Dienstag, 3. März 2026
Dezember
schwebt der Winter mit Bedacht,
hat mit seinen sanften Flügeln
uns den ersten Schnee gebracht.
Unter grauen Wolkenleibern
wirbelte ein Sternentanz
und auf leichten Flockenkleidern
schimmerte des Frostes Glanz.
Zwischen warmen Blätterdecken
schlummert nun so manche Seel,
bis der Sonnenkuss wird wecken
sie mit seinem Grußappell.
Taumond
Teiche ins Laub zeichnet tauendes Eis.
Braun und vergessen winken ganz leis’,
wie in schweren Gedanken an Liebe, vergangen,
Blätter, im Wiegen des Wassers gefangen.
Pechschwarz am Himmel, mit Mähnen schneehell,
scheuen Äste im Sturmwind, der wilde Gesell
legt dem Bruder, dem nassen, die Stirne in Falten.
Bald wechseln die Herren und neu weicht dem Alten.
Montag, 12. Januar 2026
Ein neues Leben
Herr B. wohnte in einer Satellitensiedlung nahe der großen Stadt
Polis und wenn man etwas sagen konnte über diese Siedlungen, mit
fürchterlichen Neubauten bestückt wie sie waren, ist es folgendes:Das
Leben in Polis mochte zwar hektisch und bisweilen auch grau sein,
aber es war ein graues Herz, das wenigstens schlug. Die
Satellitensiedlungen aber waren Vornekropolen, die im langsameren
Rhythmus wie Schwämme menschliches Treibgut aufsaugten und
auspressten, zu gar nichts anderem waren sie gut. Und es schien nur
natürlich, daß sich ihnen in losen schiefernen Tupfern die Friedhöfe
anschlossen, in roten die Industrieruinen und in grünen die
Schrebergärten.
Herr B. wohnte in einem Sechsgeschosser im vierten Stock, mitten
in einer Betonzeile und umgeben von Strassen. Während sich
westwärts weitere Zeilen anschlossen, war auf der Ostseite eine
größere Ödfläche, die mit Maschendraht eingezäunt war und die Herr
B. auch gern benützte, so wie viele andere, denn Herr B. hatte einen
Hund, den er sich bald angeschafft hatte, nachdem ihn seine Frau
verlassen hatte und er hierher gezogen war. Der Hund war eine Pudel-
Dackel Mischung, eine graue gelockte Wurst. Wenn Herr B. sein Haus
verließ und durch einen Durchgang ging, der unter dem Häuserblock
hindurchführte, kam er gleich an einer Apotheke vorbei, die von einem
türkischen Apotheker geführt wurde, an einem Friseur, einem
Kinderarzt und einem Physiotherapeuten. Der Gehwegrand war mit
Birken gesäumt, die Herr B. als Bäume sowieso ulkig und zum
Schießen fand, denn sie hatten schon seit ihren jungen Jahren eine
weiße Rinde, währen seine Haare immer noch schwarz waren (und
voll, wie er dazu bemerken würde) und er war schon fast 50. Ging er
noch weiter, kam er in eine Vorstadtmall mit einem Diskamarkt und
lauter so kleinen Läden wie Blumenladen, Geschenkartikel, Bäcker und
Fleischer. Halb unter der Mall versteckt war ein Parkhaus, bei dem die
Erbauer sich wohl nicht richtig hatten entschließen können, es ganz
unter die Erde zu versenken und so schaute es halb aus der Erde
heraus und in die Mall führte eine Betonrampe hinan.
Herr B. war ein rosiger und rundweg gesund aussehender Mann,
dem niemand, der ihn das erste Mal traf, abnahm, daß er ein
Frührentner war. Und doch hatte Herrn B. in der Blüte der Jahre ein
schweres Aneurysma gepackt, eine Blutansammlung im Hirn, die ihn
ein halbes Jahr ins Krankenhaus gebracht hatte, auf Leben und Tod.
Das Aneurysma, kirschgroß wie es war, hatte einiges mit ihm
angestellt, vor allem hatte sich seine Persönlichkeit deutlich verändert,
worauf vor allem seine damalige Frau beharrte und es hatte ihm auch
immer wiederkehrende höllische Kopfschmerzen beschert.
Herr B. war Akademiker gewesen, ein gescheiter und eloquenter
Mann, der mit seiner Gattin und seinen Büchern eine Etage einer
Stadtvilla bewohnt hatte, in der anderen Etage lebte dereinst ein
Professor für Anthropologie. Herr B. selbst war damals ein Dozent für
Elektrotechnik an der Universität. Als Herr B. jedoch aus der Klinik kam,
hatte er angefangen, seine geliebten Bücher zu meiden, ja, sie eins
nach dem anderen fortzuwerfen. Des weiteren, wen wundert’s, bekam
er hypochondrische Neigungen. Er kaufte Medikamente mit denen er
die Badezimmerschränke füllte, die doch eigentlich für die Kosmetika
des geliebten Weibes vorgesehen waren. Außerdem entwickelte er, der
sein Lebtag RocknRoll, Blues und Jazz geschätzt hatte, die drei
Geschwister der amerikanischen Musik, eine Vorliebe für Wagneropern.
All das sind Marotten, die, meine lieben Leserinnen, wohl kaum eine
Akademikergattin aus der Bahn geworfen hätten, wäre da nicht noch
das schlimmste und letzte gewesen, daß Herr B. nämlich anfing, einmal
gesagte Sachen immer wieder zu erzählen, wie eine Schallplatte oder
heute, wenn man modern sein will, auch eine CD mit einem Sprung.
Die Sachen die er erzählte, Schwänke aus seiner dörflichen
Jugend, den Inhalt der Revolverblätter, denen er den Vorzug zu seinen
Büchern gegeben hatte und über die Gespräche mit seltsamen
Gestalten aus noch seltsameren Spelunken ließen ihr keinen anderen
Schluß außer dem, daß Herr B. wohl einen guten Teil seiner Intelligenz
auf dem Operationstisch gelassen hatte (obwohl die Ärzte immer
wieder beteuerten, daß sie da etwas verwechsele) und sie nun mit
einem Proleten verheiratet war. Na ja, außer, daß er Wagner hörte.
Und das war es gewesen. Herrn B.s Eltern hielten von seinem Wandel
auch nicht viel und bedauerten ihn, umsorgten ihn aber im
Krankenhaus und auch später rührend und besuchten ihn häufig. Die
einzige Schwester, die Herr B. hatte, hatte der Familie schon früh den
Rücken gekehrt. Alte Freunde kamen und gingen und die meisten
waren schon bald verstört und blieben, unter Vorwänden, fern.
Die „Grüne Wiese“ war eine der seltsamen Spelunken, ein
viereckiger kleiner Betonbungalow und früher ein Jugendclub gewesen,
der dicht gemacht hatte, als das Geld für die Sozialarbeiter gestrichen
wurde. Der neue Besitzer hatte einen Tresen hineingebaut, neues,
keine Spur nostalgisches Mobiliar hineingestellt und jede Menge
Leuchtreklamen und Spiegel mit Werbungen für amerikanische
Spirituosen aufgehängt. Und natürlich gab es Billardtische. Die Klientel
indessen war die alte geblieben, die nicht mehr so junge Jugend aus
dem Jugendclub.
Hinzu waren dünne Trinker gekommen,
schmerbäuchige Männer mit Jeans und Lederwesten, mit Vokuhila
oder Glatze, meistens hatten diese dicke Schnurrbärte. Des weiteren
gefönte Weibchen mit Strähnchen und Leopardjäckchen. Was die
Musik anging, konnte jeder seine CDs selber mitbringen, was eine
gewöhnungsbedürftige Mischung aus Punkrock, Heavy Metal, Country,
Glam, Disco und Schlager ergab, mit Wagner jedoch war Herr B.
hoffungslos bei allen gescheitert und begann oft lange Tiraden über
Banausen und den schlimmen Krach der Neuzeit. Trotzdem kehrte er
gern hier ein. Er hielt im Klackern der Billardkugeln beachtete Vorträge
über die Weltregierung, Geheimkomplotts der NASA und Killerviren, die
bald überall seien.
Und hier geschah es eines Tages, daß er Gabi traf. Gabi war eine
Alkoholikerin und erst Mitte 30. Sie hatte einen ziemlich drahtigen
Körper irgendwie, ohne besondere Rundungen, kurzes braunes Haar
und tiefe, faltenumstandene Augenringe. Und, Wunder was, sie hatte
einst studiert, eine echte Sensation. Aber der Alkohol hatte sie aus dem
Leben gespült, zu den anderen Wracks und Tagelöhnern. Obwohl
Gabis IQ weit über dem lag, der Herrn B. übriggeblieben war, unterhielt
sie sich gern mit ihm und blieb an seinem Tisch sitzen, denn er gab ihr
Halt. Unter dem Tisch lag der Hund, der Herrn B. Halt gab.
Zu berichten ist von einem denkwürdigen Abend, als Gabi ihm
eröffnete, ihr biologischer Vater sei auch Elektroingenieur gewesen und
Herr B. noch spät nachts mit zerzausten Haaren am Telefon seine
ehemalige Gattin mit der Frage aus dem Schlaf nötigte, ob sie nicht
zufällig eine Tochter gehabt hätten. „Mein Gott, weißt du denn gar
nichts mehr?“, stöhnte diese müde durch den Hörer. „Nein, eben
nicht!“, schrie Herr B. zurück und knallte den Knochen auf die Gabel.
Damit war das wenigstens geklärt, Zufälle gab es immer und man
konnte ja nie wissen, erzählte Herr B. seiner grauen Wurst. Wenige
Wochen später zog Gabi bei ihm ein und stellte ihren Jack Daniels
zwischen seine obskuren Tinkturen, die er von seinem Heilpraktiker
aufgeschwatzt bekommen hatte und die er vom Türken aus der
Apotheke bezog.
Neben der Rente verdiente sich Herr B. einen zweiten Lebensunterhalt
als Fahrkartenkontrolleur bei den städtischen Verkehrsbetrieben.
So kam er erstens ganz kostenlos in ganz Polis herum. Er liebte es, in den
gelben Glas- und Stahlschläuchen, ob U- Bahn, Bus oder Straßenbahn an
spontane Ziele zu gondeln, dort auszusteigen und die graue Wurst auszuführen.
So sah Herr B. immer wieder witzige Dinge, führte streunende Hunde dem
Tierheim zu und ältere Damen über den Damm.
