Montag, 8. Juli 2024

Herr Blattschuss folgt seinen Trieben

Der Herr Blattschuss wacht morgens auf und ist schon mürrisch drauf. Das ist sonst nicht so, aber heute. Er weiß heute ist der Tag, an dem er seinen eingetretenen literarischen Pfad verlassen muss. Sein Doktor hat ihm das ans Herz gelegt, denn dem Herrn Blattschuss steht eine Verblödung ins Haus. Herr B. ist süchtig nach Arztromanen. Die verschlingt er zum Frühstück, Mittagessen und Abendbrot.

"Der Körper liest mit, Herr B." hat der Arzt gesagt. "Sie müssen ihren literarischen Pfad verlassen und auch mal was Gesundes lesen. Gedichtbände zum Beispiel, ja und Erstausgaben erfolgloser Schriftsteller. Die ersten werden die letzten sein, kleiner Scherz, haha, auch Antiquarisches, das ist sehr gehaltvoll, jaja. Schriftsteller war damals noch eine Berufung und kein Beruf, hören sie, Herr B.! Die armen Teufel sind dutzendweise für ihre Ideale in die Kiste gesprungen. Solche ballasthaltige Kost brauchen sie. Nicht den aalglatten Konfekt von Schwester Brunhilde und ihrem ähh, Doktor."

So denkt Herr B. an den letzten Termin und merkt nicht mal, dass er beim Ankleiden die Mütze falsch herum aufsetzt. Draussen regnet es, bald wird es auch schneien. Sorgenvolle Gedanken schieben sich, dicken Raupen gleich, durch seine Morgenwelt. Die muss er loswerden, also dackelt er noch mal in die Praxis, mit verdrehter Mütze und verdrehten Gefühlen.

"Neues ist gefährlich" händeringt Herr B. "Ich habe von spontanen Geisteszuständen gehört. Manche Leute sollen danach herumgelaufen sein und von Niveau geredet haben. Genie und Wahnsinn sollen dicht beieinander liegen, ja auf offener Straße miteinander schmusen, Herr Dokter. Einer soll gesagt haben, verkehrt herum gelesen mache das Buch erst Sinn! Er las ein Telefonbuch Herr Dokter. So was macht mir Angst. Soll ich nicht lieber auf Liebesromane umsteigen? Die regen bestimmt an, ja?"
"Nein, Herr B., das sind Gerüchte, nur so leer gedroschenes Stroh. Leben sie die Vielfalt. Auf einen Hesse können sie schon mal ein lustiges Taschenbuch folgen lassen."

„Da fällt mir aber ein Stein aus der Niere, Herr Dokter, Sie machen mir richtiggehend Lust auf die Avantgarde.“ Gesagt getan. Herr B. schlägt sich wohlfeil ins wilde Gebüsch, dass die Federfuchser da so struppig wuchernd in die platte Landschaft kippen. Nachdem er die ausgetretenen Straßen des Mainstreams hindurchgehüpft ist und nur verächtlich gelacht hat über all die müden Socken, die Dünnbrettbohrer, die immer nur den Weg des geringsten Widerstandes gehen und nicht weitergehen wollen, stehenbleiben bei eilig zusammengenagelten Mythenfetzen und staunend den immer wieder selben Sensationen nachgeifern, weil sie das Langzeitgedächtnis schon lange für ein Mitspracherecht unter ihresgleichen eingetauscht haben.

Was für ein plumper, rückratloser Bückling er gewesen war. Er hat die schönen einsamen Früchte nicht gesehen, die abseits des Weges unter schweren Dornen reifen! Doch jetzt kämpft er sich vorwärts. Schon bald hat ihn kein Mensch mehr gesehen. Er schmaust Festmähler jenseits aller Vorstellung. Er hat sich ein Haus errichtet mit einem Fundament aus Folianten noch aus dem Zechstein und Dachschindeln aus Anthologien. Eine Tür ganz aus Grimoires mit Bannsprüchen gegen Heyne, Bastei und Co. Er hält sich sogar eine kleine bissige Streitschrift in einem Zwinger aus Lehrbüchern.

Doch ach, es sollte ihm nicht gut ergehen. Schon bald fängt Herr B. an, zu interpretieren, mit sich selbst zu hadern, zu reflektieren und zu sinnieren und zu philosophieren und der ganze Zirkus. Nach einem russischen Revolutionswälzer ist Herrn B. vier Wochen schlecht. James Joyce bringt ihn schließlich auf die Intensivstation.

"Abwechslung, Mann! Um Gottes willen!", stirnrunzelt der Arzt. Herr B. blickt ihn gequält an. Er kann nicht mehr anders, nie mehr will er zurück gehen in diese schalen Niederungen des immer wieder kehrenden Dummseins. "Wer einmal aus dem Blechnapf fraß, haarrrgh!", ächzt er und schießt sich mit einem Traktat über "Irrationale Logik" ins Nirwana. Später dann hat man ihn ganz locker auf Telefonbücher umstellen können. 

Donnerstag, 4. Juli 2024

Gehirnfernsehen

1.

