüder,
kann ich wahre Schlösser bauen!"
An diesem Punkt, der sehr pikant
oder doch zumindest heikel
kam der Gärtner angerannt,
wie ein angesengter Teufel,
warf sich hin und stiess hervor
„Diese sonderbaren Spinnen
fand ich drinnen, nah am Tor!“

Und dann, ohne langes Sinnen
sprangen aus dem Korb, dem seinen
zwei flinke Hände und spazierten,
untermalt von spitzen Schreien,
die die Ohren strapazierten,
zum Mädchen, das vor Freude jauchzte:
"Kommt zu mir, oh meine Schätzchen!"
und dann etwas leiser hauchte:
"Hopp, an eure rechten Plätzchen!"

Von fern her klang nun, weinend, klagend,
eine Flötenmelodie,
Drang und Sehnsucht mit sich tragend
nach Verzeih'n und Harmonie.
Die Händchen hielten zögernd inne
und begannen sich dann wiegend,
wie das Gras im Abendwinde,
an die Melodie zu schmiegen.

Und die Flöte sie klang so hell,
langsam und manchmal schnell
und sie verführte zum Tanz.
Ja, und die Wichte sie drehten sich
fühlten sich glückselig,
hielten sich fest an der Hand.
Und sie vergaßen all ihren Streit,
Wünsche und Herzeleid
und so geschahs, dass vom Fest
nach einem ganzen Jahr
noch großes Reden war,
wenn man sich darauf verlässt. 


Dienstag, 2. September 2025

Jugendsünde (Jambus)

Es hat ein Marionettenmann,
an seinen Zwirnen hing er dran,
den Lenker suchen sich getraut,
ach, hat da nur ein Kind erschaut.

Und wenn ich keine Fäden hätt,
so grübelte der Marionett,
wär jeder Tag voll Sonnenschein, 
ja, und ich trüg mein Kreuz allein. 

Er riss sich los, doch war er schwach
und schlug lang hin mit lautem Krach.
Dem Boden der Tatsachen war
er mit der Nase traurig nah.

Nur weiter jetzt und ganz in Ruh, 
so sprach sich leis der Holzkopf zu.
Und lernt nun laufen Tag für Tag,
und Handstand und den Überschlag.

Donnerstag, 21. August 2025

Das Mädchen ohne Hände Teil 4

Weit entfernt, auf einer Insel,
stand ein Grabmal an der See,
Efeu wuchs in jedem Winkel,
Mauern ragten aus dem Schnee.
"Wo die Wälder düster rauschen
und das Meer die Boote wiegt,
warten wir verwest und lauschen,
wie die Welt vorüberzieht.
Wir sind vom edlen Feengeschlecht,
doch liegen wir im Staube nieder,
bis bei großem Widerrecht
die alte Pracht erhebt sich wieder."

Sang der Wind und trug die Dame
langsam hin zum Boden dann,
die nun die Inansichtnahme,
der Versammelten begann.
Nymphen, Sylphen, Salamander,
Irrlichter und Wassermänner,
standen schimpfend beieinander
und man kam auf einen Nenner."

Dem Erdenreich, in großen Nöten,
seines Hauptes bös' beraubt,
sind zur Seite wir getreten.
Doch die Frage sei erlaubt:
Wo ist eure Anteilnahme,
wo ist euer Kontingent?"
"Ihr habt Recht.", sprach da die Dame
und hat ihren Stab geschwenkt.

Abendwärts, getränkt in Flammen,
kamen Gnome, Faune, Trolle,
und Zentauren bald zusammen.
"Wenn ich Euch Respekt auch zolle,"
sprach der Herr der Seen und Meere,
als er aus den Reihen trat,
"aber selbst wenn alle Heere
man am Platz versammelt hat,
ist die Frage, welchen Gegner
man damit zu fällen denkt,
ob man mit Gewalt, verwegner,
oder List und Tücke kämpft."

"Laßt die Lage uns beraten."
schlug der Feuerkönig vor,
"Ungelegte Eier braten,
das ruft Hunger nur hervor."
So ließen sie sich auf der Lichtung
vor dem Königsgrabmal nieder
und sie schauten in die Richtung
des Geschehens dort hinüber.

Saßen vor der Grabeshalle
zwei Figuren, schwarz und weiß.
Die Dame rief "Ach, sind das alle?"
Die Herren zischten “Seid doch leis!”
“Sie sind nur zwei, jedoch sie spielen
Töne, die immens betören.
Sieh die Krieger, die dort fielen,
schlafen, ohne aufzuhören.”