Zweitens hatte Herr B. eine ganz neue Schäfermentalität in sich
entdeckt, die ausgelebt werden wollte. Die Bahninsassen waren seine
Schäfchen, die schwarzen unter ihnen galt es zu finden. Herr B. sah
das Gute in allen Menschen, auch den Schwarzfahrern. Es war nur so,
daß diese selbst das Gute in sich nicht mehr so recht sehen konnten
und so ein Bußgeld war ein prima Denkzettel, haha Nachdenkzettel,
der selbst einem hochnäsigen kalten Gesellschaftsschmarotzer zeigen
mußte, daß er nicht allein auf der Welt war. Und nicht allein zu sein,
was für ein schönes Gefühl war das! So etwas verteilte Herr B. gern.
Und drittens, denn ein drittens gibt es ja immer und wer weiß wie oft
noch ein viertens, beobachtete Herr B. gerne Menschen. Wie sie sich
miteinander unterhielten, ihre Kinderwagen in die Bahn hoben, junge
Mädchen mit verheultem Makeup, die von ihren Freundinnen getröstet
wurden, Rentner mit Schiebekarren, streitende Eheleute, muskulöse
Männer mit kahlem Schädel, schlaksige Jungs mit Kaugummi und
halblanger Mähne und Touristen, die sich gegenseitig die Stadt
erklärten.
Mittagessen ging Herr B. stets an irgendeinem Schnellimbiß, denn
Kochen hatte Herr B. nicht gelernt und, wie es sich herausstellte, Gabi
auch nicht, die, wenn sie überhaupt mal etwas aß und nicht tagsüber
nur ihren Rausch ausschlief, Fertiggerichte verdrückte. So aß er zum
Beispiel an jener Schnellpizzeria an der K.-Strasse, in der vier Italiener
an der Theke standen oder zumindest hoffte Herr B., daß es Italiener
waren. Diese arbeiteten wie eine schwitzende, achthändige Maschine
in einer Atmosphäre aus hektischer Ethnomusik, Kundenwünschen und
ausgestreckten Händen, die die Bestellungen abholten. Einer knetete
den Teig, warf ihn in die Luft und klatschte ihn auf die Platte, der zweite
warf den Belag drauf, der dritte bediente die Öfen und der vierte die
Kasse. Die vier hatten ein Nummernsystem, man konnte sich so einen
Zettel ziehen wie auf dem Arbeitsamt. Herr B. gab nur seine Bestellung
an der Kasse ab, zog seine Nummer und ging nach draußen, bis die
Nummer irgendwann durch den Musikteppich geschrieen wurde. Dann
stellte er sich mit dem leckeren Teil an einen der Tische und aß.
Wenn Herr B. den Hund nicht mitnehmen konnte und er etwa mit
Frau W. auf Kontrolltour war, einer unruhigen und ungewaschenen
Frau seines Alters mit weißen Brillengestell und ebenso weißer
Ledertasche, die Hunde hasste und die, im Gegensatz zu Herrn B.,
immer auf „Quote“ aus war,keinen von der Angel liess und jeden anfuhr,
er nur noch 5 Minuten auf seinem Fahrschein hatte, daß er nächste Haltestelle
aussteigen müsse, konnte nun Gabi auf den Hund aufpassen und ihn ausführen.
Manchmal vergaß sie das aber und der Hund machte in die Wohnung,
ein Umstand, der Herrn B. dazu veranlaßte, zu versuchen, Gabi
trockenzulegen. Wobei er aber erfuhr, was es hieß, im wahrsten Sinne
des Wortes „dümmer“ zu sein. Denn Gabi fand Verstecke, gegen die jedes
Ostereiersuchen ein Klacks war. Im Klospülkasten etwa.
Außerdem fing sie an, wenn ihre eigenen Vorräte knapp wurden, Herrn
B. s Tinkturen auszutrinken, denn die enthielten fast alle Alkohol. Wenn
seine Tinkturen ausgingen, geriet Herr B., genau so wie ein Alkoholiker,
in einen zittrigen, hilflosen Zustand, aus Angst, die nächste Krankheit
könnte ihn auffressen, als Ebolahäppchen wollte er nicht enden. Also
wurde Waffenstillstand geschlossen. So in etwa könnte man die
Umwälzungen in Herrn B.s Leben grob skizzieren, die wie so viele
Biographien einfacher Leute bei genauerem Hinsehen umfangreicher
waren, als man für einen Menschen annehmen konnte und die zu
einem Nachmittag führten, der Herrn B.s Nerven arg belastete.
An diesem Tag hatte Herr B. den Hund früh selbst Gassi geführt,
um später keine Überraschungen zu erleben. Er hatte ihn auf der
Freifläche herumlaufen lassen und Stöckchen geworfen. Danach hatte
er aufgeräumt, abgewaschen und das Leergut weggeschafft. Am
Glascontainer hatte Herr B. dann seinen wöchentlichen Spaß, in dem
er die Flaschen schwungvoll wie Torpedos in den Metalltank schoß und
es herrlich splitterte und krachte. Danach verließ er die Blocks für seine
tägliche Tour.
Als er zurückkam, fand er zuhause neben Gabi und dem Hund auch
noch eine Trinkfreundin von Gabi vor, Becky. Becky war ein dürres
bleiches Weibchen mit schwarzgefärbten Haaren und Mordsohrringen,
gern im Trainingsanzug unterwegs und nicht besonders helle. Zu
Beckys schlechteren Eigenschaften gehörte es leider, daß sie keine
Ausländer mochte, besonders wenn sie wie welche aussahen, weil sie
gelesen hatte, daß die Arbeitsplätze wegnahmen. Sie nahmen sie
einfach mit und verkauften sie ins Ausland. Oder so ähnlich.
Sie schickten ihre Kinder zum Betteln statt in die Schule und
verkauften Drogen, hatte sie gehört. Trotzdem aß Becky gern in
ausländischen Restaurants, ein Paradox, welches sie sich übrigens mit
vielen ihrer engstirnigen Geisteskollegen teilte. Herr B. mochte Becky
nicht besonders, sie sagte im Rausch nämlich so Dinge, die man lieber
für sich behielt, etwa, daß Herr B. gar kein richtiger Mann sei, mit seiner
Größe und Statur.
Beim Eintreten bekam Herr B. ein großes Hallo und einige
Jauchzer, die ihre Herkunft in einer Flasche Jim Beam und einem
vollen Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch erklärten.
„Heeeeey komm rein Knutschibär, laß dich drücken“, quietschte Gabi.
Als Herr B. seine Tasche abgestellt hatte, ließ er das mit sich
geschehen, und auch das japsige Gespringe seines Haustieres.
„Na B., du Nußwurst! Kloppste ein Skat mit uns? Schluck aus der
Pulle? Das macht ein richtigen Mann aus dir hahaha.“ gackerte
Becky. Herr B. fing an zu husten. Zigarettenrauch machte ihm
normalerweise nicht soviel aus, aber hier stand er knüppeldick in der
Bude. Er ging ins Badezimmer, um sein Asthmaspray herauszusuchen,
das er für alle Fälle hatte. Weil er es nicht gleich fand, schmiß er einige
von Gabis Lotion- und Schaumflaschen ins Waschbecken und beim
Wühlen begannen seine Finger wieder zu zittern. „Gabi, wo ist der
Spray?“, flüsterte er. Seine Bronchien begannen zu krampfen. Jetzt
warf er pauschal alles ins Becken.
„Machst'n für'n Lärm?“ erschien Gabi an der Tür. „Der Spray!“ flüsterte
Herr B. wieder.
„Hier doch, Bär. Sorry.“ fingerte Gabi mit einem Griff den weißen
Behälter zu Tage.
„Danke.“ Ffffft, zog Herr B. am Spray.
„Willsten Kaffee? Komm zieh doch endlich die Jacke aus.“
"Ja bitte, Gabi. Ja. Mach das Fenster auf“
Dann setzte Herr B. sich zu den Spiritusmiezen, trank seinen Kaffee
und klopfte einen Skat mit ihnen auf dem Glastisch.
„Hab ich euch schon die Story erzählt, wie ich beim Militär mal zwanzig
Eier auf einmal verdrückt habe? Das war eine Wette…“
„Die kennen wir schon…“
„Na egal, Humor muß sein, oder. Den laß ich mir von euch nicht
austreiben!“
„Muß das sein mit dem Rauchen, Becky, wie ein Stadtsoldat rauchste,
wie ein Stadtsoldat. Sogar die Ärzte damals in der Klinik haben
geraucht, in ihren Schlachterkitteln standen sie draußen vor der
Chirurgie und haben geraucht, wie die Stadtsoldaten. Keiner hat ein
Einsehen.“, knurrte Herr B. beim Austeilen.
„Ach hör doch auf.“
„Du kennst mich doch, Becky“ sagte Herr B. und klopfte auf seinen
Kopf. „Fünf Bohrungen und eine Metallplatte! Toi, toi. Humor muß sein.“
Die Plastekuckucksuhr hatte gerade drei Uhr gekuckuckt, als es an
der Tür schellte und es Herrn B. siedendheiß wieder einfiel, daß sich
seine Exfrau für einen Besuch angekündigt hatte. Wankend wie ein
Steuermann im Sturm stand er auf, obschon der einzige Nüchterne der
Runde.
„Mist, Leute, ich hab vergessen, meine Ex kommt heut zu Besuch!“
Gabi wurde blaß.
„Was will die denn hier?“ Becky lachte.
„Benehmt euch, wird schon nicht lange dauern.“ stammelte Herr B.,
während er in den Korridor schlüpfte, den Türknauf ergriff und
öffnete. Der Hund kam zur Tür gerannt und knurrte. „Still“, mahnte B.
und zog ihm am Halsband.
„Hallo B.“, sagte seine Frau und in ihrer sanften Stimme schwang
ein leises Bedauern mit, welches sich über die letzten Jahre
eingeschlichen hatte und als Dauermieter geblieben war.
„Gut siehst du aus. Du hast immer schon so gut ausgesehen.“ Seufzte
sie weiter.
„Ja meine Liebe. Du kennst mich doch. Fünf Bohrungen und eine
Metallplatte." Die Frau verzog schmerzlich das Gesicht.
"Wer ist denn dein Freund da?“, nahm er die Hand vom Kopf.
„Ja“, seufzte sie wieder und „das ist doch Paul A., dein langjähriger
Arbeitskollege aus Übersee. Wir wollten dir eine Freude machen.“
„Ha, Paul, Alter, du meine Güte, kaum wiedererkannt“, sagte Herr B.
verwirrt und schüttelte dem schwarzen Hünen die Hand. Etwas
urtümlich Vertrautes lag in dieser Geste, in dieser großen Hand und
dem nach oben schauen. Das war das alte Leben gewesen.