Ich sitze in einem abgedunkelten Raum mit Bildschirmen und warte auf den Doktor. Mein Kopf ist verdrahtet und schwer, ich betrachte mein Gehirn im Schnitt. Dreht man am Knopf, fährt die Kamera glatt durch die Windungen, bis zwei weisse Augenbälle erscheinen. Das sieht gruselig aus, wie ein Marsianer. Dieses graue, vergnubbelte Ding mit den 2 Geleebällen ist mein Ich, nein oder war ich vor 10 Minuten, war ich das wirklich? Hätte man mir ein anderes Ich reingeschmuggelt, zack-reingebeamt würde ich das merken? Neenicht. Menschen sind oft nicht dass, wofür man sie hält, denke ich und frage mich, ob das auch für mich gilt... Velleicht haben irgendwo Leute ihren Spass mit Persönlichkeitszapping, bei launischen Typen wird einfach öfters gezappt.

Ich drücke gerade noch ein paar Knöpfe: Wasmachtdaswasmachtdaswasmachtdas? Irgendwie fühle ich mich nun anders. Wer bin ich, wo bin ich? Warum habe ich Hunger auf Regenwürmer?
"Tut mir leid, an sich selber dürfen Sie nicht rum spielen..." Eine Hand legt sich schwer auf meine Schulter. Das Gesicht dazu kann ich nicht sehen, es liegt im Dunkeln, verdammt, was... "Sooo, das Backup drauf gespielt..., alles klar?" Zzzippp. Muss wohl eingenickt sein. "Ach ja, klar, Herr Doktor, ich hab hier schon mal auf sie gewartet." "Kein Thema, also dass hier sind Sie..."

2.

Seit ich von meinem Arzt so Glückspillen bekommen habe, berührt mich der Libanonkrieg im Fernsehkasten gar nicht mehr so. Erst sehe ich einen Fahrradfahrer, den eine Katjuscha vom selbigen geholt hat, nur die Füsse sind noch übrig. „Sauberer Schuss“, denke ich. Dann ein Schiff mit Flüchtlingen, dass nach Zypern fährt „Da wollte ich auch schon immer mal hin, toll.“
Ich nicke kurz ein. Bob Geldorf weckt mich und sagt mir, dass im Sudan auch diese Nacht wieder tausende Kinder auf der Flucht sind und wünscht mir einen geruhsamen Schlaf.
So ein netter Mensch. Ich lächle still in mich hinein. Die Nacht ist dann wirklich ausgezeichnet.

And I find it kind of funny
I find it kind of sad
The dreams in which I'm dying
are the best I`ve ever had


Ich wache auf. Erst ein wenig Müsli, dann die gute Tablette. "Reis and Schein!", wie der Engländer sagt. Mir wird kurz schlecht, dann kalt und heiß und dann geht es wieder. Dann pumpe ich das Fahrrad auf und radle los. Mir wird gar nicht bewusst, wie sich die Landschaft verändert. Lauter ocker Steine, auch Dreck und noch mehr Steine um mich rum. Verdammt heiss auch, Steinofen! Endlich ein paar Gebäude, seltsam, keiner da. Doch, Ziegen. „Mäh!“ grüße ich. Die schlackern mit den Ohren und kauen echt unbeeindruckt. Ein schrilles Pfeiffen schreckt mich auf, dann fliegt etwas großes Dunkles auf mich zu und es wird Nacht.

Die Apfel- und die Birnbäume erblühten,
Nebelschwaden lagen über dem Fluss,
da ging Katjuscha hinaus aufs Ufer,
auf das hohe, steile Ufer
.“

Noch ein Erwachen. Vor mir liegt ein Sack, der mir erzählt er käme von Care und enthielte Weizenmehl. Sauber. Mehlbomben auf Zivilisten.
Das Säcke reden können, ist mir seit längerem bekannt, sollte aber allgemein verboten werden.
Ich sehe einen Mann mit blauen Helm auf mich zulaufen. „Tut mir leid, ist mir aus der Hand gerutscht“ „Ein Mehlsack?“ „Scheiße, nein, Mörtel!“, lacht er. Alles verändert sich wieder.
Ich liege neben einem Baugerüst in der Witzlebenstrasse. Naja.

3.

Ich bin krank. Ich habe eine Missverständnislücke. Aber was fase ich da. Ich denke, jeder macht was aus dem andern. Der Ton rutscht langsam herunter, er ist zu dünn, zwei Finger breit. Die Welt als Hörbuch. Alles klimpert so schnell vorbei wie ein Postkartenständer, aber viel zu schnell und ich soll mir was raussuchen. Aber ich will nicht wirklich die Hand da rein stecken.
Das tut bestimmt weh. Ach ich hab's, ich nehm den Fuß! Wah, was für ein Schlamassel. Jetzt regnet es Ansichten.

Ich nehm nun keine Pillen mehr vom Arzt, die machen mich duhn. Die stapeln sich jetzt im Schrank immer höher, ja sie quellen schon heraus und liegen im Zimmer wie Sand. Manchmal bin ich Dagobert und tauche hinein. Schaumkronen chemischer Freude rasseln über den Balkon.

Von den Siechellen habe ich einen Eimer gestellt, einen rot emaillierten. Zum Sonne einfangen, für die Brille und für die Frösche aus dem Schwimmpool, das Blau kommt vom Curacao, wie man weiss. Goldbrassen setzen auch Segel. Sie schauen sich die Kacheln von unten an und ich fang Fang locker vom 5 Meterkickboard aus, rollend. Easy! Und dann dreht sich das alles um 360°? Ach Sonnenwende. Leise geht der Mond zu Grunde. Das kommt vom Gold! Morgens nicht in den Mund nehmen! Was dann? Regenwürmer?