Von drüben kam nun leise, klagend,
eine Flötenmelodie,
Süßes Fordern mit sich tragend,
ihr zu folgen bis ans Ziel.
Ja und dann rannte sie querfeldein,
sprang über Stock und Stein
und dabei sah sie nicht mal,
wer auf dem Boden schlief,
oder wer nach ihr rief.
Das war ihr völlig egal.

“Ach, da bist du ja, mein Liebes!”
sprach der Engel hocherfreut.
"Nur der erste Teil des Spieles,
und ich hab ihn schon bereut."
grummelte der Teufel neidisch,
und rief: "Doppelt oder nichts!
Prüfen wir, ganz unparteiisch
ob sie hält, was sie verspricht!“

Die Dame sprach: „Du bist der Teufel,
der mir meine Hände nahm.“
„Ja, da stimmt, ganz ohne Zweifel,
und auch deinen Ehemann.“
"Nur den halben wirst du haben."
fing der Engel an zu lachen
"Die andre Hälfte liegt begraben,
wo die Feengeister wachen.

Diese Gruft wird streng behütet,
und du hast den Zugang nicht.
Die Gelegenheit gebietet,
da du einverstanden bist,
dass wir eine Wette schließen,
aufs Neue, ob die Königin,
wirklich steiget in die Tiefen,
um zu bergen, was darin.“

„Er ist bei Euch? Das will ich sehen,
als Beweis, dass Ihr nicht lügt.“
„Schau, du Herrscherin der Feen,
was in meinen Händen liegt!"
Der Teufel hielt in seinen Pranken
einen dunkelroten Stein.
Die Dame sagte, in Gedanken,
"Das kann nicht mein Gatte sein."

Der Kristall fing auf ihr Reden
an zu leuchten und zu pochen
und sie schluckte, fragte bebend:
„Teufel, was hast du verbrochen?“
„Das ist aber ungerecht!
Lass uns bei der Sache bleiben.
Machen wir ein Tauschgeschäft
mit dem Engel hier als Zeugen.
Dieses ist ein Herz, ein halbes,
und gehst du durch diese Tür
und bringst mir das andre halbe,
geb ich dir etwas dafür."

„Ich will meinen Ehemann.“
„Den kann ich dir gerne geben.
Ich will euer Söhnlein dann,
als ein Leben für ein Leben.“
Die Königin ging darauf ein,
sagte: „Alles wird sich fügen.“
und der Engel kam herbei,
mahnte: „Kind, lass dich nicht trügen!

Ich sag dir, du kommst nicht mehr
aus der Hexengruft heraus.“
Der Teufel sprach: „Was ist so schwer?
Das ist nur ein Knochenhaus.
Ich glaub schon, dass sie es schafft,
Eure werte Arroganz.
Also sei es abgemacht!
Schluss jetzt mit dem Firlefanz.“

Die Tore gingen schleifend auf,
als sie an die Pforte schlug
und es kam ein schwacher Hauch,
der noch Schatten mit sich trug.
Die Dame schritt beherzt ins Nichts,
auf breiten, ausgehaunen Stufen.
Ihrem Stab entsprang ein Licht
und dann hörte man sie rufen:
„Wie nützlich dieses Zepter ist!“

Wie sie lief, mit jedem Schritte,
wandelte ihr Umriss mit,
schwarz und fein wie Scherenschnitte,
wechselnd jeden Augenblick.
Manchmal dünn und manchmal breit,
zuckend, springend, Fratzen schneidend,
mal ein Wolf, zum Sprung bereit,
mal wie eine Schlange gleitend.

Als viel Zeit vergangen war
und sie das Gefühl verlor,
wo sie war und wann sie war,
drangen Schritte an ihr Ohr.
Diese hallten, wie die eig'nen,
trügerisch von Wand zu Wand,
bis auf der herabgeneigten
Kurve noch ein Licht entstand.

Sie näherte sich angsterfüllt,
und Angesicht traf Angesicht,
und blickte in ihr Spiegelbild
und sagte dann ganz lange nichts.
Ihr Konterfei sprach rauh und trocken:
„Hab gesucht und nichts gefunden
und die Geister hier gesprochen,
die an diesen Ort gebunden.

Glücklichsein ist uns verwehrt,
wärn wir nur zu Haus geblieben
warm am elterlichen Herd,
statt den König gar zu lieben,
etwas, dass wir nicht verdienen,
etwas, dass wir nur gestohlen.
Lass den Rückweg uns beginnen,
dass ist’s, was wir wirklich wollen.“

„Weißt du, wer mein Vater ist?“
frug die Dame, um zu prüfen.
„Arm und niedrig, ganz gewiss!“
„Komm wir gehen in die Tiefen,
du mein andres, falsches Ich.
Sei geherzt und sei willkommen.
Leg als Mantel dich um mich.
Hoppla, du hast Platz genommen!”