Kompliziert war es gewesen.
"Ich hab von deinem Unglück gehört", sagte Paul und B. nickte.
„Kommt doch rein in die Stube, wollt ihr einen Kaffee? Ich koch
euch neuen.“
„Sag bloß nicht, du hast vergessen, daß ich komme.“ „Ja Schatz…“
horchte Herr B. in sich hinein. Es tat ihm aufrichtig leid und der Ton
seine Stimme ließ seine Exfrau lächeln.
„Willst du mir nicht deine Freunde vorstellen?“
„Jaaah, hallo, daß ist Gabi, sie wohnt jetzt bei mir…“ Herr B. ließ eine
bedeutungsvolle Pause. Die beiden schüttelten sich die Hände, gerade
so an den Fingerspitzen und sahen sich nicht in die Augen.
„Und das ist Becky, eine Freundin von Gabi.“
„Hallöle!“ Becky stand nicht mal vom Sofa auf. Satt dessen fixierte sie
Herrn B.s ehemaligen Arbeitskollegen mit schmalen Augenschlitzen.
„Becky, Gabi, das sind meine Exfrau und mein alter Kumpel Paul.“
„Du hast einen Negerfreund, B.? Oh Mannomann.“
Pauls Miene, die schon von ergrauten kurzen Locken gekrönt war,
verhärtete sich deutlich.
„Verschwinde mal Becky! Raus!“, versuchte B., die Situation zu retten.
Der Hund bellte.
„Ich soll verschwinden, du Hanswurst? Er soll verschwinden! Die Neger
nehmen uns die Arbeitsplätze weg und so!“ blubberte Becky. B.s
Exfrau stand einfach geschockt im Wohnzimmer und sagte gar nichts.
Gabi ging schnell in die Küche. Bei so was ging sie immer weg, sie
hatte gute Instinkte in der Hinsicht.
„Mach dich raus Becky.“ Herr B. sagte B. mit weitausholender
theatralischer Geste und einer Stimme, die er sonst nur bei der
Lockenwurst oder Schwarzfahrern gebrauchte.
„Dich hab ich gefressen, B. ! Tschüss!“, fauchte Becky.
„Und deeeeheer da!“, sie deutete auf Paul, wobei sich ihr Zeigefinger
vor Hass durchbog, „schläft doch mit deiner Ex, siehst du das nicht?!“
„Deine Jacke, Becky!“ Herr B. gab ihr die Jacke, schob sie durch die
Tür und schloß diese.
Becky warf von außen ihre Faust gegen die Tür. „Ihr
Ausländerschweine!“ Dann stolperte sie die Treppen hinunter.
„Entschuldigt, Paul, Schatz, ich weiß nicht was ich sagen soll, das
hatte ich nicht erwartet.“
„Du hattest uns nicht erwartet, B. Was für einen Umgang du nur hast“.
Die Stimme seiner Exfrau war auf Grabesniveau angekommen.
„Darauf erst mal einen Schnaps, was, Paul?“
„Die kommt mir nicht mehr über die Schwelle!“, beteuerte er, als er das
tief verstörte Gesicht von Paul sah. „Wir sind doch Akademiker, B.“ war
alles, was Paul mit rauher, tiefer Baßstimme sagte, bevor er das
angebotene Whiskeyglas nahm, aber seinem Gesicht war es
anzusehen, daß seine Zuneigung zu Herrn B. gerade einen Riß
bekommen hatte. Die drei setzten sich steif und umständlich auf die
Couch. Gabi traute sich aus der Küche und brachte den Kaffee mit. Sie
schwankte dabei ein wenig, blickte nach unten und sagte kein
Wort. Dann ließ sie sich in den Sessel fallen.
„Deine Wohnung sieht anders aus“, stellte B.s Exfrau nach
mehreren Minuten peinlicher Stille fest.
„Ja, Gabi hat ein bißchen gewirkt.“, sagte Herr B. nicht ohne Stolz.
„Endlich stehen wieder mal ein paar Bücher in deinem Regal.“ Herr B.
runzelte die Stirn und schaute.
„Tatsächlich! Nicht von mir. Das war so eine Zeitverschwendung, du
kennst ja meine Meinung.“
„Warum nur. Du hast früher so gern gelesen.“
„Und, was hat es mir genützt? Du siehst doch, was aus mir geworden
ist.“, sagte Herr B. und hielt mitten in der Bewegung inne, mit der er
sich immer auf den Kopf klopfte.
„Mein ganzer Kopf ist explodiert mit den Büchern, die ich da rein
gestopft habe. Und diese komische Wissenschaft, die da drin stand.
Was hatte die wirklich mit den Menschen zu tun? Ich bin jetzt lieber den
Menschen näher. Ich brauch keine Bücher mehr.“
„Ich habe dir ein paar alte Fotos mitgebracht, B.“, sagte seine Exfrau
und gab ihm einen dicken Briefumschlag aus ihrer Handtasche. B.
nahm ihn und fischte ein Foto heraus. Die andern nahmen ihre Tassen.
Auf dem Foto zu sehen war er, an seinem Schreibtisch in der Villa,
vor einer Bücherwand. Auch er schaute von einem Buch auf fragend in
die Kamera hinein. Herr B. saß lange vor diesem Bild, still und
andächtig, bis Gabi sich schließlich regte.
„Fotos? Mann, zeig doch mal!“
Manche Dinge und Frauen ändern sich nie, dachte Herr B. und stand
auf, um eine Schallplatte aufzulegen, mit Aufnahmen aus "Tristan und
Isolde".
Und dann, wieder nach einer Weile, als sie fast schon eine richtige
Kaffeegesellschaft waren, sagte seine Exfrau in die Musik hinein:
„Paul wollte noch was Fachliches mit dir besprechen.“
„Also, ja, ich weiß nicht, in Anbetracht der Sache“, zögerte Paul,
während B. ihn fragend ansah. Seine Augen leuchten noch immer so
wie früher, dachte Paul.
„Na gut, also.“ Paul nahm Zettel und Stift heraus, und füllte den Zettel
mit Symbolen, Strichen und Zahlen. „Wir haben da eine neue
Schaltung…“
Dann folgten viele Fachtermini, die Herrn B.
umschwärmten wie Mücken bei der Paarung. Mit offenem Mund saß er
da und fuhr die Linien andächtig mit den Fingern nach. Verzweifelt
versuchte er, sich zu konzentrieren. Da war etwas, aber er konnte es
nicht fassen. Das war es gewesen, das alte Leben. Symbole und
Zahlen. Kompliziert war es gewesen.
„Stop, Stop, Paul", wollte er gerade sagen, als sich Gabi unvermittelt zu
ihnen beugte und über die Zeichnung schaute.
„Gib mir mal den Stift. Also das hier kommt mir komisch vor“, sagte sie
und deutete auf eine Zahl. „das müßte so sein…“ Dann drehte sie den
Zettel um und füllte die Rückseite mit ihrer Version.
Herr B. sah sie entsetzt an, seine Exfrau amüsiert und Paul
argwöhnisch und mit fortlaufender Entwicklung freundlicher. Schließlich
war er sogar begeistert.
„Wo haben sie denn studiert?“, begann er achtungsvoll eine
Konversation mit Gabi. Der Hund schlief unter dem Tisch.
„Ich glaub, die zwei brauchen uns nicht B. Komm laß uns auf den
Balkon gehen.“, sagte die Exfrau. Sie löste den fassungslosen B. aus
der Couch und zog ihn auf den Balkon.
„Also deine neue Freundin scheint ja doch eine nette zu sein.“
„Also das hätte ich auch nicht erwartet. Ich hab ihr nie zugehört, wenn
sie von ihrem Studium geredet hat. Ich weiß eigentlich gar nicht, was
sie ….“
„Ach B."
"Du kennst mich doch, fünf...."
"Deine Sprüche haben mir nicht gefehlt. Ich bin fast verrückt geworden
durch diese Endlosschleifen. Sei mal kurz ruhig." Und dann schwiegen
sie eine Weile zusammen. Sonne und Wolken mischten sich ineinander
und lösten sich wieder.
„Sag mal stimmt das eigentlich?“, fragte B. in die Stille hinein.
„Was?“
„Daß du mit ihm schläfst?“
„Was?“ Ihr Gesicht fror kurz ein, dann lachte sie.
„Und wenn so wäre, es ginge dich nichts mehr an.“
„Nein.“, sagte Herr B. langsam.
Als sie wieder in die Stube kamen, diskutierten Paul und Gabi noch
angeregt miteinander. Sie hoben die Köpfe. „Ich habe von ihrem
Problem gehört, B". sagte Paul.
"Wenn sie entzieht und trocken bleibt, könnte ich ihr trotzdem eine
Stelle verschaffen.“
„Du mußt ja Eindruck gemacht haben“, sagte B.
„Das hat sie“, sagte Paul.
„Laß uns gehen“, die Exfrau beugte sich zum sitzenden Paul herunter,
wobei sie sich eigentlich nicht viel bücken mußte. Etwas in dieser
Bewegung ließ Herr B. stutzen und...lächeln. Dann ging sie in den
Korridor und kam mit einem Mantel wieder.
„Kann ich mal schnell aufs Klo?“. Paul zog sich an.
„Also dann mal wieder. Wenn’s paßt.“, sagte er mit seinem Baß.
„Aber das hier ist echt nichts für dich und mich.“ und deutete um sich,
Wohnung und Stadtviertel auf einmal verdammend.
„Mir gefällt's hier, ob du's glaubst oder nicht.“, sagte Herr B. Paul zuckte
mit den Schulten.
„Bist du fertig?“ fragte die Exfrau, aus der Toilette zurück, Paul.
„Fertig sind wir schon lange, nur die Haare und Nägel wachsen noch
kontinuierlich!“ schoß Herr B. dazwischen. "Humor muß sein, oder, den
laß ich mir von dir nicht austreiben.“
„Na, denn tschüß!“ An der Schwelle standen fünf Kreaturen und eine
davon wedelte mit dem Schwanz. Als der Besuch fort war, fing Gabi an,
zu heulen.
Eine Woche später fand sich Herr B. seltsamerweise in einer
Buchhandlung wieder. Er wußte nicht mehr so genau, wieso er den
Laden betreten hatte. In seiner Hand hielt er ein Foto. Darauf, war er,
wie er an seinem Schreibtisch saß, dem alten Schreibtisch in der Villa.
Hinter ihm eine Wand aus Büchern. Und auch er schaute aus einem
Buch heraus auf, fragend in die Kamera.