4.

Den Hunger auf Regenwürmer verspüre ich immer noch ab und an. 

Freitag, 7. Juni 2024

Die Handlung, die Wandlung

Die trotzige Behauptung: das Handeln offenbare den Charakter. Was ist nun ein Charakter? Ist es ein Unterschied, ob man liebevoll zubereitete Moral, die man dankenswerterweise kindgerecht aufgegessen hat, in sich fühlt? Oder sich Moral als Erwachsener aneignen muss? Die Moral als Muttersprache. Das Moralgebäude ist mit vielfachen logischen Fallstricken bespannt.

Vom "Das macht man eben so." bis zum "Deshalb macht man das so." ist es beim Lernen der Syntax ein Weg. Dazwischen kommt "Ist das wirklich gut für den anderen und für mich? Warum? Warum tut es dann weh? Wieso darf ich nicht verdrängen? Werde ich manipuliert? Ist Manipulation schlecht?" Beim nüchternen und schonungslosen Durchdenken prallt man grauenhafterweise gegen unangenehmen Egoismus, Feigheit und auch schwarze Monster, die vorgeben, die Realität zu sein.

Das heisst auf der einen Seite sind sie hübsch, nur auf der anderen schwarz und hässlich (wer hat das gesagt?) "Hoppla, Herr Monster!", entschuldigt man sich und verbeugt sich linkisch und zieht den steifen Zylinder gerade so, als solle etwas hineingeworfen werden. Besser, sie alle zu entlassen, die inneren Klassenkameraden? Ja, denn sie sind verdorben, edle Schimmel sind sie. Sie hinterlassen Leere.

Das fordert Mut vor sich selbst und ist so seltsam, dass man sich wiederum fragt: Warum? Wieso darf ich nicht Krüppel bleiben? Oder bin ich heil und werde zum Krüppel? Wo ist die Wahrheit? Wird mir mein Ich genommen oder wird mein Ich? Ist am anderen Ende des Ichs das Du, das Wir oder wieder nur ein Ich und welches? Gebe ich mir etwa selbst die Hand?

Aber ja doch, ich bin ja alle. Halt, ich darf nicht alle sein. Der Imperativ hat es mir verboten. Der innere. Da ist noch ein anderer. Die beiden kämpfen, ich bin das Schlachtfeld. Halt nochmals. Klingt das nicht passiv? Nein, denn ich lasse kämpfen. Ich habe sie beide bezahlt. Bald bin ich alle. Bald bin ich wie alle anderen. Die Synapsen werden mir aus den Ohren herauswachsen wie Tentakel und mich mit allen Wesen verbinden. Ich werde unsere Fehler verstehen.

Samstag, 1. Juni 2024

Hegel und Marx - die aristotelische Synthese

Michael Conradt stellte in seiner youtube-Reihe die Behauptung auf, die Hegelsche Dialektik, die Dialektik des Geistes sei die Antithese zur Marxschen Dialektik, der Dialektik der Materie. Danach stellte er die Frage nach der Synthese beider Dialektiken. Hegel greift natürlich weit zurück auf Platon, der postulierte, die Wirklichkeit sei ein Abbild einer realeren (göttlichen) Geisteswelt. Marx stellte die Sache anders dar und meinte, die Materie bestimme den Geist. Auch Marx können wir einen berühmten Griechen voranstellen, nämlich Demokrit, der als erster die Welt aus Atomen aufgebaut sah. Was ist nun die Synthese von Hegel und Marx?

Diese braucht gar nicht neu erfunden werden, sie ist nämlich schon lange vorhanden: es ist die wissenschaftliche Methode der Induktion und Deduktion. Auch diese hat ihren Ursprung in der platonischen Ideenlehre und wird seitdem weiterentwickelt. Dabei meine ich nicht die Benutzung von Modellen und Plänen an sich, die sicher noch weiter zurückgeht, sondern die Erkenntnis Platons, dass göttliches Modell und menschliche Erfahrung gegensätzlich sind und seine Argumentation, Geometrie sei ein göttliches Ideal. Sein Schüler Aristoteles führte dann die Induktion, die Abstraktion von Naturphänomenen, ein. Die Abstraktion ist dann schon die diesmal ganz menschliche Modellbildung, Idealisierung. Die Anwendung des Modells auf die materielle Wirklichkeit ist schliesslich die Deduktion. Induktion und Deduktion sind die Vermittler zwischen geistigem Ideal und materieller Wirklichkeit und Aristoteles schliesslich der Gewinner des Conradtschen Preisausschreibens. Mit der wissenschaftlichen Methode gewinnen wir aus materiellen Tatsachen geistige Idealvorstellungen (Modelle) und mit diesen Vorstellungen beeinflussen wir wiederum die Materie.