Geschehnisse im Zahlenraum (Satire)
Familie Menge hat eine neue kleine Schnittmenge. Aus diesem
Grund kommt ein befreundetes Zahlenpaar zu Besuch, um ebendiese
zu bewundern, denn die beiden sind gesellig.
"Ach wie niedlich! Sie ist euch wie aus dem Gesicht geschnitten!"
Zahlpaar und Mengepaar unterhalten sich anschließend noch
entrüstet über die Ehe von einem anderen Zahlpaar, das einfach auf
keinen gemeinsamen Nenner mehr kommen könne, denn im Bett liefe
es längst nicht mehr so gut, der Mann habe nur noch die dritte
Potenz. Und die Frau sei einmal mit einem seltsamen Attraktor
gesehen worden, worauf ihre eh schon verästelte Logik diffus wurde.
So ginge sie nun öfters als nötig zum Bäcker Gleichung und bestelle
sich Mandelbrote. Worauf der misstrauische Mann fände, einige der
Kinder seien so merkwürdig, das wäre nicht natürlich, die seien von
besagtem Bäcker, besonders der kleine Euler, der immer so irrationale
Sachen mache. Sie, die armen Kinder, könnten nun zum kleinsten
gemeinsamen Teiler werden. Aber da hätte vorher noch der Divisor
drüber zu entscheiden. Da solle man sich nun mal was draus ableiten.
Worauf die plaudernden Paare hinaus aus dem euklimatisierten Raum
in den sommerlichen Garten gehen und da sagt Frau Zahl:
"Ihr habt da aber eine schöne Reihe gerader Funktionen da stehen."
"Ach die sind doch nur Beta.", sagt Frau Menge und ihre elliptischen
Kurven schwellen vor Stolz, "Guck mal da ins Gewächshaus, da sind
unsere Polynome, die sind schon fast Legendre in der Nachbarschaft."
"Und was macht eigentlich die Grossmutter?"
"Ach, die, die hat immer noch ihre Hyperbolie, schlimm ist das."
Bis(s) zum Liebhaben (Satire)
Frau von Welfensteyn stand hinter den schweren
roten Samtvorhängen und seufzte: "Waf für ein wunderföner fahler Mond
heute, mein Liebling! Laff unf doch ein wenig herumflattern!" Sie blickte
über die Veranda auf den Park mit seinen schwarz gegen den Himmel
ausgeschnittenen Krüppelbäumchen und ihr violettes Haar mit den
weißen Strähnchen kam im flackernden Kerzenlicht ausgezeichnet zur
Geltung. Herr von Welfensteyn säuselte vom Sekretär: "Du,
Honigmäulchen, ich habe wieder über unferen Ruf in der Welt
nachgedacht... Wie die Menffen unf haffen."
Frau von Welfensteyn ging zu ihrem nachdenklichen Gatten und
legte ihm ihre schmale Hand auf deine knochigen Schultern. "Daf ift
doch nun nichtf Neuef, Darling. Früher waren es Miftgabeln und heute
ift ef fflechte Propaganda. Wie bifft du nur fo empfindlich geworden?"
"Propaganda, Mäufelchen? Ja, richtig, Wörter. Du bift genial!"
"Aber wiefo denn?" Ihre beringten Finger hielten inne beim Kämmen
durch seine aschblonde Mähne und die Haut über ihren hohen
Wangenknochen spannte sich. Welchen Floh mochte sie jetzt wieder in
seinen verstaubten Hirnkasten gesetzt haben? Sie konnte den Floh
förmlich schon springen hören. Tock. Tack.
"Waf meinft du, könnten wir nicht einen diefer mediokren
Ffreiberlinge dafür bepfahlen, ein paar Beftfeller über unfere Gattung
pfu Papier pfu bringen? Ich ftelle mir da etwaf ffön Romantiffes vor, ef
muff viel umf Küffen gehen." Er gestikulierte. "Umf Herpf! Um daf
Ffickfahl! Umf Liebhaben! Um Feelenferwandffaft!"
Frau von Welfensteyn war erleichtert und gerührt: "Pfauberhaft,
mein Mäufelpfähnchen! Fo etwaf ffönef habe ich ja ffon feit
Jahrpfehnten nicht mehr von dir gehört! Felftverftändlich kenne ich da
eine geeignete Perfon. Fo ein rührfeligef unerfülltef Frauenpfimmer."
"Dann laff unf gleich vorftellig werden." Herr von Welfensteyn
sprang auf und verpuffte augenblicklich in eine kleine Fledermaus.
"Halt, halt. Paff doch auf. Daf Glaf" hielt seine Gattin ihn zurück und
öffnete die Fenstertür. Von draußen schloss sie diese, entließ das
kleine zappelnde Tier in die Nachtluft und folgte ihm, nur einen
Flügelschlag später.
Sonntag, 16. November 2025
Radioaktive Träume (Jambus)
Im Bunker, wo die Nacht regiert
da leben Ratten ungeniert
und
tanzen, singen froh dabei
wohl unter Trümmern, frank und frei.
Mit hohen Stimmen, seidig weich,
die ihren grauen Pelzchen gleich.
Mit Freude und mit Seeligkeit
und seltsam warm nach Krieg und Leid.
Ihr Gospel hallt den
düstren Gang
harmonisch und entrückt entlang.
Da finden sie im
Glauben halt,
auch wenn die Welt noch Jahre strahlt.
So, klingt ein Lied in stiller Nacht
und wenn voll Hoffnung du
erwachst,
denk daran dass in Dunkelheit
auch Liebe und Gefühl
gedeiht.
Samstag, 8. November 2025
Das Mädchen ohne Hände Teil 5
Durch ein Loch im Felsgestein,
schlüpfte sie in eine Halle.
Bleich und dünn bei rotem Wein
warteten die Geister alle,
neben einer vollen Tafel
und im Schein der Kandelaber,
sehr vertieft in ihr Geschwafel,
an die hundertzwölf Kadaver.
“Iss mit uns und stärke dich!”
luden sie die Dame ein,
führten sie dann an den Tisch,
gaben ihr und schenkten ein,
süsse Früchte, Hasenbraten,
kühles Bier und heißen Tee.
“Liebe Frau, lass mich dir raten,
alles was ich vor mir seh,
ist für Lebewesen giftig.”
flüsterte ihr Mantel leise
und sie nahm, der Grund war triftig,
einen Biss von jeder Speise,
einen Schluck von jedem Trank,
doch in Wahrheit spuckte sie
all das unter ihre Bank.
Und erschrocken zuckte sie
als ein Geist sie höflich fragte:
„Wißt ihr wie es vor sich ging,
dass mein Sohn, der stets Verzagte,
plötzlich für Euch Feuer fing
und wie er danach entschieden,
eurer sicher überdrüssig,
sich mit Ihnen zu begnügen?
Das ergibt sich mir nicht schlüssig.“
„Frauchen wir sind selber schuld,
da wir unser Kind beschädigt.“
sprach ein zweiter mit Geduld.
"Und das Schicksal war uns gnädig,
dass das nette Frauenbild
sich mit unserm Sohn vermählte
und dass er auch zu ihr hielt
trotz des Herzstücks, das ihm fehlte.“
„Dass wir beide fehlerhaft
und so voller Zweifel waren
hat den Unterschied gemacht.“
sprach die Frau, um fortzufahren
„Freundschaft, Achtung und Geduld
sind die Bänder unsrer Liebe.
Sagt, wer hatte denn die Schuld,
wer schnitt denn so jung die Triebe
seines Herzens auseinander?“
„Ach, das war ein schweres Los!
Doch, mein Kind, das ist ein langer
Faden, den ich spinnen muss.
Reicht mir eure Hand zum Tanz,
lasst uns ein paar Runden drehen,
dann erzähle ich euch ganz,
was vor Jahren ist geschehen.“
Aus den Knocheninstrumenten
drangen grässliche Geräusche
zu dem Geisterdirigenten
und es hielten sich die Bäuche,
oder was davon geblieben,
alle, die den Jammer hörten
und die Stimmung war gestiegen
weil es quietschte, quäkte, röhrte.
Seit dem Jahr drölfhundertacht
oder wars drölfhundertneun
hat man nicht mehr so gelacht,
ach, wie war der Unfug fein.
Alles war alsbald gestimmt,
ausgebürstet und gereinigt
und das Tanzbein schwang beschwingt,
auch die Dame war beteiligt,
manche Königin samt Gatten.
„Meine Werte, Sie gestatten,
dass ich ihnen jetzt erzähle,
was seit einer Weile schon
brennt und liegt auf meiner Seele.“
Weiter ging’s im ernsten Ton:
„Es traf einst zwei Feenkindlein
ein bedauernswerter Fluch,
als ein Händler war mit Kästlein
im Palaste zu Besuch.
Brachte Seifen und Gewürze,
Weihrauch und auch Haushaltswaren,
Lampen, Öle, ja in Kürze,
Dinge die die Sinne laben.
In der Nacht, die darauf folgte,
fand der Junge, also ich,
wie er auf dem Boden tollte,
eine Lampe unterm Tisch.
Er trug sie zu seiner Freundin,
die ihm auch als Braut versprochen,
und sie applaudierte freudig,
und kam aus dem Bett gekrochen.
Als wir mit der Lampe spielten,
fuhr ein Wind durch unser Haar.
worauf wir uns reizbar fühlten,
zornig und auch sonderbar.
„Gib es mir! Nein es ist meine!“
balgten wir uns um das Ding.
Und wir sagten dann gemeine
Worte als es weiter ging:
„Du bist hässlich!“ „Du bist dumm!“
Kaum, das wir es laut gesagt,
schrie ein Stimmlein barsch herum
„Kinder, die es dreist gewagt,
mich nach fünfzehnhundert Jahren,
aufzuwecken aus dem Schlaf,
will ich trefflich aufbewahren!“,
was uns unerwartet traf.
Nach dem ersten Schreck kam Lachen,
und wir legten uns ins Bett.
Am nächsten Tag war das Erwachen
aber nicht mehr ganz so nett.
„Wo sind wir?“, fragte ich mein Blümchen.
„Wo sind wir?“ fragte sie auch mich.
Doch so sehr wir uns bemühten,
wussten wir es beide nicht.
In den Gängen, schmal und leer,
viele waren`s an der Zahl,
hingen Spiegel ringsumher
und das Licht war blau und fahl.
Und dann sah man in den Spiegeln,
flackernd, klein und sonderbar,
ein Gesicht mit Brillenbügeln,
welches das des Händlers war.
„Hab ich euch, ihr schlimmen Diebe,
die mir meine Lampe stahlen.