These und Antithese lassen sich ideell einerseits als unterschiedliche Mengen und die Synthese als Schnittmenge darstellen. Andererseits können These und Antithese auch polare Punkte einer geordneten, quantifizierbaren Menge sein (z.B. schwarz und weiss in der Graustufenmenge). Falls beides nicht gelingt, können beide immer noch durch eine qualitative Übermenge eingeschlossen werden. Es geht also immer um eine Erweiterung des gedanklichen Blickfelds. Materiell gelingt die Synthese durch Umverteilung von Materie, also Taten. Die Synthese beider Thesen gelingt durch Feedback, also deutsch Rückkoppelung. Tat-Erkenntnis-Tat-Erkenntnis.... Das Ergebnis von Rückkoppelung ist Weiterentwicklung.

Bonusmaterialspinnerei:

Bisher habe ich die Dialektik als Methode behandelt. Bleibt noch die Dialektik als Weltbild, ein leicht esoterisches Unterfangen. Holen wir nun noch weiter aus und meinen, der Geist sei eine spezielle Dynamik und Verteilung der Materie. In diesem Sinne hätte Marx dann Recht, die Materie bestimmt den Geist, ja sie IST der Geist. Andererseits besteht Materie hauptsächlich aus physikalischen Kraftfeldern. Damit sind wir schon bei Einstein. Energie ist die Synthese von allem. Energetische Dialektik ist en vogue. Eine Dialektik nicht über Mengen oder Materieverteilung, sondern über Energieverteilungen, gleich mit Anschluß an die Informationstheorie. Und hoppla, wie schön sich der Kreis schließt. Betrachtet man Information als Geist, ist man schon wieder bei Hegel. Genauer betrachtet stehen sich heute also nicht mehr Marx und Hegel gegenüber, sondern klassische Physik und die Informationstheorie.

Hier nun noch eine kurze These über die Frage, ob Zeit und Raum gequantelt sind. Das ist eine Frage, mit der sich unter anderem die Theorien der Quantengravitation beschäftigen.  Zeit und Raum sind eigentlich reine Messgrößen, die in ihrem Fall den Geschwindigkeitsanteil von Energie beschreiben. Die kleinste Energieeinheit ist der Planck-Quant. Dazu existieren auch eine Planck-Zeit und eine Planck-Länge. Weiter können wir Energie, Zeit und Raum nicht auflösen, dies ist das kleinste mögliche Beobachtungsraster. Da Zeit und Raum also menschliche Hilfsmittel sind, um die physikalische Wirklichkeit zu erfassen und beide auf der Energie basieren, sind sie dadurch möglicherweise gequantelt. Es wäre also nicht die Brille kariert, mit der wir Raum und Zeit betrachten, Raum und Zeit wären die karierte Brille, mit der wir die Energie betrachten.

Wir haben da für die kinetische Energie =1/2 x Masse x (Raum / Zeit)^2

Änlich gilt für die Wärmeenergie = Masse x Wärmekapazität x Temperaturunterschied

Trotzdem existieren Ausdehnung, Zeit und Masse natürlich auch ohne dass sie gemessen werden und sind intuitiv erfassbar. Energie hingegen ist ein abstraktes vereinheitlichtes menschliches Konstrukt. In „Was ist eigentlich Vernunft“ benannte ich die Eigenschaften von Objekten als die einzige natürliche Größe und alles darauf Aufbauende abstrakt. Aber hier sind wir in einem Dilemma, denn man kann nicht beweisen, dass es kleinere Messeinheiten gibt ohne dass man sie messen kann. Und da wären wir wieder. Alles was über kleinste und größte Messgrenzen hinausgeht, kann zwar gedacht, aber nicht erfasst werden. Naturwissenschaften sind kariert. Geisteswissenschaften sind kontinuierlich.


(Bild: Wikipedia)

Sonntag, 26. Mai 2024

Das Kroko und die Ventildrossel Teil 6

 Derweilen unter Wasser:

Ich muss träumen, dachte der kleine Grünling, von seiner schweren Halskrause befreit. Scheu tasteten seine Scheinwerferaugen durchs Dunkel. Wie wunderschön sie ist. „Wer bist du?", fragte es. „Ich bin die Meeresgöttin Margo." „Mein Wille ist es, meine Kinder vor Unrecht zu beschützen." „Danke!" „Leider kann ich nicht überall sein" Jetzt sah sie traurig aus. „Was für schöne Augen du hast", sprach sie. „Wohin bringst du mich?" „Nach Haus...." Kroko strahlte vor Glück. „Nach Haus..." wiederholte es und dachte an das Drosseli.

Unvermittelt rümpfte es die Nase. Irgendetwas roch hier seehr eigenartig. Blubb, Blubb. Kroko trieb wieder im Sumpf. Blasige Blasen stiegen um es herum auf, Kleinblasen und Grossblasen. Aua, der Kopf brummte und puhh, wie das stank! Kroko kannte das von zu Hause: entweder man hatte Besuch im Teich oder die Luft wurde bald knapp. Auf jeden Fall hieß es Leine ziehen, denn was immer es war, es war ob der Blasenzahl mächtiger als der Grünling. Also wieder heraus aus dem Sumpf und an den Strand, mal sehen was Paketmann so trieb. Auf dem weg dahin grummelte und bebte der Fußboden so eigenartig und es war beinahe wie im Traum noch. Es dauerte eine Weile, bis Kroko den Paketmann fand. Der hatte sich inzwischen aus dem gelben Aufblasdingens und ein paar Stöcken am Strand eine Art Käfig mit Dach gebaut, unter dem er nun saß und mit einem Stein wie ein Besessener auf einer der Kugeln herumklopfte, von denen eine unserem Vierbeiner beinahe auf die Nuss beziehungsweise den Kopf gefallen war. Neben ihm lag noch ein ganzer Haufen solcher Kugeln, auch Kokosnüsse genannt...

Forsch watschelte Kroko darauf zu und biss in eine hinein. Krach. Dann die nächste. Knack. Und weiter. Die Dinger mussten unschädlich gemacht werden, bevor sie wieder auf die Bäume kletterten. „Na, da bist du ja wieder, hee dass sind meine... super, du kriegst sie auf!" war Paketmanns wirre Begrüßung. Dann sprach er erstmal eine Weile gar nichts, weil er mit seinem Steinchen und auch den Fingern die weißen Innereien der Kokosnüsse in sich hineinstopfte und schmatzte. „ Du bist ein prima Nussknacker", sagte er später. „Komm lass uns ein Nickerchen machen".

Das war eine vernünftige Idee, aber Kroko wollte es ein wenig kühler und buddelte sich vorne weiter eine Kuhle in den feuchten Sand, die sich mit Wasser füllte. Hier ließ es sich vorzüglich pennen. Schhhhhh, machte das Meer. So ratzten sie eine Weile lang, bis sie wieder ein Grummeln und Beben aus dem Schlafe riss. Das Kroko watschelte zum Paketmann und schaute ihn fragend an. „Hast Dus auch schon mitbekommen, was? Guck mal nach da oben." Es guckte und staunte. Es gab keinen Zweifel, da war ein ganz schön hoher Berg da oben.

Seine Spitze, hoch über allem Grün, die irgendwie abgebrochen wirkte, qualmte. Qualmen war nie gut. „Und soll ich dir noch was sagen, ich bin mal ein Stück da rauf geklettert. Hab mich umgeschaut. Wir sind hier auf einer Insel. Nett ne?" Klang aber nicht nett, wie Ronnie es sagte, eher wie ein Schimpfwort. „Wird schon wieder aufhören. Komm mit, ich bau dir ne Kleckerburg". „Schau hier, so ähnlich macht der Vulkan da oben auch." Flüssige Sandpampe lief aus Paketmanns dunkelbraunen Händen und er grinste breit. Lustige Kleckermuster bildeten sich, wenn der Sand an Wasser verlor und fester wurde. Bald war ein stattliches Hügelchen zusammengekleckert. Später am Tage saßen die beiden zusammen im Sand und schauten auf das Meer hinaus. Das Grummeln hatte wie bestellt aufgehört und die Vögel zwitscherten wieder. Langsam ging die Sonne unter, der Himmel färbte sich orange und das Meer rauschte friedlich. „Ah, wie wundervoll." Seufzte Paketmann. „Wenn du jetzt noch Feuer machen könntest!" Kroko rollte mit den Augen.

Mittwoch, 8. Mai 2024

Ritterballade (kooperativ mit Cornelia)

Rico’s Edit:

Es war mal ein fahrender Ritter,
der kam in ein schlimmes Gewitter.
Da ging es ihm schlecht, 
sein Helm war aus Blech
und das bereute er bitter.

Es flossen die Regenbäche, 
durch Helm und durch Scharniere.
Und was, wenn durch die Bleche, 
ein Blitz vom Himmel führe?

Seinem Pferd jedoch gings gut,
ohne Schirm und ohne Hut.
Wiehernd pfiff es vor sich hin
trotz Gewitter froh im Sinn.
Der Ritter platzte fast vor Wut.

Er ritt durch das Land der Angeln 
schon seit mehreren Wochen. 
Und, das muss man bemangeln, 
dort regnet es ununterbrochen.

Es war damals auch keine Wonne
im heißen Land der Bengalen.
Denn unter der heißen Sonne
litt er scheußliche Qualen.

Wie konnt' nur sein Ross fröhlich pfeifen
und nicht im geringsten zu begreifen,
dass er so litt und ächzte
und nach nem Sonnenstrahl lechzte?
Er befahl ihm, sich’s zu verkneifen!

Das Pferd sprach darauf zum Ritter:
„Ich trag dich durch dieses Gewitter
und sicher auch noch viel weiter 
und trotzdem bleibe ich heiter. 
Ich pfeif, auch wenn es dir nicht passt, 
egal, welche Laune du hast!“

„Derdaus!“, pfiff’s donnernd von oben
so dass die Wolken zerstoben,
(Vergnatzt die beiden weiter ritten,
als hätten sie sich recht zerstritten),
da begann der Himmel zu toben.

So kamen sie in einen tiefen Morast
und wären beinahe ersoffen, 
da war der Ritter in eiliger Hast
von schwerer Entscheidung betroffen.

Immer tiefer zog ihn sein Gewicht!
‚Soll ich? Oder soll nicht,
den Helm entfern’ vom edlen Kopfe?
Am eigenen Schopfe
sollt ich mich ziehn,
um dem Moraste zu entfliehn!’

Jedoch die Entscheidung platzte,
sein Antlitz verzog sich zur Fratze.
Viel zu flott versank er im Sumpfe,
feucht wurden ihm Augen und Strümpfe,
unterm Helm das Wasser schon schmatze!