Diese ungezähmten Triebe
dürft ihr teuerlich bezahlen!“
„Davon stimmt doch überhaupt nichts,“
wagte ich den Widerspruch
angesichts des Strafgerichtes.
„Hier in meinem Kassenbuch,
da steht nichts, dass ihr erworben
Lampen oder anderlei,
ihr seid feige und verdorben!
Dennoch lasse ich euch frei,
wenn ihr euer erstes Kindlein
meiner Obhut überreichet
und so eurer dunkles Sündlein
ehrlich und gerecht begleichet."
Und so mussten wir das Spiel
über uns ergehen lassen,
nur um beide, ängstlich still,
folgenden Entschluss zu fassen:
Niemals gäben wir ein Kind
einem Teufel so wie diesem.
Doch wir sagten: "Ganz bestimmt!",
denn wir waren angewiesen
auf des Hexers falsche Gnade.
Und wir fielen in die Betten
als die Sonne stieg gerade.
Trotzdem wollten wir ihn retten,
unsern Sohn, den sie gebar.
Jahre später, unter Mühen,
als er noch ein Säugling war,
wirkten wir den Zauber, der,
sollte ihm ein Unglück blühen,
brächte seine Wiederkehr.
Deshalb ward das Herz geteilet,
dass, nach altem Ritual,
ein Teil in der Gruft verweilet,
für den allerschlimmsten Fall.
Himmel- oder höllenwärts
mag man es für sich stibitzen:
niemand kann ein halbes Herz
jemals ganz für sich besitzen."
Die Musik erstarb im Nu,
und die Geister zischten laut.
Und dann sah man ihre Wut,
kalt und lange aufgestaut.
"Eindringling!", so riefen sie
und die leeren Augenhöhlen
glühten rot, dann eilten sie,
um den Bösewicht zu stellen,
aus dem Saal die Treppen hoch.
Nur die Dame und ihr Mäntlein
blieben in der Halle noch.
Nach dem Lärm, da trat ein Quäntlein
Stille und Verwirrung ein
und dann hörte man ein Krabbeln
wie von Füßchen auf Gestein.
Da begann die Frau zu brabbeln:
"Könnten das die Händchen sein?"
Und da kamen sie tatsächlich,
trugen einen kleinen Sack,
"Ihr seid unverbesserlich, oh,
was habt ihr da mitgebracht?"
Eins der Händchen kam heran,
gab ihr einen kleinen Brief,
diesen las die Dame dann,
und dann lachte sie sich schief.
Tränen rannen ihr vor Glück
über die bewegte Brust
„Endlich hab ich euch zurück!
Hätte ich das nur gewusst,
dass der Engel euch gewonnen
und das ihr auf seinen Willen;
auch das Herzstück mitgenommen!“
Ergriffen von den vielen
Emotionen saß sie zitternd da
und sie hielt die Arme dahin
wo eins ihrer Händchen war.
Das Silber fiel und beide Hände
fügten sich nun nahtlos ein,
und so konnte sie am Ende
wieder ganz lebendig sein.
Samstag, 6. September 2025
Das Mädchen ohne Hände Teil 2 (Grimm/Schleich)
Es war ein schöner, kühler Tag,
der Himmel klar und heiter.
Den Pinsel schwang mit rotem Lack
der Herbst auf seiner Leiter.
Gänse zogen mit den Wolken
langsam durch das satte Blau
und dem jungen Mädchen folgten
kleine Spuren durch den Tau.
“Es liefen zwei kleine Hände,
die ihrer Herrin so hold,
sie liefen durch manches Ländle
und brachten ihr Segen und Gold.”
Sie sprang und sang von ihrem Glück
und konnt es kaum erwarten
und wanderte ein gutes Stück
zu einem großen Garten.
Dort hingen nachts im Mondenschein
des Herbstes reiche Gaben.
Den Garten schlossen Gitter ein
und ringsum lag ein Graben.
Saftig süße Früchte zogen
Wandrer an mit ihrem Duft.
Und über schweren Ästen flogen
kleine Feen in der Luft.
Das Mädchen spürte großen Hunger,
dachte 'wär ich nur darin!'
Sie betete zu Gott im Kummer
und sank zu ihren Füßen hin.
Da schritt ein Schimmer durch das Dunkel,
ein Raunen ging durchs kleine Volk.
Ein Engel schwebte im Gefunkel
der Sterne und mit ernstem Stolz
zog er nun an Tor und Schleuse,
das Wasser gab den Eingang frei.
Es rief die Maid vor lauter Freude
und erhob sich nebenbei:
„Du Engel bist schön, schön und hell
leuchtend am andern Gestade.
von meinen Träumen bist du wohl
der mit Flügeln gerade.“
Nun ging sie in den Obsthain
und der Engel ging mit ihr.
Sie lief hin zu den Birnlein,
die waren nummeriert.
Jede Birne ward gezählet
auf die täglich gleiche Weise.
Denn sie waren auf der Welt
des Königs liebste Speise.
Sie trat hinzu und aß die Birne,
die vor ihrem Munde hing
und hinter ihr verzog die Stirne
der Gärtner, dem das nahe ging.
Er hatte Angst und dachte schon
die Kleine sei ein echter Geist,
der in himmlischer Mission
in Gegenwart von Engeln reist.
Er schlug sich seitwärts ins Gebüsch
und das Mädchen ebenfalls.
Beide beteten für sich
zum Geber dieses Abendmahls.
Es kam der König anderntags,
um nach dem Obst zu schauen,
denn er konnte, wie gesagt,
nicht so recht vertrauen.
Er zählte und er sah sodann,
daß eine Birne fehlte
und fragte "Heda Gärtnersmann,
wo ist der Birnen zwölfte?"
Der Gärtner sprach: "Die letzte Nacht
kam ein Geist herein
der hatte keine Hände, ach,
und mit dem Mund allein,
aß er eine Birne ab!"
"Wie kam er über den Kanal?"
„Es kam ein Engel noch herab
und der schloss dann auf jeden Fall
die Schleuse und der Geist war drin.
Und des graus‘gen Engels wegen
kam ich auch nicht mehr dahin,
zu fragen oder einzugreifen.“
Der König sprach: „Oh, welche Pfeifen
habe ich nur eingestellt!
Komm, ich will mich auch verstecken,
du furchtsamer Pantoffelheld!
Wir warten hinter diesen Hecken,
wies als Jäger sich empfiehlt,
um den frechen Geist zu fangen,
der mir meine Birnen stiehlt."
Um Mitternacht dann kam die Maid
hungrig hin zum Baum geschlichen,
streckte sich und hat vom Zweig
eine Birne abgebissen.
Der König flog, nach Feenart,
dem Mädchen mutig vors Gesicht
und er sprach: "Bei meinem Bart,
hab ich dich, du Bösewicht!
Bist du ein Mensch oder ein Geist?
Komm, spuck's aus und sei nicht scheu,
Es gibt Ärger, wenn du kneifst,
Ich schwöre es, bei meiner Treu!"
Sie gab zurück: "Ich bin kein Geist,
sondern nur ein armer Mensch.
Ich bin hungrig, dass du's weißt
und kein dummes Nachtgespenst.
Alle haben mich verlassen,
nur der liebe Gott noch nicht.
Wird die Strafe mir erlassen,
oder muß ich vor Gericht?"
„Bist du auf der Welt allein
und arm wie eine Kirchenmaus,
sollst du’s fürder nicht mehr sein.
Ich nehm dich mit zu mir nach Haus!“
„Ich bin groß und du bist klein,
ehrenwerter Feenfürst.
Wie pass ich in dein Häuslein rein?“
„Wie du gleich erleben wirst,
haben wir die schöne Gabe
der metamorphen Zauberei.
Wenn ich dich verkleinert habe,
stehn dir hundert Zimmer frei.“
Er mochte sie, das konnt` sie spüren,
der König gab ihr Silberhände,
um sie in sein Heim zu führen.
Alles nahm ein gutes Ende.
Ein Jahr oder Jahre später
oder eine Spatzenfeder … später:
Am Tag der Hochzeit wimmelten
kleine Wichte durch die Nesseln
und süße Dämpfe kringelten
aus Töpfen und aus Kupferkesseln.
Aus Blumen und aus Spinnwebspitzen
ward das Tischtuch vorbereitet,
und auf breiten, flachen Pilzen
mit viel Sorgfalt ausgebreitet.
Kleine Musikanten schlugen
auf die blauen Blütenglocken
und auch freche Tröten trugen
bei zu Jauchzen und Frohlocken.
Viele tausend Glühwurmlichter
brachten feierlichen Schein
viele hundert Wichtgesichter
trafen sich zum Stelldichein.
Die Herrscher der vier Feenstämme
Erde, Himmel, Wasser, Feuer,
fuhren vor zum Festgeschlemme
in Karossen schmuck und teuer.
Des Erdenkönigs Kutsche ward
gezogen von sechs braunen Wieseln.
Dem Kutscher hing der grüne Bart
hinunter bis zu seinen Stiefeln.
Der Meereskönig glitt heran
in einem gelben Bernsteinwagen,
samt roten Krabben als Gespann
und mit blaubefrackten Pagen.
Aus dünnen Spalten in der Erde
züngelten nun Irrlichtflammen.
Schwarze Salamanderpferde,
mit orange gefleckten Wangen
zogen die Rubinkalesche
des Feuerkönigs in die Runde
und dabei war seine fesche
Lockenpracht in aller Munde.
Die Kometengondel trug
ein mächtger Falke in den Klauen.
und heraus sah stolz und klug
der Liebling aller Wichtelfrauen.
Der Luftikus, Herr König Sturm,
die Vier des Elementenreigens
flog in Silberuniform
zum Mittelpunkt des Hochzeitstreibens.
Der Erdenkönig sprach “Mit Küssen,
grüß ich euch in meinem Garten!
Doch geduldet euch, wir müssen
kurz auf meine Gattin warten.“
Das Mädchen kam im weißen Kleid,
mit spiegelblanken Silberhänden.
Von den Gästen konnt vor Neid
keiner seinen Blick abwenden.
„Komm mit mir!“, so rief der eine,
und du wirst ein Kind der See.”
Der zweite sagte: „Sei die meine!“
Auf den Wolken, weiß wie Schnee.“
„Nein, sei meine Feuersbraut,
Du hast rechtes Temprament!”
sprach der dritte und er staunte
“Himmelherrgottsakrament!”
Der Erdenkönig hob darüber
mürrisch seine Augenbrauen,
sprach: "Auf eure Treue, Brüder,
kann ich wahre Schlösser bauen!"