Im Sumpf lebte auch eine Nymphe, 
die mürrisch ihr Näselein rümpfte. 
‚Wie konnt‘ dieser Ritter versinken?‘ 
und packte ihn an seinem Zinken, 
geradewegs durch das Visier, 
und sagte „Dich schnappe ich mir!“

Der Ritter war nun ihre Beute, 
ein Prachtstück, was sie sehr freute!
Sie tat ihn ganz lieb umsorgen, 
er fühlte sich wirklich geborgen, 
bei der Nymphe und ihrer Meute.

Der Gaul rief: „In diesem Sumpf,
habe ich keine Zukumpf!
Drum gebt mir die Bleche, 
die trag ich ganz freche 
als eine Attrappe,
so dass ich als Rappe, 
frei bin, mein einziger Herr 
ein Geisterreiter dann wär.‘“

Die Nymphe lachte vergnügt 
‚Wie sich alles nun fügt! 
Wir haben hier einen Geist, 
er ist Herr Heinrich von Kleist,
der wäre so gern mal ein Ritter 
und fürchtet sich nicht vor Gewitter.‘“

Von Kleist kam bei kräftigen Brisen 
ins windige Land der Friesen. 
Dort ging er ans Land, 
das Pferd sah gebannt 
auf all die saftigen Wiesen.

Dann traf er den jungen Hauke, 
der haute nicht schlecht auf die Pauke, 
denn bei jedem Storm, 
ritt er ganz weit nach vorn, 
wo sich das Wasser hoch staute.

Doch als der Deich diesmal brach, 
sagte Kleist, ‚Komm mach mich nicht schwach! 
Bleib heute hier und wir trinken ein Bier 
und regeln den Notfall danach".

Doch Hauke hatte keine Lust,
schob eiskalt seinen Todesfrust.
Wohl aber schrie sein rebellischer Schimmel:
„Komm, schöner Rappe, dich schickt mir der Himmel!“
Auch dieser verliebte sich Hals über Kopf,
schüttelte keck seinen Rappenzopf 
und sein Herz schlug wild in der Brust.

Und nach dieser stürmischen Nacht 
ist der Hauke als Geist noch erwacht. 
Man sah soft beim Spiele 
der Pferdefamilie,
zwei Schatten, die schaurig gelacht.
(Und auf dem schwarzweißen Fohlen
spielten sie später dann Schach.) 

Cornelia’s Edit:

Es war mal ein fahrender Ritter,
der kam in ein schlimmes Gewitter.
Da ging es ihm schlecht, 
sein Helm war aus Blech
und das bereute er bitter.

Seinem Pferd jedoch gings gut,
weil es trug einen Regenhut.
Wiehernd pfiff es vor sich hin
trotz Gewitter mit frohem Sinn.
Der Ritter platzte fast vor Wut.

Es flossen Regenbäche, 
durch Helm und durch Scharniere.
‚Und was, wenn durch die Bleche, 
ein Blitz vom Himmel führe?’

Er ritt durch das Land der Angeln 
schon seit mehreren Wochen. 
Und, das muss man bemangeln, 
dort regnet es ununterbrochen.

‚Wie konnt nur sein Ross so fröhlich pfeifen?!
Ohne im geringsten zu begreifen,
dass er soooo litt und ääächzte
und nach nem Sonnenstrahl lechzte.’
Er befahl dem Gaul, sich’s zu verkneifen!

Das Pferd wiehert’ darauf zum Ritter:
„Ich trag dich durch dieses Gewitter
und sicher auch noch viel weiter 
und trotzdem bleibe ich heiter. 
Ich pfeif, auch wenn es dir nicht passt, 
egal, welch üble Laune du hast!“

„Derdaus!“, pfiff’s donnernd von oben
so dass die Wolken zerstoben,
(Vergnatzt die beiden weiter ritten,
als hätten se sich für ewig zerstritten),
fing grellend der Himmel an zu toben.

So kamen sie in einen tiefen Morast
und wären beinahe ersoffen, 
da hat der Ritter in eiliger Hast
eine schwere Entscheidung getroffen.

Immer tiefer zog ihn sein Gewicht!
‚Soll ich? Oder soll nicht,
den Helm entfern’ vom edlen Kopfe?
Am eigenen Schopfe
sollt ich mich ziehn,
um dem Moraste zu entfliehn!’

Jedoch die Entscheidung platzte
und sein Antlitz verzog sich zu ner Fratze.
Viel zu flott versank er im Sumpfe,
feucht wurd ihm Auge und Struempfe,
denn unterm Helm war nur ne Glatze!

Im Sumpf lebte auch eine Nymphe, 
die mürrisch ihr Näselein rümpfte. 
‚Wie konnt‘ dieser Ritter versinken?‘ 
und packte ihn an seinem Zinken, 
geradewegs durch das Visier, 
und sagte „Dich schnappe ich mir!“

Der Ritter war nun ihre Beute, 
ein Prachtstück, was sie sehr freute!
Sie tat ihn ganz liebevoll umsorgen, 
er fühlt’ sich unglaublich geborgen, 
bei der Nymphe und ihrer Meute.

Der Gaul rief: „In diesem Sumpf,
habe ich keine Zukumpf!
Drum gebt mir die Bleche, 
die trag ich ganz freche 
als eine Attrappe,
so dass ich als Rappe, 
frei bin, mein einziger Herr 
ein Ghostrider dann wär.‘“

Die Nymphe lachte vergnügt 
‚Wie sich alles nun fügt! 
Wir haben hier einen Geist, 
er ist Herr Heinrich von Kleist,
der wäre so gern mal ein Ritter 
und fürchtet sich nicht vor Gewitter.‘“

Der Rappe stormte desgleichen
auf unverschlammten Deichen
zurück an die Nordsee nach Husum,
um Theodors Schimmelreiter kurzum,
mit Heinrichs Ghost in mut’ger Brüstung
und fescher blechener Rüstung,
als neuen Helden zu erreichen.

Dann traf er den jungen Hauke, 
der haute nicht schlecht auf die Pauke, 
denn bei jedem Storm ritt er, 
ganz nach vorn, 
wo sich das Wasser hoch staute.

Doch als der Deich einmal brach, 
sagte Kleist, "Komm mach mich nicht schwach! 
Bleib heute hier und wir trinken ein Bier 
und regeln den Notfall danach"
Der müde Hauke hatte so gar keine Lust
und schob eiskalt seinen Todesfrust.

Wohl aber schrie sein rebellischer Schimmel:
„Mein Rappe, Dich schickt mir der Himmel!“
Der verliebte sich Hals über Kopf,
schüttelte keck seinen Rappenzopf 
und sein Herz schlug wild in der Brust.

Und nach dieser stormisch-erotischen Nacht 
ist auch Haukes Liebe zum Leben wieder erwacht. 
Man sah sie oft beisammen beim Spiele 
des schwarzweißen Fohlens der Pferdefamilie,
obenauf zwei Geister, die fröhlich gelacht.

Das Kroko und die Ventildrossel Teil 5

 

Doch zurück zur Kaptänskajüte. Nun, wir wollen nicht verheimlichen, dass der Käpt'n neben jeder Menge Gold auch noch einen Papagei namens Master Mine besaß. Das war ein schneeweißer Kakadu, der seinen Schopf lustig auf und nieder stellen konnte und auch sprechen, zum Beispiel: „Galeone in Sicht! Fertig machen zum entern! Gehauen und gestochen! Spießgesellen! Spitzbube! Bandit! Teufel, Teufel! Mistviech, halt den Schnabel!" und so weiter. „Wo hab ich denn deinen Käfig verramscht, Kamerad?" „Dein neuer Genosse braucht glaub ich, ein wenig gesiebte Luft fürs erste! Zackige Zähne und gerissene Äuglein! Sicher ist sicher, sonst beißt du mir im Schlaf eins, zwei die Nase ab, nicht war?" Der stählerne Haken bohrte sich unter Krokos Kinn „Ich hab dich gleich durchschaut" Und dann lachte der Schwarzbart, dass die Schärpe wackelte. Und fiel vornüber aufs Gesicht. Ein mächtiges Wummern erschütterte das Schiff.
Beim vornüber Fallen griff Schwarzbart nach der Tischplatte und warf das Möbel mit Schwung in die Senkrechte, worauf das Kroko kopfüber in einem goldenen Krug landete, so das nur noch die Hinterfüße und das Schwänzchen zu sehen waren. Auch Mr. Graven an Deck, der noch immer brütete, woher das verdammte Krokodil so plötzlich aufgetaucht, gar vom Himmel gefallen (er war etwas schlauer als der Käpt'n) war, setzte sich auf seine vier Buchstaben. Den Dreispitz schob er sich vom Gesicht und runzelte erneut die Stirn. In den Mannschaftsräumen fielen die Schlaf-Piraten aus den Kojen, suchten nach ihren Entermessern und Laternen. In der Kombüse hopsten die Töpfe vom Haken. Holzbeinmann blickte über die leere, aufgepeitschte Wasseroberfläche. Irgendetwas Unterseeisches wütete am Schiff und die Gallionsfigur war bereits aus ihrer Verankerung gerissen und verschwunden. 

Da, ein riesiger, grüner, schuppiger Leib! Da, eine Klaue! Wumm! Mr. Oars hielt das Ruder und betete. Endlich kam Bewegung an Deck. Aufgescheuchte Piratenmatrosen brachten ihre Gewehre in Stellung und schossen ins Wasser. Dann fuhr eine grüne Faust mit einem gewaltigen Hieb durch die Schiffswand, genau da, wo die Kaptänskajüte lag. Holzsplitter regneten. Und das Ungeheuer richtete sich auf übers Wasser. Einige der Matrosen plumpsten in die See. Die anderen erstarrten vor Entsetzen. Was sie da angriff war, eine riesenhafte Verkörperung ihrer schuppigen Schutzgöttin Margo, genau, wie sie als Gallionsfigur vom Bugspriet gehangen hatte. Halb Fisch, Halb Frau. Sie waren verflucht.