An diesem Punkt, der sehr pikant
oder doch zumindest heikel
kam der Gärtner angerannt,
wie ein angesengter Teufel,
warf sich hin und stiess hervor
„Diese sonderbaren Spinnen
fand ich drinnen, nah am Tor!“
sprangen aus dem Korb, dem seinen
zwei flinke Hände und spazierten,
untermalt von spitzen Schreien,
die die Ohren strapazierten,
zum Mädchen, das vor Freude jauchzte:
"Kommt zu mir, oh meine Schätzchen!"
und dann etwas leiser hauchte:
"Hopp, an eure rechten Plätzchen!"
Von fern her klang nun, weinend, klagend,
eine Flötenmelodie,
Drang und Sehnsucht mit sich tragend
nach Verzeih'n und Harmonie.
Die Händchen hielten zögernd inne
und begannen sich dann wiegend,
wie das Gras im Abendwinde,
an die Melodie zu schmiegen.
Und die Flöte sie klang so hell,
langsam und manchmal schnell
und sie verführte zum Tanz.
Ja, und die Wichte sie drehten sich
fühlten sich glückselig,
hielten sich fest an der Hand.
Und sie vergaßen all ihren Streit,
Wünsche und Herzeleid
und so geschahs, dass vom Fest
nach einem ganzen Jahr
noch großes Reden war,
wenn man sich darauf verlässt.
Dienstag, 2. September 2025
Jugendsünde (Jambus)
Es hat ein Marionettenmann,
an seinen Zwirnen hing er dran,
den Lenker suchen sich getraut,
ach, hat da nur ein Kind erschaut.
Und wenn ich keine Fäden hätt,
so grübelte der Marionett,
wär jeder Tag voll Sonnenschein,
ja, und ich trüg mein Kreuz allein.
Er riss sich los, doch war er schwach
und schlug lang hin mit lautem Krach.
Dem Boden der Tatsachen war
er mit der Nase traurig nah.
Nur weiter jetzt und ganz in Ruh,
so sprach sich leis der Holzkopf zu.
Und lernt nun laufen Tag für Tag,
und Handstand und den Überschlag.
Donnerstag, 21. August 2025
Das Mädchen ohne Hände Teil 4
Weit entfernt, auf einer Insel,
stand ein Grabmal an der See,
Efeu wuchs in jedem Winkel,
Mauern ragten aus dem Schnee.
"Wo die Wälder düster rauschen
und das Meer die Boote wiegt,
warten wir verwest und lauschen,
wie die Welt vorüberzieht.
Wir sind vom edlen Feengeschlecht,
doch liegen wir im Staube nieder,
bis bei großem Widerrecht
die alte Pracht erhebt sich wieder."
Sang der Wind und trug die Dame
langsam hin zum Boden dann,
die nun die Inansichtnahme,
der Versammelten begann.
Nymphen, Sylphen, Salamander,
Irrlichter und Wassermänner,
standen schimpfend beieinander
und man kam auf einen Nenner."
Dem Erdenreich, in großen Nöten,
seines Hauptes bös' beraubt,
sind zur Seite wir getreten.
Doch die Frage sei erlaubt:
Wo ist eure Anteilnahme,
wo ist euer Kontingent?"
"Ihr habt Recht.", sprach da die Dame
und hat ihren Stab geschwenkt.
Abendwärts, getränkt in Flammen,
kamen Gnome, Faune, Trolle,
und Zentauren bald zusammen.
"Wenn ich Euch Respekt auch zolle,"
sprach der Herr der Seen und Meere,
als er aus den Reihen trat,
"aber selbst wenn alle Heere
man am Platz versammelt hat,
ist die Frage, welchen Gegner
man damit zu fällen denkt,
ob man mit Gewalt, verwegner,
oder List und Tücke kämpft."
"Laßt die Lage uns beraten."
schlug der Feuerkönig vor,
"Ungelegte Eier braten,
das ruft Hunger nur hervor."
So ließen sie sich auf der Lichtung
vor dem Königsgrabmal nieder
und sie schauten in die Richtung
des Geschehens dort hinüber.
Saßen vor der Grabeshalle
zwei Figuren, schwarz und weiß.
Die Dame rief "Ach, sind das alle?"
Die Herren zischten “Seid doch leis!”
“Sie sind nur zwei, jedoch sie spielen
Töne, die immens betören.
Sieh die Krieger, die dort fielen,
schlafen, ohne aufzuhören.”
Von drüben kam nun leise, klagend,
eine Flötenmelodie,
Süßes Fordern mit sich tragend,
ihr zu folgen bis ans Ziel.
Ja und dann rannte sie querfeldein,
sprang über Stock und Stein
und dabei sah sie nicht mal,
wer auf dem Boden schlief,
oder wer nach ihr rief.
Das war ihr völlig egal.
“Ach, da bist du ja, mein Liebes!”
sprach der Engel hocherfreut.
"Nur der erste Teil des Spieles,
und ich hab ihn schon bereut."
grummelte der Teufel neidisch,
und rief: "Doppelt oder nichts!
Prüfen wir, ganz unparteiisch
ob sie hält, was sie verspricht!“
Die Dame sprach: „Du bist der Teufel,
der mir meine Hände nahm.“
„Ja, da stimmt, ganz ohne Zweifel,
und auch deinen Ehemann.“
"Nur den halben wirst du haben."
fing der Engel an zu lachen
"Die andre Hälfte liegt begraben,
wo die Feengeister wachen.
Diese Gruft wird streng behütet,
und du hast den Zugang nicht.
Die Gelegenheit gebietet,
da du einverstanden bist,
dass wir eine Wette schließen,
aufs Neue, ob die Königin,
wirklich steiget in die Tiefen,
um zu bergen, was darin.“
„Er ist bei Euch? Das will ich sehen,
als Beweis, dass Ihr nicht lügt.“
„Schau, du Herrscherin der Feen,
was in meinen Händen liegt!"
Der Teufel hielt in seinen Pranken
einen dunkelroten Stein.
Die Dame sagte, in Gedanken,
"Das kann nicht mein Gatte sein."
Der Kristall fing auf ihr Reden
an zu leuchten und zu pochen
und sie schluckte, fragte bebend:
„Teufel, was hast du verbrochen?“
„Das ist aber ungerecht!
Lass uns bei der Sache bleiben.
Machen wir ein Tauschgeschäft
mit dem Engel hier als Zeugen.
Dieses ist ein Herz, ein halbes,
und gehst du durch diese Tür
und bringst mir das andre halbe,
geb ich dir etwas dafür."
Die Königin ging darauf ein,
Ich sag dir, du kommst nicht mehr
wechselnd jeden Augenblick.
Manchmal dünn und manchmal breit,
zuckend, springend, Fratzen schneidend,
Sie näherte sich angsterfüllt,
und blickte in ihr Spiegelbild
Ihr Konterfei sprach rauh und trocken:
statt den König gar zu lieben,
etwas, dass wir nicht verdienen,
etwas, dass wir nur gestohlen.
Lass den Rückweg uns beginnen,
dass ist’s, was wir wirklich wollen.“
„Weißt du, wer mein Vater ist?“
frug die Dame, um zu prüfen.
„Arm und niedrig, ganz gewiss!“
„Komm wir gehen in die Tiefen,
du mein andres, falsches Ich.
Sei geherzt und sei willkommen.
Leg als Mantel dich um mich.
Dienstag, 19. August 2025
Geisterkrimi
Es war recht spät, die Detektivin
saß erschöpft an ihrem Tisch,
sie hatte einen langen Tag
voll Beschattung hinter sich.
Der Mond schien schon, da schlich etwas
leise durch die Vorderpforte.
Sie schaute auf, da stand ein Mann
und er sprach die trocknen Worte:
„Bin ein Geist, drum ist es zwecklos,
mir die Hand zum Gruß zu geben.
Doch bitte ich um ihre Zeit,
denn ich muss mit Ihnen reden!“
Man sah die Frau ganz leicht erblassen,
doch ihre Mimik blieb gelassen.
„Solang die Kasse stimmt, mein Herr,
setzen Sie sich bittesehr!“
Es schwob der Gast so ungefähr
eine Handbreit überm Schemel
und er meinte kurzerhand
"Ich suche meinen Partner Emil.
Der Emil, der ist ein Phantom,
so ein unsichtbarer Mann
und zusammen sind wir zwei
ein ganz prächtiges Gespann."
Und die Frau frug das Gespenst:
„Wie sind sie denn gestorben?
Das Geisterdasein haben Sie
doch irgendwie erworben?“
"Wir beide waren Gauner,
unsre Leidenschaft Juwelen,
und auch diesmal wollten wir
nen Juwelier bestehlen.
Wir wurden auf der Tat ertappt,
man hat auf mich geschossen
und dabei ist dann leider
zu viel Blut aus mir geflossen."
„Alles wurde langsam schwarz
und doch konnt ich noch sehen,
wie die Polizisten grimmig
über meinem Körper stehen.
Als ich wieder aufgewacht,
da war ich schon ein Geist
und Emil war recht transparent,
wie das so schön heißt.“
„Was habt ihr denn danach gemacht?“
„Tja, Diebstahl wollten wir nicht mehr.
Und da haben wir gedacht,
wie’s mit der Spionage wär.
Wir gingen zum Geheimdienstchef,
der kippte freilich aus den Socken,
doch er ließ sich ziemlich schnell
von den Möglichkeiten locken.“
Nun, die Schulung war sehr lustig,
denn ich ging geschickt durch Wände
und der Emil infiltrierte
Treffen und stahl Dokumente.
Und dann warn wir echt überall,
in Bagdad, Belgrad, im Ural,
doch grade hier in Amsterdam
verlor ich diesen guten Mann."
Donnerstag, 19. Juni 2025
Das Rotkäppchen (Perrault/Bechstein) gereimt
Es war einmal in einem Dorf ein kleines hübsches Mädchen,
das hatte eine Kappe ganz aus roten Sammetfädchen.
Der kleine Schatz war Großmutters und Mutters Augenstern.
Oft trug sie ihr Hütchen, darum nannte man sie gern
"Rotkäppchen!", wie auch ihre Mutter sie nun rief,
als sie fröhlich durch die Haustür in die Küche lief.
Die Oma und die Mutter wohnten nicht in einem Haus,
sondern es war eine Meile in den Wald hinaus.
"Großmutter ist schwach und krank und kann uns nicht besuchen,
drum bringe ihr geschwind den Wein und auch den warmen Kuchen.
Grüße sie recht schön von mir, pass auf, dass du nicht fällst
und achte auf die Wege, dass du den richtgen wählst.
Lauf nicht herum im Walde, lass die Flasche ganz,
Tu wie gesagt und komm zu mir zurück so schnell du kannst."
So oder so ungefähr, reden Mütter immer,
Mal hilft es, manchmal hilft es nicht, und manchmal hilft es nimmer.
"Das will ich alles ganz so machen, wie es dir gefällt."
gab Rotkäppchen da zurück und hat hinein gestellt
in den Korb den Kuchen und die Flasche roten Wein.
Dann band sie sich ihr Schürzchen und lief in den Wald hinein.
Um altehrwürd'ge Kiefern und um Buchen ging ihr Pfad.
Ein Fleckchen Grau blitzt' hier und dort, egal wohin sie trat.
An einer hellen Lichtung kam ein Wolf mit prächt'gem Haar
aus dem Unterholz heraus und sagte "Gott bewahr!
Mein liebes Mädchen, was führt dich so früh schon durch den Tann?"
"Zur Großmutter, Herr Graubart, die nicht mehr aufstehn kann!"
"Was willst du denn dort machen, willst du ihr etwas bringen?"
"Bald soll sie wieder munter sein und heitre Lieder singen.
Deshalb trage ich den Wein und selbstgebacknen Kuchen."
"Ach Rotkäppchen, nun sage mir, wo könnt ich sie besuchen?"
"Es ist ein Häuschen gar nicht weit, dahinter stehen Eichen,
dort wo die Haselbüsche den Weizenfeldern weichen."
'Oh du leckres Haselnüsschen, ich knacke deinen Kern'
dachte ganz bei sich der Wolf, doch sagte "Gar nicht fern!
Sieh, dort drüben wachsen Kräuter, die Gebrechen heilen.
Wolfsbeer, Wolfsbast, Wolfswurz und Wolfszahn auch bisweilen."
"Herr Graubart, werden alle Kräuter nach dem Wolf benannt?"
"Nur die allerbesten, die der Medizin bekannt.
Sammle doch ein paar davon, ich will mich dir empfehlen."
sprach das Tier, um sich dann hin zur Großmama zu stehlen.
Hinter moosbewachsnen Rinden, schaut der Wolf zurück,
dem süßen Kindchen hinterher und schnalzte "Welch ein Glück!"
Das Rotkäppchen, das sah im Walde viele schöne Blumen.
Die pflückte sie für einen Strauß und mit den Kuchenkrumen
fütterte sie Vögelein, die auf dem Wege hüpften
und schließlich auch noch die im Nest gerade frisch geschlüpften.
"So ein lieber, guter Wolf, wie er an alle denkt
und jeden, den er grade trifft, mit Weisheiten beschenkt."
Als der Wolf nun zu dem Haus der alten Dame kam,
da fand er es verschlossen und er klopfte sachte an.
Die Alte konnte nicht allein und ohne Hilfe stehen,
so krächzte sie nur "Wer ist da?" statt selber nachzusehen.
Nun rief der Wolf "Dein Rotkäppchen, ich möchte dich besuchen!
Ich bringe roten Wein für dich und selbstgebacknen Kuchen."
Mit einer hohen Fistelstimme täuschte er die Alte,
Sie sprach "Der Schlüssel liegt gleich bei der Tür in einer Spalte."
Der Wolf drang ein, sprang aufs Bett und fraß mit einem Bissen
die Großmutter und legte sich verkleidet in die Kissen.
Er trug der Alten Schlafgewand, Haube und auch Brille
und dachte freudig "So, jetzt warte ich in aller Stille.
wie gut hat schon der alte dürre Knochensack geschmeckt,
da möcht‘ ich wissen, welch Aroma in dem Frischling steckt."
Es klopfte eine Weile später an der Tür der Großmama.
Der Wolf sprach mit verstellter Stimme "Gott zum Gruß, wer ist denn da?"
"Das Rotkäppchen ist da und trägt dir leckre Speisen aus."
"Drück nur auf die Klinke Schatz, dann springt die Türe auf.“
Das Mädchen ahnte Unheilvolles, denn es roch nach Hund
und die traute Stimme klang heut äußerst ungesund.
Sie schaute sich gar ängstlich um im trüben Stubenlicht,
der Graubart rief ihr leise zu, die Decke im Gesicht.
„Leg dich zu mir ins Bettchen, komm her und wärme mich.“
Das Käppchen hob die Decke hoch und schnappte, wie ein Fisch:
"Weshalb sind deine Hände haarig und mit Krallen dran?"
"Damit ich dich mein Kindchen, besser halten kann."
"Warum hast du Großmutter, so lange Ohren dann?"
"Damit ich dich Rotkäppchen, besser hören kann."
"Warum hast du Großmutter, so große Augen dann?"
"Damit ich dich, mein Liebchen, besser sehen kann."
"Warum hast du Großmutter, so scharfe Zähne dann?"
"Damit ich dich, mein Herzchen, besser fressen kann!"
Mit weitem Maul in seinen Wanst, schlang er sie ganz hinein
dort saß sie dann mit ihrer Angst und dem Großmütterlein.
So ein Unrecht ist noch nicht der Weisheit letztes Ende.
Deshalb schlief der Wolf gleich ein und dadurch kam die Wende.
"Ein guter Bissen ist noch längst das beste Ruhekissen".
Das Schnarchen rief den Jägersmann und ohne es zu wissen,
dass er in diesem Glücksmoment der Rettungsengel war,
kehrte er ins Häuschen ein und wurde dort gewahr
wie der Wolf mit prallem Bauche lag im Schlafgemach.
Er stellte das Gewehr zur Seit und dachte erstmal nach.
Der Jäger zückte leis das Messer, öffnete den Magen
und es schlüpften aus die zwei, die dort gefangen lagen.
Der Wolf bekam nun großen Hunger und er wachte auf.
Das Rotkäppchen sah er zuerst und dann den Büchsenlauf.
Noch bevor er zwinkern konnte, gab es einen Knall
und der graue Isegrimm verliess den Erdenball.
Der warme Wolfsbauch hatte wohl die Großmama geheilt
und das Mädchen ist nun immer gleich zu ihr geeilt.
Den Kuchen aber nicht den Rotwein teilten sich die drei,
denn den goss der Jägersmann sich hinter das Geweih.
Mittwoch, 18. Juni 2025
Hänsel und Gretel (Grimm/Bechstein) gereimt
Am Wald in einer kleinen Hütte lebte einst ein Paar,
welches Eltern der zwei Kinder Hans und Gretel war.
Der Vater war ein Köhlersmann und er litt immer Not,
deshalb hatte die Familie wenig Geld für Brot.
Nachts im Heubett seufzte der, an Kummer reiche, Mann,
"Mein liebes Weib, ich weiß nicht mehr, wie’s weiter gehen kann
dich und mich zu unterhalten, dann noch beide Kinder.
Wir haben keinen Vorrat mehr und bald schon kommt der Winter."
"Wir führ'n sie in den Wald hinein, je eher desto lieber.
Dort zünden wir ein Feuer an und kommen nimmer wieder.
Lass die beiden dort allein bei Brote gottbefohlen sein.
Das ist die einz'ge Lösung Mann, nun füge dich schon drein!“
"Oh Gott, wie soll ich das vollziehn an meinen eignen Kindern?"
Die Frau frug ihn nun gradheraus "Wie willst du es verhindern?
Dann kannst du gleich ne Totenlade für uns viere zimmern!"
Die Kinder hörten's durch die Wand und fingen an zu wimmern.
Der Hänsel sprach zum Troste "Gretel hab nur keine Bange,
ich hab schon einen guten Plan, wie ich zurück gelange."
Als die Alten schon im Schlafe lagen, stand er auf.
Er schob sich durch die Hintertür und schlich den Hang hinauf.
Da nun schien der Mond recht helle auf die weißen Kieselsteine.
In sein Rocktäschlein hinein, sammelte er davon kleine.
Dann ging er noch zurück und sprach zur Gretel "Bleib gelassen,
unser Glücksstern wird ganz sicher nicht so schnell verblassen."
Noch eh die Sonne aufgestiegen, als der Tag anbrach,
rüttelte die strenge Mutter schon die Kinder wach.
"Steht auf ihr faulen Wanzen, wir holn Brennholz aus dem Wald!
Hier habt ihr einen Kanten Brot, doch esst ihn nicht zu bald."
Das Gretel trug das Brot im Rock, der Hänsel trug die Steine,
er blieb oft stehn und sah zurück."Vergiss nicht deine Beine!"
"Ach Mutter, ich seh auf dem Schornstein unsern weißen Kater."
"Narr, das ist das Sonnenlicht, nun mach nicht so'n Theater."
Wie sie auf verschlungnen Pfaden weiter vorwärts gingen,
ließ der Hänsel Steinchen aus der Hosentasche springen.
Es sprach der Vater als sie tief im Walde warn zu viert:
"Ihr Kinder, ich mach euch ein Feuer, damit ihr nicht friert.
Nun sammelt Holz." Es ward vollbracht, das Reisig dann entzündet.
Und als die Flamme recht hoch brannte, hat die Frau verkündet:
"Leget euch ans Feuerchen und ruht euch einfach aus.
Wir hauen derweil Holz und gehen in den Wald hinaus."
Am Feuer saßen Hans und Gretel bis der Mittag kam
und haben dann ihr Stücklein Brot sich in den Mund getan.
Sie hörten Schläge einer Axt, das war jedoch nur Trug.
Es war ein festgebundner Ast, der laut im Winde schlug.
Lange saßen sie noch da bis sie die Augen schlossen.
Dann als der Mond sein silbern Licht hin über sie gegossen,
wachte Gretel auf und fragte "Finden wir hinaus?"
Hänsel sprach "Die Kieselsteine bringen uns nach Haus."
Sie liefen Hand in Hand hindurch die ganze klare Nacht,
und kamen dann im Morgengrauen zum Haus wie ausgedacht.
Sie klopften an die Tür erregt, es öffnete die Frau.
"Was habt ihr nur so lang getrieben, wisst ihr doch genau,
dass wir hier die Hände ringen und uns um euch sorgen?
Und ihr verträumt die ganze Nacht und kommt zurück am Morgen!"
Den Vater aber freute es, ihm wars ans Herz gegangen.
Doch die Not hat bald darauf von vorne angefangen.
"Ein halbes Brotlaib noch und dann ist alles aufgezehrt.
Die Kinder müssen fort bevor der Schnitter uns beehrt!
Wir gehen dieses Mal noch tiefer in den Wald hinein."