Im Zeitlupentempo zog sie die Faust wieder aus dem Schiffsrumpf. Etwas güldenes, in ihrer Hand fast winziges blinkte darin. Triumphierendes Gelächter erschallte. Bösartig und verlockend zu gleich. Die Männer an Deck hielten sich nun die Ohren zu und besonders Furchtsame warfen sich mit dem Gesicht zu Boden. Margo riss die Augen weit auf und schüttelte ihre meeresgrünen Haare. Seetang und –sterne flogen umher (Mr. Oars bekam einen ins Gesicht). Mit einer flinken Handbewegung knickte sie den Hauptmast der Brigg, als sei es ein Streicholz. Ein zufriedenes, meterlanges Lächeln spiegelte sich auf ihrem Antlitz. Dann versank sie im Meer. Die Brigg, nunmehr ein Wrack, dippte in ihrem Strudel. Aus dem Kapitänskajütenloch flog etwas Weißes und schrie:"Hurrra, Hurra, gehauen und gestochen! Auf die Beine ihr Halunken!". Dann war alles ruhig.

Samstag, 4. Mai 2024

Das Kroko und die Ventildrossel Teil 4

 

Die Nacht war sternenhell und es befand sich auf einem schwankenden Holzschiff. Auf und ab. Auf und ab. Weisse Stoffbahnen blähten sich an drei Mastbäumen. Und am höchsten Mast ganz oben flatterte eine Schädelflagge! Tock, tock, tock. „Wen haben wir denn da?" Der Velourgrünling schaute in ein langes, knochiges Gesicht mit schmallippigem Mund, Hakennase und kühlen hellgrauen Augen, umrandet von ebenso grauem, silberigem Haar, auf dem ein Dreispitz saß. „Guck guck!" Eine Hand mit stählernem Griff umklammerte seine Schnauze und das Kroko verlor den Boden unter den Füßen. „ Ein willkommene Abwechslung für die Küche, har, har. Du kommst in den Topf, mein Kleiner!" Dann richtete der Mann sich auf (er war sehr groß und trug das bibberige Speiseplankroko über Deck. Mit seinem Holzbein (tock, tock) unterhielt er dabei die Männer unten in ihren Kojen ganz ausgezeichnet.

 Die Sterne beguckten noch immer die Schiffsplanken und manchmal blinzelte eines. So sahen sie auch, wie der lange graue Mann mit dem Kroko unter dem Arm unter Deck verschwand. Aber Sterne sind eitel und sonnen sich nur in ihrem eigenen Licht. An der Tür griff der Holzbeinmann nach einer Petroleumfunzel. Dann ging es über wackelige hölzerne Stufen abwärts. Tock, tock.
Ein riesiger, krummer Schatten folgte ihnen. Kroko hielt sich die Vorderbeine vors Gesicht. Dann blieb der graue Hühne stehen und hämmerte gegen eine Tür. „Käpt'n! Neuigkeiten!" Hinter der Tür rumpelte es, Glas klirrte und ein paar saftige Flüche folgten. Knarr, das Brett öffnete sich einen Spalt breit und ein Pistolenlauf schob sich dazwischen hervor. „Mr. Graven, wenn's nichts Ernstes ist, landen sie bei den Fischen, ich schwör's!" „Nee, Käpt'n! Ich hab was Lustiges gefunden." „Hah, sag's doch gleich, alter Halunke! Hereinspaziert!" So schwang die Tür auf und gab den Blick auf einen Mann frei, der etwas kleiner war als Holzbeinmann. Wie dieser war er nicht besonders dick, sondern drahtig und wettergegerbt. Im Gesicht wucherte ihm ein wilder schwarzer Bart und seine Augen funkelten wie polierte Metallkugeln. So schwarz wie sein Bart war seine Kleidung, von der sich eine rote Schärpe albern abhob. Mit einer weit ausholenden Geste hieß er den Grauen eintreten und steckte die Pistole zwischen Wams und Schärpe. Wo seine rechte Hand hätte sein sollen, war ein Haken. Ein schmieriges Lächeln bemächtigte sich seiner. „Nun raus mit der Beute, har, har!"

Schwarzbart schob mit der Hakenhand ein paar leere Weinflaschen vom Tisch, die zu Boden polterten und im Halbdunkel zwischen güldenen Kelchen, Kisten mit Dublonen, Edelsteinen, Perlen und Elfenbeingötzen verschwanden. Mr. Graven packte das Kroko auf die Platte, die Schnauze weiterhin fest umklammert. „Naa? Zuviel versprochen? Fass mol dran" „Ich wird verrückt, ein Krokodil mit Fell!" „Sollen wir das essen?" Sofort guckte Holzbeinmann wieder in die Pistolenmündung. „Das könnt euch so passen" diesmal hatte die Stimme des Käptn's einen messerscharfen Schliff. „Ordinäres Gesindel! Ohne Bildung und Verstand! Ihr würdet ein Kiste Gold nicht erkennen, selbst wenn ihr mit dem Gesicht drin läget! Das ist jetzt meins! Jeder, der sich dem Ding auf fünf Schritt nähert, bekommt den Scheitel gelüftet, beim Barte meiner Großmutter ! Nun raus, du stinkender Holzknochen! Willst du meine Zeit stehlen?" Holzbeinmann ließ die Krokoschnauze zögernd los und wich zurück. Böse grinsend schloss er die Tür. Sobald der widerliche Trunkenbold wieder einmal besoffen röchelnd in seiner Kajüte lag, würde er keinen Piaster mehr auf seine schwarze Seele verwetten. Einen Dietrich hatte er schon lange. Da pfiff er sich eins und grüsste im Vorbeigehen den Steuermann. „Einen gesegneten Abend, Mr. Oars!" Mr. Oars nickte schweigend.