Dem Vater fiel es wieder schwer, doch willigte er ein.
Die Kinder hatten abermals das Zetern mitgehört.
Doch zu Hänsels Unmut blieb die Hintertür versperrt.
Er tröstete die Gretel sanft: "Uns wird schon nichts geschehen,
der liebe Gott in seiner Macht wird sicher zu uns stehen."
Morgens kam die Frau und rief die Kinder aus dem Schlaf.
Sie erhielten ihr Stück Brot und rüsteten sich brav.
Auf dem Weg zum Wald zerdrückte Hänselein sein Brot.
Er schaute wieder oft zurück "He Junge, bleib im Trott!"
"Ach Mutter, oben auf dem Dach sitzt unsre weiße Taube!"
"Narr, es ist das Sonnenlicht, das flimmert da im Laube."
Der Hänsel warf nun nach und nach die Bröcklein hin beim Gehen,
Dann warn sie in Waldesflecken, die sie nie gesehn.
Beim Rasten wurde wiederum ein Feuer angefacht.
Die Mutter sagte "Kinderlein, ich hab an euch gedacht.
Bleibt hier sitzen, seid ihr müde, schlafet ruhig ein.
Wir hau'n Holz und auf dem Rückweg bringen wir euch heim."
Mittags hat die Gretel dann ihr Brot mit Hans geteilt,
bis zum Abend sind sie noch am Feuerplatz verweilt.
"Wart nur Gretel." sprach der Hans "Lass erst den Mond aufgehn.
Dann werden wir die ausgestreuten Weißbrotkrümel sehn."
Der Mond ging auf, sie liefen los, wohin sie auch geblickt,
hatten schon vieltausend Vöglein alles weggepickt.
Hänsel sagte Gretel ruhig "Wir finden schon nach Haus."
Doch vergingen Nacht und Tag, sie kamen nicht heraus
aus dem Wald, sie waren müd und hatten großen Hunger.
Sie aßen Beeren und verfielen auf dem Moos in Schlummer.
Am dritten Tag, als sie schon schwach, da fanden sie ein Nest
in dem ein schwarzer Vogel sang, dann flog er ins Geäst
und immer weiter her vor ihnen bis zu einer Kate.
Dort setzte er sich hoch aufs Dach und als der Hänsel nahte,
sah er dass das ganze Haus vom Giebel bis zur Türe
aus Kuchen und aus Brot bestand, verklebt mit Konfitüre.
Hänsel sprach "Von diesem Backwerk könnt ich was vertragen!
Ich nehm mir hier ein Stück vom Dach, du kannst am Fenster nagen."
Hänsel reichte in die Höh, die Schindeln zu erhaschen.
Gretel ging zum Fenster, um den Zuckerguss zu naschen.
Eine leise Frage klang den Mundräubern entgegen:
"Knusper knusper knäuschen,
wer knuspert an meinem Häuschen?"
Die Kinder gaben darauf Antwort, ohne Überlegen:
"Der Wind, der Wind,
das himmlische Kind."
Hänsel schob sich unbeirrt den Kuchen in den Mund,
Gretel riss die ganze Scheibe aus dem Fensterrund.
Die Tür schwang auf und eine Alte schlich am Krückenstock
aus dem Kuchenhaus heraus in einem Lumpenrock.
Hakennäsig, krummgebeugt und triefäugig dazu,
runzelig, mit grünen Augen ohne Rast und Ruh,
erschreckte sie die Kinderlein in nicht geringem Maße.
"Ei traute Kindlein, tretet ein, kommt nur, kommt, ich lasse,
euch von bessren Speisen essen, mit Äpfeln und mit Nüssen."
Sie kamen gern und aßen viel und legten sich in Kissen,
die die Alte aufgeschüttelt hatte und bezogen.
Auf weißen Bettchen träumten sie, wie sie gen Himmel flogen.
Jedoch wars ein schlimmes Laster, das dahinter stand,
weil so mancher Wanderer in diesem Haus verschwand.
Die garstge Hexe fraß vor allem Kinder mit Vergnügen,
die sie fing mit Brot und Kuchen und mit süßen Lügen.
Sie hatte ihre Opferlein von weitem schon gerochen
und zu sich selbst gemurmelt: "Die werde ich mir kochen."
Bevor die beiden aufgewacht, griff sie das Hänselein
und sperrte ihn am Morgen früh in einen Käfig ein.
Sie knebelte den Jungen fest, dass ihm die Stimme stockte,
dann lief sie hin zur Gretel, die blass im Bette hockte.
"Sitz nicht rum, du faule Gans und koch das Essen für den Hans!
Wenn er richtig fett geraten, mach ich einen Hänselbraten.
Bis dahin bleibt er erst einmal in meinem alten Gänsestall."
Gretel weinte bitterlich, doch das half ihr leider nicht.
So kochte sie ihm Tag für Tag je süße Speis und Hauptgericht.
Sie selbst bekam gar schauerliches Krebsgetier zu Essen,
denn die Hexe war nur auf das Mastgewicht versessen
von dem armen Hans allein, dessen Finger regelmäßig,
sie geprüft aufs Dickesein, dabei ward ihr Mund ganz wäßrig.
"Hänsel gib den Finger mir, um zu sehn wie fett du bist."
Hänsel aber streckte ihr, das war eine üble List,
einen dürren Knochen unter ihre schwachen Augen.
Sie prüfte es und ging dann fort mit Knurren und mit Schnauben.
Aber nach vier Wochen war die Ungeduld zu groß.
"Heda, Gretel" rief sie "sei recht flink und laufe los,
hole Wasser, hole Holz, morgen will ich Hänsel kochen."
Ach, wie hatte dies der armen Schwester Herz gebrochen.
"Lieber wäre ich verhungert! Oh Gott, so hilf uns doch!"
"Lass das Geheule, Gretel, eh ich den Hänsel koch,
will ich ein paar Brote backen und du musst das Holz noch hacken.
Danach darfst du Teige kneten und zu deinem Gotte beten."
Früh hing dann die Gretel den Kessel auf die Feuerstelle.
"Bevor wir kochen, woll'n wir backen, dass es nicht am Brote fehle.
Der Backherd ist schon angeheizt, kriech rein und prüf die Hitze."
Am Ofen schossen schon die Flammen aus der Klappenritze.
Die Gretel roch noch rechtzeitig den sprichwörtlichen Braten
und wollte nicht als zweiter Gang zum Hänseltopf geraten.
"Ich weiss nicht, wie ichs machen soll, wie komm ich da hinein?"
"Ach, dumme Gans, ich machs dir vor, stell dich nur hintendrein."
Die Hexe schob den Kopf als Beispiel in die Ofenkammer,
da gab ihr Gretel einen Stoß, so dass sie mit Gejammer
weit hineinfuhr und dann schloß die Gretel Tür und Riegel.
Die Alte war in Kürze schwarz, so heiss waren die Ziegel.
Gretel lief geschwind zum Hänsel, öffnete das Gitter.
"Hänselchen, die Hex ist tot." Und durch die Öffnung glitt er,
fiel der Schwester um den Hals, dann tanzten sie durchs Haus.
Als sie über eine Kiste stürzten kam heraus,
dass darin sich Edelsteine und auch Perlen türmten.
Sie stopften sich die Taschen voll und durch die Türe stürmten,
sie aus dem Hexenwald heraus und schon nach kurzer Zeit,
standen sie an einem Wasser, wo sie weit und breit
keine einz'ge Brücke fanden, auch kein Ruderboot.
"Da schwimmt ja eine graue Gans, vielleicht in unsrer Not
kann sie uns herüber tragen, uns den Weg zumindest sagen?
Gänschen, Gänschen" rief die Gretel "Hier stehn Hans und Gretel.
Ohne Steg und ohne Brücken, nimm uns mit auf deinem Rücken!"
Das Gänschen kam den Strand herauf und Hans setzte sich obenauf.
Er gab dem Mädchen seine Hand, "So wird es nicht gelingen."
Es wird zu schwer, das Gänschen soll uns einzeln rüber bringen."
Auf der andren Seite sah der Wald schon viel bekannter aus.
Nach zwei weitren Wandertagen kamen sie zu Vaters Haus.
Sie stürzten jauchzend durch die Tür und hingen an des Vaters Hals
und als die Frau den Reichtum sah, freute sie sich ebenfalls.
Beide Kinder blieben nun behütet und geborgen.
Sie hatten bis ans Lebensende keine andern Sorgen.
Montag, 21. April 2025
Die Lehren des E. A. Poe
Physikalisch richtig und doch phänomenal übertrieben schilderte Edgar Allan Poe 1841 die Abdrift schnöder Holzboote und Fässer in den
Gezeitenstrom zwischen den Lofoteninseln. Aber genau so wie der Held fährt auch die
Seele zum Grund. Sie klammert sich an ein Holzfass und hofft nicht zu
ertrinken. Die grimmigen Seeleute, die, taub und blind ob der Gefahr,
schweigend ihre Arbeit verrichten, sind, was ihr von den Menschen
zufällt. Mit ihnen zu sprechen ist Verzweiflung. Und dann ist da noch
das Haus Usher, ein marodes Schloss auf sumpfigem Grunde, bewohnt von
kranken und geisteskranken Adeligen. Ein Hort zwielichtiger
Erscheinungen und Geräusche, der mit dem ihm innewohnenden Sterben noch
vor Anbruch des Tages versinkt, allein der Gast kann fliehen. Das sind
die inneren Landschaften, wer nur Gast ist, wer weglaufen kann, der
berichte. "Nur eine Schauermär, Schauermär..." "Nein, es ist alles
wahr!"
Einen unbefangenen Augenblick lang könntest du eine andere Welt
entdecken, ganz ohne zu träumen, aber ins Träumen geraten. Während du im
Internet bist, sitzt du in Wahrheit zwischen zwei Spiegeln. Jeden Tag,
den du die Außenwelt vergisst, rutschst du eine Reflektion weiter in
den Hintergrund, immerfort, bis es dich irgendwann nicht mehr gibt. Und
um so weiter du in den Hintergrund gerätst, desto mehr wehrst du dich,
wirst noch zappeliger und ausgefallener, um aufzufallen und deine
anderen Spiegelungen klatschen vielleicht ab und an Beifall.
Poe schrieb 1842 die Kurzgeschichte "Das ovale Portrait" in
der eine junge Frau, während sie von ihrem Gatten detailversunken in ein
Bild gemalt wird, langsam stirbt. Er hat damals nichts vom Internet
gewusst, wohl aber etwas von Obsession und Sucht. Willkommen zwischen
den Spiegeln.